Systemische Beratung

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Systemische Beratung bezeichnet die Beratung von Individuen oder Gruppen in Bezug auf deren jeweiliges soziales System im jeweiligen Kontext. Systemische Beratung befasst sich entweder mit Organisationsberatung oder mit der Beratung hinsichtlich des Familienkontextes. Systemische Beratung beruft sich auf Systemtheorie, Konstruktivismus und Kybernetik zweiter Ordnung.[1]

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhältnis von Beratung, Therapie, Coaching

Bei der systemischen Beratung geht es primär um das Stärken der Ressourcen und Kompetenzen des zu beratenden Individuums bzw. der zu beratenden Gruppe und seines/ihres sozialen Systems. Zur Betonung dieser Vorgehensweise wird die systemische Beratung häufig auch als „ressourcenorientierte Beratung“ bzw. „lösungsorientierte Beratung“ bezeichnet. Im Unterschied zum inhaltsorientierten klassischen Beratungsansatz der Expertenberatung ist die systemische Beratung überwiegend prozessorientiert.[2]

Weitere systemische Beratungssettings sind:

Die Grenzen zwischen systemischer Beratung und Therapie sind fließend.[3]

Methodik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stil systemischer Beratung ist üblicherweise indirektiv: Es soll keine konkrete Lösung vorgeschlagen werden, die Lösung soll aus einem Selbstreflexionsprozess des Einzelnen oder der jeweiligen Gruppe entstehen (Selbstorganisation). Der Theorie nach resultieren Probleme aus konstruierten Wirklichkeiten, die durch systemische Beratung irritiert werden sollen. Der systemische Berater solle sich keine Lösung „anmaßen“ (da diese bloß aus seiner eigenen konstruierten Wirklichkeit resultiere), der Ratsuchende in seiner Autonomie nicht eingeschränkt werden. Systemische Beratung definiert sich als Hilfe zur Selbsthilfe.[4]

Qualifikation und unterschiedliche Ausbildungsstandards[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verwendung des Begriffs Systemische Beratung ist nicht gesetzlich geschützt,[5] ein einheitliches Ausbildungskonzept besteht insofern nicht. In Deutschland bemühen sich insbesondere die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) und die Systemische Gesellschaft (SG) um Ausbildungs- und Qualitätsstandards. Auf universitärer Ebene bietet beispielsweise die technische Universität Kaiserslautern ein Postgraduate-Studium zum Systemischen Berater.[6]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den sich laufend wandelnden Ansprüchen des Marktes zu genügen, tendieren Unternehmen zur „Entpolitisierung“ und zur Verflachung von Hierarchien.[7] Aus flachen Hierarchien droht ein soziales Strukturproblem in Organisationen zu entstehen: Wenn hierarchische Relationen zunehmend unklar werden, müssen hierarchische Ordnungen und Zuständigkeiten in mehr oder weniger verdeckten Rangkämpfen (laufend) unter den Beteiligten ausgetragen werden: „Die Organisation ist letztlich nichts weiter als eine Welt des Konflikts.“[8] Das anfänglich angestrebte Ziel der „Entpolitisierung“ kann sich in sein Gegenteil, nach Stefan Kühl zu einem Politisierungsdilemma, verkehren, „je weniger die Gruppen- und Organisationsmitglieder auf ein Ziel hin integriert werden können und je weniger Instrumente zur Verfügung stehen, um sie auf ein zentral verordnetes Ziel einzuschwören.“[9] Die Systemische Beratung verfügt diesbezüglich über einen blinden Fleck: Macht wird nicht als „unverzichtbarer Schmierstoff“ erkannt.[10] Es wird nicht erkannt, dass die Qualität der Kommunikation der einzelnen Teile des Organisationssystems (Abteilungen, Mitarbeiter untereinander) sich abhängig zeigt von formellen/informellen Rangstrukturen.[11] Geht es beispielsweise um die Regelung des Einflusses eines jeden einzelnen Mitarbeiters einer Gruppe, ist außerdem eine sinnvolle Selbstorganisation allein aus der Gruppe unwahrscheinlich.[12] Die systemische Beratung geht davon aus, dass Organisationen aus den Kommunikationsprozessen ihrer Mitglieder bestehen, und blendet die handlungstheoretisch begründbare Kategorie Macht aus.[13][14]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der umfangreichen Kritik seien drei Aspekte genannt: (1.) der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, (2.) die Abgrenzung zu Psychotherapie und (3.) der Vorwurf der Esoterik. Eine Wissenschaft ist ein System von (operationalen) Definitionen, Hypothesen und Modellen zur Erklärung, Voraussage und Gestaltung der Realität.[15] Der systemische Ansatz (in Beratung und Coaching) erfüllt keines dieser Merkmale. Zum Beispiel ist der Schlüsselbegriff „systemisch“ nicht operational definiert. Oswald Neuberger bringt das im Titel seines Aufsatzes wie folgt zum Ausdruck: „Ach wie gut, dass niemand weiß, was man so systemisch heißt“.[16] Vertreter des systemischen Ansatzes behaupten, ihr Konzept beruhe auf wissenschaftlichen Konzepten wie Quantenphysik, Chaostheorie, Kybernetik 2. Ordnung, Synergetik, Konstruktivismus, Autopoiese etc.; sie belegen diese Behauptungen aber nicht durch in der Wissenschaft übliche intersubjektiv überprüfbare Aussagen. Die verwendeten Begriffe sind entweder undefiniert oder auf einem Abstraktionsniveau, das keine falsifizierbaren Aussagen über die Realität oder praxisrelevante Empfehlungen zulässt.[17]

Der zweite Kritikpunkt gilt der unklaren Abgrenzung (der systemischen Beratung und des systemischen Coachings) gegenüber der Systemischen Therapie. Für diese psychotherapeutische Heilbehandlung existieren Belege für die Wirksamkeit in fünf Anwendungsgebieten, darunter Affektive Störungen, Abhängigkeit und Missbrauch, Schizophrenie oder wahnhafte Störungen.[18]. Mit der Vermischung von Psychotherapie, Beratung und Coaching wird Anschein erweckt, die Systemische Beratung (und das Systemische Coaching) seien genauso wirksam wie die Systemische Therapie. Dies Widerspricht dem Sinn des Psychotherapeutengesetzes, das den hilfesuchenden Laien vor Scharlatanerie schützen will. Für die Wirksamkeit oder Nützlichkeit der Systemischen Beratung existieren keine wissenschaftlich fundierten Belege.[19]

Nach dem dritten Kritikpunkt haben die Systemische Beratung und das Coaching die gleichen Merkmale wie die Esoterik. Dazu gehören ein typischer Jargon aus akademisch anmutenden Wortschöpfungen, eine semantische Verfremdung alltagssprachlicher Begriffe und gemeinschaftsstiftende Attribute. Dieser Jargon diene zugleich als Immunisierungsstrategie gegen rationale Kritik.[20] Beispiele für derartige Wortschöpfungen sind: Persönlichkeits- und Beziehungsdynamiken, Wirklichkeitslogik, unterschwellige Grundgefühle, Orientierungsdaten, identitätslose Beliebigkeit, Kulturkompetenz, nicht bewältigte Komplexität, fehlende Schöpfermacht, wirklichkeitskonstruktive Traumarbeit, systemische Didaktik, Sinnerzählung, wirklichkeitsanalytische Perspektive, Architektur von Traumwirklichkeit etc.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manuel Barthelmeß: Systemische Beratung: eine Einführung für psychosoziale Berufe. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1999, ISBN 978-3-7799-2002-1
  • Eckard König, Gerda Volmer: Systemische Organisationsberatung. Weinheim 1993
  • Roswita Königswieser et al: Einführung in die systemische Organisationsberatung. Heidelberg 2005
  • Gerhard Lenz, Gisela Osterhold: Systemische Organisations- und Unternehmensberatung. Praxishandbuch für Berater und Führungskräfte. Gabler, 2003
  • Klaus Mücke: Probleme sind Lösungen. Systemische Beratung und Psychotherapie - ein pragmatischer Ansatz. Lehr- und Lernbuch. 3. Auflage. 2003, ISBN 978-3-9806094-4-9
  • Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-40185-9.
  • Nino Tomaschek: Perspektiven systemischer Entwicklung und Beratung von Organisationen. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2007

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. J. P. Thommen: Blinde Flecke - ein Fall für Management 2. Ordnung. In: Organisationsberatung beobachtet. Hidden Agendas und Blinde Flecke (Hg. Falko von Ameln, Josef Kramer, Heike Stark). Wiesbaden 2009, S. 113.
  2. Erika Spieß, Lutz von Rosenstiel: Organisationspsychologie. Basiswissen, Konzepte und Anwendungsfelder. München 2010, S. 179.
  3. Arist von Schlippe: Grundlagen systemischer Beratung. In: Systemische Praxis der Erziehungs- und Familienberatung. (Hg. Britta Zander, Michael Knorr) Göttingen 2003, S. 30: „Die Grenzen sind fließend, so wie die Problemlagen der Rat suchenden Menschen ebenfalls zwischen klinischen und nichtklinischen Bereichen changieren.“
  4. Britta Zander, Michael Knorr (Hg.): Systemische Praxis der Erziehungs- und Familienberatung. Göttingen 2003, S. 9.
  5. Rainer Schwing, Andreas Fryszer: Systemische Beratung und Familientherapie. Göttingen 2015, S. 156.
  6. Technische Universität Kaiserslautern: Das Master-Fernstudium "Systemische Beratung"
  7. Stefan Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M./New York 1998, S. 11 ff.
  8. Stefan Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M./New York 1998, S. 104.
  9. Stefan Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M./New York 1998, S. 106.
  10. Stefan Kühl, 2009: Die blinden Flecken der systemischen Beratung (PDF), S. 2.
  11. Stefan Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M./New York 1998, S. 108: „Die verflüssigten Strukturen begünstigen die inneren Konkurrenzen und sind manchmal Nährboden für heftige Machtkämpfe.“
  12. Vgl. Stefan Kühl, 2001: Zentralisierung durch Dezentralisierung. Paradoxe Effekte bei Führungsgruppen (PDF). In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 53, Heft 3, 2001, S. 486.
  13. J. P. Thommen: Blinde Flecke - ein Fall für Management 2. Ordnung. In: Organisationsberatung beobachtet. Hidden Agendas und Blinde Flecke (Hg. Falko von Ameln, Josef Kramer, Heike Stark). Wiesbaden 2009, S. 112.
  14. Stefan Kühl: Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a.M./New York 1998, S. 106: „Aber gerade aufgrund des diffusen Charakters von Macht – der Unmöglichkeit, machtvolle Personen über formale Merkmale zu bestimmen und zu benennen – ist Macht nicht oder nur noch schwer erkenn- und thematisierbar.“
  15. Myers, D. G.: Psychology. 10. Auflage. New York: Worth Publishers 2013, S. 24 f.
  16. Oswald Neuberger: Ach wie gut, dass niemand weiß, was man so systemisch heißt. Oder die wahre Geschichte des Proteus? In: Tomaschek, N. (Hrsg.): Perspektiven systemischer Entwicklung und Beratung von Organisationen. Heidelberg 2007.
  17. Pelz, W.: Systemisches Coaching und Systemische Beratung: Eine kritische Analyse (wissenschaftliches Gutachten), THM Business School, Gießen 2016, S. 2 und 4 Online verfügbar
  18. Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Systemischen Therapie abgerufen am 12. Juli 2016
  19. Pelz, W. ebenda, S. 2 und 9 f.
  20. Lau, V.: Schwarzbuch der Personalentwicklung. Steinbeis-Edition, Stuttgart 2013, S. 30 und Lau, V.: Oskure Managementesoterik. In: Personalmagazin 09/2013 und Interview im "Karriere-Spiegel" mit gleichem Inhalt Link zum Online-Artikel
  21. Bernd Schmid: Systemisches Coaching und Persönlichkeitsberatung, Bergisch Gladbach 2004