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Stottern

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Klassifikation nach ICD-10
F98.5 Stottern
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-11
MA81 Sprachdysfluenz
6A01.1 Entwicklungsstörung des Sprechflusses
ICD-11: EnglischDeutsch (Entwurf)

Stottern (auch Balbuties, von lateinisch balbutire ‚stottern‘) ist eine zentralnervöse Störung des Sprechens,[1] welche durch spontan unkontrollierbare Unterbrechungen des Sprechablaufs in Form von Laut- und Silbenwiederholungen, Dehnungen von Lauten und/oder Blockierungen (spannungsvolle Pausen) gekennzeichnet ist. Neben der Hauptsymptomatik können zudem vegetative, motorische sowie emotionale Reaktionen auf die Sprechunflüssigkeiten auftreten.

Dieser Artikel befasst sich mit dem sogenannten originärem neurogenem nicht-syndromalem Stottern (früher: idiopathisches Stottern), das vom erworbenen neurogenen und vom psychogenen Stottern abzugrenzen ist.

Stottern entsteht in der Kindheit und hauptsächlich aufgrund einer genetischen Disposition.[1] Derzeit stehen neurowissenschaftliche Erklärungsansätze im Vordergrund. Konkrete Gene, die ursächlich an der Entstehung des Stotterns beteiligt sind, konnten bislang jedoch nicht eindeutig identifiziert werden.

Die Chance, dass sich das Stottern in der Kindheit zurückbildet (Remissionswahrscheinlichkeit), liegt bei ca. 70–80 %.[1] Nach Pubertätsende ist eine Remission sehr unwahrscheinlich. Eine Prognose, welches Kind das Stottern wieder verlieren wird, ist für den Einzelfall nicht möglich.

Stottern gilt nicht als heilbar, aber als therapierbar.

Phänomenologie

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Die Symptomatik lässt sich in Kern- und Begleitsymptomatik (bzw. Primär- und Sekundärsymptomatik) unterteilen.

Kernsymptomatik

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  • Wiederholungen von Lauten oder Silben (z. B. T-t-t-t-tasse, Ta-ta-tasse)
  • Dehnungen von Lauten (z. B. Mmmmmmontag)
  • Blockierung (vollständiger Stillstand des Sprechversuchs vor oder in einem Laut, z. B. „---Apfel“, „Mo--ontag“)
  • Mischformen (z. B. Mmmmmmo-mo-mo-montag)

Begleitsymptomatik

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  • Fluchtverhalten wie z. B. Mitbewegungen, Ankämpfreaktionen,[2] Atemveränderung, stimmliche Auffälligkeiten, Veränderungen der Sprechweise (z. B. überartikuliertes Sprechen) oder der Einsatz auffälliger Laute (z. B. Schnalzen)
  • Vermeideverhalten wie z. B. sprachliches Vermeiden (z. B. Synonyme verwenden), zeitlicher Aufschub (Interjektionen wie „ähm“ zwischenschieben) und situatives Vermeiden (spezielle Gesprächssituationen vermeiden wie z. B. Telefonieren)[3]
  • Innere Symptome (stotterbezogene negative Gedanken und Gefühle) wie z. B. Angst,[2] Hilflosigkeit, Scham, Frustration etc. sowie Gedanken wie „Wenn ich stottere, halten mich die Leute für weniger kompetent“. Aus diesen Gedanken und Gefühlen resultieren nicht selten eine generelle Abwertung der eigenen Sprechfähigkeit, eine Selbstabwertung als Sprecher, eine übermäßige Selbstbeobachtung des Sprechens sowie ein ausgeprägter Perfektionismusanspruch
  • Vegetative Symptome (z. B. Herzklopfen, Erröten, Zittern etc.)

Wechselwirkung der Symptome

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Kern- und Begleitsymptomatik stehen in direkter Wechselwirkung zueinander.[2][4][5]

Beispiel: Tritt ein Stotterereingnis auf und wird dabei Anstrengung zur Überwindung eingesetzt, so nimmt die Dauer des eigentlichen Stotterereignisses zu. Durch das Stotterereignis an sich und durch die verstärkte Anstrengung kann es zu Frustgefühlen kommen, was wiederum dazu führen kann, dass verstärkt gegen Stotterereignisse angekämpft wird und dass die Kernsymptome vermehrt auftreten.

