Suffizienz (Politik)
Der Begriff der Suffizienz, sinngemäß übersetzbar mit Genügsamkeit, steht in der Nachhaltigkeitsforschung, Umwelt- und Naturschutzpolitik für das Bemühen um einen möglichst nachhaltigkeitskonformen und umweltverträglichen Rohstoff- und Energieverbrauch, der innerhalb der Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit der Erde bleibt. Im Unterschied zur Ökoeffizienz stellt Suffizienz das Ausmaß der Produktion und des Konsums und die Richtungen des Wirtschaftswachstums in Frage.
Nähere begriffliche Eingrenzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine der Schlüsselfragen der Suffizienz ist: „Was brauche ich wirklich?“ Die Frage kann dabei helfen, Lebensbereiche ausfindig zu machen, in denen eine Begrenzung individueller Verbräuche leichter fällt und andere, in denen dies schwerer der Fall ist. Dadurch können im Alltag Prioritäten gesetzt werden und individuelle Verbräuche leichter auf Suffizienz hin ausgerichtet werden. Das Suffizienzkonzept adressiert in seiner einfachen Form zunächst den verantwortungsbewussten Menschen als Individuum. Zahlreiche Wissenschaftler wollen jedoch Suffizienz nicht als rein individuelle Lebensstilfrage diskutiert und verstanden wissen (vgl. etwa Oliver Stengel, Manfred Linz, Sachverständigenrat für Umweltfragen[1] etc.). Vielmehr wollen sie das Konzept der Suffizienz dazu verwenden, auf Verbräuche von Teilen der Gesellschaft einzuwirken, mit nachhaltigkeitsorientierten Diskursen, Ideen und Maßnahmen dazu beitragen, den Klimawandel abzubremsen, d. h. sie wollen dem Konzept der Suffizienz ein so weitreichendes Begriffsverständnis mitgeben, dass es für die Sphäre des Politischen nutzbar wird.[1]
In der Nachhaltigkeitsdiskussion wird Suffizienz häufig komplementär (ergänzend) zu Ökoeffizienz und Konsistenz gesehen.[2][3] Suffizienz stell die Frage nach dem rechten Maß des Konsums, nach Selbstbegrenzung[4], Konsumverzicht, Askese, Entschleunigung oder dem Abwerfen von Ballast.[3][5] In vielen Fällen stehen dabei Änderungen im Bedarf der Konsumenten im Vordergrund, während eine gesteigerte Energie- und Ressourceneffizienz oder der vermehrte Einsatz regenerativer Ressourcen (Konsistenz) eher auf technische Lösungen bei gleich bleibendem Bedarf setzt.
Der Begriff wurde im deutschsprachigen Raum 1993 erstmals von Wolfgang Sachs verwendet.[6] Im Französischen wird er mit Sobriété économique und im Englischen mit Eco-Sufficiency gleichgesetzt. Sachs erklärte den Begriff so:
„Einer naturverträglichen Gesellschaft kann man in der Tat nur auf zwei Beinen näherkommen: durch eine intelligente Rationalisierung der Mittel wie durch eine kluge Beschränkung der Ziele. Mit anderen Worten: die „Effizienzrevolution“ bleibt richtungsblind, wenn sie nicht von einer „Suffizienzrevolution“ begleitet wird.“
Sachs definierte Suffizienz als Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Entrümpelung.[7] Manfred Linz beschreibt Suffizienz als die Frage nach dem rechten Maß und definiert die Öko-Suffizienz als „Lebens- und Wirtschaftsweise, die dem übermäßigen Verbrauch von Gütern und damit Stoffen und Energie ein Ende setzt“[8] und damit Ökoeffizienz und Konsistenz flankiert.[8] Dies kann durch eine geringe Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, die einen hohen Ressourcenverbrauch erfordern, erreicht werden.[9] Das nötige Umdenken wird als schwieriger als die Adaptionen neuer Technologien eingeschätzt.
