Subjektorientierte Soziologie

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Subjektorientierte Soziologie ist eine Richtung der neueren deutschen Soziologie, die die handelnde Person in ihren alltäglichen Lebensbezügen ins Zentrum der Forschung stellt.

Merkmale einer Subjektorientierten Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Subjektorientierte Soziologie“ ist eine heterogene und nicht klar abgrenzbare Theorie- und Forschungsrichtung der neueren deutschen Soziologie, die die handelnde Person ins Zentrum der theoretischen Betrachtung und der empirischen Forschung stellt. Ihr Anspruch ist es, die beiden in der Soziologie grundlegend konkurrierenden konzeptionellen Orientierungen der (a) strukturellen (→Makrosoziologie) und (b) handlungsbezogenen (→Mikrosoziologie; →Handlungstheorie (Soziologie)) Analyse zu verbinden.

Im Unterschied zu anderen Versuchen der Verbindung von Makro- und Mikroperspektive (etwa bei Pierre Bourdieu, z.B. 1987; James Samuel Coleman, z.B. 1995; Anthony Giddens, z.B. 1988; vgl. insges. Alexander u.a. 1987) wird dabei die Bedeutung des „Subjekts“ und seiner Denk- und Handlungsweisen besonders betont, ohne dabei ausschließlich mikrosoziologisch oder handlungstheoretisch anzusetzen: Subjekte sind in dieser Sichtweise von Gesellschaft betroffen, stellen Gesellschaft aber gleichzeitig auch her. Derartige Konzepte und Forschungsweisen sind Teil einer gelegentlich als „subjektorientierte Wende“ bezeichneten partiellen Schwerpunktverlagerung in der Soziologie, die sich etwa ab den 1980er Jahren vollzogen hat und mit der versucht wurde, sich von betont „objektivistischen“ (oder „strukturellen“) Konzepten (Strukturfunktionalismus, funktional-strukturelle Systemtheorie (Luhmann), Marxismus, Strukturalismus) abzusetzen.

Gleichzeitig grenzt sich eine subjektorientierte Soziologie von Konzepten ab, die zwar gleichfalls individuell Handelnde ins Zentrum des Interesses stellen und dabei in ähnlicher Weise eine Lösung des „Mikro-Makro-Problems“ versuchen, aber von primär rational gesteuerten Handelnden ausgehen (→Theorie der rationalen Entscheidung). Demgegenüber betont die subjektorientierte Soziologie mit Rekurs auf die traditionsreiche an Idealen der Aufklärung (→Zeitalter der Aufklärung) und des Humanismus orientierte Kategorie des „Subjekts“ (→Subjekt (Philosophie)) das Bedürfnis und die Fähigkeit von Personen, relativ autonom sich selbst und ihre Lebensverhältnisse in freier Kooperation mit anderen zu gestalten, also „Subjekt“ sein zu wollen und potenziell auch zu können. Zugleich wird aber anerkannt, dass dazu aufgrund vielfältiger struktureller Zwänge meist nur begrenzte gesellschaftliche Möglichkeiten bestehen, so dass sich „Subjektivität“ oft als mehr oder minder reflexiv gesteuerte (und nicht selten auch eher ‚hilflose‘) „Widerständigkeit“ oder als nur begrenzt erfolgreiche „Aneignung“ (→Aneignung (Philosophie)) von Verhältnissen äußert. Dieses Menschenbild teilt die Subjektorientierte Soziologie mit anderen Theorierichtungen, zu denen daher theoretisch (und forschungsmethodisch) deutliche Affinitäten bestehen, z.B. Kritische Theorie, Kritische Psychologie, Cultural Studies, Historische Anthropologie, Europäische Ethnologie oder Empirische Kulturwissenschaft (→Volkskunde).

Meist geht eine subjektorientierte theoretische Orientierung mit der Untersuchung konkreter alltäglicher (Arbeits- und Lebens-)Kontexte einher, was zu einer Präferenz für qualitative Verfahren der empirischen Sozialforschung (→Qualitative Sozialforschung) führt (nicht-standardisierte offene Interviews, biographische Interviews, Gruppendiskussionen/ Fokusgruppen, teilnehmende/nicht teilnehmende Beobachtung, Fallstudien u.ä.m.).

