Sueskrise

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Sueskrise
Teil von: Nahostkonflikt
Operationen während der Sueskrise
Operationen während der Sueskrise
Datum 29. Oktober 1956 bis März 1957
Ort Sinai-Halbinsel, Sueskanal
Casus Belli Verstaatlichung des Sueskanals durch Ägypten, Sperrung des Akaba-Golfes und des Sueskanals für israelische Schiffe
Ausgang Militärische Erfolge Frankreichs, Großbritanniens und Israels;
politischer Sieg Ägyptens
Folgen UN-Waffenstillstand,
UN-Mission an der ägyptisch-israelischen Grenze,
Bekräftigung der Konvention von Konstantinopel (1888)
Konfliktparteien
FrankreichFrankreich Frankreich
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Großbritannien
IsraelIsrael Israel
Ägypten 1952Ägypten Ägypten
Befehlshaber
FrankreichFrankreich Pierre Barjot
FrankreichFrankreich Guy Mollet
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Anthony Eden
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Charles Keightley
IsraelIsrael Moshe Dajan
Ägypten 1952Ägypten Gamal Abdel Nasser
Ägypten 1952Ägypten Abdel Hakim Amer
Truppenstärke
Frankreich: 34.000
Großbritannien: 45.000
Israel: 175.000
Ägypten: 70.000
Verluste
Frankreich: 10 Tote und 33 Verwundete
Großbritannien: 16 Tote und 96 Verwundete
Israel: 186 Tote und 899 Verwundete
1.650 Tote
4.900 Verwundete
6.185 Kriegsgefangene

Die Sueskrise (auch Suezkrise, Suezkrieg, Sinai-Krieg und Sinai-Feldzug) war ein internationaler Konflikt, der im Oktober 1956 zu einem Luftlandeangriff einer Allianz aus Großbritannien und Frankreich auf Ägypten führte und zu einer Besetzung der Halbinsel Sinai und des Gazastreifens durch israelische Streitkräfte. Auslöser war die Verstaatlichung der mehrheitlich britisch-französischen Sueskanal-Gesellschaft durch den Präsidenten Ägyptens, Gamal Abdel Nasser. Der Sueskanal war für die Erdölversorgung Großbritanniens von großer Bedeutung. Hintergrund war Nassers Bestreben, das formal souveräne Ägypten aus der britischen Einflusssphäre zu befreien.

Nach ergebnislosen internationalen Verhandlungen über die Nutzungsrechte am Sueskanal vereinbarten Frankreich und Großbritannien, den zu einem „Hitler vom Nil“[1] stilisierten Präsidenten Ägyptens, Gamal Abdel Nasser, zu stürzen. Frankreich war durch die ägyptische Unterstützung der algerischen Befreiungsbewegung FLN motiviert, die gegen die französische Kolonialherrschaft kämpfte. Israel wollte sich aus der arabischen Umklammerung und von andauernden Grenzgefechten mit Palästinensern befreien. Nach dem Angriff der drei Staaten auf Ägypten brachten die USA und die Sowjetunion das anglo-französische Unternehmen vor die UNO und erzwangen auf diesem diplomatischen Weg den Rückzug der französischen, britischen und israelischen Truppen aus den Gebieten, die sie in Ägypten besetzt hatten. Im Dezember 1956 wurde eine UN-Friedenstruppe an die israelisch-ägyptische Grenze verlegt, im März 1957 die Krise beigelegt. Der geplante Sturz Nassers und ein Regimewechsel waren nicht erreicht worden.[2]

Ergebnis war eine Stärkung der ägyptischen Position im Nahen Osten; mittelfristig führten die Ereignisse zu einer engen Bindung Ägyptens an die Sowjetunion. Der Nahostkonflikt wurde dadurch Teil des Kalten Kriegs. Die alten europäischen Kolonialmächte mussten lernen, dass sich die beiden Weltmächte USA und Sowjetunion zeitweise für ein gemeinsames Ziel verbünden konnten, obwohl sie Gegner im Kalten Krieg waren. Eigenständige Operationen der Europäer waren folglich nicht mehr so einfach möglich.

