Stressmanagement

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Stressmanagement (Synonyme: Coping, Stressbewältigung) ist ein Sammelbegriff für Methoden und Bewältigungsstrategien, um psychisch und physisch belastenden Stress zu verringern oder ganz abzubauen. Stressmanagementmethoden können hilfreich sein, wenn Widerstandsfähigkeit und Selbstheilungskräfte des Menschen wegen innerer und äußerer Belastungen zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit oder der Gesundheit nicht ausreichen.

Bewältigungsstrategien befassen sich mit Erhalt und Förderung von Ressourcen und dem Management gedanklicher, emotionaler und körperlichen Aspekte bei Stresselastung. Der Psychologe Gert Kaluza ordnet die Bewältigungsstrategien in drei Gruppen ein: Instrumentelles Stressmanagement (Beeinflussung der Stressoren), mentales Stressmanagement (stressverschärfende Gedanken verändern), palliativ-regeneratives Stressmanagement (die Stressreaktion beeinflussen).[1]

Schritte im Rahmen des Stressmanagements sind

  • Analyse der Stressoren,
  • Enttabuisierung psychischer Stressbelastung,
  • Förderung der individueller Bewältigungsfähigkeiten.[2]

Stressanagementstrategien werden unter anderem von Psychologen, Psychotherapeuten oder Coaches vermittelt. Zur Selbsthilfe werden neben sportlicher Betätigung und gesunder Ernährung häufig Entspannungstechniken und Achtsamkeitsübungen sowie Zeitmanagement empfohlen.

Bekannte Stressmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewältigungsmodelle bauen auf unterschiedlichen Stressmodellen bzw. -theorien auf:

Stressmanagement- und Stressbewältigungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Stressmanagement setzt man verschiedene Formen oder Bestandteile von Psychotherapie sowie diverse Trainingsmethoden ein. Angewandt werden beispielsweise

Erholung durch Urlaub kann kurzfristig zum Abbau von Stress beitragen, beeinflusst aber nicht gezielt die grundlegende Problematik.

Im Kontext der Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen wird beispielsweise die Stressbelastung durch ein höheres Arbeitspensum im Rahmen des achtjährigen Gymnasiums G8 kritisiert („Turbo-Abitur“). Stress-Symptome wie Bauchschmerzen oder Angst vor Prüfungen treten laut aktuellen Untersuchungen bei jedem fünften Kind auf, häufig begleitet von Konzentrationsschwäche und Leistungsstörungen. Zur Stressbewältigung eignen sich Gespräche mit dem Kind und eine ausgewogene Balance zwischen Schule und Freizeit.[13]

Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neurobiologisch betrachtet ist der wesentliche Bestandteil eines sinnvollen Stressmanagements die Herabsetzung innerer, speziell vegetativer „Aktivität“. Geeignete Verfahren dazu sind Übungen zur Achtsamkeit (MBSR), passive Badeanwendungen und fast jede Art von Massagen oder aktiv jede Form von körperlicher, beispielsweise „sportlicher“ Lockerung, weiterhin bekannte Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Meditation, Yoga, Atementspannung und Herzkohärenz und auch Techniken des Biofeedback.

Stressmanagement mit Biofeedback-Training[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die direkte Biofeedback-Messung der Respiratorischen Sinusarrhythmie (Abstimmung von Atmung und Herzschlag) gibt Auskunft über die Herzratenvariabilität (HRV), die eine messbare, biologische Bezugsgröße für Stresstoleranz und Funktionstüchtigkeit darstellt und über die Qualität des Flow-Zustandes Auskunft gibt.[14]

Ausdauersport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderates Ausdauertraining dient dem Stressabbau und fördert ebenfalls die neuronale Umstrukturierung in Richtung einer Neurotransmitter-Ausschüttung, die Ausgeglichenheit und Entspannung bewirkt. Geeignete Formen von Ausdauersport sind zum Beispiel Joggen, Walking, Schwimmsport oder Fahrradfahren.

Kritische Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bezeichnung negativ formuliert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Stressmanagement oder Stressbewältigung ist mit der Ausrichtung auf den Zustand (Stress) formuliert, von dem es sich zu entfernen gilt. Er ist somit negativ formuliert, wenn von der Orientierung auf das Ziel ausgegangen wird. Bewegt sich der Mensch weg vom Stress, nähert er sich den eigenen Ressourcen an, dem Flowzustand oder dem Wohlgefühl, was dann eine positive Zieldefinition darstellen würde. Eine Positiv-Definition in diesem Sinne wäre beispielsweise der Begriff „Ressourcenmanagement“, welcher neben Stressmanagement ein gängiger Begriff geworden ist (siehe auch Theorie der Ressourcenerhaltung).

Befolgt der Mensch eine Trainingsanleitung mit negativ formulierter Zielformulierung, wird er das Negative im Blick behalten, darauf ausgerichtet, weiterhin daran orientiert sein. Als unerwünschte Auswirkung bleibt der Mensch möglicherweise auf das Negative fixiert, zumindest erschwert der Begriff die Ausrichtung auf das Positive, das eigentlich angestrebte Ziel.

