Suggestivfrage

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Eine Suggestivfrage ist eine Frageform, bei der der Befragte durch die Art und Weise der Fragestellung beeinflusst wird, eine Antwort mit vorbestimmtem Aussageinhalt zu geben, die der Fragesteller erwartet. Die Art und Weise der Frage hat den Zweck, auf das Denken, Fühlen, Wollen oder Handeln einer Person einzuwirken und den Befragten von einer rational bestimmten Antwort abzuhalten.

Suggestivfragen finden in der Psychologie, in der Rhetorik, in der Vernehmungspraxis, im Verkaufsgespräch, in der Markt- und Meinungsforschung sowie im alltäglichen Sprachgebrauch Anwendung, werden jedoch aufgrund ihres Beeinflussungscharakters nicht geschätzt.

Wer diese Frageform anwendet, stellt keine wirkliche Frage, sondern beabsichtigt, seine Idee, Sicht oder Meinung einer anderen Person zu suggerieren, um beeinflussend zu wirken.

Nützlich kann eine Suggestivfrage dann sein, wenn sie eine vorhandene Gemeinsamkeit im Denken, Fühlen, Wollen oder Handeln mit einer Person betonen soll.

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Psychologie[Bearbeiten]

Suggestionen und Suggestivfragen sind in der Psychologie und Medizin grundsätzlich als Kunstfehler zu betrachten, wenn sie in der Diagnostik – bei der es um Wahrheitsfindung in Bezug auf Sachverhalte geht – angewandt werden. Suggestionen und Suggestivfragen in Behandlungssituationen können aber in bestimmten Fällen durchaus hilfreich sein.

Rhetorik[Bearbeiten]

Suggestivfragen werden als rhetorisches Mittel gerne im Verkaufsgespräch eingesetzt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Als Beispiele sind hier unter anderem die „An-der-Tür-Verkäufe“ und die Telefonwerbung zu sehen. Mit geschlossenen Suggestivfragen, die der Befragte mit „Ja“ beantworten soll, wird versucht, Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, Geld zu sammeln oder Unterschriften unter Verträge zu bekommen.

Rechtssystem[Bearbeiten]

Bei der Zeugenvernehmung ist zur Wahrheitsfindung eine Suggestivfrage nicht zulässig, kann aber eingesetzt werden, um die Suggestionsanfälligkeit eines Zeugen und damit seine Glaubwürdigkeit zu prüfen.

Vernehmungspraxis[Bearbeiten]

In der polizeilichen Vernehmungspraxis ist zur Wahrheitsfindung eine Suggestivfrage ebenfalls nicht erlaubt. Es besteht aber in der Praxis immer die Gefahr, dass unter dem Druck, ein Ermittlungsergebnis zu präsentieren, ein Täter, ein Opfer oder ein Zeuge mit einer Suggestivfrage zu einer konkreten Aussage gebracht werden soll.

Markt- und Meinungsforschung[Bearbeiten]

Suggestivfragen werden in der Markt- und Meinungsforschung eingesetzt, um über eine klassische „Ja / Nein / Weiß nicht“-Antwort
a) strukturell schnell verwertbare Ergebnisse zu bekommen und
b) die Antworten prägnant verwertbar zu machen.

Suggestivfragen sollten im Interesse einer objektiven Meinungsforschung grundsätzlich vermieden werden. Meinungsforscher, die mit einer bestimmten Umfrage lediglich ein erwünschtes Meinungsbild untermauern wollen, setzen aber gerne Suggestivfragen ganz bewusst zur Manipulation der Ergebnisse ein.

Alltäglicher Sprachgebrauch[Bearbeiten]

In der alltäglichen Kommunikation im privaten Bereich wird die Suggestivfrage allgemein akzeptiert und nur in der starken Form, meistens in Konfliktfällen, abgelehnt. Dagegen wird sie, sofern wahrgenommen, im öffentlichen Bereich als unangenehm empfunden und grundsätzlich abgelehnt.

Beispiele[Bearbeiten]

Frageform Beispiele
Gering suggestive Frageformen
Offene Fragen
(Leerfragen)
„Was hast du gesehen?“
„Was geschah dann?“
Bestimmungsfragen „Um wie viel Uhr ist das passiert?“
Auswahlfragen „War es ein Mann oder eine Frau?“
Satzfragen „Hat der Mann etwas gesagt?“
Stark suggestive Frageformen
Vorhaltfragen mit vorausgesetzten Fakten „Hat er das gestohlene Geld in die Tasche gesteckt?“
Eingekleidete Wertungen und Deskriptionen „Wie schnell ist der X gerannt, als Du ihn aus dem Laden flüchten sahst?“
Unvollständige Disjunktionen in Auswahlfragen „War das Auto rot oder schwarz?“
Implizierte Erwartungen „Das Opfer hat dann sicher um Hilfe gerufen?“
Konformitätsdruck (sozialer Vergleich) „A und B haben ausgesagt, dass ... Hast du das nicht auch gesehen?“
Illokutive Partikel und Redewendungen „Du hast ja wohl den Schuss gehört, oder?“
Fragewiederholung ... „Bist du wirklich sicher? Hat er das Geld genommen?“
Negatives Feedback „Das gibt's doch nicht, dass du das nicht mehr weißt!“
Drohungen und Versprechungen „Ich frage dich so lange, bis du mir sagst, was der X mit dir gemacht hat. Vorher lasse ich dir keine Ruhe. Es wird dir gut tun, wenn du es endlich sagst.“

[1]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Suggestivfrage – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Suggestive Frageformen in der Vernehmungspraxis, Johann Endres, O.B. Scholz & Donata Summa, 1997