Dass Großbritannien und Frankreich versuchten, Ägypten durch militärische Aggression zur Rückgabe des Sueskanals zu zwingen und sein Regime zu stürzen, während zur selben Zeit die Sowjetarmee den Ungarischen Volksaufstand niederschlug, stellte die Länder in der öffentlichen Wahrnehmung auf die gleiche spätimperialistische[3] Stufe. Die bis dahin „letzte Entfaltung des imperialen Machismo“ löste weltweit Empörung und Kritik aus.[4]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nasser verkündet die Verstaatlichung des Sueskanals. Universal Newsreel, 30. Juli 1956

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Französisch-Westafrika die Kolonialherrschaft wieder gefestigt. Im arabisch geprägten Nordafrika kam es zu Beginn der 1950er Jahre zum offenen Kampf von nationalen Bewegungen gegen die koloniale Herrschaft. Frankreich musste 1956 seine Protektorate Französisch-Marokko und Tunesien aufgeben, führte aber mit einem Großteil seiner Streitkräfte noch Krieg gegen die algerische Befreiungsfront FLN. Das infolge des Zweiten Weltkriegs geschwächte Großbritannien zog sich schrittweise und weitgehend friedlich aus dem Nahen Osten zurück. Ägypten verblieb zunächst im britischen Machtbereich. Großbritannien entschloss sich, die nationale Unabhängigkeit Ägyptens zu unterstützen, sofern es sich prowestlich verstand. König Faruqs Politik zielte auf Kooperation mit den westlichen Mächten. 1953 waren am Sueskanal etwa 80.000 britische Soldaten[5] stationiert. Großbritannien zog – wie 1954 im Suez-Abkommen vereinbart – im Juni 1956 seine Truppen aus Ägypten zurück. In Ägypten hatten inzwischen Offiziere der ägyptischen Armee Faruq gestürzt. Dadurch kam eine neue Generation nationalistischer und panarabischer Politiker an die Macht, geführt von Präsident Gamal Abdel Nasser, der auch international an Bedeutung gewann.

Ägypten unter Nasser unterstützte den Kampf der algerischen Befreiungsfront (FLN) gegen die französische Kolonialmacht mit Waffenlieferungen. Nasser plante zur Beseitigung des Massenelends den Bau des Assuan-Staudamms. Weil die westlichen Länder, vor allem die USA, dem neuen Regime Entwicklungshilfe verweigerten, wandte sich Nasser erfolgreich an die Sowjetunion. 1955 schien es, Ägypten würde sich dem Sowjetblock anschließen, als es Waffenlieferungsabkommen mit der Tschechoslowakei abschloss und eine sowjetische Finanzierung des Staudamms wahrscheinlich wurde. Daraufhin zogen die USA nach und offerierten ihrerseits eine Finanzierung des Staudamms, die Präsident Eisenhower (Amtszeit 1953–1961) am 19. Juli 1956 durch Außenminister Dulles aber wieder zurückzog. Grund für den Rückzug des Angebots war, dass Nasser versuchte den Westen gegen den Osten auszuspielen.[6] Das Resultat war, dass sich der wütende Nasser nun scharf gegen den Westen wandte und schließlich am 26. Juli die Sueskanal-Gesellschaft verstaatlichte, ohne sein Kabinett bei dieser Entscheidung mit einzubeziehen. Mit den Gebühren für die Benutzung des Sueskanals sollten die Kosten für den Bau des Staudamms aufgebracht werden. Die Aktienbesitzer der Sues-Gesellschaft wurden finanziell entschädigt. Die Sowjetunion und Indien billigten auf drei ergebnislosen internationalen Konferenzen letztlich die Verstaatlichung, aber Großbritannien war sowohl ökonomisch als auch machtstrategisch beunruhigt.