Standardisierung und Individualität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl die individualität der Menschen, als auch die Unterschiede in den Belastungen denen Menschen ausgesetzt sind, erfordern unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Möglicherweise berücksichtigen Untersuchungen zur Wirksamkeit verschiedener Stressbewältigungsverfahren diesen Aspekt (noch) nicht genügend, sondern gehen von gleichen Voraussetzungen aller beteiligten Testpersonen aus. Gert Kaluza merkt an, dass es nicht möglich sei personenübergreifende und situationsübrgreifende Aussagen über die Effektivität bestimmter Stressbewältigungsfertigkeiten zu machen.[15] Er regt daher an, ein breites Spektrum an Stressbewältigungsmethoden zu vermitteln, um einer Verfestigung einseitiger Bewältigungsgewohnheiten entgegen zu wirken und so einen flexiblen Umgang mit den verschiedenen Belastungen zu fördern.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David Servan-Schreiber: Die Neue Medizin der Emotionen. Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente. Goldmann, München 2006, ISBN 3-442-15353-0 (Übersetzer: Inge Leipold, Ursel Schäfer).
  • Angelika Wagner-Link: Verhaltenstraining zur Streßbewältigung. Arbeitsbuch für Therapeuten und Trainer. 4., überarbeitete, erweiterte Auflage. Klett-Cotta, 2005, ISBN 3-608-89013-0.
  • Jon Kabat-Zinn: Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit [Audiobook]. überarbeitete, erweiterte Auflage. Arbor-Verlag, 1999, ISBN 3-924195-57-9.
  • Gert Kaluza: Stressbewältigung – Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. 3. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-00868-3 (Nachdruck).
  • Paul M. Lehrer, Robert L. Woolfolk, Wesley E. Sime (Hrsg.): Principles and Practice of Stress Management. 3. Auflage. Guilford Publications, 2007, ISBN 978-1-59385-000-5 (englisch).
  • George S. Everly, Jeffrey T. Mitchell: Critical Incident Stress Management – Stressmanagement nach kritischen Ereignissen. Facultas-Univ.-Verlag, Wien 2002, ISBN 3-85076-560-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Senf, Michael Broda, Bettina Wilms: Techniken der Psychotherapie: Ein methodenübergreifendes Kompendium. Georg Thieme Verlag, 2013, ISBN 978-3-13-163171-8, S. 60 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Eva Bamberg, Christine Busch, Antje Ducki: Stress- und Ressourcenmanagement. Strategien und Methoden für die neue Arbeitswelt. 1. Auflage. Huber, Bern 2003, ISBN 3-456-83969-3.
  3. Walter B. Cannon: Wut, Hunger, Angst und Schmerz – eine Physiologie der Emotionen. Aus d. Engl. übers. von Helmut Junker. Hrsg. von Thure von Uexküll. Urban & Schwarzenberg, München/ Berlin/ Wien 1975. (Erste engl. Ausgabe 1915)
  4. Hans Selye: The Physiology and Pathology of Exposure to STRESS. ACTA. INC. Medical Publishers, 1950.
  5. Hans Selye: Einführung in die Lehre vom Adaptationssyndrom. 1953.
  6. J. P. Henry: Biological basis of stress response. In: Integrative physiological and behavioral science: the official journal of the Pavlovian Society. Band 27, Nr. 1, 1992, S. 66–83.
  7. Hermann Faller, Herrmann Lang: Medizinische Psychologie und Soziologie. Springer, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-29995-5.
  8. R. S. Lazarus: Emotion and Adaptation. Oxford University Press, London 1991.
  9. Stevan Hobfoll, Petra Buchwald: Die Theorie der Ressourcenerhaltung und das multiaxiale Copingmodell – eine innovative Stresstheorie. In: P. Buchwald, C. Schwarzer, S. E. Hobfoll (Hrsg.): Stress gemeinsam bewältigen – Ressourcenmanagement und multi-axiales Coping. Hogrefe, Göttingen 2004, ISBN 3-8017-1679-1, S. 11–26.
  10. Focusing achieved desensitization as effectively as the use of behavior therapy and Focusing was equivalent to RET in successful stress management. From: M. N. Hendricks: Research Basis of Focusing-Oriented/Experiential Psychotherapy. In: David Cain, Jules Seeman (Hrsg.): Humanistic Psychotherapy: Handbook of Research and Practice. American Psychological Association, 2001.
  11. S. E. Weld: Stress Management Outcome: Prediction of Differential Outcome by Personality Characteristics. Dissertation. Abstracts International, 1992.
  12. J. Klagsbrun, Susan L. Lennox, L. Summer: Effect of “Clearing a Space” on Quality of Life in Women with Breast Cancer. In: USABPJ. Band 9, Nr. 2, 2010.
  13. Weg-mit-stress.de: Stressbewältigung bei Kindern
  14. Herbert Mück, Michael Mück-Weymann: Herzratenvariabilität. Zusammenhang von Flow und Herzratenvariabilität
  15. a b Gert Kaluza: Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. Springer-Verlag, 2018, ISBN 978-3-662-55638-2, S. 72 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 22. Juni 2019]).