Stift Seitenstetten

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Stift Seitenstetten, der „Vierkanter Gottes“
Kirche des Stifts Seitenstetten
Kirche Innenraum
Orgel
Innenhof
Deckenfresko im Marmorsaal von Paul Troger
Deckenfresko der Abteistiege von Bartolomeo Altomonte

Das Stift Seitenstetten ist ein Kloster der Benediktiner (OSB) in Seitenstetten an der Moststraße im Mostviertel (Niederösterreich).

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seitenstetten liegt an der Voralpenbundesstraße (122) ungefähr in der Mitte zwischen Amstetten und Steyr. Der eigene Bahnhof „St. Peter-Seitenstetten“ (Westbahnstrecke) liegt ca. 2,5 km vom Ort entfernt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das wirtschaftliche Fundament des früheren Kollegiats- und späteren Benediktinerstiftes Seitenstetten bildeten die Schenkungen des Udalscale (Udalschalk) und des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg (siehe: Wichmann von Seeburg) aus den Jahren 1112 und 1116. Es waren Güter in und um Seitenstetten, Waldgebiete im mittleren und oberen Ybbstal, um das heutige Göstling an der Ybbs mit Eisengruben und Salzwerken, in deren Sprengel die späteren Pfarreien Allhartsberg, Aschbach, Biberbach und Krenstetten entstanden, mit wechselhafter historischer Entwicklung des Grundbesitzes.

Der erstmals 1109 urkundlich zu sichernde Udalscale – auch Udiskalk oder edelfreier Udalschalk von Stille – war 1112 Stifter seines ererbten Grundbesitzes mit den Einkünften der erbuntertänigen Untertanen an ein Mönchskloster, das an der Stelle des heutigen Stiftes Seitenstetten lag. Es waren dies Besitz in Grünbach, Heft und in Stille (im heutigen Oberösterreich). 1114 übernahmen Benediktiner aus Stift Göttweig die Verwaltung der neuen Grundherrschaft. 1116 weihte Bischof Ulrich I. von Passau, ein Verwandter der Grafen Formbach-Ratelnberg (siehe: Grafschaft Formbach) die neue Stiftskirche und gab dem Stift die ausgedehnte Pfarrei Aschbach zu Lehen. 1142 erhielt das Stift auch die große Pfarrei Wolfsbach. Aus diesen zwei Großpfarren gingen alle vierzehn Pfarreien hervor, die das Stift Seitenstetten heute noch religiös betreut. An die wehrhafte Vorgestalt des jetzigen Barockstiftes erinnert noch die in ihrem Gemäuer frühgotische Kirche und die ungewöhnlich proportionierte – heute Barock ausstuckierte – kleine Ritterkapelle an deren Seite.

Die in der Mitte des 12. Jahrhunderts durch Wichmann von Seeburg, als Erzbischof von Magdeburg dem Stift übertragenen, ausgedehnten Waldungen an der Ybbs, erforderten, dass dort eine christliche Zelle errichten wird und ständig Gottesdienste zu feiern sind. Aus dem Gründungsjahrhundert stammt auch der erste Hinweis auf eine Klosterschule, das spätere Stiftsgymnasium Seitenstetten.

Nach Rückschlägen in der Entwicklung des Stiftes durch zwei Klosterbrände (1261 und 1290) trat eine Erneuerung ein durch Abt Rudolf I., einen streitbaren Menschen, auf ritterliche Hofhaltung ebenso bedacht wie auf strenge Klosterzucht. Er bestrafte die Konventualen mit monatelangem Dunkelarrest in verliesartigen Kammern. Nach Besitzstreitigkeiten nahm das Kloster im 14. Jahrhundert einen allmählichen Aufschwung. 1347 zählte der Konvent 22 Mitglieder. Nach längerer Verfallszeit setzte sich mit Abt Benedikt I., der vorher Prior des Schottenstiftes in Wien gewesen war, auch in Seitenstetten die Melker Reform durch und brachte einen Aufschwung des religiös-kulturellen Lebens. Dieser Abt ließ 1440 auf dem Sonntagberg eine Kapelle erbauen und weihen und begründete damit die Sonntagberger Wallfahrt unter der Obhut des Stiftes. Eine Grabtafel an der Rückwand der Ritterkapelle erinnert an den 2 Meter großen Abt aus Bayern, der sich als Schwarzkünstler, Marktfahrer und Musiker den Lebensunterhalt erworben hatte, bevor er Mönch, später Prior im Wiener Schottenstift und schließlich Abt in Seitenstetten wurde. Von Kilian Heumader, einem seiner Nachfolger, wird berichtet, dass er während der Türkenkriege in Ungarn schwertumgürtet inmitten Schwerbewaffneter zu den Gerichtstagen in Steyr ritt.

