Sterbfritz

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Sterbfritz
Gemeinde Sinntal
Koordinaten: 50° 18′ 46″ N, 9° 37′ 27″ O
Höhe: 355 m ü. NHN
Fläche: 11,63 km²[1]
Einwohner: 2009 (31. Dez. 2016)[1]
Bevölkerungsdichte: 173 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1974
Postleitzahl: 36391
Vorwahl: 06664
Mittelgebirgslandschaft bei Sterbfritz: Die Stephanskuppe

Sterbfritz ist Ortsteil und Sitz der Gemeindeverwaltung der Gemeinde Sinntal im hessischen Main-Kinzig-Kreis.

Geografische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sterbfritz liegt auf einer Höhe von 355 m über NN, etwa 8,5 km südöstlich von Schlüchtern am Anfang des Kinzigtales, an den Ausläufern der Mittelgebirge Spessart und Rhön. In Sterbfritz entspringt am Fuße des Berges Steinfirst (512 m) die Kinzig, die in Hanau in den Main mündet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste erhaltene Erwähnung des Ortes stammt aus dem Jahr 815. Damals wird es als in marcu Chirizichheimero gelegen bezeichnet. 1167 gehören Dorf, Kirche und Zehnt dem Kloster Schlüchtern. Sterbfritz gehörte zum Gericht Altengronau, das 1333 als Reichslehen aus einer Erbschaft vom Haus Rieneck an die Herrschaft Hanau kam. Aus dem Gericht entstand im 15. Jahrhundert das Amt Schwarzenfels der Grafschaft Hanau, ab 1459: Grafschaft Hanau-Münzenberg.

Zur Entstehung des Namens, der in seiner heutigen Form Assoziationen weckt, die mit seiner Herkunft überhaupt nichts zu tun haben, bestehen Anekdoten variierenden Inhalts: Im Fuldaer Land belud ein Fahrensmann seinen Wagen, spannte sein Pferd davor und reiste los. Als das Pferd nicht mehr wollte, lockte er seinen Gaul mit den Worten „Komm Fritz!“ weiter (an dieser Stelle der Reise liegt heute der Ort Gomfritz). So liefen sie über die Berge und durch die Täler der Vorder-Rhön, was das Pferd sehr anstrengte. Irgendwann konnte das Pferd nicht mehr und der Fahrensmann blieb stehen und sagte mitleidig: „Sterb Fritz!“ Es gibt auch die Variante, dass es ein Kreuzritter gewesen sei, sowie dass der Pferdebesitzer dem ausgelaugten Tier die Kinzigquelle als Tränkung versprochen habe.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1643 wurde das Amt Schwarzenfels – und damit auch Sterbfritz – als Pfand zusammen mit anderen Sicherheiten der Landgrafschaft Hessen-Kassel übergeben. Es sollte für Hanauer Schulden bürgen, die im Zusammenhang mit der Befreiung der Stadt Hanau von der Belagerung durch kaiserliche Truppen 1636 gegenüber Hessen-Kassel entstanden waren. Den Grafen von Hanau gelang es nicht mehr, dieses Pfand von Hessen-Kassel zu lösen. Das Amt wurde in der Folgezeit wie landgräfliches Eigentum verwaltet. Auch nachdem Hessen-Kassel 1736, nach dem Tod des letzten Hanauer Grafen, Johann Reinhard III., die Grafschaft Hanau-Münzenberg erbte, wurde es mit dieser nicht wieder vereinigt.

Aus der Landgrafschaft wurde 1803 das Kurfürstentum Hessen. Während der napoleonischen Zeit stand Sterbfritz ab 1806 unter französischer Militärverwaltung, gehörte von 1807 bis 1810 zum Fürstentum Hanau und dann von 1810 bis 1813 zum Großherzogtum Frankfurt, Departement Hanau. Anschließend fiel es wieder an das Kurfürstentum Hessen zurück. Nach der Verwaltungsreform des Kurfürstentums Hessen von 1821, durch die Kurhessen in vier Provinzen und 22 Kreise eingeteilt wurde, gehörte Sterbfritz zum Landkreis Schlüchtern. 1866 wurde das Kurfürstentum nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg von Preußen annektiert.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurden am 1. Dezember 1969 die bis dahin selbständigen Orte Breunings, Sannerz und Weiperz eingegliedert. Die so vergrößerte Gemeinde kam per Gesetz am 1. Juli 1974 zur Gemeinde Sinntal und damit zum Main-Kinzig-Kreis.[2][3]

Historische Namensformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In erhaltenen Urkunden wurde Sterbfritz unter den folgenden Namen erwähnt (in Klammern das Jahr der Erwähnung):[4]

  • Starcfriedeshuson (815); Starcfriedeshuson war "Starkfriedshausen", das heißt: Behausungen einer Person namens Starkfried.
  • Stercfrides (1167)
  • Sterfrides (1295)
  • Sterpfritz (1549)

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[4]

• 1549: 0030 Haushaltungen
• 1587: 0034 Schützen, 9 Spießer
• 1812: 0114 Feuerstellen, 828 Seelen
Sterbfritz: Einwohnerzahlen von 1812 bis 2016
Jahr  Einwohner
1812
  
