Subsistenz

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Pflanzenanbau für den Eigenbedarf ist eine wichtige traditionelle Subsistenzstrategie für lokale Gemeinschaften, auch wenn sie nur noch ergänzend betrieben wird wie hier bei den Shuar-Indianern im südamerikanischen Berg-Regenwald in Ecuador (2011)

Subsistenz (von lateinisch subsistentia „Bestand“: „durch sich selbst, Selbständigkeit“) bezeichnet ein philosophisches Konzept, bei dem sich das Bestehende aus sich selbst heraus erhält. Die Bezeichnung wird vor allem für jegliche menschliche Auseinandersetzung mit der Umwelt zur Sicherung des Lebensunterhaltes und zur Befriedigung der Grundbedürfnisse verwendet. Subsistenz ist alles, was materiell und sozial zum alltäglichen Überleben benötigt wird: Nahrung, Kleidung, eine Behausung sowie Fürsorge und Geselligkeit.[1] Die Art und Weise dieses Bestrebens wird Subsistenzstrategie genannt.[2]

Wortherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das deutsche Wort „Subsistenz“ geht auf das lateinische Verb subsisto zurück, das in den meisten Wörterbüchern mit „stocken, verweilen, standhalten, stillstehen“ übersetzt wird. Es stammt ab von altgriechisch hypistemi oder hypo-histemi „unterstellen, drunterlegen, zu Grunde legen“; diese Bedeutung lässt sich nur im entferntesten Sinne ins Lateinische übertragen, weil es dort das Verb subsido gibt („sich niedersetzen, zurückbleiben, sitzen bleiben“). Insofern bildet Subsistenz eine Einheit mit den Wörtern Existenz, Konsistenz oder Resistenz und könnte transitiv höchstens im Sinne von „widerstehen, widersetzen“ („Untersteh dich!“) gebraucht werden. Diese Bezeichnung wird bereits vom antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot um 450 v. Chr. benutzt; nicht sicher ist, ob ihn auch der Philosoph Aristoteles um 350 v. Chr. im erläuterten Sinn verwendete – wenngleich es auch Sinn ergibt, Subsistenz zusammen mit dem Wort Substanz in einem Satz zu gebrauchen.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einkaufen in einem Supermarkt ist eine moderne Subsistenzstrategie (asiatische Familie 2011)

Subsistenzstrategie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor allem in der Ethnologie (Völkerkunde), Anthropologie (Menschenkunde), Soziologie und Archäologie sowie allgemein in der Wirtschaftsgeschichte bezeichnet Subsistenzstrategie, Subsistenztyp oder Subsistenzform übergreifend bestimmte Verhaltensweisen, die auf die Gewährleistung der eigenen Versorgung oder die der eigenen Familie oder Gruppe abzielen. In diesem Sinne ist die Art und Weise jeglicher „Strategie zum Lebenserhalt“ gemeint, beispielsweise die Jagd oder der Anbau von Feldfrüchten, aber auch die Strategie „Geld verdienen und einkaufen“.[3] Zur Abgrenzung gegenüber modernen marktorientierten Produktionsweisen wird häufig die Bezeichnung traditionelle Wirtschaftsform verwendet, obwohl die Definition dieses Begriffes umfassender ist.[2]

Der Anthropologe James C. Scott spricht von einer "Subsistenzethik" und beschreibt damit die Subsistenzstrategie, die dem "safety-first"-Prinzip folgt und Nahrungsengpässe zu vermeiden versucht. Dazu zählen Risikovermeidung und - streuung, die Bevorzugung direkt konsumierbarer Nahrungsmittel sowie das Abzielen auf stabile und sichere Erträge. Dies wiederum umfasst einerseits technische Aspekte wie bestimmte Saatgüter, Anbautechniken usw. und andererseits bestimmte soziale Arrangements, z. B. bestimmte Formen der Reziprozität, Gemeindeland oder (erzwungene) Freigiebigkeit.[4]

Subsistenzwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Subsistenzwirtschaft

Im Zusammenhang mit den Wirtschaftsformen traditioneller Gesellschaften wird der Begriff Subsistenzwirtschaft oder Bedarfswirtschaft verwendet, bei der die wirtschaftliche Produktion in erster Linie der Selbstversorgung dient und auf die Deckung des Eigenbedarfs ausgerichtet ist. Obgleich Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung (insbesondere in den Entwicklungsländern) dadurch ein weitgehend unabhängiges und selbstbestimmtes Auskommen haben,[5] wird Bedarfswirtschaft von der Weltwirtschaft und der Politik weitgehend ignoriert oder gar mit Armut und Unterentwicklung gleichgesetzt. Die moderne Wirtschaftsideologie basiert auf Profit, Konsum und Wachstum, so dass Subsistenzler fast schon als Systemgegner betrachtet werden.[1]

Demgegenüber wird in der Nachhaltigkeits­debatte – vor allem in Kombination mit der Idee der Wachstumsrücknahme – eine teilweise Rückkehr zur Selbstversorgung mittels Gemeinschaftsgärten oder urbaner Landwirtschaft als mögliche Maßnahme zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme in den Industrieländern angesehen.[6]

Subsistenzniveau und Subsistenzgut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im klassischen Wachstumsmodell nach Smith und Malthus bezeichnet das Subsistenzniveau den Lohnsatz, auf den langfristig die Entlohnung nach einer Produktivitätssteigerung wieder zurücksinkt.

In der Mikroökonomie werden Subsistenzgüter durch quasilineare Nutzenfunktionen beschrieben. Auf das Subsistenzgut wirken dabei keine Einkommenseffekte.

Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philosophisch bedeutet Subsistenz das „Bestehen durch sich selbst und für sich selbst“.[7] Diese grundlegende Eigenschaft kommt in der aristotelischen und der scholastischen Philosophie der Substanz zu, genau genommen: nur der geistigen Substanz, im Unterschied zu den Akzidenzien (sich Veränderndes), die nur durch einen Träger bestehen und ihm innewohnen. Die Bezeichnung Subsistenz wurde vom römischen Gelehrten Marius Victorinus um 330 n. Chr. geprägt, der den griechischen Ausdruck hypóstasis („Grundlage“) aufgreift.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant definiert „Subsistenz“ 1783 in seiner Schrift Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können: „[…] d.i. der Notwendigkeit, […] dass dem Dasein der Dinge ein Subjekt zugrunde liege, das selbst kein Prädikat von irgendeinem anderen Dinge sein könne.“[8] In klassischer ontologischer Perspektive wird der Grund für die Wahrheit einer einstelligen Zuschreibung (Beispiel: „dieser Tisch ist braun“) darin gesehen, dass die Eigenschaft (braun) dem bezeichneten Objekt (dieser Tisch) innewohnt.[9]

In der jüngeren Zeit wurde der Begriff z.B. in den Arbeiten von James C. Scott (1976, The Moral Economy of the Peasant) unter dem Schlagwort "Subsistenzethik" aufgegriffen; in den rechtsphilosophischen Arbeiten von Henry Shue (1996, Basic Rights) taucht der Begriff als "Subsistenzrecht" (right to subsistence) auf und beschreibt ein menschliches Grundrecht.[10][11] In beiden Fällen wird "Subsistenz" im Sinne einer Grundsicherung verstanden, die aber nicht auf die rein physischen Grundbedürfnisse beschränkt bleibt, sondern die Teilnahme und Teilhabe an einer Gesellschaft beinhaltet.


Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Veronika Bennholdt-Thomsen: Subsistenzwirtschaft, Globalwirtschaft, Regionalwirtschaft. In: Maren A. Jochimsen, Ulrike Knobloch (Hrsg.): Lebensweltökonomie in Zeiten wirtschaftlicher Globalisierung. Kleine, Bielefeld 2006, S. 65–88.
  • Susanna Gartler: Subsistenz: Eine Anthropologische Begriffsanalyse. Diplomarbeit. AV Akademikerverlag, Saarbrücken 2014, ISBN 978-3639488906 [auch als PDF über die Universität Wien: [1] ].
  • Daniel Dahm: Zukunftsfähige Lebensstile – Städtische Subsistenz für mehr Lebensqualität. Dissertation, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln, Köln 2003.
  • Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn: Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands. 3. Auflage. oekom Verlag, München 2016, ISBN 978-3865811097.
  • James C. Scott: The Moral Economy of the Peasant: Rebellion and Subsistence in Southeast Asia. Yale University Press, 1976, ISBN 978-0-300-02190-5.
  • Henry Shue: Basic Rights: Subsistence, Affluence, and U.S. Foreign Policy. 2. Auflage. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 1996, ISBN 978-0-691-02929-0.
  • Sebastian Thieme: Menschengerechtes Wirtschaften? Subsistenzethische Perspektiven auf die katholische Sozialethik, feministische Ökonomik und Gesellschaftspolitik. Budrich, Opladen, Berlin und Toronto 2017, ISBN 978-3-8474-2077-4.
  • Sebastian Thieme: Das Subsistenzrecht. Begriff, ökonomische Traditionen und Konsequenzen. Dissertation, Metropolis, Marbug 2012, ISBN 978-3-89518-910-4.
  • Claudia von Werlhof, Veronika Bennholdt-Thomsen und Nicholas Faraclas (Hrsg.): Subsistenz und Widerstand. Alternativen zur Globalisierung. Promedia, Wien 2003, ISBN 978-3-85371-205-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Subsistenz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Veronika Bennholdt-Thomsen: Subsistenzwirtschaft, Globalwirtschaft, Regionalwirtschaft. In: Maren A. Jochimsen, Ulrike Knobloch (Hrsg.): Lebensweltökonomie in Zeiten wirtschaftlicher Globalisierung. Kleine, Bielefeld 2006, S. 65–88, hier S. ??.
  2. a b Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005, ISBN 3-496-02650-2, Seite ??.
  3. Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 135.
  4. James. C. Scott: The Moral Economy of the Peasant: Rebellion and Subsistence in Southeast Asia. Yale University Press, 1976, ISBN 978-0-300-02190-5.
  5. Urs Fankhauser: Mystery. Lokal, selbstbestimmt und nachhaltig. Weltweite Bedeutung des Family Farming. éducation21, Bern 2014, S. 8.
  6. Niko Paech: Die Legende vom nachhaltigen Wachstum – Ein Plädoyer für den Verzicht. In: Le Monde diplomatique. 10. September 2010, abgerufen am 13. September 2014.
  7. Regenbogen, Meyer: Subsistenz. In: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 2005, S. ??.
  8. Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. 1783, S. ??.
  9. Edmund Runggaldier: Formal semantische Erneuerung der Metaphysik. In: Matthias Lutz-Bachmann (Hg.): Metaphysik heute. Probleme und Perspektiven der Ontologie. Alber, Freiburg 2007, S. 57 (66).
  10. Henry Shue: Basic Rights: Subsistence, Affluence, and U.S. Foreign Policy. 2. Auflage. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 1996, ISBN 978-0-691-02929-0.
  11. Joachim Ritter und Karlfried Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 978-3-7965-0115-9.