Im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch Fedajin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten blockierte die Straße von Tiran, schnitt damit Israel vom Seehandel durch das Rote Meer ab und sperrte den Sueskanal für israelische Schiffe. Zugleich bildete Ägypten gemeinsam mit Jordanien und Syrien ein „Vereinigtes Arabisches Oberkommando“, das aber faktisch nur wenig Befugnisse hatte.

Israel hoffte, sowohl die Ägypter militärisch zu schwächen als auch den Gazastreifen und Scharm El-Scheich zu erobern. Ein Fallschirmjägerüberfall auf das westliche Ende des Mitla-Passes sollte mit einer Vergeltung palästinensischer Angriffe begründet werden.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beginn der Krise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen der Krise liegen in der Struktur der Nutzung des Sueskanals begründet. Die Erteilung einer Konzession zum Bau an eine ausländische Gesellschaft schloss die wirtschaftliche Nutzung des Kanals bis 1968 durch dieselbe Gesellschaft mit ein. Zudem stieg mit zunehmender wirtschaftlicher Bedeutung des Erdöls die Abhängigkeit der europäischen Mächte von der Nutzung des Kanals. Die freie Durchfahrt versuchte vor allem Großbritannien durch starke Einflussnahme auf die Innenpolitik Ägyptens und durch militärische Präsenz am Kanal zu erreichen.

Großbritannien und Frankreich riefen den UNO-Sicherheitsrat an, um Nasser per Resolution zur Rückgabe des Kanals zu veranlassen. Zuvor hatten von Washington initiierte Konferenzen stattgefunden, um eine kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden, die aber scheiterten. Washington schlug sich bewusst nicht auf die Seite der europäischen Mächte, um eine Auseinandersetzung mit der Sowjetunion zu vermeiden, die dann Ägypten unterstützt hätte. Die UN-Resolution wie sie Frankreich und Großbritannien anstrebten, war gar nicht auf Erfolg ausgelegt. Ein Veto der Sowjetunion wurde erwartet und war sogar erwünscht, da Großbritannien und Frankreich damit einen Vorwand hätten, Ägypten anzugreifen um den sozialistischen, nationalistischen (Panarabismus) Staatspräsident Nasser zu stürzen.

Allerdings ist ein Putschversuch von Seiten Großbritanniens und Frankreichs nicht belegbar, im Gegenteil. In seiner „Footnote to History“ belegt der damalige US-Botschafter in London eindeutig, dass eine Absetzung Nassers gänzlich anderer militärische Vorbereitungen bedurft hätte. Zudem erklärte der britische General Keithley, der für die Besetzung Ismailias zuständig war, eindeutig, sein Auftrag hätte allein in der Errichtung eines Waffenstillstandes bestanden.[7]

Vorbereitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die öffentliche Meinung auf die Notwendigkeit eines Krieges einzustimmen, forderte der britische Premierminister Anthony Eden, dass man der Bedrohung durch den „Mussolini vom Nil“ entschlossen entgegentreten müsse. Dies verfehlte seine Wirkung nicht, denn Eden galt als entschiedener Gegner der Appeasement-Politik gegenüber Hitler und Mussolini. Eden erhielt vom Air Marshal Denis Barnett die Versicherung, dass Luftangriffe bereits reichen würden, um einen Sturz der Regierung Nasser zu erreichen. Am 27. Juli 1956 wurde in den britischen Streitkräften ein Planungsstab gebildet, der den Angriff auf Ägypten unter der Bezeichnung „Operation Musketeer“ entwerfen sollte. Der Plan sah massive Luftangriffe auf die Flugplätze der ägyptischen Luftwaffe und danach auf Bodentruppen vor. Danach sollte die Luft- und Seelandung erfolgen. Hierzu sammelte sich eine große Armada vor Malta und Algier, noch während der De-Eskalationsbemühungen Washingtons. Allerdings gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber, wie weit eine Schwächung der Bodentruppen durch eine reine Luftvorbereitung überhaupt möglich sei und wo genau die anschließende Landung stattfinden sollte. Zwischenzeitig fassten die Militärplaner Alexandria als Ort des Angriffs ins Auge. Damit wäre zwar keine unmittelbare Eroberung der Kanalzone möglich gewesen, aber Alexandria war für die britischen und französischen Streitkräfte leichter zu erreichen und eine größere politische Wirkung für einen Sturz Nassers war abzusehen. Im September lehnte der Ägypten-Ausschuss diesen Plan jedoch ab. Vermutlich erschien es der Politik zu schwierig, einen Angriff auf Alexandria mit der Eroberung der Kanalzone zu rechtfertigen. Zudem wollten einzelne Vertreter des französischen Militärs die Operation auf die Kanalzone begrenzen. Darauf wies der Ägypten-Ausschuss das Militär an, einen Angriff auf Port Said zu planen. Zugleich begannen die Franzosen mit der parallelen Planung eines Angriffs auf Port Said. Auch ein Angriff auf das südliche Kanalende war kurzzeitig im Gespräch, wurde aber wieder verworfen. Am 19. September wurde dem britischen Kabinett der überarbeitete Plan „Musketeer Revise“ vorgelegt. Er sah neben der weitgehenden Vernichtung der ägyptischen Kampfkraft durch Luftschläge auch eine umfassende psychologische Wirkung der Luftangriffe vor, die den Kampfeswillen von Militär, Bevölkerung und Politik brechen sollte.

