Steven Uhly

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Steven Uhly (* 6. Juni 1964 in Köln) ist ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer.

Steven Uhly: TUKAN-Preis 2011

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steven Uhlys Mutter ist Deutsche, sein Vater Bengale. Aufgewachsen ist er mit der Mutter und seinem spanischen Stiefvater. Nach dem Abitur 1983 in Köln machte Uhly eine Ausbildung zum Dolmetscher und Übersetzer in Valencia. Danach studierte er Germanistik sowie spanische und portugiesische Literatur und Sprache in Köln, Bonn und Lissabon. Uhly erhielt ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Titel seiner Dissertation war: Multipersonalität als Poetik.

Im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ging der Autor im Anschluss nach Belém in Brasilien und leitete dort zwei Jahre lang das Deutsche Institut der Bundesuniversität von Pará. Es folgten zweieinhalb Jahre mit einer Gastdozentur in Porto Alegre. Danach nahm er einen Lehrauftrag am Romanistischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München wahr. Steven Uhly lebt heute mit seiner Familie in München. Er übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zusammen mit seiner Frau Ricarda Solms gründete er 2007 den Münchner Frühling Verlag.

Bereits Uhlys erster Roman Mein Leben in Aspik erhielt große mediale Aufmerksamkeit. Der Literaturkritiker Florian Illies lobte den Roman in der ZEIT vom 7. September 2010 als "fulminantes Debüt". Uhlys zweiter Roman Adams Fuge erlangte im November 2011 plötzliche Aktualität, als durch die terroristischen Aktivitäten der rechtsradikalen NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) deutlich wurde, dass die Roman-Handlung die systematische Ermordung von Türken und anderen Ausländern in Deutschland, die dubiose Rolle der V-Leute des Verfassungsschutzes und das Verwirrungsspiel der rechten Szene (Rechte verkleiden sich wie Linke) treffend vorwegnimmt. In einen Internet-Shitstorm[1] geriet Uhly[2], als er in einem Beitrag für die ZDF-Sendung aspekte unter anderem sagte, er habe zu viel Angst, sich im Osten Deutschlands frei zu bewegen, weil er nicht deutsch aussehe.[3]

Mit Glückskind, seinem dritten Roman, gelang Uhly überraschend ein Bestseller, obwohl die Presse diesen Roman weitgehend ignorierte. Im Herbst 2012 wurde der Regisseur Michael Verhoeven auf das Buch aufmerksam und überzeugte den SWR davon, dass es sich zur Verfilmung eignete. Die Dreharbeiten begannen Anfang April 2014, die Produktion des Films wurde im Juli 2014 abgeschlossen. Am 7. Oktober 2014 wurde Glückskind als Eröffnungsfilm des neuen Internationalen Filmfests Potsdam im Beisein von Michael Verhoeven, des Hauptdarstellers Herbert Knaup, der Schauspieler Naomi Krauss, Mohammed Ali Behbudi und des Autors, Steven Uhly, uraufgeführt.[4] Uhly äußerte sich sehr zufrieden über diese Verfilmung. Am 22. November 2014 wurde Glückskind auf ARTE uraufgeführt, am 26. November 2014 zeigte ihn Das Erste.

Am Volkstheater Rostock wurde am 26. November 2014 unter der Regie von Nicole Oder und Dramaturgie von Martin Stefke eine Theaterbearbeitung von Glückskind uraufgeführt.[5]

Uhlys vierter Roman, Königreich der Dämmerung (Herbst 2014), beschäftigt sich mit den verschiedenen Flüchtlingsströmen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Zentrum stehen dabei die so genannten Displaced Persons, Menschen, die durch die vollendeten Tatsachen des Krieges ihre Heimat und die Möglichkeit, in ihre Herkunftsländer zurückzugehen, verloren haben. Dieser Roman ist Uhlys erster epischer Stoff, er umfasst drei Generationen und verbindet das Schicksal dreier Familien miteinander.[6][7]

Im Herbst 2015 publizierte Uhly unter dem Titel Tagebuch eine Auswahl von knapp hundert Gedichten aus dreißig Jahren, wobei das erste aus dem Jahr 1981 stammt, als der Autor 16 Jahre alt war, und das letzte vom Juli 2015.

Im September 2016 erschien mit dem Roman "Marie" die Fortsetzung von "Glückskind". Der Autor setzt sechseinhalb Jahre später an und konzentriert sich vor allem auf die Mutter, die inzwischen wieder mit ihren drei Kindern – dem elfjährigen Frido, der zehnjährigen Mira und dem 'Glückskind' Chiara, die in die erste Klasse geht – allein lebt und mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Im Unterschied zu "Glückskind", dem Kritiker z. T. märchenhafte Züge nachsagten, entwickelt sich "Marie" mit der Konsequenz eines klassischen Dramas, das auf einen tragischen Höhepunkt zusteuert. Am Ende gewährt Uhly dem Leser immerhin einen Hoffnungsschwimmer, doch verweigert er sich der Illusion von stabilem Glück.

Im Januar 2017 erschien die englische Ausgabe von "Königreich der Dämmerung" bei MacLehose Press in London unter denn Titel "Kingdom Of Twilight". Die Übersetzung hatte Jamie Bulloch besorgt. Drei Tage nach der Veröffentlichung ernannte die Zeitung "The Times" Uhlys Roman zum "book of the month". Die Rezensentin, Antonia Senior, bezeichnete "Kingdom Of Twilight" als "powerful and original".

