Stern von Vergina

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Der „Stern von Vergina“, wie er auf der gefundenen Larnax-Schatulle zu finden ist.

Der sogenannte Stern von Vergina (griechisch Άστρο της Βεργίνας, mazedonisch Sвезда од Кутлеш), treffender auch Sonne von Vergina (griechisch Ήλιος της Βεργίνας, mazedonisch Сонце од Кутлеш) genannt, ist ein meist sechzehnstrahliges Sonnensymbol. Nach Meinung des griechischen Archäologen Manolis Andronikos (1919–1992) ist es „wahrscheinlich das königliche Emblem[1] zur Zeit Philipps II. (382–336 v. Chr.) und Alexanders des Großen (356–323 v. Chr.), der Könige von Makedonien aus der Argeaden-Dynastie. Das Symbol wird daher auch als Argeaden-Stern (mazedonisch Аргеадска ѕвезда) bzw. -Sonne bezeichnet. In völligem Kontrast zu dieser wissenschaftlich zweifelhaften emblematischen Deutung, steht die von der Republik Mazedonien und Griechenland dieser sogenannten „Makedonischen Sonne“ (griechisch Μακεδονικός ήλιος, mazedonisch Македонско Сонце) zugemessenen Bedeutung als nationales Symbol.

Archäologische Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1978 bei Ausgrabungen in Vergina gefundene „Goldene Larnax“ mit dem Sonnensymbol.
Zwölfstrahliges Sonnensymbol auf einer antiken Drachme aus dem 4. Jahrhundert vor Christus.

Am 8. November 1977 entdeckte der Archäologe Manolis Andronikos bei Vergina in der griechischen Region Makedonien ungeplünderte Herrschergräber. In einem Grab wurden 1978 zwei goldene Larnax-Schatullen mit Gebeinen gefunden. Die männlichen Gebeine in der größeren Larnax waren zusätzlich in einen purpurnen Umhang eingewickelt und es war ein Eichenblatt aus getriebenem Gold sowie eine Eichel-Krone beigelegt. Andronikos vermutete, dass das Grab wahrscheinlich Philipp II. gehörte. Diese Identifizierung ist jedoch umstritten.

Auf dem Deckel der großen Larnax des männlichen Herrschers ist der sechzehnstrahlige „Stern“ abgebildet. Auf dem Deckel der einer Witwe zugeschriebenen kleinen Larnax, ist ein als „Rang“ gedeuteter zwölfstrahliger „Stern“ abgebildet. Daneben tauchen Reste des Sonnensymbols auf gefundenen Schilden und häufig auf hellenistischen Münzen auf.[2] Die Deutung als „königliches Emblem“ wird von Andronikos mit der Häufung des Symbols im Zusammenhang mit diesem Grab begründet.[3]

Erhebliche Zweifel an dieser Deutung bietet die weite Verbreitung ähnlicher „Sterne“ mit verschiedener Anzahl von Strahlen sowohl in der griechischen sowie nichtgriechischen Kunst als einfache Verzierung.[4] So taucht dieses Sonnensymbol unter anderem auch auf der Schulter eines Kriegers auf, der auf einer athenischen Grabstele abgebildet ist.[5] Demnach wäre der „Stern von Vergina“ nichts weiter als ein mehr oder weniger zufällig ausgewähltes Dekor eines Handwerkers.

Verwendung und Flaggenstreit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inoffizielle Flagge der griechischen Region Makedonien

Als 1987 die Regionen Griechenlands abgeschafft wurden (später wiedereingeführt), entwickelte sich eine Flagge zum identitätsstiftenden Zeichen der Griechischen Makedonier, die den „Stern von Vergina“ in Gold auf blauem Grund zeigt. Die Flagge erlangte nie offiziellen Status, da die griechische Regierung dies als separatistischen Schritt fehlinterpretierte. Sie gelangte jedoch auch in den amtlichen Gebrauch, z. B. benutzen zwei Einheiten der griechischen Streitkräfte das Symbol auf einem in ihrer Fahne abgebildeten Schild.