In der Soziologie bezeichnen sich verschiedenste Einzelrichtungen bzw. unterschiedlichste Forscher im weitesten Sinne als „subjektorientiert“ oder werden der subjektorientierten Soziologie zugeordnet, so dass eine einheitliche Bestimmung eines subjektorientierten „Ansatzes“ nur begrenzt (wenn überhaupt) möglich ist. (vgl. ausführlich am Beispiel der Arbeits- und Industriesoziologie Langfeldt 2009)

Die „Münchener Subjektorientierte Soziologie“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders in Erscheinung getreten ist eine Theorie- und Forschungsrichtung (und eine sich dieser zurechnende Gruppe von Forschern), die sich als „Münchener subjektorientierte Soziologie“ bezeichnet. Diese arbeitet seit den 1970er Jahren an konzeptionellen Elementen für eine „subjektorientierte“ Programmatik und hat hierzu eine große Zahl von Veröffentlichungen vorgelegt. Als Begründer kann Karl Martin Bolte (Prof. em. an der Universität München) gelten, der im Zusammenhang mit zwei Sonderforschungsbereichen der DFG (→Deutsche Forschungsgemeinschaft) an der Universität München (SFB 101: „Theoretische Grundlagen sozialwissenschaftlicher Berufs- und Arbeitskräfteforschung“; SFB 333: „Entwicklungsperspektiven von Arbeit“) den Kern einer „Subjektorientierten Perspektive“ für die Soziologie erstmals programmatisch formuliert hat.

Er betonte dabei, dass es darum gehe, "das wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft" ins Blickfeld zu rücken. Ziel sei, „gesellschaftliche Strukturen oder Strukturelemente daraufhin (zu) analysieren (1) in welcher Weise sie menschliches Denken und Handeln prägen, (2) wie Menschen bestimmter soziohistorisch geformter Individualität innerhalb dieses strukturellen Rahmens agieren und so u.a. zu seiner Verfestigung oder Veränderung beitragen und (3) wie schließlich die betrachteten Strukturen selbst einmal aus menschlichen Interessen, Denkweisen und Verhaltensweisen hervorgegangen sind.“ (Bolte 1983: 15, Hervh. i.O.). Wichtig war ihm die theoretische Offenheit des Ansatzes: Subjektorientierte Soziologie sei keine geschlossene Theorie, sondern eine „Perspektive“, ein spezifisches „In-den-Blick-Nehmen“ (ebd. 16) soziologisch relevanter Sachverhalte, innerhalb derer die heranzuziehenden Theorien erst gefunden und ggf. verändert werden müssen.

Im Rahmen der Münchener Subjektorientierten Soziologie sind mehrere Konzepte und Begriffe bzw. Forschungsstränge entstanden, die sich überwiegend mit Problemstellungen gesellschaftlicher Arbeit (→Arbeit (Sozialwissenschaften); →Arbeit (Philosophie); →Arbeitssoziologie) im weitesten Sinne befassen, dabei aber dem Verhältnis von (erwerbsförmiger) „Arbeit“ und (privatem) „Leben“ und dessen Wandel im Übergang zum Kapitalismus des 21. Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit widmen. Hervorzuheben sind (chronologische Ordnung):

  • die „Subjektorientierte Berufssoziologie“ (vgl. u.a. Beck/ Brater/ Daheim 1980);
  • das Konzept „Alltägliche Lebensführung“ (vgl. u.a. Jurczyk/ Rerrich 1993, Voß 1991) und damit verbundene empirische Forschungen (vgl. u.a. Projektgruppe „Alltägliche Lebensführung“ 1995);
  • der Begriff „Arbeitskraftunternehmer“ (v.a. Voß/ Pongratz 1998) und daran anschließende Untersuchungen (u.a. Pongratz/ Voß 2003);
  • Forschungen zur „Interaktiven Arbeit“ bzw. zur „Dienstleistung als Interaktion“ (vgl. u.a. Dunkel/ Voß 2004, Dunkel/ Weihrich 2006);
  • theoretische Arbeiten und empirische Untersuchungen zur „Entgrenzung“ (→Entgrenzung der Arbeit) (vgl. Voß 1998) und „Subjektivierung“ von Arbeit (vgl. Jurczyk u.a. 2009);
  • das Konzept „Arbeitender Kunde“ (vgl. Voß/ Rieder 2006) mit einem aktuellen Schwerpunkt im Problemfeld web2.0-basierte Kundenintegration bzw.„Crowdsourcing“ (vgl. u.a. Kleemann/ Voß/ Rieder 2008, Papsdorf 2009).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein zur Subjektorientierten Soziologie

  • Langfeldt, B. (2009). Subjektorientierung in der Arbeits- und Industriesoziologie. Theorien, Methoden und Instrumente zur Erfassung von Arbeit und Subjektivität. Wiesbaden: VS.