Das Eisbergmodell

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Ein häufig verwendetes Modell zur Veranschaulichung der Stottersymptomatik ist das Eisbergmodell.[4] Das nach außen sichtbare Stottern (Kernsymptomatik, evtl. Fluchtverhalten) macht den deutlich geringeren Teil des Stotterns aus. Viel größer und belastender für die stotternde Person sind häufig die verdeckten Anteile, die der Zuhörer nicht direkt sehen kann. Darunter zählen insbesondere stotterbezogene negative Gedanken und Gefühle zum Stottern.

Variabilität des Stotterns

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Die Stärke und Häufigkeit des Stotterns ist meist situationsabhängig. Die stotterintensivierenden Bedingungen sind einerseits individuell, andererseits wurden auch Gesetzmäßigkeiten beobachtet.[2] Stottern kommt unter anderem verstärkt bei emotionaler Erregung, bei Zeitdruck, beim Multi-Tasking und unter erhöhten kognitiven Anforderungen vor. Beim z. B. Singen, rhythmischen Sprechen und unter Entspannung ist häufig eine Reduktion der Stottersymptomatik zu beobachten.[2]

Die Diagnose Stottern wird gestellt, wenn typische Symptome in einem erheblichen Ausmaß vorhanden sind. Gemäß ICD-10[6] soll Stottern diagnostiziert werden, wenn Symptome wie Wiederholungen und Dehnungen von Sprachelementen und häufige Pausen anhaltend oder wiederholt auftreten, zu einer deutlichen Unterbrechung des Sprachflusses führen und die Störung mindestens drei Monate andauert.

Bei der Diagnose sollte darauf geachtet werden, dass repräsentative Daten bezüglich der Sprechflüssigkeit erhoben werden, da manche Klienten in der diagnostischen Situation flüssiger sprechen als in Alltagssituationen. Daher sollten der Klient oder dessen Angehörige über die Sprechflüssigkeit im Alltag befragt werden. Auch Tonaufnahmen aus Alltagssituationen können hilfreich sein.

Differentialdiagnose:

Das Stottern muss von folgenden Störungen unterschieden werden:

  • Physiologische Redeunflüssigkeit: Bei Kindern mit Unflüssigkeiten muss entschieden werden, ob es sich um normale Unflüssigkeiten (fälschlich oftmals als Entwicklungsstottern bezeichnet) oder um pathologisches Stottern handelt.
  • Poltern: Eine Redeflussstörung, die durch erhöhtes Sprechtempo und undeutliche Aussprache gekennzeichnet ist.
  • Erworbenes Stottern: Ein Stottern, das beispielsweise auf ein psychisches oder physisches Trauma oder auf eine neurologische Erkrankung zurückgeht, ist kein Stottern im hier beschriebenen (idiopathischen) Sinne.

In den letzten zehn Jahren wurde eine präventive Intervention an Kindern unter fünf Jahren erprobt. Diese Studie, die Antonio Bitetti auf dem Kongress der American Psychological Association (A.P.A.) 2022 in Minneapolis, Minnesota (USA), vorstellte, zeigte, dass es möglich ist, bei Kindern mit Sprachstörungen im Alter zwischen zwei und fünf Jahren therapeutisch zu intervenieren, indem die emotionale Dynamik im familiären Kontext bearbeitet wird. Damit wurden die Grundlagen gelegt, um eine Chronifizierung des sogenannten „primären Stotterns“ zu verhindern. Diese therapeutische Arbeit wird direkt mit den Eltern durchgeführt, ohne das Kind mit Sprachstörungen direkt einzubeziehen. Durch die Interpretation der inneren Dynamik des Familienkerns werden die Emotionen, die das Kind zur Entwicklung des Problems treiben, geklärt. Diese Symptomatik, die von vielen als Sprachstörung angesehen wird, ist in Wirklichkeit ein eindeutig psychologisches Symptom. Primäres Stottern kann sich, wenn es nicht richtig behandelt wird, in einem bestimmten Prozentsatz der Fälle zu sogenanntem „sekundärem“ oder „echtem“ Stottern entwickeln.[7]

Die Lebenszeitprävalenz des Stotterns beträgt etwa fünf Prozent, die Punktprävalenz bei älteren Kindern und Erwachsenen etwa ein Prozent.[8][9] Bei Kindern beträgt das Verhältnis von Knaben zu Mädchen etwa 2:1. Das entsprechende Verhältnis bei Erwachsenen beträgt 4:1 bis 5:1. Personen mit neurologischen Erkrankungen, zum Beispiel Epilepsie, sind häufiger betroffen.