Bei mehreren Treffen in Sèvres nahe Paris wurde die Zusammenarbeit zwischen dem französischen und dem israelischen Geheimdienst verstärkt. Am 29. September trafen sich Frankreichs Außenminister Christian Pineau und Verteidigungsminister Maurice Bourgès-Maunoury mit Israels Vertretern Golda Meïr, Schimon Peres und Mosche Dajan. Im Oktober folgten Zusicherungen Frankreichs und Großbritanniens über Waffenlieferungen. Frankreich sagte außerdem den Schutz des israelischen Luftraums und der Küste zu. Zudem wollte Frankreich mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat einer gegen Israel gerichteten Entscheidung entgegenwirken. Israel sollte eine Invasion starten, so dass Großbritannien und Frankreich als vermeintliche Friedensmächte intervenieren könnten. Die Europäer würden dann die israelischen und ägyptischen Armeen zum Rückzug auf die jeweilige Seite des Kanals bewegen und eine britisch-französische Interventionsstreitkraft am Kanal um Port Said stationieren. Am 24. Oktober unterzeichneten die drei Staaten ein Abkommen über ihr Vorgehen.

Die Invasion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brennende Öltanks in Port Said nach dem englisch-französischen Angriff, 5. November 1956.
Israelische Soldaten winken einem französischen Bomber.
Universal Newsreel über den Konflikt, 1. November 1956.

Am 29. Oktober 1956 begann Israel mit der Invasion des Gazastreifens und der Sinai-Halbinsel (Operation Kadesh) und stieß schnell in Richtung des Kanals vor. Am folgenden Nachmittag wurde der ägyptische Botschafter in London ins Foreign Office einbestellt und erhielt vom Vertreter des britischen Außenministers Selwyn Lloyd, Sir Ivone Kirkpatrick sowie vom französischen Außenminister Christian Pineau einen Forderungskatalog überreicht. In dem auf zwölf Stunden befristeten britisch-französischen Ultimatum wurde von den ägyptischen Truppen verlangt, zehn Meilen hinter den Sues-Kanal zurückzuweichen und damit die ganze Sinai-Halbinsel zu räumen. Den Israelis wurde ihrerseits aufgetragen, nicht näher als zehn Meilen an den Sues-Kanal heranzurücken. So weit waren sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht vorgedrungen.

Zudem wurde von Ägypten das Einverständnis mit der vorübergehenden Besetzung von Sues, Ismailia und Port Said gefordert. Präsident Nasser wies die Forderung und das Ultimatum wie erwartet zurück. Durch seine Ablehnung lieferte er Großbritannien und Frankreich den erwünschten Vorwand, die Kontrolle über den Kanal militärisch zu gewinnen und das Regime Nassers zu stürzen.

