Stutenbissigkeit

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Die Stutenbissigkeit ist ein deutsches Geschlechterrollen-Stereotyp aus dem Mittelalter, das das Verhalten von Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten mithilfe einer Tiermetapher abwertet.

In der heutigen Verhaltensbiologie von Pferden wird der Begriff nicht verwendet, da nicht nur Stuten, sondern auch Hengste beißen. Auch in Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch gibt es für den pseudo-biologischen Begriff keine wörtliche Übersetzung.

Sozialverhalten von Pferden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Hengsten unterscheidet man je nach Bedrohung folgende Kampfarten: „Kampfkreisen, Laufkampf, Halskampf, Beißen und Ausschlagen. Bei Stuten kennt man nur das Beißen und Ausschlagen“.[1]

Herdenverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Herdentier besteht bei Pferden eine klare, aber veränderliche Rangordnung mit spezifischen Verhaltensmerkmalen. Gruppen bestehen aus mehreren Stuten und ihren Fohlen sowie einem Hengst, bei größeren Gruppen manchmal mehreren Hengsten. Dass es in Pferdegruppen Leitstuten gibt, konnte bisher in keiner wissenschaftlichen Veröffentlichung nachgewiesen werden (bspw. Pferdewissenschaft).

Welche Tiere, außer dem Hengst beim Treiben, Gruppenbewegungen auslösen, ist derzeit ungeklärt. Der Hengst ist ein kräftiges Tier und für den Schutz seiner Herde vor Fressfeinden sowie für die Weitergabe seiner eigenen Gene zuständig. Bei einer Flucht laufen unterschiedliche Stuten voran und der Hengst läuft hinter der Herde, um zurückbleibende Tiere vorwärts zu treiben.

In der Regel bleiben Stuten in einer Gruppe zusammen, junge Hengste werden dagegen mit dem Erreichen der Geschlechtsreife vom Alphatier (stärkster Hengst) aus der Herde vertrieben und bilden dann Jungverbände. In diesen messen sie ihre Kräfte gegeneinander, um eines Tages eine eigene Herde zu erobern, indem sie den Leithengst zu einem Kampf herausfordern und besiegen. Vielfach leben ausgewachsene oder ältere Hengste auch als Einzeltiere.

Manchmal lösen sich einzelne oder mehrere Stuten aus einer bestehenden Gruppe heraus und schließen sich anderen Gruppen oder einem jüngeren Hengst an und bilden mit ihm eine neue Gruppe.

Verhalten als Nutztier[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Haltung als Nutztier kann Abwehrverhalten etwa in Form von Beißen für Menschen gefährlich sein. Während Pferde hierfür früher bestraft wurden, sieht man dies heute anders: „Beißen ist fast immer ein Ausdruck von Angst, Stress oder Unsicherheit. (...) Viel sinnvoller ist es, dem Pferd die Angst/Unsicherheit zu nehmen und so die Motivation für das Beißen zu beenden“[2] .

Mythos Leitstute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass Stuten die zentrale Führungsposition in Herden übernehmen. Dennoch ist der Begriff bei Pferdeflüsterern und in Laienliteratur über Pferde zu finden[3][4].

Darüber hinaus wird der Begriff „Leitstute“ häufig - zusammen mit dem Geschlechterrollen-Stereotyp der Stutenbissigkeit - in Büchern über Frauen im Zusammenhang mit Hierarchien und Konflikten gefunden. Dabei wird Beißen als typisches Sozialverhalten von Leitstuten im Herdenverbund dargestellt - nicht selten auch im Gegensatz zum Ausschlagen von Hengsten[5].

Abwertende Tiermetapher als weibliches Geschlechterrollen-Stereotyp[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bissgurre, Bissgurn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon in mittelhochdeutscher Zeit wurde über eine Tiermetapher Beißen als Konfliktverhalten von Stuten abwertend gegen Frauen in ihrem Konfliktverhalten übertragen, diese dadurch entmenschlicht und quasi semantisch gezähmt. Das Wort Bissgurre ist ein Kompositum von beissen und dem Grundwort gurre (mhd. für alte Stute)[6].

Bereits in der Grundherrschaft des Mittelalters kam es zu Veränderungen in der Geschlechterhierarchie auf dem Weg „vom Patriarchat zur Partnerschaft[7]. Wie in anderen Etablierten-Außenseiter-Beziehungen auch, diente „Schimpf- bzw. Schmähklatsch“ als Instrument zum Machterhalt durch Stigmatisierung[8]. Beispiele aus dem Mittelalter sind etwa die Abwertungen als „Hexe“, „Kachel“ oder „Hure“.

Ein weiteres Beispiel für eine paradoxe, pseudo-biologische Tiermetapher der deutschen Sprache des Mittelalters ist das Schimpfwort „Rabenmutter“.