Verlauf und Prognose

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Stottern tritt meist im frühen Kindesalter zwischen dem zweiten und dem sechsten Lebensjahr auf.[1][2] Ein Beginn nach dem 12. Lebensjahr ist selten und nach Abschluss der Pubertät nahezu vernachlässigbar[2]. Es werden unterschiedliche Anfänge des Stotterns beschrieben. Das Stottern kann sich graduell oder plötzlich entwickeln.[3][2]

Entwicklung der Symptomatik

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Die Symptomatik des Stotterns tritt häufig zyklisch fluktuierend (intermittierend) auf. Es können im Kindesalter auch stotterfreie Phasen vorkommen. Diese Reduktion der Symptomatik ist allerdings kein Hinweis auf eine Remission.

Im Kindesalter besteht eine Remissionschance von ca. 70–80 %.[1] Es wird von einer Remission ausgegangen, wenn zwölf Monate keine Stottersymptome aufgetreten sind. Die Remissionschance ist in den ersten zwei Jahren und besonders in den ersten sechs bis zwölf Monaten am höchsten.[3] Nach Pubertätsende ist eine Remission sehr unwahrscheinlich. Die Remissionswahrscheinlichkeit ist genetisch beeinflusst.[1] Unterschiedliche aufrechterhaltende Faktoren wie Geschlecht, der Beginn der Unflüssigkeiten, das Vorkommen von Stottern in der Familie, das Alter des Kindes bei Stotterbeginn und der Verlauf der Symptomatik werden diskutiert.[1][3]

Eine Prognose, welches Kind das Stottern verlieren wird, ist im Einzelfall nicht möglich. Ein veränderter Umgang mit dem Stottern kann mittels einer Therapie unterstützt werden.

Die Ursache (medizinisch: Ätiologie) des Stotterns ist nicht geklärt. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, welche die Ursachen oder die Entstehung des Stotterns zu erklären versuchen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es für keine dieser Theorien ausreichende Belege.

Die bestehenden Theorien lassen sich einteilen in psychodynamische, genetische, neuropsychologische, Breakdown- und Lerntheorien.

  • Psychodynamische Theorien gehen davon aus, dass unbewusste Konflikte oder Ziele zum Stottern führen, etwa das Ziel, Aufmerksamkeit oder Fürsorge zu erhalten. Ein Beispiel ist die Theorie Theo Schoenakers, welche auf der Individualpsychologie Alfred Adlers beruht. In der akademischen Sprechwissenschaft gelten psychodynamische Theorien im Allgemeinen als widerlegt.
  • Genetische Theorien gehen von einer vererbten Disposition aus, welche die Entwicklung des Stotterns wahrscheinlicher macht. In Zwillingsstudien zeigt sich etwa, dass die Konkordanz bei eineiigen Zwillingen höher ist als bei zweieiigen. Genetische Theorien können nicht das gesamte Phänomen Stottern erklären.
  • Neuropsychologische Theorien nehmen an, dass sich das Gehirn bei Stotternden anders entwickelt als bei Normalsprechenden, woraus das Stottern resultiert. Einige Studien haben beispielsweise festgestellt, dass Stotternde eine weniger stark ausgeprägte Lateralisierung der Sprachverarbeitung haben als Normalsprechende. Neuropsychologische Studien sind oft korrelativ, weshalb sie keine befriedigende Interpretation von Kausalbeziehungen zulassen.
  • Breakdown-Theorien besagen, dass die Ressourcen zur Verarbeitung von Sprache und Sprechen bei Stotternden den Anforderungen nicht genügen, was zum Zusammenbruch (Breakdown) der Sprechverarbeitung führe. Für diese Theorien spricht etwa, dass Stotternde häufiger als Normalsprechende Sprachentwicklungsstörungen und andere Sprachstörungen haben.
  • Lerntheorien erklären die – vor allem sekundäre – Symptomatik durch eine Kombination aus klassischer und operanter Konditionierung. Klassische Konditionierung erklärt demnach die Verknüpfung des Primärstotterns mit sekundären Verhaltensweisen: Die wiederholte Kopplung primärer mit sekundären Verhaltensweisen führt dazu, dass die sekundären Verhaltensweisen durch die primären automatisch ausgelöst werden. Operante Konditionierung erklärt, warum Vermeidungsverhalten gezeigt wird: Vermeidungsverhalten führt zu erhöhter Angst und wird daher verstärkt, womit die Wahrscheinlichkeit solchen Verhaltens steigt.

