Stiftung Eben-Ezer

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Stiftung Eben-Ezer
Rechtsform evangelische Stiftung privaten Rechts
Gründung 1870
Sitz Lemgo, DeutschlandDeutschland Deutschland
Leitung
  • Pastor Bartolt Haase (theologischer Direktor)
  • Udo Zippel (kaufmännischer Direktor)
Mitarbeiterzahl ca. 1400 (31. Dez. 2014)[1]
Umsatz 76 Mio. Euro (2014)[1]
Website www.eben-ezer.de
Stand: 31. Dezember 2014

Die Stiftung Eben-Ezer mit Sitz im lippischen Lemgo in Nordrhein-Westfalen ist eine deutsche diakonische Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den verschiedenen Standorten der Einrichtung werden rund 1000[1] Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung betreut. Schwerpunktmäßig befinden sich die Wohnheime und Werkstätten der Stiftung Eben-Ezer an den beiden Teilzentren „Neu Eben-Ezer“ und „Alt Eben-Ezer“ in Lemgo. Darüber hinaus sind weitere Standorte über das Stadtgebiet Lemgos und in anderen Städten und Gemeinden des Kreises Lippe wie Lage, Detmold oder Kalletal verteilt.

Die Anerkennung als rechtsfähige evangelische Stiftung privaten Rechts erfolgte im Jahr 1979 durch den Beschluss des Landeskirchenrates der Lippischen Landeskirche. Die Stiftung ist als evangelische Einrichtung dem Diakonischen Werk der Lippischen Landeskirche und somit dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland als anerkanntem Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege angeschlossen.

Das Stiftungsvermögen setzt sich zusammen aus dem Grundeigentum (einschließlich Gebäuden), aus den Einnahmen aus Pflegegeldern, Spenden und Zuwendungen Dritter sowie aus den Einnahmen aus sonstigen Zahlungen für Sach- oder Dienstleistungen. Das Stiftungsvermögen ist an gemeinnützige Zwecke gebunden und muss ungeschmälert erhalten bleiben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simon August Topehlen (1832–1904)

Die Anfänge der Stiftung Eben-Ezer lassen sich auf den aus Wüsten stammenden Lehrer Simon August Topehlen (1832–1904) zurückführen. Er wurde durch die Erweckungsbewegung seiner Zeit geprägt. Mitte des 19. Jahrhunderts gerieten die behinderten Kinder und Jugendlichen zunehmend in das Blickfeld der Kirchen und Behörden und so kam es, dass Topehlen im Jahr 1862 ein „blödsinniges“ Mädchen namens Henriette Ludolph anvertraut wurde. Topehlen sollte versuchen, Henriette nach pädagogischen Maßstäben zu erziehen und ihr eine angemessene Schulbildung zuteilwerden zu lassen.

Trotz der Hilfe seiner Schwester Lina Topehlen gelang es ihm nicht, die Forderungen der Behörden zu erfüllen, und die finanziellen Mittel der fürstlichen Leihkasse wurden gestrichen.[2]

Topehlen gelang es dennoch, im Jahr 1870 die „Anstalt für Blödsinnige“ zu gründen, in der behinderte Menschen auf pädagogische Art und Weise einer Schulbildung zugeführt werden sollten. Er übernahm 1887 die Leitung der Anstalt, heute als Standort „Alt Eben-Ezer“ bekannt, von seiner Schwester Lina Topehlen.

Bis zu seinem Tod im Jahre 1904 leitete Simon August Topehlen die Anstalt und widmete seine ganze Kraft weiterhin den Belangen der behinderten Menschen.

In den Folgejahren wuchs die Anstalt rasch an und so konnte dort im Jahr 1912 ein eigenes Landwirtschaftsgebäude errichtet werden, nicht nur um eine gesicherte und unabhängige Versorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten, sondern auch um den behinderten Menschen einen Arbeitsplatz und somit einen „normalen“ Tagesablauf zu ermöglichen.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Zweiten Weltkrieges stieg die Anzahl der Bewohner der Anstalt von 300 auf fast 800 an. Die räumliche Enge und der Wunsch der Stadt Lemgo, Industrie auf der Fläche des alten „Landhofes“ anzusiedeln, bedingten den Ankauf von Flächen auf der „Luherheide“ im Norden Lemgos.