In manchen vor allem süddeutschen und österreichischen Gegenden hat sich der Ausdruck Bissgurn (auch Bissgurrn) als herabsetzende Bezeichnung für eine zänkische, tyrannische, oftmals ältere Frau erhalten.[9]

„Stutenbissigkeit“: Aktuelle Verwendung und Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch in der Gegenwartssprache wird die Tiermetapher bis heute als weibliches Geschlechterrollen-Stereotyp verwendet[10] - insbesondere im Beruf[11]. Der Begriff „Stutenbissigkeit“ hat sich seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend verbreitet[12]. Angelehnt an das Konfliktverhalten von Stuten wertet der Begriff Konkurrenzverhalten bzw. Rivalität von Frauen ab, indem das Konfliktverhalten von Männern verdeckt als Bezugsgröße d. h. als soziale Norm zugrunde gelegt wird. Mit der Abwertung werden sozial unerwünschte, unmännliche Verhaltensweisen unterschwellig assoziiert wie Eifersucht oder Neid.[13][14]

Bei geschlechtsinternen Konflikten von Frauen kann das Konfliktverhalten als „Stutenbissigkeit“ oder „Zickenkrieg“ abgewertet werden. Bei geschlechtsgemischten Konflikten, bei denen Jungen oder Männer als Akteure beteiligt sind, kann eine Abwertung als „Zicke“ erfolgen.

Hintergrund der Tiermetaphern ist die bis heute andauernde gesellschaftliche Tabuisierung und Delegitimierung von Mädchen und Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten, Wettbewerb und Konkurrenz und die daraus resultierende Abwertung ihres Konfliktverhaltens. Zur Erklärung dieses Tabus siehe „Zicke“ (Schimpfwort).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nicole Maibaum: Sammelsurium für Frauen. mvg-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 3-636-06332-4.
  • Mechtild Erpenbeck: „Stutenbissig“?! – Frauen und Konkurrenz. Ursachen und Folgen eines missachteten Störfalls. In: Wirtschaftspsychologie aktuell, ISSN 1611-9207, 2004 (1), S. 20–25.
  • Romy Fröhlich, Sonja B. Peters, Eva-Maria Simmelbauer: Public Relations. Daten und Fakten der geschlechtsspezifischen Berufsfeldforschung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005 (= Lehr- und Handbücher der Kommunikationswissenschaft), ISBN 3-486-57857-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beate Varnhorn (Hrsg.): Bertelsmann-Jugend-Lexikon. Gütersloh 2007, S. 487.
  2. Babette Teschen,Tania Konnerth: Praxiskurs Bodenarbeit. Stuttgart 2013.
  3. Andrea Kutsch: Die Pferdeflüsterin erzählt. Köln 2013.
  4. Andreas Mamerow: Das Pferd ist dein Spiegel: Besser reiten mit mentalem Training. Leipzig 2011.
  5. Vgl. Nicole Maibaum: Sammelsurium für Frauen. mvg-Verl., 2007, S. 235. (s. Literatur; auszugsweise bei Google Book Search online frei verfügbar).
  6. So in den zitierten Wörterbüchern für Fränkisch und Bayerisch. Vgl auch Lexer Mhd.Handwörterbuch
  7. Michael Mitterauer; Reinhard Sieder (Hrsg.): Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. München 1977.
  8. Norbert Elias; John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter. Ges. Schriften Bd. 4. Frankfurt/M. 1965/2002: S. 12.
  9. Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. CD-ROM 2012, Kluge: Etym. Wörterbuch, 24. Auflage CD-ROM 2002 mit interessantem Bezug zu anderen Bissigkeiten: Steinbeisser, Peitzker (Süßwasserfisch); für das Dialektale: Österreich; Bayern: "Bayerisches Wörterbuch" von Andreas Schmeller München, 1872, dort unter Gurre; Franken: Handwörterbuch von Bayerisch-Franken 2. Auflage Bamberg 2007.
  10. Zum Beispiel: Hanna Dietz: Weiberwahnsinn: Schuhtick, Handtaschenzwang, Tränendrüsenüberfunktion und weitere Besonderheiten der Spezies Frau. Berlin 2013.
  11. Zum Beispiel: Karin Bodewits,Andrea Hauk,Philipp Gramlich: Karriereführer für Naturwissenschaftlerinnen: Erfolgreich im Berufsleben. Weinheim 2015.
  12. Google Books Ngram Viewer: Stutenbissigkeit
  13. Vgl. Mechtild Erpenbeck: „Stutenbissig“?! In: Wirtschaftspsychologie aktuell, 2004 (1), S. 20–25. (s. Literatur; als Digitalisat online frei verfügbar; PDF-Datei; 113 kB; aufgerufen: 12. Juli 2009).
  14. Vgl. Romy Fröhlich u. a.: Public Relations. Daten und Fakten der geschlechtsspezifischen Berufsfeldforschung. Oldenbourg, 2005, S. 187ff., 199, 201, 219, 246, 251. (s. Literatur; auszugsweise bei Google Book Search online frei verfügbar).