Im Herbst 2017 erschien unter dem Titel Le royaume du crépuscule die französische Buchausgabe von Königreich der Dämmerung bei Presses de la Cité (Paris). In der Hörspielbearbeitung sowie Regie von Leonhard Koppelmann produzierte der SWR 2017 eine gleichnamige zweiteilige Hörspielfassung von Königreich der Dämmerung.[8]

Im Herbst 2018 erschien Uhlys sechster Roman unter dem Titel Den blinden Göttern. Der Roman knüpft an die satirische Erzählweise seiner beiden ersten Romane an. Andreas Platthaus bezeichnete ihn in der Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse am 6. Oktober 2018 als „Psychothriller“ und schrieb: „Er verunsichert massiv. Das ist sein Thema. Uns darüber klarzuwerden, wie ihm das gelingt, heißt mit Unsicherheit besser zurechtzukommen. Es gibt keine interessantere Aufgabe in der Gegenwartsliteratur.“[9]

Uhlys siebter Roman erschien 2020 unter dem Titel Finsternis und ist ein als Psychothriller angelegter reiner Gesprächsroman. Im Rahmen einer in Berlin spielenden Krimihandlung entfaltet er sein Thema in 12 Therapiesitzungen eines jungen pakistanischstämmigen Kriminalbeamten mit seiner Therapeutin, die im Laufe des Geschehens ebenso wie ihr Klient in heftige Loyalitätskonflikte verstrickt wird. Es gibt kaum etwas, das hier nicht aus dem Ruder läuft, als der junge Kripobeamte und ein älterer Kollege mit der Aufklärung eines mutmaßlichen Sexualverbrechens mit BDSM-Hintergrund konfrontiert werden und sich herausstellt, dass der ältere Kollege ohne sein Wissen privat mit dem mutmaßlichen Opfer verbunden gewesen zu sein scheint. Während der ältere Beamte sich immer mehr in der Aufklärung seiner eigenen Geschichte verliert, gelingt es seinem jungen Kollegen nicht, sich der rücksichtslosen Vereinnahmung durch den älteren Kollegen zu entziehen. Außer um Loyalität – auch innerhalb der Ehe des jungen Beamten – und um durch ethnokulturelle Prägungen bestimmtes Verhalten der Protagonisten kreist der Roman mithilfe der weitgehend klischeefrei dargestellten BDSM-Thematik zentral um Fragen von Macht, Freiheit und biografischer „Wahrheit“, ohne dass er auf diese Fragen – auch im Sinne des Krimiplots – eindeutige Antworten gibt.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romane
Kurzgeschichten
  • Zurück, Juli 2015 in: Signaturen – Forum für autonome Poesie [1]
  • Sylvester, August 2015 in: Signaturen – Forum für autonome Poesie [2]
Lyrik
  • Philosophia, Juli 2015 in: Signaturen – Forum für autonome Poesie [3]
  • Tagebuch. Gedichte 1981–2015, Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015, ISBN 978-3-905951-71-4.
Essays
  • Die Brasilianische Dichtung zur Zeit der Diktatur, September 2013 in: "Signaturen – Forum für autonome Poesie Link
  • Dichtung und Gesellschaft, August 2014, in: "Signaturen – Forum für autonome Poesie" Link
Übersetzungen
  • Paulo Fonteles: Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug, aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Essay versehen von Steven Uhly, Matthes & Seitz, Berlin 2006
  • Jasimuddin: Ihr glaubt mir nicht? Geschichten aus Bengalen, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Essay versehen von Steven Uhly, Münchner Frühling Verlag 2009
  • Verschwunden. Das Fotoprojekt 'ausencias' von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976–1983, aus dem Spanischen übersetzt von Ricarda Solms und Steven Uhly, Münchner Frühling Verlag 2010
  • Juan Gómez Bárcena: Der Himmel von Lima, Roman, aus dem Spanischen übersetzt von Steven Uhly, Secession Verlag für Literatur 2016, ISBN 978-3-905951-95-0.
Hörspiele
  • Königreich der Dämmerung, 2017; Bearbeitet und inszeniert von Leonhard Koppelmann für den SWR

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Opfer wie er? Der Autor Steven Uhly wurde zum Chefankläger des Ostens, Die Zeit vom 16. Dezember 2011, abgerufen 21. Januar 2015
  2. Wie Jena im ZDF zur Stadt der Angst wurde. Thüringer Allgemeine, 29. November 2011, abgerufen am 30. August 2012.
  3. Video aspekte: Extreme Gewaltbereitschaft (18. November 2011) in der ZDFmediathek, abgerufen am 30. August 2012. (offline)
  4. Romanverfilmung Glückskind, De 2014, 89 Min.
  5. Uraufführung des Schauspiels Glückskind nach dem Roman von Steven Uhly (Memento des Originals vom 20. Oktober 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/volkstheater-rostock.de, Volkstheater Rostock
  6. Als der Frieden noch kriegerisch war, Rezension zu Königreich der Dämmerung von Karl-Markus Gauss in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Januar 2015, abgerufen 21. Januar 2015
  7. Schuld und Schweigen, Rezension zu Königreich der Dämmerung von Carsten Hueck im Deutschlandradio Kultur vom 13. September 2014, abgerufen 21. Januar 2015
  8. Königreich der Dämmerung | Teil 1/2: Der Schlächter von Turck, SWR 16. April 2019, abgerufen 22. April 2019
  9. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Oktober 2018, Literatur, S.L9.
  10. Sigrid Brinkmann: Die Vorstellung der Einzigartigkeit als pure Illusion, Rezension zu Den blinden Göttern im Deutschlandfunk Kultur 10. September 2018, abgerufen 22. April 2019