Stutenbissigkeit

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Die Stutenbissigkeit ist ein deutsches Geschlechterrollen-Stereotyp aus dem Mittelalter, das das Verhalten von Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten mithilfe einer Tiermetapher abwertet. Im heutigen Sprachgebrauch verweist der Begriff auf geschlechtsspezifisch unterschiedliches Kooperationsverhalten, das zuweilen bei Menschen festgestellt wird.[1][2]

In der Verhaltensbiologie von Pferden wird der Begriff nicht verwendet, da alle Pferde beißen. Auch in Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch gibt es für den pseudo-biologischen Begriff keine wörtliche Übersetzung.

Abwertende Tiermetapher als weibliches Geschlechterrollen-Stereotyp[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bissgurre, Bissgurn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon in mittelhochdeutscher Zeit wurde über eine Tiermetapher Beißen als Konfliktverhalten von Stuten abwertend gegen Frauen in ihrem Konfliktverhalten übertragen, diese dadurch entmenschlicht und quasi semantisch gezähmt. Das Wort Bissgurre ist ein Kompositum von beissen und dem Grundwort gurre (mhd. für alte Stute)[3].

Bereits in der Grundherrschaft des Mittelalters kam es zu Veränderungen in der Geschlechterhierarchie auf dem Weg „vom Patriarchat zur Partnerschaft[4]. Wie in anderen Etablierten-Außenseiter-Beziehungen auch, diente „Schimpf- bzw. Schmähklatsch“ als Instrument zum Machterhalt durch Stigmatisierung[5]. Beispiele aus dem Mittelalter sind etwa die Abwertungen als „Hexe“, „Kachel“ oder „Hure“.

Ein weiteres Beispiel für eine paradoxe, pseudo-biologische Tiermetapher der deutschen Sprache des Mittelalters ist das Schimpfwort „Rabenmutter“.

In manchen vor allem süddeutschen und österreichischen Gegenden hat sich der Ausdruck Bissgurn (auch Bissgurrn) als herabsetzende Bezeichnung für eine zänkische, tyrannische, oftmals ältere Frau erhalten.[6]

„Stutenbissigkeit“: Aktuelle Verwendung und Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch in der Gegenwartssprache wird die Tiermetapher bis heute als weibliches Geschlechterrollen-Stereotyp verwendet[7] - insbesondere im Beruf[8]. Der Begriff „Stutenbissigkeit“ hat sich seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend verbreitet[9]. Angelehnt an das Konfliktverhalten von Stuten wertet der Begriff Konkurrenzverhalten bzw. Rivalität von Frauen ab, indem das Konfliktverhalten von Männern verdeckt als Bezugsgröße, d. h. als soziale Norm, zugrunde gelegt wird. Mit der Abwertung werden sozial unerwünschte, unmännliche Verhaltensweisen unterschwellig assoziiert wie Eifersucht oder Neid.[10][11]

Bei geschlechtsinternen Konflikten von Frauen kann das Konfliktverhalten als „Stutenbissigkeit“ oder „Zickenkrieg“ abgewertet werden. Bei geschlechtsgemischten Konflikten, bei denen Jungen oder Männer als Akteure beteiligt sind, kann eine Abwertung als „Zicke“ erfolgen.

Hintergrund der Tiermetaphern ist die bis heute andauernde gesellschaftliche Tabuisierung und Delegitimierung von Mädchen und Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten, Wettbewerb und Konkurrenz und die daraus resultierende Abwertung ihres Konfliktverhaltens. Zur Erklärung dieses Tabus siehe „Zicke“ (Schimpfwort).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicole Maibaum: Sammelsurium für Frauen. mvg-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 3-636-06332-4.
  • Mechtild Erpenbeck: „Stutenbissig“?! – Frauen und Konkurrenz. Ursachen und Folgen eines missachteten Störfalls. In: Wirtschaftspsychologie aktuell, ISSN 1611-9207, 2004 (1), S. 20–25.
  • Romy Fröhlich, Sonja B. Peters, Eva-Maria Simmelbauer: Public Relations. Daten und Fakten der geschlechtsspezifischen Berufsfeldforschung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005 (= Lehr- und Handbücher der Kommunikationswissenschaft), ISBN 3-486-57857-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Balliet, Norman P. Li, Shane J. Macfarlan und Mark Van Vugt: Sex Differences in Cooperation: A Meta-Analytic Review of Social Dilemmas (PDF; 186 KB)
  2. Anatol Rapoport, Albert M. Chammah: Sex differences in factors contributing to the level of cooperation in the Prisoner's Dilemma game. Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 2(6), Dec 1965, 831-838.
  3. So in den zitierten Wörterbüchern für Fränkisch und Bayerisch. Vgl auch Lexer Mhd.Handwörterbuch
  4. Michael Mitterauer; Reinhard Sieder (Hrsg.): Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. München 1977.
  5. Norbert Elias; John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter. Ges. Schriften Bd. 4. Frankfurt/M. 1965/2002: S. 12.
  6. Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. CD-ROM 2012, Kluge: Etym. Wörterbuch, 24. Auflage CD-ROM 2002 mit interessantem Bezug zu anderen Bissigkeiten: Steinbeisser, Peitzker (Süßwasserfisch); für das Dialektale: Österreich; Bayern: "Bayerisches Wörterbuch" von Andreas Schmeller München, 1872, dort unter Gurre; Franken: Handwörterbuch von Bayerisch-Franken 2. Auflage Bamberg 2007.
  7. Zum Beispiel: Hanna Dietz: Weiberwahnsinn: Schuhtick, Handtaschenzwang, Tränendrüsenüberfunktion und weitere Besonderheiten der Spezies Frau. Berlin 2013.
  8. Zum Beispiel: Karin Bodewits,Andrea Hauk,Philipp Gramlich: Karriereführer für Naturwissenschaftlerinnen: Erfolgreich im Berufsleben. Weinheim 2015.
  9. Google Books Ngram Viewer: Stutenbissigkeit
  10. Vgl. Mechtild Erpenbeck: „Stutenbissig“?! In: Wirtschaftspsychologie aktuell, 2004 (1), S. 20–25. (s. Literatur; als Digitalisat online frei verfügbar; PDF-Datei; 113 kB; aufgerufen: 12. Juli 2009).
  11. Vgl. Romy Fröhlich u. a.: Public Relations. Daten und Fakten der geschlechtsspezifischen Berufsfeldforschung. Oldenbourg, 2005, S. 187ff., 199, 201, 219, 246, 251. (s. Literatur; auszugsweise bei Google Book Search online frei verfügbar).