Erste Verdienste bei der Entwicklung einer Therapie erwarb sich der französische Arzt Marc Colombat de L’Isère (1797–1851).

Eine vollständige Heilung – als absolute Symptomfreiheit in allen Situationen – ist beim Stottern insbesondere im Erwachsenenalter schwer oder gar nicht erreichbar. Da das Stottern für die Betroffenen oft eine schwere Einschränkung darstellt, sind die vielen Ansätze, welche meist innerhalb weniger Tage eine Heilung versprechen, unseriös. Es ist vor einer Therapie daher ratsam, unabhängigen Rat von Fachleuten einzuholen, die keine kommerziellen Interessen verfolgen.

Modifikationsansatz

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Dieser verhaltenstherapeutische Ansatz basiert auf der Annahme, dass Stottern grundsätzlich nicht heilbar ist, da die neuronale Grundstruktur des Sprechens eines Erwachsenen mit ihren motorischen, psychogenen und teilweise neurotischen Einflüssen soweit ausgeprägt ist, dass grundlegende Änderungen unmöglich sind. Der Ansatz zielt daher primär darauf ab, die stotternde Sprechweise anzunehmen, mit ihr zu leben und sie explizit zu modifizieren zu lernen. Die Vorgehensweise ist verhaltenstherapeutisch angelegt und umfasst Aspekte wie

Dieser Ansatz wurde in den 1930er Jahren an der University of Iowa entwickelt. Hauptvertreter ist der US-Amerikaner Charles Van Riper (1905–1994), der als einer der Begründer der speech-language pathology in den USA gelten kann (akademischer Beruf mit Studium an der Philosophischen Fakultät, daher mit Logopäden nicht zu vergleichen, eher mit klinischen Sprechwissenschaftlern). Ein Großteil seiner Schriften befasst sich mit dem Thema Stottern.

Sprechtechnischer Ansatz

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Demgegenüber steht ein Ansatz, der sich im Hinblick auf Anleihen aus Gesangs-, Atem- und Stimmtechnik auf das Erlernen einer „neuen“ Sprechweise richtet. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Mehrheit der Stotternden beim Singen oder beim Sprechen im Chor keine Probleme hat, werden klangvolleres Sprechen, Tongebung, Atemtechnik und rhetorische Aspekte eingeübt. Die Begründer und Weiterentwickler dieses Ansatzes sind etwa Karl Hartlieb, Oscar Hausdörfer, Ronald Muirden, Erwin Richter, Rudolf Denhardt, P. A. Kreuels und Leonard del Ferro. Eventuell kann auch eine elektronische Sprachflusshilfe eingesetzt werden.

Mentaler Ansatz

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Mit dieser überwiegend mentalen (gedanklichen) Methode, die ihren Ursprung im Leistungssportbereich hat, sollen das Sprechen angstfrei in geordneten Bahnen neu und natürlich gelernt und die alten Stotterstrukturen überlernt werden. Durch regelmäßiges Lesen und Umsetzen der autosuggestiven und wohltuenden Leitsätze soll das Unbewusste in die gewünschte Richtung eines individuellen und flüssigen Sprechens gebracht werden. Begründer der Ropana-Methode ist Roland Pauli. Eine andere Methode ist die Hausdörfer-Technik, bei der ein Mensch anstreben müsse, zum Phlegmatiker zu werden.[10]

Die Idee zu akzeptieren, dass Stottern ein Sprachproblem ist, ist zu reduzierend, da der Stotternde tief im Inneren weiß, dass er gut sprechen kann, jedoch unter bestimmten Bedingungen. Diese Bedingungen bestehen darin, sich nicht von anderen beurteilt zu fühlen und vor allem eine Überlegenheit gegenüber dem Gesprächspartner zu empfinden. In der Tat, im Falle eines gleichwertigen Verhältnisses, stottert der Stotternde bis zu einem gewissen Punkt; jedoch stottert er viel mehr, wenn er sich mit Personen befindet, die er als autoritär oder überlegen ansieht, wie zum Beispiel im Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer. Er zieht jedoch großen Vorteil daraus, sich in einer überlegenen Position zu befinden, und in diesem Fall stottert er nur wenig oder gar nicht. Das Schlüsselelement im Dynamismus des Stotterns oder des Stotternden in seiner Persönlichkeit ist seine Tendenz, die eigene Sprache zu kontrollieren, weil sie mit Emotionen durchzogen ist, die Wut beinhalten.[11]