Am 31. Oktober begannen Großbritannien und Frankreich mit der Bombardierung ägyptischer Flughäfen. Einen Tag zuvor waren die Ziele psychologischer Kriegsführung fallen gelassen worden. Die Luftwaffe sollte sich nun auf militärische Ziele konzentrieren. Anfang November kam es zu diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Frankreich, da die britische Regierung nur teilweise über die Unterstützung der französischen Luftwaffe für Israel informiert worden war. Die Briten wollten den Anschein aufrechterhalten, dass die Europäer neutral seien und keineswegs Israel unterstützten.

Das israelische Fallschirmjäger-Bataillon 890 hatte inzwischen nach einer Luftlandung den Ostausgang des strategisch wichtigen Mitla-Passes gesichert. Der Rest der Fallschirmjäger-Brigade 202 unter Ariel Scharon kämpfte sich in zwei Tagen auf dem Landweg die 200 km durch feindliches Gebiet zum Mitla-Pass vor. Ein israelischer Spähtrupp geriet im Pass unter schweres ägyptisches Feuer und wurde vom Rückweg abgeschnitten. Scharon ließ seine Männer den Pass einnehmen, um den Spähtrupp zu retten und gleichzeitig die einzig mögliche Stelle für einen größeren ägyptischen Gegenangriff im südlichen Sinai nachhaltig zu sichern.

Am 5. November landeten alliierte Fallschirmjäger am Flughafen Gamil, sicherten das Gelände und errichteten eine Basis zur Luftunterstützung. In den frühen Morgenstunden des 6. November landeten die Kommandos 40 und 42 der Royal Marines mit amphibischen Fahrzeugen und Feuerunterstützung von Schlachtschiffen an den Stränden Ägyptens. Port Said wurde durch verheerende Brände fast vollständig zerstört.

Beim weiteren Vorstoß trafen die Landekommandos auf harten Widerstand. Kommando 45 der Marines griff per Hubschrauber an (die erste Operation dieser Art in der Kriegsgeschichte) und begann mit dem Häuserkampf in einer Region, wo der Besitz von Schusswaffen für Männer nichts Ungewöhnliches ist. Ägyptische Scharfschützen und eigenes Feuer fügten den Marineinfanteristen zwar schmerzhafte Verluste zu, trotzdem konnten diese das Gefecht für sich entscheiden.

Das eilig verbreitete Gerücht, die sowjetische Armee käme Ägypten zur Hilfe, konnte Nassers demoralisierte Truppen nicht mehr stabilisieren: Die ägyptische Armee und ihre sieben gepanzerten Divisionen mussten wegen des schnellen Vorstoßes der Angreifer und deren Luftüberlegenheit zurückweichen.

Die Kommandos erreichten den Kanal und wandten sich nach Südwesten in Richtung Kairo. Jetzt, da der Kanal in den Händen der Kolonialmächte war, sicherten sie vor einem weiteren Vorstoß nach Süden und Westen ihre Positionen.

Politischer Druck, Waffenstillstand und Rückzug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

NARA Filmaufnahmen der Krise. (englisch)
Israelische Truppen ziehen aus dem Sinai ab

Wider Erwarten erhielten die europäischen Mächte keine Rückendeckung von Seiten der USA für ihr Vorgehen. Der britische Premier Eden rechnete damit, Dwight D. Eisenhower würde sich trotz Vorbehalten im Kriegsfall auf die Seite seiner zentralen europäischen Alliierten schlagen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges verfolgte Washington jedoch eine Containment-Politik und hielt gute Beziehungen zu Staaten der Dritten Welt für wichtiger als britisch-französische Macht- und Wirtschaftsinteressen.

