Stephan von Huene

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Stephan von Huene mit "Die neue Lore Ley II", 1997

Stephan von Huene (* 15. September 1932 in Los Angeles; † 5. September 2000 in Hamburg) war ein amerikanischer Künstler deutscher Herkunft, in dessen Klangskulpturen Kunst und Wissenschaft zusammenkommen, Bilder, Töne und Bewegung sich synästhetisch vereinen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stephan von Huene studierte Malerei, Zeichnung und Design am Chouinard Art Institute (Bachelor of Arts), sowie Kunst und Kunstgeschichte an der University of California, Los Angeles (Master of Arts). Seine ersten, abstrakt expressionistischen, später auch kollagierten Bilder entstanden Anfang der 1960er Jahre, zeitgleich auch Serien von vorwiegend figurativen Feder- und Bleistiftzeichnungen. Das Zeichnen als eine gleichermaßen spielerische wie zielgerichtete Form des Suchens war für ihn ein Leben lang essentieller Teil seiner Arbeit. Es diente der Selbstbeobachtung im Schaffensprozess ebenso wie der Ideenfindung und -manifestation. Das Phänomen des Lautmalerischen zeigt sich bereits in den frühen Bildern und Zeichnungen.

In den 1960er Jahren entstanden u. a. vom Surrealismus inspirierte Skulpturen aus Holz, Leder und anderen Materialien. Zwischen 1964 und 1970 konstruierte Stephan von Huene seine ersten Klangskulpturen, die auf Untersuchungen zur Akustik von Musikinstrumenten, mechanischen Klavieren (Playerpianos), Musikautomaten und Orgeln basierten und mit optoelektronischen Programmen (Lochstreifen) gesteuert wurden. In diesem Zusammenhang stand auch Stephan von Huenes umfangreiche theoretische Auseinandersetzung mit akustischen Phänomenen; hierfür war die Lektüre von Hermann von Helmholtz' "Lehre von den Tonempfindungen" (1865) ebenso wie Dayton C. Millers "The Science of musical Sounds" (1916) prägend.

Die Entwicklung elektronischer Programme wurde für die späteren Werke genutzt, bei denen die Beschäftigung mit der Kommunikationstheorie und ihrer Anwendung auf die künstlerische Arbeit eine Rolle spielte. Gregory Bateson, Paul Watzlawick und später auch der Kybernetiker und Freund Heinz von Foerster waren hier wichtige und anregende Informationsquellen. Mit Allan Kaprow und Ed Kienholz, aber auch dem Maler Sam Francis war Stephan von Huene seit seinen frühen Künstlertagen befreundet. Mit dem Komponisten James Tenney arbeitete er zusammen an der „Drum“ für das Exploratorium in San Francisco. In der Hamburger Zeit begegnete er dem Komponisten György Ligeti. Mit den Kunsthistorikern Horst Bredekamp und Martin Warnke sowie dem Historiker Achatz von Müller entwickelten sich enge Beziehungen, die teilweise auch im Werk reflektiert werden, so zum Beispiel im Jahr 1997 in den Arbeiten „What’s wrong with Art“, „Blaue Bücher“ und „Eingangsfragen/Ausgangsfragen“.

Stephan von Huene war seit seinen Studententagen ein engagierter Lehrer, zu seinen Studentinnen und Studenten gehörten Mira Schor, Olav Westphalen und Thomas Zitzwitz. Er unterrichtete „sculpture“ am California Institute of the Arts von 1971 bis 1980, später in Europa auch Grundklassen im Zeichnen (was für ihn vor allem Wahrnehmung/perception bedeutete) u. a. an der Sommerakademie in Salzburg. In Karlsruhe baute er von 1992 bis 1997 an der Hochschule für Gestaltung im Fachbereich Medienkunst das „Low Fidelity Studio“ auf. 1977/78 war Stephan von Huene Stipendiat des Deutschen Akademischen Künstlerprogramms in Berlin, 1980 verlegte er sein Studio von Los Angeles nach Hamburg. 1991 war er im Rahmen des Scholar-Programms am Getty Research Institute in Santa Monica, 1997 als Gast in der Villa Aurora in Pacific Palisades.

Von Huene war mit der Hamburger Feuilletonredakteurin der Wochenzeitung Die Zeit und Kulturkritikerin Petra Kipphoff verheiratet. Im Rahmen eines ‚Briefwechsels‘ entstanden von Huenes ZEIT-Collagen. Petra Kipphoff hatte ihm Ausgaben der Wochenzeitung DIE ZEIT per Post geschickt, dieser antwortete mit auf Din A4 geklebten Ausschnitten aus Fotos und Satzfetzen der ZEIT, die durch eigene Zeichnungen ergänzt wurden. Die Arbeiten wurden 2003 erstmals in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt und sind 2014 als Schenkung des ZEIT-Verlags in die Sammlung der Hamburger Kunsthalle gelangt.

