Svend Ranulf

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Svend Ranulf (* 26. März 1894 in Odense; † 16. März 1953 in Aarhus) war ein dänischer Philosoph und Soziologe. Er war von 1939 bis zu seinem Tode Professor für Philosophie an der Universität Aarhus, wo er im sogenannten „dänischen Positivismusstreit“ in Konflikt zu Theodor Geiger geriet, der ebenfalls in Aarhus lehrte.

Werdegang[Bearbeiten]

Ranulf absolvierte bis 1916 in Odense eine Lehrerausbildung und wandte sich danach der Philosophie zu. 1922 legte er das Magister-Examen ab, 1924 wurde er promoviert. Bei Studienaufenthalten in Leipzig und Paris entstand sein, nie mehr schwindendes Interesse an der Soziologie, wobei er sich als Schüler von Émile Durkheim verstand.[1] 1938 bewarb er sich erfolglos um die erste dänische Professur für Soziologie in Aarhus, die dann Theodor Geiger erhielt. Zu Geiger stand Ranulf seit dessen Emigration 1933 in einem gespannten Konkurrenzverhältnis und beargwöhnte eifersüchtig, wie Geiger erst in Kopenhagen, dann in Aarhus, Anerkennung in der noch schwach strukturierten dänischen Sozialwissenschaft gewann. Die Berufung des fachwissenschaftlich vielfach besser qualifizierten Geiger auf den neugeschaffenen Lehrstuhl verwandt Ranulf nicht – selbst als er 1939 auf eine Professur für Philosophie in Aarhus berufen wurde.[2] Nach der Rückkehr Geigers aus Schweden (er hatte Dänemark während der deutschen Besetzung des Landes verlassen müssen) verwickelte Ranulf ihn in den sogenannten „dänischen Positivismusstreit“[3] Dabei offenbarte er erhebliche fachwissenschaftliche Wissenslücken, die seinem Ansehen abträglich waren. Auch sein zweiter Versuch, Soziologieprofessor zu werden, scheiterte 1949 an der Universität Kopenhagen.

„Dänischer Positivismusstreit“[Bearbeiten]

In seinem 1946 erschienenem Methodenbuch (Socialvidenskabelig metodelære) kritisierte Ranulf die Verschwommenheit und Unüberprüfbarkeit der geisteswissenschaftlich orientierten deutschen Soziologie. Konkret richtete sich Ranulf gegen das Methodenverständnis in Geigers dänischsprachigem Überblickswerk Sociologi. Grundrids og Hovedproblemer aus dem Jahr 1939.[4][5] Auch frühere Arbeiten von Geiger, insbesondere dessen Beitrag in Vierkandts Handwörterbuch der Soziologie von 1931, galten ihm als Inbegriff problematischer Methodik. Er befand, dass die verstehende Soziologie der Weimarer Republik, insbesondere Geigers Schriften, zu ungenau sei und forderte empirische Exaktheit ein. Zudem machte Ranulf Geiger den Vorwurf, er habe mit seiner Soziologie – wenn auch unabsichtlich – dem nationalsozialistischen Denken Tür und Tor geöffnet. Schon 1939 hatte Ranulf auch Ferdinand Tönnies zu den „wissenschaftlichen Vorläufern“ des Faschismus gezählt. [6]

Geiger, der 1933 wegen „nationaler Unzuverlässigkeit“ seine Braunschweiger Professur verloren hatte, verstand die Anwürfe als böswillige Unterstellung und eklatante Verdrehung seines Wissenschaftsverständnisses und als Rufschädigung in der Zeit unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in der die Schikanen und Greueltaten der Nazi-Barbarei im besetzten Dänemark noch in lebendiger Erinnerung waren. Er reagierte mit der in wenigen Tagen verfassten Streitschrift „Ranulf contra Geiger. Ein Angriff und eine offensive Verteidigung“. Darin stellte er fest, dass Ranulf sich eines überkommenem Methodenverständisses bediente, das nicht auf Durkheim direkt zurückgehe, sondern auf die vereinfachte Version dessen Schülers François Simiand, der die Forschungsmethoden der Naturwissenschaften bruchlos auf die Sozialwissenschaften übertragen wollte. Dass er sich damit in einen Gegensatz zu Max Weber begab, den er bewunderte, thematisierte Ranulf nicht. In seiner Entgegnung tadelte Geiger Ranulfs unscharfe Begrifflichkeit und theoretische Konzeption, in der der Stellenwert der Forschungsmethodik weit überschätzt werde. Geiger wies darauf hin, dass kein noch so ausgeklügelter methodischer Zugriff das eigene Nachdenken über den Problemzusammenhang ersetzen könne.

Nach Lektüre der Geiger-Streitschrift erkannte Ranulf in einem Brief, dass „wir tatsächlich weniger uneinig sind,als ich geglaubt hatte“, setzte seine Angriffe aber dennoch fort. Der Konflikt endete erst mit Geigers Tod 1952.

Die von Ranulf behauptete Affinität zwischen Phänomenologie und Nationalsozialismus hielt René König rückblickend nach dem Tode der beiden Kontrahenten für nicht abwegig und nannte Ranulf einen „äußerst originellen dänischen Soziologen“ und einen „sehr scharfsinnigen methodologischen Denker“.[4]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Der eleatische Satz vom Widerspruch, Kopenhagen: Gyldendalske Bogh, 1924.
  • Moral indignation and middle class psychology: a sociological study, Kopenhagen 1938.
  • Hitlers Kampf gegen die Objektivität, Aarhus: Universitetsforlaget, 1946.
  • On the survival Chances of democracy, Kopenhagen: Munksgaard, 1948.
  • Socialvidenskabelig metodelære, Kopenhagen: Munksgaard, 1946.
  • Methods of Sociology, Kopenhagen: Munksgaard, 1955.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Svend Ranulf, Gyldendal - Den Store Danske, Übernahme aus Dansk Biografisk Leksikon, dänisch, abgerufen am 15. Dezember 2014

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Torben Agersnap: Ranulf, Svend In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Bd. 1, 2. Auflage, Enke, Stuttgart 1980, S. 346.
  2. Klaus Rodax: Theodor Geiger, Gesamtausgabe, Bd. 5., Ranulf contra Geiger. Ein Angriff und eine offensive Verteidigung. PL Acad. Research, Frankfurt am Main 2011, Vorrede, S. XIV, Online-Version der Vorrede (PDF, abgerufen am 17. Dezember 2014).
  3. Diese Bezeichnung verwendet Klaus Rodax in seiner Vorrede zu: Theodor Geiger, Gesamtausgabe, Bd. 5., Ranulf contra Geiger. Ein Angriff und eine offensive Verteidigung. PL Acad. Research, Frankfurt am Main 2011, S. VIII.
  4. a b René König: Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter. München-Wien: Carl Hanser Verlag 1987, S. 316 f.
  5. In seiner Vorrede zum von ihm herausgegeben Band 5 des Geiger-Gesamtwerkes stellt Klaus Rodax den Methodenkonflikte ausführlich dar: Theodor Geiger, Gesamtausgabe, Bd. 5., Ranulf contra Geiger. Ein Angriff und eine offensive Verteidigung. PL Acad. Research, Frankfurt am Main 2011. Diese Vorrede ist, wenn nicht anders belegt, die Quelle der Darstellung.
  6. Svend Ranulf: Scholarly Forerunners of Fascism in Ethics, Jg. 50, Chicago 1939, S. 16-34.