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion brachten Resolutionsentwürfe im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein, um den Konflikt zu beenden. Frankreich und Großbritannien als Veto-Mächte im Sicherheitsrat verhinderten jeweils verabredungsgemäß die Verabschiedung dieser Resolutionen. Mit Beginn der Bodenoperationen wuchs der diplomatische Druck auf Großbritannien, Frankreich und Israel sprunghaft an. Am 31. Oktober stoppten die USA die Entwicklungshilfe für Israel. Großbritannien drohten sie auch mit der Veräußerung von Reserven an britischer Währung, was den Pfund-Kurs hätte einbrechen lassen können. Um eine weitere Eskalation des Konfliktes zu vermeiden, sah sich Washington gezwungen, mit der Sowjetunion auf der Basis der Uniting for Peace-Resolution eine Notfallsitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu beantragen, in der kein Mitgliedsstaat ein Vetorecht besitzt. Die Generalversammlung verabschiedete nach mehreren Sitzungstagen vier Resolutionen. Am 2. November 1956 erklärte die Generalversammlung die Aktionen für völkerrechtswidrig und forderte von Israel (und nur Israel) die Einstellung der Kampfhandlungen und den Rückzug hinter die Waffenstillstandslinie, am 4. November die Aufstellung einer UNO-Friedenstruppe.[8]

Israel versuchte, den unvermeidbaren Rückzug seiner Truppen zu verzögern und vorher völkerrechtliche Garantien von der UNO zu erreichen: Gewährleistung sicherer Grenzen und freie Schifffahrt für Israel durch die Straße von Tiran in den Indischen Ozean. Die USA unterstützten diese Forderung.

Am 5. November drohte die Sowjetunion gegenüber Frankreich und Großbritannien, mit der Anwendung von Gewalt die Aggressoren zu vernichten und den Frieden im Nahen Osten wiederherzustellen.[9] Parteichef Chruschtschow sprach sogar von der – militärisch nicht verwirklichbaren – Zerstörung der westlichen Hauptstädte mit Atomwaffen.[10] An Israel richtete der sowjetische Ministerpräsident Bulganin die Warnung: Als Vollstrecker eines fremden Willens und im Auftrag anderer treibt die Regierung Israels ein verbrecherisches und unverantwortliches Spiel mit dem Schicksal der Welt, mit dem Schicksal ihres eigenen Volkes. Sie sät unter den Völkern des Ostens einen Hass, der sich auf die Zukunft Israels auswirken muss und seine staatliche Existenz in Frage stellt...Wir erwarten, dass die Regierung Israels sich eines Besseren besinnt, ehe es zu spät ist, und ihre militärischen Operationen gegen Ägypten einstellt.[9] Gleichzeitig rief sie ihren Botschafter aus Tel Aviv ab. Am Tag darauf stellten Großbritannien, Frankreich und Israel die Kampfhandlungen ein. Großbritannien und Frankreich schlossen am 6. November 1956 einen Waffenstillstand mit Ägypten.

Der Kriegsschauplatz wurde am 22. Dezember 1956 wieder geräumt. Am 7. März 1957 verließen die letzten israelischen Soldaten ägyptisches Territorium. Die UNO-Vollversammlung hatte zuvor die Forderung nach Truppenrückzug am 24. November 1956, am 19. Januar 1957 und am 2. Februar 1957 wiederholt.[9]. Die Vereinten Nationen stellten die United Nations Emergency Force (UNEF I) auf und stationierten sie zur Sicherung der Grenze zwischen Israel und Ägypten und zur Garantie des Durchfahrtrechts israelischer Schiffe durch die Straße von Tiran im Gazastreifen und im Ostsinai. UNEF I war die erste friedenserhaltende (peacekeeping) militärische Streitkraft der Vereinten Nationen.

Somit war nur das Ziel der Kolonialmächte, die Kanalzone zu besetzen, vorübergehend erreicht worden. Der Sturz Nassers durch die Intervention misslang.

Die Aktionäre der Suezkanal-Gesellschaft wurden von Ägypten finanziell entschädigt. Ägypten öffnete den Sueskanal wieder für die internationale Schifffahrt und bekräftigte am 4. April 1957 in einer völkerrechtlich bindenden Erklärung die Konvention von 1888. Im Sechstagekrieg 1967 kam es zu erneuten Brüchen dieser Konvention und zur Schließung des Sueskanals bis zum 4. Juni 1975.

Konsequenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem anfänglichen militärischen Erfolg war die Sueskrise gerade für Großbritannien zu einer Demütigung ersten Ranges geworden. In der Folge musste Premierminister Anthony Eden zurücktreten,[11] die britische Wirtschaft und Währung gerieten unter Druck. Zugleich verfestigte sich Großbritanniens Verlust seiner Weltmachtstellung – es war der letzte Versuch der alten Weltmacht, ohne Zusammenarbeit mit der neuen Weltmacht USA ihre Interessen durchzusetzen. Zudem wuchs der Widerstand der Staaten der Dritten Welt: Die Niederlage der Briten beschleunigte die Entwicklung, mit der in den nächsten Jahren auch die restlichen britischen und französischen Kolonien auf dem Weg über die Dekolonisation ihre Unabhängigkeit anstrebten.

Die NATO-Mitglieder Frankreich und Großbritannien hatten eine Invasion Ägyptens begonnen, ohne die anderen NATO-Staaten zu konsultieren oder zu unterrichten. Die USA, der dominierende NATO-Staat, lehnte dieses Vorgehen strikt ab. Bei den Regierenden Großbritanniens und Frankreich entstand der Eindruck eines Zusammengehens von USA und Sowjetunion in dieser Krise, gegen die Interessen europäischer NATO-Staaten. Frankreich versuchte in den folgenden Jahren, seinen Einfluss in der NATO zu erhöhen. Aus der Erfolglosigkeit seiner Bestrebungen zog es Schlussfolgerungen. Es richtete seine Verteidigungspolitik zunehmend national aus und arbeitete auch auf eine rein nationale nukleare Handlungsfähigkeit hin.[12]

Israel setzte zwar noch auf Großbritannien und Frankreich als Unterstützer seiner Außenpolitik, in zunehmendem Maß aber auch auf die USA. Angesichts des politischen britisch-französischen Sues-Debakels betrachteten sich die USA nun als alleinige Verteidiger westlicher Interessen im Nahen Osten, wovon Israel in Form von Waffenlieferungen und amerikanischen Sicherheitsgarantien profitierte.

Die UdSSR schaltete sich in der Folge in den Nahostkonflikt ein und unterstützte Ägypten militärisch und wirtschaftlich. Zudem konnte sie den Ungarn-Aufstand ungehindert niederschlagen, da Washington für die „Uniting-for-peace“-Resolution auf die Unterstützung der UdSSR angewiesen war.

Auf ägyptischer Seite stärkte die Krise trotz militärischer Niederlage massiv die Position Nassers in der arabischen Welt und seinen Panarabismus. Nasser gelang es dabei, die militärische Niederlage vor der arabischen Öffentlichkeit in einen politischen Sieg zu verwandeln. In nicht-öffentlichen Gesprächen sagte er, dass er sich der unerwartet dürftigen Leistung des Militärs bewusst war.[13]

In Scharm El-Scheich und auf der ägyptischen Seite im Gazastreifen wurden Friedenstruppen der UNEF I (United Nations Emergency Force) stationiert. Damit war die Bedrohung der israelischen Grenze durch ägyptische Fedajin gebannt. Israel konnte die wirtschaftlich wichtige Schifffahrtsroute von Eilat durch den Golf von Akaba nach Ostafrika und Asien wieder benutzen. Frankreich lieferte nach dem Krieg Flugzeuge sowie Bauteile für das israelische Kernwaffenprogramm.[13] In der arabischen Welt dagegen hatte sich nach den Worten Nachum Goldmanns das Bild Israels als eines Bundesgenossen der „imperialistischen Mächte“ [...] endgültig fixiert[14] und weitere Konfrontationen waren damit vorgezeichnet.