Themen der Klangskulpturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stephan von Huenes Werk ist geprägt durch eine intensive Beschäftigung nicht nur mit technischen Details, sondern insbesondere mit sozial-, geistes- und naturwissenschaftlichen Theorien.[1] Seine Klangskulpturen transformieren diese Theorien mit Hilfe von Techniken (Musikinstrumenten-Mechaniken, E-PROMs, Computer). Sie lassen sich in dieser Hinsicht in vier größere Themenbereiche einordnen, die sich in jeder Klangskulptur mit unterschiedlichen Schwerpunkten wiederfinden lassen:

Produktivität der mechanischen Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stephan von Huene orientierte sich an mechanischen Musikinstrumenten und nicht an reproduktiven Medien. Dies war eine Suche nach räumlichen Wirkungen von im Hier-und-Jetzt produzierten Klängen (die von Huene als »produktiv«[2] bezeichnete), im Gegensatz zu den reproduktiven Medien wie Schallplatte oder Tonband. Ein Beispiel ist die Änderung der Obertonzusammensetzung, wenn sich die Pfeifenlippen der Orgelpfeifen von Totem Tones bewegen.[3]

Unschärfen der menschlichen Kommunikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sich bewegenden Teile seiner Klangskulpturen nehmen Bezug zu Theorien über die menschliche Kommunikation, wie die von Birdwhistell, Scheflen oder die Bewegungsmuster der Eurythmie. Dabei verwendete von Huene sie unschärfer und nicht als eine Eins-zu-Eins-Kommunikation zwischen Klangskulptur und Rezipient. Beispielsweise thematisiert die Klangskulptur Erweiterter Schwitters menschliche Kommunikation anhand von Gesten und Sprachbestandteilen.[4]

Kontinuität zwischen Sprache und Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Aspekt seiner Klangskulpturen ist die Thematisierung der Sprache als Klang. Damit wenden sich die Klangskulpturen gegen die von Saussure propagierte Trennung zwischen Signifikat und Signifikant: Die Sprachklänge der Klangskulpturen sind zugleich beides; es wird so die Kontinuität zwischen einer Sprache und ihren Klängen betont. Ein Beispiel sind die Vokalklänge von Zauberflöte.[5]

Klangskulptur als verkörperte Kognition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die unmittelbare Inklusion des Rezipienten in seine Klangskulptur thematisierte von Huene menschliche Wahrnehmungsprozesse und Bewusstseinszustände. Die Klangskulpturen betonen, dass diese kognitiven Prozesse unmittelbar durch den Körper und seine Umgebung entstehen (also als Embodiment). Bemerkenswert ist dabei, dass die Klangskulpturen Stephan von Huenes die Kognition der Rezipienten als verkörpert thematisierten, bevor die Wende der Bewusstseinthorien in den 1990er-Jahren hin zu einer verkörperten Wahrnehmung (Embodiment bzw. Enaktivismus) in der Philosophie und Psychologie stattfand.[6] Beispiele sind das Trommelfell als Netzhaut bei Greetings oder Drum als Gehörsinn.[7]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kaleidophonic Dog, 1967 (Los Angeles County Museum)
  • Tap Dancer, 1967 (Nachlass Ed Kienholz)
  • Totem Tones I-IV, 1969 (verschiedene Besitzer)
  • Rosebud Annunciator (Museum Ludwig, Köln)
  • Text Tones, 1979/82/3 (Hamburger Kunsthalle)
  • Die Zauberflöte, 1985 (Nachlass Stephan von Huene)
  • Erweiterter Schwitters, 1987 (Sprengel Museum, Hannover)
  • Tisch Tänzer, 1988/93 (ZKM │ Museum für Neue Kunst, Karlsruhe)
  • Lexichaos, 1990 (Helmholtz Institut an der Humboldt Universität, Berlin)
  • Drum II, 1992 (Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg)
  • Die Neue Lore Ley II, 1997 (Max Liebermann Haus, Stiftung "Brandenburger Tor", Berlin)
  • What’s wrong with Art?, 1997 (Nachlass Stephan von Huene)
  • Sirenen Low, 1999 (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum)

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen

  • 2005/06: Stephan von Huene – Grenzgänger, Grenzverschieber, ZKM, Karlsruhe.[8]
  • 2002/03: Tune the World. Stephan von Huene. Die Retrospektive, Haus der Kunst, München; Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg; Hamburger Kunsthalle.[9]
  • 1998 What's wrong with Culture? Neues Museum Weserburg, Bremen (Kat.)
  • 1990 Klangskulpturen, Louisiana Museum, Humlebæk (Kat.); Galerie Hans Mayer, Düsseldorf; Lexichaos, Hamburger Kunsthalle, Hamburg (Kat.)
  • 1983/84 Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Baden-Baden (Kat.); Kestnergesellschaft, Hannover; Museum Ludwig, Köln; Berliner Kunstverein im Charlottenburger Schloss, Berlin
  • 1974 Museum of Contemporary Art, Chicago
  • 1970 Whitney Museum of American Art, New York (Kat.); San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco
  • 1969 Los Angeles County Museum of Art. Los Angeles (Kat.)