„Die Suffizienz ist politisch ungleich heikler als die Effizienzfrage.“
Erweiterung der Begriffsdefinition
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einem Diskussionsbeitrag erweitert der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) den Begriff der Suffizienz von der individuellen auf eine gesellschaftliche Ebene. Ausgehend vom Grundverständnis, dass die Ressourcen der Erde für alle ausreichen sollten, wird die Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen Genügsamkeit abgeleitet. Suffizienz wird als ausgleichendes Element verstanden, das zwischen den Freiheitsansprüchen von Menschen mit hohem Konsum auf der einen Seite und Menschen mit niedrigem Konsum sowie jungen und künftigen Generationen auf der anderen Seite ausgleicht. Es wird argumentiert, dass es keinen begründbaren Anspruch darauf gäbe, den eigenen ressourcenintensiven Lebensstil als moralisch vertretbar zu betrachten, während die damit eingeschränkten Freiheitsansprüche anderer nicht berücksichtigt werden.[11]
Forschung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Suffizienz-Forschung hinterfragt, welche persönlichen, sozialen und politischen Bedingungen einer Orientierung an maßvollem Verbrauch im Weg stehen und wie sich diese Hemmnisse überwinden lassen. Dies schließt ein, wie das Konsumverhalten der Wegwerfgesellschaft und die Bindung des Wohlstandsverständnisses an materielle Güter veränderbar ist und welche Folgen maßvolles Handeln in Privathaushalten, Unternehmen und Institutionen für Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftswachstum hat.[8] Die Jahrestagung 2011 der Vereinigung für Ökologische Ökonomie stellt Suffizienz hierbei in das Spannungsfeld zwischen Glück und Verzicht.[12]
Genauso wie die Ökoeffizienz ist auch die Suffizienz nicht frei von Rebound-Effekten.[13] Eine zentrale offene Forschungsfrage lautet, inwieweit für einen wirksamen Umweltschutz neben technischen Maßnahmen (wie Effizienz und Konsistenz) tatsächlich Suffizienz erforderlich ist. Die drohenden Rebound-Effekte primär bei der Effizienz sind ein Argument für die Notwendigkeit der Suffizienz, aber auch das Problemausmaß in Bereichen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder Biodiversitätsverlust.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]George Monbiot fasste seine Vorstellungen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise mit weitgehend geteiltem Eigentum als Regulativ des Ressourcenverbrauchs als „private Suffizienz, öffentlicher Luxus“ (private sufficiency, public luxury) zusammen.[14]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Benjamin Held, Dorothee Rodenhäuser, Hannes Vetter, Hans Diefenbacher (Hrsg.): Suffizienzpolitik: Möglichkeiten und Grenzen in einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft. (= Die Wirtschaft der Gesellschaft: Jahrbuch; Bd. 9). Metropolis-Verl., Marburg 2024, ISBN 978-3-7316-1566-8.
- Manfred Linz: Suffizienz als politische Praxis. Ein Katalog. 2015 (wupperinst.org [PDF; 2,6 MB; abgerufen am 8. September 2021]).
- Felix Ekardt: Theorie der Nachhaltigkeit: Rechtliche, ethische und politische Zugänge – am Beispiel von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Welthandel. 2015.
- Mark A. Burch: The Hidden Door. Mindful Sufficiency as an Alternative to Extinction. Simplicity Institute, Melbourne, 2013.
- Uwe Schneidewind, Angelika Zahrnt: Damit gutes Leben einfacher wird: Perspektiven einer Suffizienzpolitik. Oekom Verlag, 2013, ISBN 978-3-86581-441-8.
- Themenheft Vom rechten Maß: Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz. / oekom e. V. (Hrsg.). In: Politische Ökologie. (ISSN 0933-5722) 31. Jg., Bd. 135, Heft 04 – 2013 (Dezember 2013), Themenheft, ISBN 978-3-86581-426-5.
- Oliver Stengel: Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. oekom verlag, 2011, ISBN 978-3-86581-280-3 (wupperinst.org [PDF; 10,5 MB]).
- Konrad Ott et al.: Suffizienz: Umweltethik und Lebensstilfragen. In: Vordenken – Ökologie und Gesellschaft 2. Heinrich-Böll-Stiftung, 2007 (boell.de [PDF; 141 kB]).
- Thomas Princen: The Logic of Sufficiency. MIT Press, Cambridge, 2005.
- Manfred Linz: Weder Mangel noch Übermaß: über Suffizienz und Suffizienzforschung. In: Wuppertal Institut. 2004 (econstor.eu [PDF; 319 kB]).