Flagge der ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien 1992–1995

Der „Stern von Vergina“ war Bestandteil der ersten Flagge des Staates Mazedonien aus dem Jahr 1992, die von Griechenland nicht anerkannt wurde. Diese Flagge ging auf die Intervention der nationalistischen Diaspora in Übersee zurück und löste eine beispiellose Propagandaschlacht aus.[6]

Im Februar 1993 erklärte das griechische Parlament den Stern von Vergina zum Symbol der griechischen Republik.[7] 1994 verhängte Griechenland ein Handelsembargo gegen Mazedonien und schloss die Grenzen zum Nachbarstaat. 1995 beanspruchte Griechenland bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) die exklusiven internationalen Rechte für den „Stern von Vergina“.[8]

Im Spätsommer 1995 wurden beide Staaten in New York zu einer Übergangslösung gezwungen: Griechenland beendete das Embargo und akzeptierte das Akronym FYROM (Former Yugoslavian Republic of Macendonia) als Staatsnamen Mazedoniens. Mazedonien ersetzte den „Stern von Vergina“ in der Flagge durch eine achtstrahlige Sonne.

Logo der nationalistischen mazedonischen Zeitschrift Makedonsko Sonce mit dem „Stern von Vergina“.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die griechische Post ELTA verausgabte 1979 und 1992 Briefmarken und die Bank von Griechenland prägte 1990 eine Münze mit dem „Stern von Vergina“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dorothea Schell: Der Stern von Vergina als nationales Symbol in Griechenland. In: Rolf Wilhelm Brednich, Heinz Schmitt (Hrsg.): Symbole: Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. Waxmann Verlag, Münster / New York / München / Berlin 1997, ISBN 3-89325-550-8, S. 298–307.
  • Dorothea Schell: Perspektiven der volkskundlichen Erforschung von Symbolen. Das Beispiel des Stern von Vergina. In: Dittmar Dahlmann, Wilfried Potthoff (Hrsg.): Mythen, Symbole und Rituale: die Geschichtsmächtigkeit in Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Waxmann Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2000, S. 241–256.
  • Florian Martin Müller: Der „Stern von Vergina“: Vom Emblem der makedonischen Königsdynastie zum nationalen Symbol Griechenlands? In: Elisabeth Walde (Hrsg.): Bildmagie und Brunnensturz: Visuelle Rhetorik von der klassischen Antike bis zur aktuellen medialen Kriegsberichterstattung. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2009, ISBN 978-3-7065-4686-7, S. 364–380.
  • Christian Voss: Irredentismus als historischer Selbstentwurf : Wissenschaftsdiskurs und Staatssymbolik in der Republik Makedonien. In: Staatssymbolik und Geschichtskultur (= Osteuropa). 53. Jahrgang, Nr. 7/2003, Der Stern von Vergina und die makedonische Diaspora, S. 952 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sun of Vergina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manolis Andronikos: Philip of Macedon. Hrsg.: M. B. Hatzopoulos, L. D. Loukopulos. Athen 1980, S. 224: „probably the royal emblem“
  2. Nikolaos Martis: Γιατί ο τάφος της Βεργίνας ανήκει στον βασιλέα της Μακεδονίας Φίλιππο Β’’. Το ΒΗΜΑ, 10. Januar 1999, abgerufen am 11. Januar 2018 (griechisch).
  3. Manolis Andronikos (Μανόλης Ανδρόνικος): Βεργίνα, Θεσσαλονίκη. 1983.
  4. W. Lindsay Adams, Eugene N. Borza (Hrsg.): Philip II: Alexander the Great and the Macedonian Heritage. University Press of America, 1982, S. 82.J. P. Adams: The Larnakes from Tomb II at Vergina. In: Archaeological News. S. 12:1–7.
  5. Argeads and the Vergina Sun. Abgerufen am 11. Januar 2018.
  6. Christophe Chiclet: Pourquoi la Grèce a peur de la Macédoine. In: Lory Chiclet (Hrsg.): La République de Macédoine. S. 93–102.
  7. Christian Voss: Irredentismus als historischer Selbstentwurf : Wissenschaftsdiskurs und Staatssymbolik in der Republik Makedonien. In: Staatssymbolik und Geschichtskultur (= Osteuropa). 53. Jahrgang, Nr. 7/2003, Der Stern von Vergina und die makedonische Diaspora, S. 953.
  8. wipo.int wipo.int