Am 8. April 1937 wurden über 60 Bewohner der Anstalt auf Anordnung des Oberpräsidenten des Provinzialverbandes in Münster in die Provinzial-Heilanstalt Warstein, die die Funktion einer Zwischenanstalt hatte, verlegt.[3] Von einigen der Patienten sind die Biografien bekannt.[4] 36 von ihnen wurden nachweislich ermordet.[5]

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1949 war der bekannte Arzt Max Otto Bruker Ärztlicher Leiter.

Mit dem Bau des „Meierhofes“ auf der neu erworbenen Fläche im Jahr 1950 vollzog sich ein Wandel in der räumlichen Orientierung Eben-Ezers. Die Grundsteinlegung für den Standort „Neu Eben-Ezer“ fand im Jahr 1957 statt. Hier befindet sich bis heute der Hauptstandort der Stiftung. Mit dem Umzug, der in den 60er Jahren begann, sollte ursprünglich die Auflösung des Standortes „Alt Eben-Ezer“ an der Lageschen Straße verbunden sein. Dies wurde jedoch aufgrund von weiterhin hohem Kapazitätsbedarf verworfen und der Standort ist der Stiftung bis heute erhalten geblieben.

Seitdem wurden zahlreiche neue Wohnheime, Werkstätten, Schulen und weitere Gebäude zur Freizeitgestaltung und Förderung in verschiedenen Ortsteilen um Lemgo herum errichtet und ausgebaut.

Bereiche der Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stiftungsbereich Wohnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stiftungsbereich Wohnen umfasst neben den stationären Wohnheimen auch die ambulanten Wohnungen. Die Wohnheime der Stiftung verteilen sich über das Stadtgebiet Lemgos und darüber hinaus. Im Jahr 2014 nutzten insgesamt rund 900[1] behinderte Menschen das stationäre oder ambulante Wohnangebot Eben-Ezers. Davon wurden 136 Menschen ambulant betreut.

Wohnverbund für Kinder und Jugendliche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wohnverbund für Kinder und Jugendliche wurde 2014 von etwa 100[1] behinderten Kindern und Jugendlichen genutzt.

eeWerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Arbeitsbereiche von eeWerk, einer Werkstatt für behinderte Menschen WfbM, gliedern sich unter anderem in Holzbearbeitung, Industrie- und Elektromontage, Landwirtschaft und Hauswirtschaft. Viele der Produkte können in der Hauptwerkstatt auf dem Gelände von Neu Eben-Ezer direkt vor Ort begutachtet und gekauft werden. Der landwirtschaftliche Zweig von eeWerk ist vorwiegend durch den „Meierhof“ abgedeckt. Dieser seit 1999 auf kontrolliert-biologischen Anbau ausgerichtete Landwirtschaftsbetrieb versorgt nicht nur die Zentralküchen Eben-Ezers mit Nahrungsmitteln, sondern bietet seine Produkte auch auf Wochenmärkten oder direkt auf dem Gelände Neu Eben-Ezer zum Verkauf an. Darüber hinaus werden insbesondere Molkereiprodukte auch in zahlreichen Supermärkten im Kreis Lippe angeboten.

Einen weiteren Zweig von eeWerk stellt die „Liemer Lilie gGmbH“ dar. Dieses Gartenbauunternehmen dient als eine Übergangshilfe für Menschen mit Behinderungen, um sich leichter in den ersten Arbeitsmarkt integrieren zu können.

eeWerk hieß bis März 2015 WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen). Aus den Reihen der Beschäftigten mit Behinderung kam der Wunsch nach einem neuen Namen und in einem gemeinsamen Prozess entstand dieser neue Name, der als Abkürzung die Begriffe Eben-Ezer und Werkstatt enthält.

Topehlen-Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nach dem Gründer Eben-Ezers, Simon August Topehlen, benannte Schule ist eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt der „geistigen Entwicklung“. Das im Jahr 2006 neu errichtete Gebäude wird zurzeit (Stand 2014) von 130[1] Schülern mit geistiger Behinderung besucht.

Medizinisch-Psychologisch-Therapeutischer Bereich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Medizinisch-Psychologisch-Therapeutische Bereich ist ein in die Einrichtung integrierter Dienst, der unter anderem über eine Spezialambulanz für Behindertenmedizin verfügt. Dieser Dienst lässt sich auch von Menschen mit Behinderungen nutzen, die nicht der Stiftung Eben-Ezer angehören.

In den Gebäuden befindet sich auch eine klinische Abteilung, die bei einem Krankheitsfall eine Zwischenlösung zwischen einem Krankenhausaufenthalt und einem Wohnheimverbleib gewährleisten kann.

