Sungir

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Sungir (russ. Сунгирь, wissenschaftliche Transkription Sungir'; englische Schreibweise teilweise Sunghir) ist ein archäologischer Fundplatz am nordöstlichen Stadtrand von Wladimir (Russland) (190 km ost-nord-östlich von Moskau). Bekannt wurde Sungir vor allem durch drei besonders reich ausgestattete Gräber, die mit einer Datierung auf etwa 30'000 v. Chr. in das Gravettien (frühes Jungpaläolithikum) fallen.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fundstelle liegt auf einem Hügel an der Mündung des Sungir in die Kljasma und lag unter mehreren Metern Löß begraben.

Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 1957 bis 1977 fanden systematische Ausgrabungen statt. 1964 und 1969 leiteten O. Nikolai Bader, V. I. Gromov und V. N. Sukachev die Grabungen, sie entdeckten Skelett 1 und 2 sowie schlecht erhaltene Bestattungen in der Kulturschicht[1].

Zu den bemerkenswerten Grabbeigaben gehörte unter anderem auch ein von Otto Bader ausgegrabener, relativ massiver Oberschenkelknochen mit abgeschlagenen Gelenken, der möglicherweise von einem Neandertaler stammt. Die Markhöhle dieses Knochens war mit Ockerpulver gefüllt. Unter den Resten von insgesamt acht Cro-Magnon-Menschen treten drei Gräber mit für diese Zeit einzigartigen Grabbeigaben hervor:

Grab 1[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab eines 30-45 jährigen Mannes (Sungir 1), das 1955 entdeckt wurde. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken. Das Grab war mit Ocker bestreut, besonders um Kopf und Schultern. Zu den Beigaben gehören Armreifen aus Elfenbein und ca. 3000 Elfenbeinperlen, die wohl auf die Kleidung genäht waren[2]. Er verstarb an einer Halsverletzung[3].

Grab 2[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab 2 enthielt die Doppelbestattung zweier Jugendlicher. Sungir 2 ist ein 11-13 Jahre alter Junge, Sungir 3 ein 9-11 Jahre altes Mädchen. Sie waren mit sehr aufwendigem Schmuck und Lanzen aus Mammut-Elfenbein bestattet. Aus der Anordnung der Elfenbeinperlen konnten Rückschlüsse auf die Art der Bekleidung gezogen werden. So trugen beide Jugendliche bei der Grablegung Kopfbedeckungen.

Radiokohlenstoff-Datierungen und Zuordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bestattungen liegen kalibriert zwischen 32'050 und 28'550 v.Chr, die Datierungen der Tierreste zwischen 32'030 und 29'178 v.Chr. Da die Pollenfunde auf eine relativ warme Phase deuten, bleibt nach Trinkaus und Kollegen (2015) nur das Interstadial GI-5 zwischen dem 305. und 301. Jh. v. Chr. GICC05-Skala [4] als wahrscheinlichste Zeit. Die Gräber von Sungir gehören damit zu den nördlichsten Fossilfunden des Cro-Magnon-Menschen während der letzten Eiszeit.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nikolai Bader (Hrsg.): Posdnepaleolititscheskoje posselenije Sungir. Verlag Nautschny Mir, Moskau; 272 S.
  • Бадер О.Н., Бадер Н.О. Homo Sungirensis. Верхнепалеолитический человек: экологические и эволюционные аспекты исследования. Научный мир, 2000. (russisch, englisch)
  • Erik Trinkaus, Alexandra P. Buzhilova, Maria B. Mednikova, Maria V. Dobrovolskaya: The People of Sunghir. Burials, Bodies, and Behavior in the Earlier Upper Paleolithic. Oxford University Press, New York 2014, 420 S. ISBN 9780199381050

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erik Trinkaus, Alexandra P. Buzhilova, Maria B. Mednikova, Maria V. Dobrovolskaya 2015, The Age of the Sunghir Upper Paleolithic Human Burials. Anthropos LIII/1–2, 221
  2. Erik Trinkaus, Alexandra P. Buzhilova, Maria B. Mednikova, Maria V. Dobrovolskaya 2015, The Age of the Sunghir Upper Paleolithic Human Burials. Anthropos LIII/1–2, 222
  3. Erik Trinkaus, Alexandra P. Buzhilova 2012, The death and burial of Sunghir 1. International Journal of Osteoarchaeology 22, 655–666
  4. http://www.iceandclimate.nbi.ku.dk/research/strat_dating/annual_layer_count/gicc05_time_scale/

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 56° 10′ 33″ N, 40° 30′ 33″ O