828
1834
  
1.100
1840
  
1.119
1846
  
1.190
1852
  
1.124
1858
  
980
1864
  
953
1871
  
1.305
1875
  
1.044
1885
  
1.077
1895
  
998
1905
  
1.211
1910
  
1.246
1925
  
1.202
1939
  
1.230
1946
  
1.859
1950
  
2.020
1956
  
1.799
1961
  
1.556
1967
  
1.812
2005
  
2.121
2009
  
2.007
2011
  
1.965
2014
  
1.997
2016
  
2.009
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [4][5][1]

Religionszugehörigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Quelle: Historisches Ortslexikon[4]

• 1885: 884 evangelische (= 82,08 %), 24 katholische (= 2,23 %), 169 jüdische (= 15,69 %) Einwohner
• 1961: 1414 evangelische (= 80,52 %), 336 katholische (= 19,13 %) Einwohner

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelalter gehörte die Kirche von Sterbfritz, erstmals erwähnt 1167, zur Pfarrei Ramholz. Das Kirchenpatronat lag beim Kloster Schlüchtern.

Mitte des 16. Jahrhunderts führten die Grafen von Hanau-Münzenberg in ihren Ländern die Reformation – zunächst in ihrer lutherischen Ausrichtung – ein („cuius regio, eius religio“). 1593 setzte Graf Philipp Ludwig II. die reformierte Konfession durch. In nachreformatorischer Zeit gehörte die Gemeinde in Sterbfritz zum Dekanat Schwarzenfels (damalige Bezeichnung: Protestantische Pfarrei der Klasse Schwarzenfels). Von 1648 bis 1683 gehörte die Kirchengemeinde zur Pfarrei Mottgers. Seit 1663 amtierte wieder ein Pfarrer in Sterbfritz. Die Gemeinde von Breunings war hierher eingepfarrt. 1792 wurde die mittelalterliche Kirche durch einen Neubau ersetzt.[6]

Wilde Orchideen auf der Stephanskuppe

Jüdische Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Sterbfritz bestand, 1665 urkundlich erstmals belegt, bis 1938/42 eine jüdische Gemeinde, die eine Synagoge, eine Mikwe und eine Volksschule unterhielt. Die Verstorbenen wurden auf dem jüdischen Friedhof Altengronau beigesetzt. 55 Personen, die in Sterbfritz geboren sind oder dort längere Zeit gelebt haben, sind im Holocaust ermordet worden.[7]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Umkreis von Sterbfritz gibt es seltene, wilde Orchideen.[8]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Empfangsgebäude des Bahnhofs Sterbfritz

Der Bahnhof Sterbfritz liegt an der Bahnstrecke Flieden–Gemünden, mit Anbindung an die Regionalbahnlinie SchlüchternWürzburgBamberg. Der Bahnhof galt bis zum Bau der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg als der höchstgelegene Bahnhof der Verbindung München–Hamburg. Züge von der Schnellfahrstrecke werden über Sterbfritz umgeleitet, wenn der Landrückentunnel, der längste deutsche Eisenbahntunnel, unpassierbar ist.[9]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Sterbfritz sind geboren und über seine Grenzen hinaus bekannt geworden:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Max Dessauer: Aus unbeschwerter Zeit. Frankfurt 1962.
  • Georg W. Hanna: Das Deutsche Reich und Kiautschou. Gustav Adolf Freiherr Schenck zu Schweinsberg (1843–1909) verschaffte dem Kaiserreich Kiautschou. In: Geldgeschichtliche Nachrichten 14 (1979), Nr. 69, S. 33.
  • Monica Kingreen: Lazarus Hecht aus Sterbfritz – ein jüdischer Hausierer. In: Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel e. V. Schlüchtern Bd. 14 (1998), S. 111–119.
  • Thomas Müller: Max Dessauer (1893–1962). Ein Sterbfritzer Jude, sein Leben und seine Erinnerungen an die „unbeschwerte Zeit“. In: Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel e. V. Schlüchtern Bd. 14 (1998), S. 1–110.
  • Matthias Nistahl: Studien zur Geschichte des Klosters Schlüchtern im Mittelalter. Diss. Darmstadt u. Marburg, 1986, S. 57, 94, 165, 168, 200, 202.
  • Heinrich Reimer: Historisches Ortslexikon für Kurhessen. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 14, 1926, S. 458.
  • Literatur über Sterbfritz in der Hessischen Bibliographie

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sterbfritz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Einwohner, Daten und Anfahrt. In: Internetauftritt. Gemeinde Sinntal, archiviert vom Original; abgerufen im Juni 2018. (Daten aus Web-Archiv).
  2. Der Hessische Minister des Innern: Gesetz zur Neugliederung der Landkreise Gelnhausen, Hanau und Schlüchtern und der Stadt Hanau sowie die Rückkreisung der Städte Fulda, Hanau und Marburg (Lahn) betreffende Fragen (GVBl. 330–26) vom 12. März 1974. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1974 Nr. 9, S. 149, § 15 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 3,0 MB]).
  3. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 376.
  4. a b c d Sterbfritz, Main-Kinzig-Kreis. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 25. Mai 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  5. Gemeinde Sinntal mit Ortsteilen (pdf), S. 11 (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  6. Evangelische Kirche von 1792 (Bild)
  7. Jüdische Gemeinde Sterbfritz auf Alemannia Judaica
  8. Liste der Naturschutzgebiete, in denen Orchideen vorkommen.
  9. ICE-Unglück 26. April 2008