Gruppenausstellungen

  • 2014: Art or Sound, Fondazione Prada, Venedig (Kat.)
  • 2008 Babylon. Mythos und Wahrheit, Pergamon Museum, Berlin
  • 2006 Ein Zauberflöten-Automat, Ausstellung zum 350. Geburtstag von W. A. Mozart, Kunsthistorisches Museum Wien, Wien
  • 2000 Sonic Boom, Hayward Gallery, London; Theatrum Naturae et Artis, Martin-Gropius-Bau, Berlin; Maschinentheater, Städtische Museen Heilbronn, Heilbronn
  • 1996 Sonambiente, Festival für Hören und Sehen, Akademie der Künste, Berlin
  • 1995 46. Biennale, Venedig
  • 1993 Artec 93, Nagoya, Japan; Multimediale 3, ZKM, Karlsruhe
  • 1987 documenta 8, Kassel
  • 1986 Inventionen 86. Musik und Sprache, Akademie der Künste, Berlin
  • 1985 Vom Klang der Bilder, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart
  • 1980 Für Augen und Ohren, Akademie der Künste, Berlin
  • 1979 Sound Sculpture, Los Angeles Institute of Contemporary Art, Los Angeles
  • 1976 37. Biennale, Venedig. Painting and Sculpture in California, San Francisco
  • 1975 Sehen um zu hören, Düsseldorf/San Francisco
  • 1973 Sound Sculpture, Vancouver Art Gallery, Vancouver
  • 1972 California Institute of Technology, Pasadena
  • 1968 The West Coast Now, Portland
  • 1967 Electro Magica (International Electric Art Exhibit), Tokio
  • 1967 American Sculpture of the Sixties, New York/Los Angeles/Washington D.C.
  • 1966 California Art Now, San Francisco/Seattle/Washington
  • 1962 Long Beach Museum
  • 1961 Pasadena Art Museum

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stephan von Huene – Klangskulpturen. Ausstellung Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden; Museum Ludwig, Köln; Kestnergesellschaft, Hannover; Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, 1983/4; Katalog hrsg. von Katharina Schmidt, mit Beiträgen u. a. von Stephan von Huene, Allan Kaprow, Thomas von Randow, Wieland Schmied, Katharina Schmidt.
  • Stephan von Huene: Tischtänzer. mit Beiträgen von Horst Bredekamp und Petra Oelschlägel, Cantz Verlag, Ostfildern 1995.
  • Stephan von Huene: What’s wrong with Culture? Klang- und Mediaskulpturen. Ausstellung Neues Museum Weserburg, Bremen 1998, Katalog hrsg. von Thomas Deecke.
  • Stephan von Huene – Die Retrospektive. Ausstellung Haus der Kunst, München; Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg; Hamburger Kunsthalle 2002/2003, Katalog Cantz Verlag, Ostfildern, mit Beiträgen von Joan La Barbara, Horst Bredekamp, Christoph Brockhaus, Wolfgang Kemp, Petra Kipphoff von Huene, Achatz von Müller, Martin Warnke, William Wilson, ISBN 3-7757-1211-9.
  • Stephan von Huene – Grenzgänger, Grenzverschieber. Ausstellung ZKM/Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe 2006, Katalog hrsg. und mit Beiträgen von Barbara Könches und Peter Weibel, Achatz von Müller.
  • Stephan von Huene. The Song of the Line. Die Zeichnungen 1950–1999. hrsg. v. Hubertus Gaßner und Petra Kipphoff von Huene, Ostfildern 2010.
  • Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Die kinetischen Klangskulpturen Stephan von Huenes. Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-96505-000-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Die kinetischen Klangskulpturen Stephan von Huenes. Frankfurt am Main 2019.
  2. »productive«. Stephan von Huene, »Getty Talk« (Vortrag 1990); Transkript in: Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Die kinetischen Klangskulpturen Stephan von Huenes. Frankfurt am Main 2019, S. 317–331, hier: S. 319.
  3. Alexis Ruccius: Klangkunst als Embodiment. Die kinetischen Klangskulpturen Stephan von Huenes. Frankfurt am Main 2019, S. 89.
  4. Ebd, S. 157–163.
  5. Ebd, S. 222–234.
  6. Ebd, S. 261–306.
  7. Alexis Ruccius: Die Interpretation der Tonempfindung. Stephan von Huene und Hermann von Helmholtz. In: All-Over. Magazin für Kunst und Ästhetik. Heft 4, 2013.
  8. Stephan von Huene - Grenzgänger, Grenzverschieber. 9. Dezember 2005 - 18. Juni 2006 im ZKM Medienmuseum. Katalog erschienen bei Kehrer, Heidelberg 2006, ISBN 3-936636-85-0.
  9. Tune the World. (Memento vom 23. Januar 2008 im Internet Archive) 23. Mai - 24. August 2003 in der Hamburger Kunsthalle.