Zur Münchener Subjektorientierten Soziologie

Allgemein:

  • Bolte, K.M. (1983): Subjektorientierte Soziologie – Plädoyer für eine Forschungsperspektive. In: K.M. Bolte/ E. Treutner (Hrsg.): Subjektorientierte Arbeits- und Berufssoziologie, Frankfurt/M.; New York: Campus, S. 12-36
  • Bolte, K.M. (1997): Subjektorientierte Soziologie im Rahmen soziologischer Forschung – Versuch einer Verortung. In: G.G. Voß/ H.J. Pongratz (Hrsg.) (1997): Subjektorientierte Soziologie. Karl Martin Bolte zum siebzigsten Geburtstag. Opladen: Leske und Budrich, S. 31-40
  • Voß, G.G./ Pongratz, H. (1997): Subjekt und Struktur – die Münchener subjektorientierte Soziologie. In: dies. (Hrsg.) (1997): Subjektorientierte Soziologie. Karl Martin Bolte zum siebzigsten Geburtstag. Opladen: Leske und Budrich, S. 7-29
  • Weihrich, M. (2001): Alltägliche Lebensführung und institutionelle Selektion oder: Welche Vorteile hat es, die Alltägliche Lebensführung in die Colemansche Badewanne zu stecken? In: G.G. Voß/ M. Weihrich (Hrsg.): tagaus tagein. Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung. München und Mering: Hampp, S. 219-236

Zu den spezifischen Konzepten:

  • Beck. U./ Beck-Gernsheim. E. (1994): Individualisierung in modernen Gesellschaften – Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie. In: Dies. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 10-39.
  • Beck. U./ Brater M./ Daheim, H.J. (1980): Soziologie der Arbeit und der Berufe. Grundlagen, Problemfelder, Forschungsergebnisse. Reinbek: Rowohlt
  • Dunkel, W./ Voß, G.G. (Hrsg.) (2004): Dienstleistung als Interaktion - Beiträge aus einem Forschungsprojekt: Altenpflege - Deutsche Bahn - Call Center, Hampp, München/Mering.
  • Dunkel, W./ Weihrich, M. (2006): Interaktive Arbeit - Ein Konzept zur Entschlüsselung personenbezogener Dienstleistungsarbeit. In: Wolfgang Dunkel; Dieter Sauer (Hrsg.): Von der Allgegenwart der verschwindenden Arbeit - Neue Herausforderungen für die Arbeitsforschung, edition sigma, Berlin, S. 67-82.
  • Jurczyk, K./ Rerrich, M. S. (Hrsg.). (1993). Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung. Freiburg: Lambertus.
  • Jurczyk, K./ Schier, M./ Szymenderski, P./ Lange, A./ Voß, G.G. (2009). Entgrenzte Arbeit - entgrenzte Familie. Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung. Berlin: edition sigma.
  • Kleemann, F./Voß, G.G. / Rieder, R. (2008). Crowdsourcing und der Arbeitende Konsument AIS-Studien (download: www.ais-studien.de).
  • Papsdorf, Ch. (2009). Wie Surfen zu Arbeit wird. Crowdsourcing im Web2.0. Frankfurt a.M., New York: Campus
  • Pongratz, H.J./ Voß, G.G. (2003). Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin: edition sigma.
  • Projektgruppe "Alltägliche Lebensführung" (Hrsg.). (1995). Alltägliche Lebensführung. Arrangements zwischen Traditionalität und Modernisierung. Opladen: Leske + Budrich.
  • Voß, G.G. (1991). Lebensführung als Arbeit. Über die Autonomie der Person im Alltag der Gesellschaft. Stuttgart: Enke
  • Voß, G.G./ Pongratz, H.J. (1998). Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der "Ware Arbeitskraft"? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (1), 131-158.
  • Voß, G.G. (1998). Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. Eine subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 31 (3), 473-487.
  • Voß, G.G./ Rieder, K. (2006, 2. Auflg.). Der arbeitende Kunde. Wie Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden. Frankfurt a.M., New York: Campus.
  • Weihrich, M. (1998): Kursbestimmungen. Eine qualitative Paneluntersuchung der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozeß. Pfaffenweiler: Centaurus.

Weitere erwähnte Quellen

  • Alexander, J./ Giesen, B./ Münch, R./ Smelser, N. (eds.)(1987). The Micro-Macro-Link. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press.
  • Bourdieu, P. (1987). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Coleman, J.S.(1995). Grundlagen der Sozialtheorie. München, Wien: Oldenbourg.
  • Giddens, A. (1988). Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt a.M., New York: Campus.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]