Je mehr kontrolliert wird, desto mehr wird gestottert; die Symptomatik des Stotterns ist direkt proportional zum Grad der Kontrolle, der zu einer Last wird. Der Mund sollte freigelassen werden, er muss nicht ständig kontrolliert werden; wenn jedoch diese Freiheit blockiert wird, hat dies einen gegenteiligen Effekt zur normalen menschlichen Physiologie. Kontrolle ist per se ein Mechanismus, der der Freiheit des Handelns entgegensteht und verhindert, dass dem Stotternden die Möglichkeit gegeben wird, frei zu sprechen. Der Stotternde ist viel aufmerksamer, oder besser gesagt übermäßig aufmerksam auf die Art und Weise, wie er sich im Moment der Interaktion ausdrücken wird. In dem perfektionistischen Anspruch, die beste konzeptionelle und expressive Ausarbeitung zu finden, stolpert er, und es ist fast so, als würde er im entgegengesetzten Fall auflaufen und somit stottern.[12]

Psychotherapie bei Stottern

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Verschiedene Denkrichtungen diskutieren seit langem über den Umgang mit Stottern. Der rehabilitativ oder symptomatische Aspekt des Problems überwiegt, das heißt es besteht die Tendenz, die Sprache durch Techniken zu verbessern, die die verbale Flüssigkeit verbessern. Eine neue Denkrichtung, die seit 1997 von Antonio Bitetti eingeführt wird, befasst sich stattdessen nicht nur mit dem Symptom des Stotterns, sondern behandelt auch die kognitiven und emotionalen Aspekte des Stotternden mithilfe eines Therapiemodells namens „Integrierter Ansatz“. Diese Forschung wurde auch auf dem Kongress der American Psychological Association (A.P.A.) vorgestellt, der im August 2022 in Minneapolis, Minnesota (USA) stattfand. Anlässlich dieser Gelegenheit bekräftigte der Psychologe und Psychotherapeut Antonio Bitetti[13] die Theorie, dass Stottern nur der manifeste Teil einer Tendenz des Stotterers ist, schlecht über sich selbst zu denken und das Urteil anderer stark zu fürchten. Dabei wurde auch ein wichtiger Aspekt, die Kontrolle der Stimmgebung, erwähnt. Der Stotterer stottert also, weil er versucht, etwas zu kontrollieren, das absolut nicht kontrolliert werden sollte, nämlich seine eigene Sprache. Die Therapie mit dem „Integrierten Ansatz“ ermöglicht es dem Stotterer, seine Störung ganzheitlich zu betrachten, mit dem Ziel, dem Stotterer bewusst zu machen, wie er seinen emotionalen und relationalen Teil am besten organisieren kann.

Stotterbehandlung mit einer mobilen App

Für die Stottertherapie bestehen spezielle mobile Apps und PC-Programme. Der Zweck der Anwendungen dieser Art ist es, den Sprachkreis „ich sage → ich höre zu → ich baue die Phrase → ich sage etc.“ unter Verwendung verschiedener Methoden der Stotterkorrektur wiederherzustellen.[14]

Der Benutzer interagiert mit der Anwendung durch modifizierte akustische Rückkopplung: Er spricht in das Mikrofon des Headsets und hört seine eigene Stimme, die durch eine bestimmte Methode verarbeitet wird.[15]

Unter den Methoden der Korrektur des Stotterns in Anwendungen werden am häufigsten verwendet:

  • Maskierung der akustischen Rückkopplung (englisch MAF – Masking auditory feedback). Dies stellt sich eine Maskierung durch „weißes Rauschen“ oder Sinusrauschen eigener Rede des Benutzers dar. Die Wissenschaftler glauben, dass Stotterer besser sprechen können, wenn sie ihre eigene Sprache nicht hören. Diese Methode gilt als veraltet und wenig effektiv.[16][17][18]
  • Verzögerung der akustischen Rückkopplung (englisch DAF – Delayed auditory feedback). Diese Methode basiert darauf, dass die Stimme des Benutzers vom Mikrofon mit einer Verzögerung von Sekundenbruchteilen an die Kopfhörer ausgegeben wird. Der Zweck der Methode besteht darin, den Stotternden beizubringen, Vokale zu dehnen und die Sprachgeschwindigkeit zu verringern. Nach der Sprachkorrektur für lange Verzögerungen wird auf kleinere Verzögerungen abgestimmt, wodurch die Sprachgeschwindigkeit erhöht wird, bis sie sich normalisiert.[19][20]
  • Änderung der akustischen Rückkopplungsfrequenz (englisch FAF – Frequency-shifted auditory feedback). Das Verfahren besteht darin, die Frequenz des Sprachtons, den der Benutzer hört, im Vergleich zu seiner eigenen Stimme zu verschieben. Die Intervalle der Verschiebung können von wenigen Halbtönen bis zu einer halben Oktave variieren.[21][22][23] Die Methoden des DAF und des FAF beruhen auf der Beobachtung, dass Stotterer einen Text fehlerfrei lesen können, wenn sie ihn in einer Gruppe – mindestens zu zweit – synchron sprechen. Wird dem Stotterer die eigene Rede mit einer zeitlichen Versetzung um wenige Hundertstelsekunden und vorzugsweise auch einer Frequenzverschiebung über einen Kopfhörer zurückgespielt, erhält der Betroffene durch dieses Echo den Eindruck, als spräche ein weiterer Mensch mit, was das eigene Sprechen erleichtern kann.[24]
  • Verwendung von Metronom- und Tempo-Korrektoren. Diese Methode verwendet die rhythmischen Schläge eines Metronoms. Die Wirksamkeit der Methode ist darauf zurückzuführen, dass sich die Rhythmik positiv auf den stotternden Menschen auswirkt, besonders wenn er in einem langsamen Tempo spricht.[25]
  • Verwendung einer visuellen Rückkopplung. Diese Methode basiert darauf, dass die Sprachparameter des Benutzers (z. B. Redetempo) gemessen und als visuelle Informationen auf einem Bildschirm angezeigt werden. Der Hauptzweck der Methode ist es, dem Benutzer zu ermöglichen, die Stimme effektiv zu verwalten, indem er die vorgegebenen Zielparameter erreicht.
    Es wird davon ausgegangen, dass der Benutzer während des Prozesses der Aussprache auf dem Bildschirm eine visuelle Darstellung sowohl der aktuellen als auch zielgebunden Parameter sieht.[26][27]
  • Verwendung von vorgefertigten oder gereimten Texten. Das Verfahren geht davon aus, dass das Lesen von speziell vorbereiteten oder gereimten Texten einer Person hilft, den Sprachfluss wiederherzustellen und damit den Sprachkreisabriss zu beseitigen.

Die Vergleichseigenschaften verschiedener mobiler Apps zur Behandlung von Stottern sind in der folgenden Tabelle aufgeführt:

Vergleichende Eigenschaften von Mobile Apps zur Behandlung von Stottern
LOGOPÄDIE. ERGOTHERAPIE. Stuttering Speech Therapy -

DAF-Logotherapy

Zaikanie.NET BREATHMAKER DAF

Professional

MPiStutter axSoft

Speech corrector

Stamurai -

Stuttering /

Stammering

Treatment App

Speech Jammer Kekemelik Egzersizleri
Betriebssystem iOS Android Windows Windows Android

iOS

iOS Android

Windows

Android iOS Android
DAF + + + + + + + + +
FAF + + + + +
Metronom + +
Vibro-Metronom +
Text reimen + + + + +
Sprache Geschwindigkeit + + +
Gesichtsbehandlung anzeigen Ausdrücke von der Kamera + +
Timer + +
Hintergrund

Modus

+ + + + + + +

Weitere Ansätze

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Viele weitere Therapien und therapeutische Ansätze fokussieren auf Teilaspekte wie Atemtechnik, Stimmgebrauch und Klangerzeugung oder arbeiten mit Hilfsmitteln wie Hypnose. Allerdings ist die Fachwelt uneins über die Wirksamkeit dieser Ansätze, obwohl in der medialen Öffentlichkeit immer wieder „geheilte“ Klienten vorgeführt werden.

