Sturmfedersches Schloss

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Sturmfedersches Schloss von Osten (Hauptfassade)
Michelstor vor der Südfront des Schlosses

Das Sturmfedersche Schloss mit dem Michelstor in der rheinland-pfälzischen Ortsgemeinde Dirmstein ist ein schlossartiges Herrenhaus aus der Barockzeit, das schon frühklassizistische Elemente aufweist. Das Michelstor, dessen Abbildung als Wahrzeichen des Ortes verwendet wird, befindet sich in der zugehörigen Mauer des Schlossplatzes. Die Anlage steht – wie die weiteren restaurierten Schlösser des Ortes, Koeth-Wanscheidsches, Quadtsches und Bischöfliches Schloss – unter Denkmalschutz.[1][2]

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlossplatz (Blickrichtung Südwest), rechts das Sturmfedersche Schloss

Das Sturmfedersche Schloss liegt an dem nach ihm benannten Schlossplatz im historischen Ortskern des früheren Oberdorfes von Dirmstein. Schloss und Michelstor trennen den Schlossplatz, der ursprünglich den Innenhof der Anlage darstellte und heute mit seinem bogenförmigen Pflaster die Funktion eines Markt- und Festplatzes hat, nach Westen zur Marktstraße hin ab. Zu den prominenten Gebäuden in der Nähe zählen v. a. die barocke Laurentiuskirche, der Spitalhof, das Alte Rathaus und Franz Rothermels Haus.

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das weiß verputzte Gebäude ist zweieinhalbstöckig und besteht aus zwei Vollgeschossen sowie einem Mansardgeschoss. Das Walmdach besitzt beidseitig je sieben Gauben. Der quaderförmige Bau erstreckt sich in Süd-Nord-Richtung mit der Hauptfassade nach Osten, während die rückwärtige Fassade nach Westen zeigt. Der dortige Zweiteingang an der Marktstraße besitzt eine relativ schmale Sandsteintreppe mit vier Stufen. Quer vor der Hauptfassade liegt eine zweistufige podestartige Freitreppe aus rotem Sandstein, die zu den Seiten hin zwei kleine Springbrunnen mit runden Schalen aus dem gleichen Material trägt.

Michelstor und Mauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Mauer, die zum Schlossplatz, dem ehemaligen Innenhof, hin konkav zurückgenommen ist, verlängert die Westfassade des Schlosses nach Süden bis zur historischen St.-Michael-Apotheke. Die Mauer wird vom offenen Bogen des Michelstores durchbrochen, das von zwei schmalen, ebenfalls offenen Pforten flankiert wird.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Befestigte Hofanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Vorgängerbau des Schlosses wurde im 13. Jahrhundert als befestigte Hofanlage mit Wehrtürmen durch einen Ritter aus der Familie Lerch von Dirmstein angelegt, bei dem es sich vom Bauzeitraum her um den Urahn Jacob des berühmten Ortsadeligen Caspar Lerch (IV.) gehandelt haben muss.

Letzterer und sein Vater Caspar Lerch (III.) sind auf dem sehr stark verwitterten Sturz eines Renaissanceportals verewigt, der an der Nordseite des Gebäudes eingemauert ist:

CASPAR LERCH DER DRITTE VND DOROTHEA ZV ELTZ EHELEVT
CASPAR LERCH DER VIRTE VND MARTHA BRENDELIN EHELEVT


Der Inhalt lässt auf eine Entstehung des Portals zwischen 1602, als der jüngere Caspar Lerch seine Frau Martha Brendel heiratete, und 1621 schließen, als er mit seiner Familie während des Dreißigjährigen Krieges für 19 Jahre ins Exil gehen musste. Eine identische Inschrift findet sich auch am Nachfolgebau von Lerchs „Burg“, der heutigen „Fechtschule“.

Erweiterungen, Um- und Neubau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen der Familie Sturmfeder von Oppenweiler
St. Michael mit dem Flammenschwert

Im Lauf der folgenden Jahrhunderte wurde die Anlage immer wieder modifiziert und mit Elementen der jeweiligen Stilepoche versehen. Ab 1736 erfuhr sie durch den Freiherrn Marsilius Franz Sturmfeder von Oppenweiler (1674–1744), einen Urenkel des jüngeren Caspar Lerch, größere bauliche Veränderungen. Sturmfeder, bekannt für seine Verschwendungssucht und seine Grobheit, eckte wegen seiner Herrsch- und Streitsucht nicht nur in Dirmstein, sondern vor allem auch im württembergischen Stammland seiner Familie an. Seinen legendären Hader mit der Obrigkeit ließ er 1738 auf dem neuen Michelstor in Form einer Skulptur als seinen angeblich siegreichen Kampf mit dem Teufel verewigen. Das vergoldete Flammenschwert des Erzengels steht dabei wohl auch als Allegorie für die „Sturmfeder“ genannte Ritterlanze; der von St. Michael besiegte Teufel soll nach zeitgenössischen Berichten das Gesicht des damaligen Bürgermeisters tragen. Über der von außen rechten Seitenpforte neben dem Tor ist zudem ein steinerner „Neidkopf“ eingelassen, der offenbar nicht angebracht wurde, um nach altem Brauch das Böse abzuwehren, sondern um Widersacher zu verspotten. Diese hatten unmittelbar vor der von Sturmfeder geplanten Toreinfahrt, aber auf Gemeindegrund, einen Quergraben gezogen, um die Torbenutzung zu behindern oder ganz unmöglich zu machen. Daraufhin hatte Sturmfeder Mauer und Tor in der Mitte bogenförmig auf sein eigenes Grundstück zurück versetzt.