Der Bereich umfasst weitergehend Allgemeinmedizin, Psychologie, Neurologie und auch die Angebote einer Förderstätte, um den nicht arbeitenden behinderten Menschen einen geregelten Tagesablauf zu ermöglichen.

Berufskolleg der Stiftung Eben-Ezer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stiftung Eben-Ezer verfügt über ein eigenes Berufskolleg, welches die Ausbildungen zum Heilpädagogen, Heilerziehungspfleger und Heilerziehungshelfer anbietet. Zusätzlich wird dort eine Ausbildung zum Erzieher kombiniert mit der allgemeinen Hochschulreife (Abitur) angeboten. Diese Ausbildung dauert vier Jahre. Das Berufskolleg wird derzeit (Stand 2014) von 440 Schülern und Studierenden besucht.

Haus der Vielfalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Haus der Vielfalt ist ein im Jahr 2010 eröffnetes Gebäude, welches eine Kunstwerkstatt und das „Café Vielfalt“ beheimatet. In der Kunstwerkstatt werden unter anderem therapeutische Projekte für die Bewohner der Stiftung Eben-Ezer angeboten. Das Café Vielfalt ist ein öffentliches Café, in dem gleichermaßen behinderte und nichtbehinderte Menschen beschäftigt sind.

Kindertageseinrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2012 befinden sich 18[1] Kindertagesstätten in der Trägerschaft der Stiftung Eben-Ezer. Diese sind integrative KITAs, in denen etwa 900 behinderte und nichtbehinderte Kinder betreut werden.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Qualität der Bio-Rohmilch des Meierhofes wurde auf der BioFach 2010 als hervorragend ausgezeichnet.[6]
  • Der Medizinisch-Therapeutisch-Psychologische Bereich verfügt über ein eigenes „Snoezelenzentrum“, welches auch überregional von Nichtangehörigen der Stiftung genutzt wird.
  • Der Wohnverbund Stapelage verfügt mit dem "Tierprojekt ANIMAL" über einen Betrieb für Therapeutisches Reiten, welcher auch von Nichtangehörigen der Stiftung genutzt werden kann.
  • Das Verfahren Gestaltung der Betreuung von Menschen mit Behinderung (GBM) kommt zur Anwendung. Das POB&A/GBM-Anwendertreffen 2010 fand in der Stiftung statt.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Irmgard Wiel: Simon August Topehlen und sein Werk – Ein Beitrag zur Geschichte der Heilerziehungs- und Pflegeanstalt Eben Ezer in Lemgo (Lippe); Erich Breschel (Hrsg.), Schriften zur Sonderpädagogik, Dortmund, 1970
  • Leben in Vielfalt: Leitbild, Grundlagen und Ziele für die Dienste der Stiftung Eben-Ezer, Lemgo
  • Jahresbericht 2014, Diakonie für ein Leben in Vielfalt, Stiftung Eben-Ezer
  • Das Waisenhaus von 1759 im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken und die Blödenanstalt Eben-Ezer von 1871 in der Grafschaft Lippe; Konrad Krimm (Hrsg.), Armut und Fürsorge in der frühen Neuzeit, Sigmaringen, 2011

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Jahresbericht 2014, Diakonie für ein Leben in Vielfalt, Stiftung Eben-Ezer, S. 16–20.
  2. Irmgard Weil: Simon August Topehlen und sein Werk – Ein Beitrag zur Geschichte der Heilerziehungs- und Pflegeanstalt Eben Ezer in Lemgo (Lippe); Erich Breschel(Hrsg.), Schriften zur Sonderpädagogik, Dortmund, 1970
  3. Wissenschaftlicher Hintergrund - Stiftung Eben-Ezer. In: www.eben-ezer.de. Abgerufen am 12. Januar 2020.
  4. Digitales Gedenkbuch - Stiftung Eben-Ezer. In: www.eben-ezer.de. Abgerufen am 12. Januar 2020.
  5. Eben-Ezer stellt sich der Vergangenheit - Stiftung Eben-Ezer. In: www.eben-ezer.de. Abgerufen am 12. Januar 2020.
  6. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 3. Januar 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lippische-wochenschau.de (Letzter Zugriff: 15. September 2011)
  7. Homepage Stiftung Eben-Ezer, GBM/POB & A Anwendertreffen: Experten tagten drei Tage in Eben-Ezer 30.04.2010 (Stand: 28. Juli 2014).

Koordinaten: 52° 3′ 1,4″ N, 8° 54′ 19,4″ O