Die Reichstürkenhilfe, vor allem aber die Reformation und Einführung des evangelischen Bekenntnisses des Martin Luther setzten dem Stift hart zu. Abt Michael Bruckfelder, aus Kärnten stammend, bekannte sich öffentlich als Protestant. Im Februar 1572 ließ er sich von Armand Khramer, dem evangelischen Schloßprädikanten in Losenstein, zu Sindelberg mit Maria Schmelch, Ziehtochter des Kärntner Prädikanten Gröblacher, trauen. Als Zeugen fungierten der Herr von Niederwallsee, der Pfleger zu Achleiten und der Hofrichter zu Seitenstetten. Schon 1571 hatte Michael Bruckfelder auf mit vier Pferden bespannten Wagen sein Heiratsgut, Seitenstetter Silbergeschirr und weiteres Klostergut, zum Sindelburger Prädikanten bringen lassen. Als im Frühjahn 1572 die Verhaftung drohte, brachte er sich bei seinem protestantischen Schutzherrn in Sicherheit.

Die Zahl der Klosterbrüder in Seitenstetten nahm rasch ab. Erst Abt Christoph Held (1572–1602), vom kaiserlich-österreichischen Klosterrat tatkräftig unterstützt, leitete die geistige Erneuerung ein. Unter den folgenden Äbten hielt die Barockkunst Einzug. Bayern und Schwaben erhöhten den Mitgliederstand des Konvents. Aber erst nach dem Dreißigjährigen Krieg und der Rekatholisierung gelang es Abt Gabriel Sauer (1648–1674), das Stift wirtschaftlich zu festigen und den Konvent religiös auf einen Höhepunkt zu führen. Auch eine große Bautätigkeit konnte nun einsetzen:

Abt Benedikt II. Abelzhauser (1687–1717) ließ durch Jakob Prandtauer die Wallfahrtskirche Basilika Sonntagberg errichten. Von 1718 bis 1747 wurde der heutige Stiftsbau im Stil des Barock errichtet. Die finanziellen Mittel dazu lieferten vor allem die Erträgnisse des Kupferbergwerkes in der Radmer (Steiermark) und des Messinghüttenwerkes Reichraming (Oberösterreich).

Nach der schweren Zeit der Reformen des Josephinismus Ende des 19. Jahrhunderts und der Koalitionskriege erlangte das Stift um die Jahrhundertwende seine höchste Blüte. Abt Theodor Springer (1920–1958) führte das Stift aus der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg heraus und rettete das Stift ohne Aufhebung durch den Zweiten Weltkrieg.

Unter Abt Albert Kurzwernhart (1962–1984) wurden am Sonntagberg, in den übrigen Pfarrkirchen, vor allem aber in der Stiftskirche umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt.

Von 1985 bis 1991 wurde das gesamte Klostergebäude unter Abt Berthold Heigl außen vom Keller bis zum Dach restauriert. Der barocke Klostergarten im Westen des Klosters gilt als Schmuckstück des Klosters und wurde Mitte der 1990er Jahre unter dem amtierenden Abt wieder belebt und öffentlich zugänglich gemacht. Es finden dort heute Konzerte, Feiern und einmal im Jahr Gartentage mit Ausstellungen diverser regionaler Gartenmöbelhersteller statt. Im Jahr 2012 feierte das Stift mit vielen festlichen Veranstaltungen sein 900-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums wurde für das Stiftsgymnasium Seitenstetten eine moderne neue Turnhalle errichtet und im Jubiläumsjahr in Betrieb genommen. Die Gesamtkosten für den Turnhallenneubau beliefen sich auf etwa drei Millionen Euro. Fast die Hälfte waren vom Stift zu übernehmen, der Rest wurde durch Spenden, Bund und Land finanziert. Das Stiftsgymnasium feiert 2014 sein 200-jähriges Bestehen. Die neue Halle gilt als „Geburtstagsgeschenk“.

Am 8. Februar 2013 wählten die 30 Mönche des Konvents Pater Petrus Pilsinger noch vor dem Mittagsgeläut zum neuen Abt; die Kürze der Wahl ist ein Indiz für seinen starken Rückhalt in der Gemeinschaft. Am 21. März wurde er in sein Amt eingeführt, am Ostermontag 2013 wurde er durch Diözesanbischof Klaus Küng zum Abt geweiht.