Sturmfeder nutzte die Errichtung des Michelstores nicht nur zur Installation der Skulptur, er hielt auch durch die Einmeißelung zahlreicher Inschriften über dem Torbogen und zu dessen beiden Seiten Anschuldigungen und Anspielungen gegenüber nicht namentlich genannten Feinden auf Dauer fest. Auf die Zielpersonen der Inschriften kann heute nur noch indirekt geschlossen werden, sie dürften jedoch zur Zeit der Entstehung der Texte allen Involvierten bekannt gewesen sein.

Offenbar um 1780 erfolgte durch eine spätere Generation der Familie Sturmfeder der Umbau zu dem heutigen Schloss, wobei insbesondere ursprünglich aus Holz gefertigte Elemente durch Mauerwerk ersetzt wurden.

Enteignung und Versteigerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bogen des Michelstors: Sieg über den Teufel (oben), Schlussstein nach Entfernung des Wappens (unten)

Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Französische Revolution auf die Pfalz übergriff, wurde die Schlossanlage enteignet und versteigert. In dieser Zeit wurde über dem Torbogen das Sturmfedersche Familienwappen oberflächlich vom Schlussstein abgeschlagen und unterhalb der nun leeren Fläche eine – dilettantisch ausgeführte – Inschrift „AUSGESTORBEN“ eingemeißelt. Über die Versteigerung kam am 3. April 1809 Agnes Würtz, die Witwe des Mennoniten Christian Möllinger aus Monsheim, in den Besitz des Schlosses. Sie gab es an ihre Tochter Katharina weiter, die den Dirmsteiner Johann Janson geheiratet hatte. Von Jansons Nachfahren erwarb es 1970 die Ortsgemeinde.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 20. Jahrhundert wurden sämtliche Funktionsgebäude, die früher den Schlossplatz allseitig eingefasst und zum Innenhof gemacht hatten, abgetragen. Die von außen linke Pforte neben dem Michelstor gab es ursprünglich nicht; sie war eine nur angedeutete Scheinpforte. In Unkenntnis dieser Eigenschaft wurde sie für einen zugemauerten Durchgang gehalten und durchgebrochen, ohne dass die Denkmalschutzbehörde eingeschaltet wurde. Die Maßnahme geschah auf Initiative des Bürgermeisters Erich Otto, der von 1964 bis 1986 im Amt war. Die Arbeiten wurden obendrein recht unfachmännisch ausgeführt, so dass das Gefüge der Mauer beeinträchtigt wurde.

Heutige Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ende der 1980er Jahre restaurierte Schloss beherbergt außer der Ortsverwaltung, dem Ratssaal und dem Gemeindearchiv folgende weitere Institutionen: eine Bankfiliale, die Zweigstelle der Musikschule des Leiningerlandes, eine Außenstelle der Volkshochschule und die Gemeindebücherei.

Der barocke Ratssaal im 1. Obergeschoss mit klassizistischen Stilmerkmalen, der nach dem Dirmsteiner Ehrenbürger Eux Stocké (1895–1992) benannt ist, wird über eine repräsentative Treppe erreicht. Er fasst voll bestuhlt etwa 100 Personen und wird nicht nur für Sitzungen von Gemeindegremien, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen verwendet. Für Klavierkonzerte steht dort ein historischer Bechstein-Flügel zur Verfügung.

Eine ausgebaute Wohnung im Dachgeschoss ist vermietet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Peter Karn, Ute-Konstanze Rasp: Burgen und Schlösser in Dirmstein – Ehemaliges Sturmfedersches Schloss. In: Michael Martin (Hrsg.): Dirmstein. Adel, Bauern und Bürger. Chronik der Gemeinde Dirmstein (= Förderung der Pfälzischen Geschichtsforschung. Band 6). Selbstverlag der Stiftung zur Förderung der Pfälzischen Geschichtsforschung, Neustadt an der Weinstraße 2005, ISBN 3-9808304-6-2, S. 447 ff.
  • Georg Peter Karn, Ulrike Weber (Bearb.): Kreis Bad Dürkheim. Stadt Grünstadt, Verbandsgemeinden Freinsheim, Grünstadt-Land und Hettenleidelheim (= Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Band 13.2). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2006, ISBN 3-88462-215-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Peter Karn, Ulrike Weber: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz
  2. Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz: Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler: Kreis Bad Dürkheim (PDF; 1,6 MB)

Koordinaten: 49° 33′ 48″ N, 8° 14′ 51″ O