Versenkte Schiffe versperrten die Durchfahrt durch den Sueskanal noch einige Wochen. Am 10. April 1957 konnte er wieder passiert werden, erstes Schiff war die italienische Oceania.[15]

Die Sueskrise führte im Irak zu einer weiteren innenpolitischen Schwächung der pro-britischen Monarchie. Diese unterdrückte mehrere anti-britische Demonstrationen und musste schließlich das Kriegsrecht ausrufen und mehrere Demonstrationen durch das Militär niederschlagen um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.[16][17]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Altmann: Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945–1985. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-870-1.
  • Marc R. DeVor: Die militärischen Pläne Großbritanniens und Frankreichs während der Suezkrise. In: Bernd Greiner (Hrsg.): Krisen im Kalten Krieg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009, ISBN 978-3-89331-944-2.
  • Johannes Glasneck, Angelika Timm: Israel: Die Geschichte des Staates seit seiner Gründung. Bouvier, Bonn/ Berlin 1992, ISBN 3-416-02349-8, S. 125–133.
  • Winfried Heinemann, Norbert Wiggershaus (Hrsg.): Das Internationale Krisenjahr 1956, Polen, Ungarn, Suez. (= Beiträge zur Militärgeschichte. Band 48). Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56369-6.
  • Keith Kyle: Suez: Britain's End of Empire in the Middle East. IB Tauris, London 2011, ISBN 978-1-84885-533-5. (englisch)
  • Reinhard C. Meier-Walser: Suez - eine weltpolitische Krise mit Folgen. In: Neue Zürcher Zeitung. Zürich 28./29. Oktober 2006, ISSN 0376-6829.
  • Barry Turner: Suez 1956: The Inside Story of the First Oil War. London 2007, ISBN 978-0-340-83769-6. (englisch)

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerhard Altmann: Abschied vom Empire: die innere Dekolonisation Grossbritanniens 1945–1985. Göttingen 2005, ISBN 3-89244-870-1, S. 141.
  2. Jost Dülffer: Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990. München 2004, ISBN 3-486-49105-9, S. 29f.
  3. Jost Dülffer: Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990. München 2004, ISBN 3-486-49105-9, S. 179.
  4. Gerhard Altmann: Abschied vom Empire: die innere Dekolonisation Grossbritanniens 1945–1985. Göttingen 2005, ISBN 3-89244-870-1, S. 170.
  5. Wir geben zu. Nr. 41. In: Der Spiegel. 7. Oktober 1953, S. 16–17, abgerufen am 20. März 2010.
  6. Chaim Herzog: Kriege um Israel 1948 bis 1984, Wien 1984, ISBN 3-550-07962-1, S. 135.
  7. W. Winthroph Aldrich: The Suez Crisis. A Footnote to History. In: Foreign Affairs; an American Quarterly Review. 45, 3, S. 541f.
  8. www.un.org: Establishment of UNEF
  9. a b c Johannes Glasneck, Angelika Timm: Israel: Die Geschichte des Staates seit seiner Gründung. Bonn/ Berlin 1992, ISBN 3-416-02349-8, S. 132f.
  10. Jost Dülffer: Europa im Ost-West-Konflikt. 1945–1991, München 2004, ISBN 3-486-49105-9, S. 20.
  11. Keith Kyle: Suez: Britain's End of Empire in the Middle East. I.B.Tauris, London 2011, S. 533.
  12. Johannes Varwick: Die NATO. Vom Verteidigungsbündnis zur Weltpolizei?, München 2008, ISBN 978-3-406-56809-1, S.34ff.
  13. a b Michael Oren: Six Days of War: June 1967 and the Making of the Modern Middle East. New York, 2002, S. 11–15.
  14. zitiert nach: Johannes Glasneck, Angelika Timm: Israel: Die Geschichte des Staates seit seiner Gründung. Bonn/ Berlin 1992, ISBN 3-416-02349-8, S. 133.
  15. "Befreiung" des Suezkanals auf ntv.de, abgerufen am 5. Januar 2012.
  16. Marion Farouk-Sluglett, Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 - Von der Revolution zur Diktatur. 1991, S. 55–56.
  17. Adeed Dawisha: Iraq - A political History from Independence to Occupation. Princeton, 2009, S. 116.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sueskrise – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien