Synoptisches Problem

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Das Synoptische Problem oder die synoptische Frage betrifft die Erklärung der textlichen Übereinstimmungen und Unterschiede der ersten drei Evangelien des Neuen Testaments. Eine vergleichende Gegenüberstellung dieser Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) als Synopse zeigt, dass sie viele Passagen gemeinsam haben, sich aber hinsichtlich Wortlaut, Reihenfolge und Stoffauswahl unterscheiden. Das Synoptische Problem ist ein klassisches Problem der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft.

Die jeweilige Antwort auf das Synoptische Problem beeinflusst die Auslegung (Exegese) der drei Evangelien in hohem Maße, insbesondere Redaktionsgeschichte und Formgeschichte dieser drei Schriften sowie die Rekonstruktion von Leben und Predigt des historischen Jesus und Aspekten der frühesten Kirchengeschichte (Urchristentum).

Der Befund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Statistische Angaben: A. M. Honoré, 1968[1]

Im Einzelnen sind folgende Sachverhalte zu erklären:

  • Übereinstimmungen im Wortlaut: Matthäus, Markus und Lukas stimmen bei parallelen Stellen in ca. 50 % der Wörter überein, während sie mit Parallelstellen bei Johannes in nur 10 % der Wörter übereinstimmen.
  • Auffallende Übereinstimmungen in der Reihenfolge, aber auch zahlreiche Abweichungen
  • Dreifache gemeinsame Überlieferung: fast das ganze Material von Markus ist in Matthäus enthalten, etwa zwei Drittel davon zudem in Lukas
  • Zweifache gemeinsame Überlieferung: etwa 200 Verse sind bei Matthäus und Lukas, aber nicht bei Markus enthalten.
  • Das Sondergut: Von einem einzigen Evangelium überlieferte Texte oder Einzelsprüche (Lukas: 35 %, Matthäus: 20 %, Markus: 3 %).

Um diese Zusammenhänge und Verhältnisse zu erklären, werden verschiedene Hypothesen diskutiert; keine der vorgeschlagenen Lösungen vermag sämtliche Phänomene befriedigend zu beantworten.

Lösungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 18. Jahrhundert wurde von Johann Gottfried Herder angenommen, dass die Gemeinsamkeiten auf einem Stock mündlicher Überlieferungen beruhten.[2] J.C.L. Gieseler legte 1818 eine ausgearbeitete Traditionshypothese vor. In den 1950er Jahren griff Rudolf Bultmann wieder auf Herders Ansatz zurück; in der Gegenwart vertreten unter anderem Armin Baum und James D. G. Dunn die Traditionshypothese.

Die meisten Forscher sind allerdings von einer literarischen Abhängigkeit zwischen den synoptischen Evangelien überzeugt. Im Laufe der literarkritischen Forschung wurde die dreifache gemeinsame Überlieferung im Wesentlichen auf vier verschiedene Weisen erklärt:

  • Priorität des Matthäus: Matthäus wurde zuerst geschrieben, von Markus als Vorlage benutzt, der dann von Lukas verwendet wurde.
  • Priorität des Markus: Markus wurde zuerst geschrieben und von Matthäus und Lukas als Vorlage benutzt.
  • Priorität des Lukas: Lukas wurde zuerst geschrieben, von Markus als Vorlage benutzt, der dann von Matthäus verwendet wurde.
  • Markus, der als dritter kam, kombinierte und kondensierte Matthäus und Lukas (Griesbach-Hypothese).

Um die zweifache gemeinsame Überlieferung zu erklären, gibt es die folgenden Ansätze:

  • Matthäus und Lukas übernahmen bereits fest gefügte Traditionsstücke aus der mündlichen Überlieferung.
  • Matthäus und Lukas kopierten die zweifache Überlieferung von einer gemeinsamen (schriftlichen) Quelle.
  • Lukas kopierte die zweifache Überlieferung von Matthäus.
  • Matthäus kopierte die zweifache Überlieferung von Lukas.

Lösungsvorschläge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der neutestamentlichen Wissenschaft wurden rund zehn Hypothesen zur Lösung des Synoptischen Problems vorgeschlagen und diskutiert. Einige davon wurden weiter modifiziert. Die Lösungsvorschläge lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen: Entweder geht man von einem gemeinsamen Grundbestand an Überlieferungen aus (schriftlich oder mündlich) oder von einer literarischen Abhängigkeit unter den Evangelien.

Modelle mit gemeinsamem Traditionsbestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Urevangeliumshypothese: Erstmals stellte G. E. Lessing die These auf, dass die drei Synoptiker aus einem umfangreichen griechischen Urevangelium abgeschrieben hätten. Dieses wiederum sei eine Übersetzung eines hebräischen Protevangelium gewesen, der so genannten Quelle «Q». Auf dieses bezögen sich jene antiken Autoren, wenn sie vom Hebräer- oder Nazarenerevangelium sprechen, und dieses habe die ganze Geschichte Christi enthalten. Diese Idee geht auf Origenes zurück, der die Papiasnotizen so deutete. – Eine Modifikation dieser Theorie erklärt die Kürzungen bei Markus durch die Annahme, dass dieser nicht das ganze Urevangelium gekannt habe, sondern eine bereits gekürzte Fassung.[3] Die Existenz eines Urevangeliums ist rein hypothetisch.
  • Fragmentenhypothese (auch: Diegesen-Hypothese): Sie wurde 1817 von Friedrich Schleiermacher formuliert. Die Apostel und deren Hörer hätten einzelne Aussprüche und Geschichten über Jesus aufgeschrieben. Die Evangelisten hätten diese Fragmente gesammelt und daraus ihre Evangelien zusammengestellt. Heute wird die Theorie nicht mehr vertreten; sie ist nur noch von historischem Interesse.
  • Traditionshypothese: Matthäus, Markus und Lukas haben jeweils nur (oder hauptsächlich) mündliche Überlieferung verwendet. Diese Theorie stammt ursprünglich von Johann Gottfried Herder. Sie wurde von J.C. L. Gieseler ausgearbeitet und ausformuliert. Die relative Gleichförmigkeit der mündlichen Tradition wird durch Auswendiglernen (rabbinischer Lehrbetrieb), häufiges Wiederholen und feste Tradentenkreise begründet. Sie war sehr einflussreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der katholischen Kirche bis ins 20. Jahrhundert (in Frankreich von Eugène Tisserant und Jean Daniélou). Sie wird in neuester Zeit wieder vermehrt vertreten, z. B. von Birger Gerhardsson, Rainer Riesner, Armin Baum, James D. G. Dunn und in Frankreich von Pierre Perrier.

Benutzungshypothesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten Theorien nehmen an, dass die späteren Evangelisten die Werke der früheren kannten und verwendeten. Daher spricht man von Benutzungshypothesen.

