Systemrisiko

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Das Systemrisiko (auch: systemisches Risiko) ist in der Wirtschaft ein Risiko, das die Funktion oder das Fortbestehen eines ganzen Wirtschaftssystems beeinträchtigen kann.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während das spezifische Risiko oder Einzelrisiko nur isoliert bestimmte Systemteilnehmer betrifft, ohne das System als Ganzes zu gefährden, greift das Systemrisiko durch Spill-over oder den Contagion-Effekt auf andere Wirtschaftssubjekte oder Systeme in Form des Dominoeffekts über. So weisen beispielsweise im Bankwesen einige Nettozahlungssysteme aufgrund der verzögerten Finalität der Zahlungen die Schwachstelle auf, dass wenn ein Teilnehmer seinen Sollsaldo nicht erfüllen kann, sämtliche ihn betreffenden Transaktionen aus dem Clearing nachträglich herausgenommen werden müssen (englisch unwinding), wodurch den Gegenparteien dieses Teilnehmers Zahlungseingänge fehlen, die für Begleichung von Forderungen vorgesehen waren.[1] Dadurch gibt es nicht nur Liquiditätsprobleme bei einem Teilnehmer, sondern bei allen seinen Gegenparteien.

Systemisches Risiko[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Systemische Risiken sind inhärent in allen komplexen technischen wie organisationalen Systemen vorhanden und sind aufgrund undurchschaubarer Wirkungszusammenhänge im System nur schwer prognostizierbar (vgl. Charles Perrow, „Normal Accidents“).[2]

In der Finanzwirtschaft besteht das systematische Risiko in der Gefahr, dass der finanzielle Zusammenbruch eines Marktteilnehmers auf andere, originär rechtlich und wirtschaftlich unabhängige Marktteilnehmer übergreift und letztlich den funktionellen Zusammenbruch wesentlicher Teilbereiche oder des gesamten Finanzsystems bewirken kann.[3] Systematisches Risiko ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ein negativer externer Effekt der Finanzierungstätigkeit an den Kapitalmärkten.[4] Jede nicht nur lokale Finanzkrise entsteht durch die Realisierung systemischen Risikos. Dieser Wirkungseffekt setzt ein Initialereignis sowie Übertragungskanäle voraus.

Das systemische Risiko ist seit der ab 2007 beginnenden Weltfinanzkrise legaldefiniert. Systemisches Risiko ist das Risiko einer Störung im Finanzsystem, die schwerwiegende negative Auswirkungen für das Finanzsystem und die Realwirtschaft haben kann (§ 1 Abs. 33 KWG).

Initialereignis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangspunkt bei der Realisierung systematischer Risiken ist stets ein von den Marktteilnehmern unerwartetes Initialereignis. Es ist regelmäßig bei (einem) einzelnen Marktteilnehmer(n) angesiedelt. Adverse Schocks, die eine Volkswirtschaft als ganzes treffen, haben lediglich vorbereitende Wirkung dergestalt, dass Anpassungsdruck entsteht, den einige Marktteilnehmer nicht in der notwendigen Zeit bewältigen können. Auch andere Ereignisse (z. B. Bilanzfälschung, Bekanntwerden von gravierenden (unabsichtlichen) Fehlbewertungen), die die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Marktteilnehmers wesentlich und nachhaltig belasten, weil sie zu massiven Forderungsabschreibungen bzw. Wertberichtigungsbedarf führen, sind taugliche Initialereignisse.

Reale Übertragungskanäle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wirtschaftlichen Wirkungen von Initialereignissen können zunächst über bestehende Rechtsbeziehungen zwischen den Marktteilnehmern – insbesondere Vertragsbeziehungen – übertragen werden.[5][6][7][8] Verträge, die künftige Leistungen zum Gegenstand haben, bergen stets das Risiko, dass eine Vertragspartei zum vereinbarten Leistungszeitpunkt die Leistung nicht erbringen will oder kann (Gegenparteiausfallrisiko bzw. Erfüllungsrisiko). Für den Vertragspartner entsteht dann Wertberichtigungsbedarf, der sich in der Bilanz ergebniswirksam in Form eines Verlustes auswirkt. Mit steigenden Forderungsbeträgen erhöht sich die Bedeutung dieses Übertragungskanals.

Informationelle Übertragungskanäle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daneben bestehen informationelle Übertragungskanäle. Hier ziehen Anteilseigner und Gläubiger (und bei Kreditinstituten auch: Einleger) aufgrund des Ausfalls eines Marktteilnehmers Rückschlüsse auf die finanziellen Auswirkungen für ihren Vertragspartner. Bei unvollständiger Information schließen sie Wissenslücken durch (pessimistische) Erwartungsbildung und meinen, einen wirtschaftlichen Zusammenhang zum ausgefallenen Marktteilnehmer zu erkennen, obgleich dieser Zusammenhang objektiv nicht zwingend bestehen muss.[9] Anknüpfungspunkt ist oftmals die Ähnlichkeit des Geschäftsmodells

Beispiel

Beim Ausfall eines Kreditinstituts neigen Einleger dazu, wirtschaftliche Zusammenhänge zu anderen Instituten zu unterstellen und ziehen tendenziell ihre Einlagen ab, was schlimmstenfalls zum Bank Run führen kann.