Öffentliche Wahrnehmung

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Welttag des Stotterns

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Das „Stuttering Awareness Ribbon“ (Symbol der jährlichen Onlinekonferenz)

In der Zeit vom 1. bis 22. Oktober jeden Jahres findet eine internationale Onlinekonferenz Stotternder statt, an deren Ende der 1998 erstmals ausgerufene Welttag des Stotterns (22. Oktober) steht. Seit 2009 ist das Stuttering Awareness Ribbon, ein zur Schleife gelegtes meergrünes Band, das Symbol dieser Veranstaltung. Ziel der Initiativen ist es, die Aufmerksamkeit Nichtbetroffener auf die Probleme der Stotternden zu lenken; die Farbe Meergrün steht für die Beruhigung, die der Stotternde erfährt, wenn er verständnisvollen Umgang findet.[28]

Der 2010 erschienene Spielfilm The King’s Speech thematisiert das Stottern von König Georg VI. und einen möglichen Therapieansatz.

2018 erschien der Dokumentarfilm Mein Stottern,[29] der das Thema aus der Innenperspektive darstellt, indem er verschiedene Betroffene und ihre Strategien mit dem Stottern in den Blick rückt.

Mike Krüger besang in seinem Lied M-M-M-Mädel sich selbst und den Umstand, dass er beim Ansprechen von Frauen ins Stottern gerät, Ben’s Brother thematisierten das Stottern 2008 in ihrem Lied Stuttering, ebenso Ganz Schön Feist in ihrem Logopädentango. Weitere Interpreten, die das Stottern in ihren Liedern thematisierten, sind der 1999 verstorbene Scatman John und John Lee Hooker (Stuttering Blues).

Es gab und gibt deutschlandweit mehrere von Lokalradios regelmäßig ausgestrahlte Sendungen, die sich mit dem Thema Stottern beschäftigen und von Stotternden moderiert werden. Die erste dieser Sendungen war der Stotterfunk auf dem Sender Freies Radio für Stuttgart. Er richtet sich an stotternde Hörer und ist als Organ innerhalb der Selbsthilfe gedacht.[30] Die Sendung Schöner Stottern auf LORA München richtete sich bewusst an eine breitere Hörerschaft und war acht Jahre lang on air. Die letzte Sendung wurde 2015 gesendet.[31] Eine weitere Sendung nannte sich Holper Stolper und wurde bis 2017 von Radio free FM übertragen.[32]

Prominente Stotternde

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Zahlreiche Prominente stotterten, darunter Rowan Atkinson, Georg VI. (Vereinigtes Königreich), Winston Churchill, Marilyn Monroe, Bruce Willis und Joe Biden.[33][34]