- Wolfgang Sachs: Die vier E's: Merkposten für einen maß-vollen Wirtschaftsstil. In: Wuppertal Institut. 1993 (wupperinst.org [PDF; 172 kB]).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Suffizienz – die übersehene Strategie – Forschungsergebnisse der Universität Flensburg, 2022
- „Suffizienz“ – Publikationen und Projekte des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie
- Politikwissenschaftliche Literatur zum Thema Suffizienz und alternatives Wirtschaften ( vom 6. Juli 2022 im Internet Archive) in der Annotierten Bibliografie der Politikwissenschaft
- Effizienz und Suffizienz ( vom 18. Februar 2016 im Webarchiv archive.today) – Debattenseite der deutschen Umweltverbände, 2016
- Bundesamt für Umwelt (Schweiz): Effizienz versus Suffizienz: Kluges Wachstum oder Genügsamkeit aus Einsicht? ( vom 16. Februar 2016 im Webarchiv archive.today), 2010
- Armin Mahler, Michael Sauga: Interview mit Kurt Biedenkopf: Jahrhundert der Bescheidenheit. In: Der Spiegel. Nr. 31, 2009 (online).
- Uta von Winterfeld, Frederik Lippert, Alicja Darksi, Claudia Kaiser: Eine nachhaltige Gesellschaft braucht Suffizienz. ( vom 25. März 2016 im Internet Archive) project21.ch, 2008
- Kai Biermann: Das V-Wort. In: Die Zeit, 22. Juni 2007 (über Suffizienz und Verzicht)
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Suffizienz als „Strategie des Genug“: Eine Einladung zur Diskussion. Diskussionspapier Sachverständigenrat für Umweltfragen (Herausgebendes Organ), Berlin 2024, ISBN 978-3-947370-27-6, S. 7 f. (Download-PDF)
- ↑ Joseph Huber: Nachhaltige Entwicklung durch Suffizienz, Effizienz und Konsistenz. In: Peter Fritz et al. (Hrsg.): Nachhaltigkeit in naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart, S. 31–46.
- 1 2 Manfred Linz: Weder Mangel noch Übermaß: über Suffizienz und Suffizienzforschung. In: Wuppertal Institut. 2004 (econstor.eu [PDF]).
- ↑ Niko Paech: Nachhaltigkeit und Klimapolitik: Geplatzte Seifenblase. Technologie oder die CO2-Steuer lösen nicht das Klimaproblem. Der ökologische Ernstfall verlangt eine Neujustierung der persönlichen Freiheiten. Die Tageszeitung, 28. Juli 2019, abgerufen am 28. Juli 2019.
- ↑ Niko Paech, Björn Paech: Suffizienz plus Subsistenz ergibt ökonomische Souveränität. Stadt und Postwachstumsökonomie. In: Politische Ökologie. Nr. 124, 2011, S. 54–60.
- ↑ Gerhard Scherhorn: Über Effizienz hinaus: Ökoeffizienz scheitert, wenn sie nicht mit Suffizienz verbunden wird, abgerufen am 14. Oktober 2011
- 1 2 Wolfgang Sachs: Die vier E’s: Merkposten für einen maß-vollen Wirtschaftsstil. In: Politische Ökologie. (ISSN 0933-5722) [11. Jg.], Nr. 33 (1993), S. 69–72.
- 1 2 3 Manfred Linz: wupperinst.org ( vom 24. September 2010 im Internet Archive)
- ↑ vgl. z. B. wachstumimwandel.at
- ↑ Kai Biermann: Klimawandel: Das V-Wort. In: Die Zeit. 22. Juni 2007, abgerufen am 14. Oktober 2011.
- ↑ Suffizienz als „Strategie des Genug“: Eine Einladung zur Diskussion. Sachverständigenrat für Umweltfragen, 21. März 2024, abgerufen am 26. März 2024.
- ↑ Jubiläumstagung 2011: „Suffizienz: Verzicht oder Glück!?“ auf der Seite der VÖÖ, abgerufen am 14. Oktober 2011
- ↑ Blake Alcott: The sufficiency strategy: Would rich-world frugality lower environmental impact? ( vom 7. Oktober 2013 im Internet Archive) (PDF; 461 kB). In: Ecological Economics 64 (2007), Nr. 4, S. 770–786.
- ↑ George Monbiot: Private Sufficiency, Public Luxury. The Schumacher Lectures. In: Common Good Collective. 9. November 2020, abgerufen am 10. Juli 2023 (amerikanisches Englisch).