Dieser Übertragungskanal kann auch durch Herdenverhalten gespeist werden, bei dem uninformierte Akteure das uninformierte Handeln anderer als informiertes Handeln (fehl)interpretieren und ihr eignes Handeln daran ausrichten. Auch der flächendeckende Vertrauensverlust der Marktteilnehmer untereinander, der am Markt in eine Liquiditätskrise münden kann, lässt sich – zumindest in der Frühphase – als eine Art des Herdenverhaltens interpretieren.

Ein klassischer Bankansturm (Ansturm auf die Kassenschalter einer Bank, die die Auszahlungsbegehren der Einleger schließlich nicht mehr erfüllen kann und in Liquiditätsschwierigkeiten gerät), stellt eine Mischung aus Herdenverhalten und pessimistischer Erwartungsbildung aufgrund der Ähnlichkeit der Geschäftsmodelle zwischen einem bereits ausgefallenen oder zumindest ausfallbedrohten Institut und dem eigenen dar.

Risiko-Abwehrstrategien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finanzmarktteilnehmer unternehmen große Anstrengungen, um spezifische Risiken der eigenen Risikotragfähigkeit anzupassen. Sie vermeiden Klumpenrisiken und diversifizieren Risiken in ihrem Portfolio (vgl. Diversifikation). Durch geschickte Kombination der Einzelrisiken in einem Portfolio kann das Gesamtrisiko des Portfolios (vgl. Portfoliotheorie) bis auf ein nicht diversifizierbares Restrisiko (das systematische Risiko) abgesenkt werden. In der Portfoliotheorie wird hierfür auch der Begriff „systematisches Risiko“ verwendet.

Messung des Systemischen Risikos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marktteilnehmer und Aufsichtsbehörden in aller Welt haben großes Interesse daran, systemische Risiken verlässlich zu messen. Die qualitativen und quantitativen Methoden stecken indes noch in den Kinderschuhen. Kernproblem ist die Komplexität eines sich stetig wandelnden Wirtschaftsgeschehens: Vertragsbeziehungen werden im Zeitverlauf eingegangen und enden; Erwartungen anderer Marktteilnehmer sind stark situativ und nur schwer zu prognostizieren. Gängige Messversuche können daher nur eine vage Annäherung an das tatsächlich bestehende Risikoexposure leisten. Es gibt den CoVaR-Ansatz[10], Netzwerkmodelle[11] und Scoring-Modelle[12].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Köhler: Die Zulässigkeit derivativer Finanzinstrumente in Unternehmen, Banken und Kommunen: Eine ökonomische und rechtliche Analyse, S. 171 ff., Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-151928-4
  • Sachverständigenrat, Jahresgutachten 2009/2010, S. 142 ff.
  • Systemic Risk as a Perspective for Interdisciplinary Risk Research, Schwerpunktheft Technikfolgenabschätzung, KIT Karlsruhe, 20. Jg. H. 3. Dezember 2011
  • International Risc Governance Council (IRGC) (2010): The Emergence of Risks, Geneva

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Krumnow/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank - Börse – Finanzierung, 2000, S. 282
  2. Charles Perrow: Normal Accidents, Living with High Risk Technologies, Basic Books, USA, 1984.
  3. Christian Köhler: Die Zulässigkeit derivativer Finanzinstrumente in Unternehmen, Banken und Kommunen: Eine ökonomische und rechtliche Analyse, S. 171, Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-151928-4
  4. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.), Jahresgutachten 2009/2010, S. 137.
  5. Franklin Allen/Douglas Gale, Financial Contagion, in: Journal of Political Economy, Vol. 108, S. 1 ff.
  6. Roger Lagunoff/Stacey Schreft, A Model of Financial Fragility, in: Journal of Economic Theory, Vol. 99, S. 220 ff.
  7. Sandro Brusco/Fabio Castiglionesi, Liquidity coinsurance, moral hazard and financial contagion, in: Journal of Finance, Vol. 62, S. 2275 ff.
  8. Prasanna Gai/Sujit Kapadia, Contagion in Financial Networks, in: Bank of England Working Paper, 2010, S. 10 ff.
  9. Itzhak Gilboa/David Schmeidler, Maxmin Expected Utility with a Non-Unique Prior, in: Journal of Mathematical Economics, Vol. 18, S. 142.
  10. Markus Konrad Brunnermeier/Tobias Adrian, CoVaR, Federal Reserve Bank of New York: Staff Report, 2011
  11. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.), Jahresgutachten 2009/2010, S. 140–144.
  12. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.), Jahresgutachten 2009/2010, S. 140–144.