  • Ulrich Natke, Anke Alpermann: Stottern. Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. 3. Auflage. Huber, Bern 2010, ISBN 978-3-456-84891-4.
  • Christopher Wartenberg: Eine Kulturgeschichte des Stotterers. Waxmann, Münster 2022, ISBN 978-3-8309-4527-7.
  • Wolfgang Wendlandt: Stottern im Erwachsenenalter. Grundlagenwissen und Handlungshilfen für die Therapie und Selbsthilfe. Thieme, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-13-129031-1.
Commons: Stottern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Stottern – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. a b c K. Neumann, H. A. Euler, H. G. Bosshardt, S. Cook, P. Sandrieser, P. Schneider, M. Sommer, G. Thum: Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen. Evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 049-013 http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-013. Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Version 1, 2016.
  2. a b c d Ulrich Natke, Anke Kohmäscher: Stottern: Wissenschaftliche Erkenntnisse und evidenzbasierte Therapie. 4. Aufl. 2020. Springer, Berlin/Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-60941-5.
  3. Hartmut Zückner: Intensiv-Modifikation Stottern: Therapiemanual. 3., Auflage. Natke Verlag, Wegberg 2024, ISBN 978-3-936640-22-9.
  4. a b Sol Adler, Dominick A. Barbara, Spencer F. Brown: An einen Stotterer. 7. Auflage, 11. Tausend. Demosthenes, Verlag der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e. V., Köln 2004, ISBN 978-3-921897-00-3.
  5. Patricia Sandrieser, Peter Schneider: Stottern im Kindesalter: Forum Logopädie (= Forum Logopädie). 5. Auflage. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-13-245486-6.
  6. Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis. Huber, Bern 2006, ISBN 3-456-84286-4.
  7. Antonio Bitetti: Stottern ein Integrierter Ansatz. IEB Editore, Milano 2016, ISBN 978-88-97151-03-6.
  8. M. Ptok, U. Natke, H. M. Oertle: Stottern – Pathogenese und Therapie. In: Deutsches Ärzteblatt. (103) 18, A1216–1221.
  9. Claudia Spindler: Prävalenzstudien Stottern.
  10. Christine Michaela Busler: Stottern, Modifikationstechniken und Therapiemöglichkeiten. Analyse von Fallstudien aus linguistischer Perspektive. Zur Erlangung des Grades einer Doktorin der Philosophie (Dr. phil.) genehmigte Dissertation. Universität Hannover. Hannover 2002, DNB 967342902/34.
  11. Antonio Bitetti: Il controllo delle emozioni nel dinamismo della balbuzie. PsicoPuglia - Notiziario dell'Ordine degli Psicologi della Puglia, 2019, S. 90–95 (italienisch).
  12. Antonio Bitetti: Stammering An Integrated Approach: An Innovative Way to Deal with Stammering. 2022 (englisch, core-apps.com).
  13. Antonio Bitetti: Dott.Antonio Bitetti. Abgerufen am 28. Mai 2025 (italienisch).
  14. Electronic Devices, Software and Apps. In: Stuttering Foundation: A Nonprofit Organization Helping Those Who Stutter. Abgerufen am 21. November 2019 (englisch).
  15. Electronic Devices, Software and Apps. In: Stuttering Foundation: A Nonprofit Organization Helping Those Who Stutter. Abgerufen am 21. November 2019 (englisch).
  16. J. Kalinowski, J. Armson, M. Roland-Mieszkowski, A. Stuart, V. L. Gracco: Effects of alterations in auditory feedback and speech rate on stuttering frequency. In: Language and Speech. 36 (Pt 1), 1993, ISSN 0023-8309, S. 1–16, doi:10.1177/002383099303600101, PMID 8345771.
  17. Adam Jacks, Katarina L. Haley: Auditory Masking Effects on Speech Fluency in Apraxia of Speech and Aphasia: Comparison to Altered Auditory Feedback. In: Journal of Speech, Language, and Hearing Research: JSLHR. 58. Jahrgang, Nr. 6, 2015, ISSN 1092-4388, S. 1670–1686, doi:10.1044/2015_JSLHR-S-14-0277, PMID 26363508, PMC 4987030 (freier Volltext) – (englisch).
  18. Bryan D. Burke: Reduced auditory feedback and stuttering. In: Behaviour Research and Therapy. 7. Jahrgang, Nr. 3, 1. September 1969, ISSN 0005-7967, S. 303–308, doi:10.1016/0005-7967(69)90011-4 (englisch).
  19. Bothe Anne K., Finn Patrick, Bramlett Robin E.: Pseudoscience and the SpeechEasy: Reply to Kalinowski, Saltuklaroglu, Stuart, and Guntupalli (2007). In: American Journal of Speech-Language Pathology. 16. Jahrgang, Nr. 1, 1. Februar 2007, S. 77–83, doi:10.1044/1058-0360(2007/010) (englisch).
  20. Luana Altran Picoloto, Ana Cláudia Vieira Cardoso, Amanda Venuti Cerqueira, Cristiane Moço Canhetti de Oliveira: Effect of delayed auditory feedback on stuttering with and without central auditory processing disorders. In: CoDAS. 29. Jahrgang, Nr. 6, 7. Dezember 2017, ISSN 2317-1782, S. e20170038, doi:10.1590/2317-1782/201720170038, PMID 29236907 (englisch).
  21. Joseph Kalinowski, Joy Armson, Andrew Stuart, Vincent L. Gracco: Effects of Alterations in Auditory Feedback and Speech Rate on Stuttering Frequency. In: Language and Speech. Band 36, Nr. 1, Januar 1993, ISSN 0023-8309, S. 1–16, doi:10.1177/002383099303600101.
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  33. Prominente Stotterer. WELT, abgerufen am 2. Dezember 2022.
  34. Um sein Stottern zu lindern: So hat sich Biden auf seine Rede zur Lage der Nation vorbereitet. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 20. Juni 2024]).