Äbte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ritterkapelle
  • Leopold, 1116–1138[1]
  • Sigfried, 1138–1140
  • Friedrich, 1140–1167
  • Grifro, 1167–1172
  • Konrad I., 1172–1201
  • Marquard, 1203–1210
  • Dietmar I., 1210–1223
  • Konrad II., 1223–1230
  • Otto I., 1230–1238
  • Dietrich I., 1238–1247
  • Heinrich I., 1247–1250
  • Hermann, 1250–1261
  • Rudolf I., 1261–1290
  • Konrad III., 1290–1308
  • Otto II., 1308–1313
  • Heinrich II., 1313–1318
  • Gundaker, 1318–1324
  • Ottaker, 1324–1328
  • Dietrich II. Perleitter, 1328–1337
  • Dietmar II., 1337–1348
  • Ekfrid, 1348–1349
  • Rudolf II., 1349–1354
  • Engelschalk, 1354–1385
  • Laurentius von Meilersdorf, 1385–1419
  • Stephan, 1419–1422
  • Thomas Chersperger, 1423–1427
  • Johannes Irnfried,(Irrnfrid), 1427–1437
  • Benedikt I.,1437–1441
  • Christian von Kolb, 1441–1465
  • Paulus Pymisser, 1465–1476
  • Kilian Heumader (auch Heundl), 1477–1501
  • Andreas von Wolkersdorf, 1501–1521
  • Heinrich III.Sues,1521–1532
  • Johann Eyspain, 1532–1547
  • Johannes III. Wolfspecker, 1547–1548
  • Gregorius Danhamer, 1548–1552
  • Georg Sugel auch Rhamsauer genannt, 1552–1565
  • Elias Portschens, 1565–1568
  • Domitian Egartner, 1568–1570
  • Michael Bruckfelder, 1570–1572
  • Christoph Held, 1572–1602
  • Bernhard Schilling, 1602–1610
  • Kaspar Plautz, (auch Caspar Plautius) 1610–1627
  • Placidus Bernhard, 1627–1648
  • Gabriel Sauer, 1648–1674
  • Adam Pieringer, 1674–1679
  • Ambrosius Marholt, 1679–1687
  • Benedikt II. Abelzhauser, 1687–1717
  • Ambrosius Prevenhueber, 1717–1729
  • Paul de Vitsch, 1729–1747
  • Dominik Gußmann, 1747–1777
  • Ambros Rixner, 1777–1812
  • Kolumban Zehetner, 1813–1834
  • Joseph Gündl,1834–1851
  • Ludwig Ströhmer, 1852–1868
  • Dominik Hönigl, 1868–1908
  • Hugo Springer, 1908–1920
  • Theodor Springer, 1920–1958 (Bruder des Vorigen)
  • Aegid Decker, 1958–1962
  • Albert Kurzwernhart, 1962–1984
  • Berthold Heigl, 1984–2013
  • Petrus Pilsinger, seit 21. März 2013[2]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hofgarten
  • Frühgotische barockisierte Stiftskirche
  • Romanische Ritterkapelle
  • Marmorsaal und Bibliothek mit Deckenfresken von Paul Troger
  • Abteistiege mit Deckenfresko von Bartolomeo Altomonte
  • Sommerrefektorium mit 19 Bildern vom Kremser Schmidt
  • Galerie
  • Hofgarten: Prunkgarten des Barock (ursp. etwa zw. Erbauung bis 1740 und 1780er); 1996 nach historischen Vorbildern restauriert;[3] Klostergarten als Schaugarten; mit ca. 110 zumeist historischen Rosensorten; gehört zu den bedeutendsten gartenarchitektonischen Denkmalen Österreichs und steht als solcher explizit unter Denkmalschutz (Nr. 23 im Anhang zu § 1 Abs. 12 DMSG)

Nach dem Stift Seitenstetten wird auch der Farbton des Seitenstettner Gelbs bezeichnet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stift Seitenstetten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag im Ordenslexikon Liste:Äbte von Seitenstetten von ORDEN online, Stand vom 27. Januar 2008
  2. Stift Seitenstetten hat neuen Abt auf ORF vom 8. Februar 2013 abgerufen am 8. Februar 2013
  3. Schaugarten Stift Seitenstetten. naturimgarten.at, abgerufen 17. November 2015.

Koordinaten: 48° 2′ 6″ N, 14° 39′ 15″ O