  • Die Augustinische Theorie: Die auf Augustinus zurückgehende Theorie sieht Matthäus als erstes Evangelium, Markus verwendete und kürzte Matthäus; Lukas, als letzter, verwendete Markus und Matthäus. Die Augustinische Hypothese war die traditionelle synoptische Theorie und wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von vielen katholischen Theologen vertreten. Heute wird sie nur noch vereinzelt vertreten.
  • Griesbachhypothese oder Zwei-Evangelien-Theorie: Diese Theorie geht davon aus, dass Matthäus zuerst geschrieben wurde und Lukas Matthäus beim Schreiben seines Evangeliums verwendete. Markus hat dann sein Evangelium geschrieben, das sich auf Matthäus und Lukas stützt, aber die Reden weitgehend weglässt. Diese Theorie wurde zuerst von Johann Jakob Griesbach 1789 ausführlich beschrieben. Die Neo-Griesbach-Theorie ist in Amerika die stärkste Konkurrenz zur Zweiquellentheorie (William R. Farmer und seine Schüler). – Eine Modifikation der Griesbachhypothese lag bei Anton Büsching (1766) vor. Markus habe die Texte von Matthäus und Lukas zusammengestellt (kompiliert), allerdings sei Lukas prioritär.
  • Farrerhypothese (auch: Farrer-Goulder-Hypothese): Sie geht davon aus, dass Markus zuerst geschrieben wurde, von Matthäus übernommen und dann von Lukas verwendet wurde. Die doppelte Überlieferung wird dadurch erklärt, dass Lukas weitere Teile von Matthäus übernommen hat, wodurch die Annahme von Q unnötig wird. Diese von Austin Farrer aufgestellte Hypothese gilt vor allem in England als ernsthafte Alternative zur Zweiquellentheorie. Sie wird von Goulder, Goodacre u.a. vertreten. – Eine Modifikation dieser Theorie liegt in der von Christian Gottlieb Wilke 1838 aufgestellten und von Bruno Bauer unterstützten Theorie vor, die ebenfalls Markus zuerst sieht. Die zweifache Überlieferung wird durch das Kopieren von Lukastexten durch Matthäus erklärt.
  • Dreiquellentheorie: Diese Theorie geht davon aus, Matthäus habe Markus und eine Logienquelle verwendet, und Lukas verwendete drei Quellen, nämlich Markus, diese Logienquelle, und Matthäus als Nebenquelle. Daher kann man diese Logienquelle nicht zwangsläufig mit dem Q der Zweiquellentheorie gleichsetzen. (E. Simons, H. J. Holtzmann, R. Morgenthaler, Robert H. Gundry)
  • Die Theorie der Jerusalem-Schule: Diese Theorie geht davon aus, dass Lukas zuerst geschrieben wurde. Markus basierte auf Lukas, und Matthäus verwendete dann Markus. Außerdem verwendeten Matthäus und Lukas unabhängig voneinander eine unbekannte Redenquelle, als Anthologie bezeichnet. Die Theorie der Jerusalem-Schule ist unter einer Gruppe von Theologen in Jerusalem populär. Diese Gruppe, die fließend Hebräisch spricht, geht das synoptische Problem vom potenziellen semitischen Original aus an und hat entdeckt, dass Lukas oft dem Semitischen näher ist als Markus. Bereits 1922 vertrat William Lockton diese Theorie.[4]
  • Zweiquellentheorie: Diese Theorie geht davon aus, dass Markus zuerst geschrieben wurde. Matthäus und Lukas benutzten unabhängig voneinander einerseits Markus als Vorlage und andererseits Texte aus einer zweiten, hypothetischen Quelle, die man als Logienquelle oder Spruchquelle (kurz: „Q“ für „Quelle“) bezeichnet. Die Zweiquellentheorie ist am breitesten akzeptiert, besonders im deutschen Sprachraum.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A. M. Honoré: A Statistical Study of the Synoptic Problem. Nov. Test. 10 (1968), S. 95–147. Probleme dieser Statistik werden diskutiert von John J. O’Rourke: Some Observations on the Synoptic Problem and the Use of Statistical procedures. In: David E. Orton (Hrsg.): The Synoptic Problem and Q: Selected Studies from Novum Testamentum. Brill: Leiden 1999, S. 134, ISBN 90-0411342-8.
  2. James D. G. Dunn: Christianity in the Making, Vol. 1: Jesus Remembered, William B. Eerdmans, Grand Rapids 2003, S. 193.
  3. Daniel Marguerat: Introduction au Nouveau Testament, Genf 42008, S. 35.
  4. William Lockton: The Origin of the Gospels. In: Church Quarterly Review 94 (1922), S. 216–239.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einleitungen in das NT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Schmithals: Einleitung in die drei ersten Evangelien. de Gruyter, Berlin 1985 (ausführliche Einleitung zum Synoptischen Problem, enthält auch Forschungsgeschichte)
  • Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 5., neubearb. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005. ISBN 3-8252-1830-9
  • Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament. Bd. 1: Die synoptischen Evangelien, die Apostelgeschichte und die johanneische Literatur. Die neue Echter-Bibel, Ergänzungsband 2/I zum NT. Echter, Würzburg 1998
  • Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament 21., erg. Aufl. Quelle & Meyer, Heidelberg 1983. (S. 13–53 zum Synoptischen Problem)
  • Ferdinand R. Prostmeier: Kleine Einleitung in die synoptischen Evangelien. Herder, Freiburg i. Br. u.a. 2006 (Studienbuch, das in den aktuellen Forschungsstand einführt)
  • Donald A. Carson, Douglas J. Moo: Einleitung in das Neue Testament. Brunnen: Gießen 2010 (konservativ), ISBN 978-3-7655-9541-7

Studien zum Synoptischen Problem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • William R. Farmer: The Synoptic Problem: A Critical Analysis, Mercer University Press: Macon (GA), 1976, ISBN 0-915948-02-8. (Klassiker zur Neo-Griesbach-Theorie; Englisch)
  • Thomas R. W. Longstaff, Page A. Thomas: The Synoptic Problem: A Bibliography, 1716-1988. New Gospel Studies 4, Mercer, Macon 1988 (Spezialbibliografie auf 235 S.!)
  • Robert H. Stein: The Synoptic Problem. An Introduction, Baker: Grand Rapids 1987 (Einführung)
  • Andreas Ennulat: Die „Minor Agreements“. Untersuchungen zu einer offenen Frage des synoptischen Problems. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Bd 2,62. Mohr, Tübingen 1994. ISBN 3-16-145775-7 (Postulat eines Markusbearbeitung vor der Niederschrift von Matthäus und Lukas -> Modifikation der Zweiquellentheorie)
  • Armin D. Baum: Der mündliche Faktor und seine Bedeutung für die synoptische Frage. Analogien aus der antiken Literatur, der Experimentalpsychologie, der Oral Poetry-Forschung und dem rabbinischen Traditionswesen. A. Francke: Tübingen 2008 [unterstützt Traditions-Hypothese] ISBN 978-3-7720-8266-5
  • Christopher M. Tuckett: The Revival of the Griesbach Hypothesis. An Analysis and Appraisal. Society for New Testament Studies, Monograph Series 44. University Press, Cambridge 1983 (aus der Sicht der Zweiquellentheorie)
  • Arthur J. Bellinzoni (Hrsg.): The Two-Source Hypothesis. A Critical Appraisal. Mercer, Macon 1985 (Sammelband mit Artikeln aus 60 Jahren für und gegen Mk-Priorität und für und gegen Q; aus der Sicht der Griesbachhypothese)
  • Dennis R. MacDonald: Two Shipwrecked Gospels: the Logoi of Jesus and Papias’s Exposition of Logia about the Lord (Early Christianity and its literature, No. 8), Atlanta 2012. ISBN 978-1-58983-690-7
  • Robert Morgenthaler: Statistische Synopse, Gotthelf Verlag, Zürich 1971 (Dreiquellentheorie)
  • Bo Reicke: Die Entstehungsverhältnisse der synoptischen Evangelien, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Reihe II: Principat, Bd. 25.2, de Gruyter, Berlin 1984, S. 1758–1791 (Traditionshypothese)
  • Eta Linnemann: Gibt es ein synoptisches Problem? 4., veränd. Aufl., Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg 1999. ISBN 3-933372-15-1 (eine Form der Traditionshypothese)
  • Hans-Herbert Stoldt: Geschichte und Kritik der Markushypothese, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2. Aufl. 1986. ISBN 3-7655-9324-9
  • Jay M. Harrington: The Luke passion narrative: the Markan material in Luke 22,54–23,25. A historical survey: 1891–1997, Brill: Leiden/Boston/Köln 2000, ISBN 90-04-11590-0. (Darstellung sämtlicher Theorien und vieler Modifikationen, besonders im Blick auf vorlukanische Quellen)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]