Systemsprenger

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Mit dem Wort Systemsprenger verbindet sich in unterschiedlichen Kontexten der Pädagogik und Psychiatrie das Phänomen, dass es immer wieder Klienten und Klientinnen gibt, die sich nicht ins Hilfesystem zu integrieren scheinen. Sie wechseln häufig die Hilfen und die Hilfeorte, hinterlassen zum Teil große Schäden und halten die beteiligten Fachkräfte über die Maße hinaus in Atem. Als Systemsprenger wird eine Person bezeichnet, die aufgrund ihrer besonderen Verhaltensauffälligkeiten nur schwer in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe respektive der Behindertenhilfe integriert werden kann. Systemsprenger stellen seit jeher ein großes Problem des gesamten sozialen Bereiches dar. Infolgedessen werden sie entweder von Einrichtung zu Einrichtung durchgereicht oder sie ziehen sich ganz zurück, fallen aus dem sozialen Netz, werden obdachlos oder straffällig.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Systemsprenger“ ist weder ein eindeutiger Fachbegriff, noch ist er unumstritten. Vielmehr spiegelt sich in der Hilflosigkeit des Begriffes auch die Hilflosigkeit der Systeme, vor allem der Jugendhilfe, der Schule, der (Kinder- und Jugend-) Psychiatrie, der Behindertenhilfe sowie der Justiz wieder. Aber auch andere Begriffe wie „die Schwierigsten“ oder „Hoch-Risiko-Klientel“ bleiben nur inhaltlich unbestimmte versuche, ein komplexes Problem in einem Wort zu fassen.

Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, argumentiert daher, dass der Begriff „Systemsprenger“ durchaus verwendet werden kann, wenn klar benannt wird, dass es sich dabei nicht um eine Persönlichkeitseigenschaft, sondern um ein komplexes Problem der Sozialsysteme handelt[1].

Unter dieser Prämisse schlägt Baumann folgende Definition vor[2]:

„Hoch-Risiko-Klientel, welches sich in einer durch Brüche geprägten negativen Interaktionsspirale mit dem Hilfesystem, den Bildungsinstitutionen und der Gesellschaft befindet und diese durch als schwierig wahrgenommene Verhaltensweisen aktiv mitgestatet.“

Menno Baumann (2014)

Personeller Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor allem Personen, die in Heimen aufgewachsen sind oder sonst in ihrer Kindheit von Deprivation, Hospitalismus oder Gewalterfahrungen betroffen waren, drohen später zum Systemsprenger zu werden. Schätzungen zufolge sind fünf Prozent aller Bewohner stationärer Einrichtungen Systemsprenger. Bei den Krankheitsbildern liegen Störungen des schizophrenen Formenkreises und Persönlichkeitsstörungen mit jeweils rund 40 Prozent an erster Stelle.[3]

Systemsprenger werden häufig charakterisiert durch

  • eine kritische Sonderstellung unter den Betreuten aufgrund starker Verhaltensauffälligkeiten,
  • Stören der Arbeit in Gruppen und unkooperatives Verhalten,
  • Sprengen der Rahmenbedingungen,
  • überzufälliges Wechseln der Einrichtungen sowie durch
  • häufige stationäre Behandlungen.[3]

Kontextueller Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkenntnisse aus der Forschung lassen Systemsprenger als eine heterogene Personengruppe erkennen. Ein kontextueller Ansatz geht davon aus, dass sie aufgrund eines individuellen und komplexen Hilfebedarfs nicht in der beabsichtigten Weise von den bestehenden Versorgungssystemen profitieren und dadurch bedroht sind, geschlossen untergebracht zu werden oder anderweitig aus dem Versorgungssystem herauszufallen. In der deutschsprachigen Forschung hat sich der Fokus deshalb von den personenbezogenen auf die kontextuellen und strukturellen Faktoren verschoben. Demnach entstehen Systemsprenger aus methodischer, struktureller und ethischer Überforderung des Hilfesystems.[4] Baumann weist auch besonders darauf hin, dass es die Dynamiken des Hilfesystems, des Gesundheitssystems und des Schulsystems sind, und die Art, wie diese Systeme miteinander interagieren, die dazu führen, dass die Hilfe nicht auf den Adressaten eingestellt werden können, sondern formalen Eigenlogiken der jeweiligen Institutionen und Rechtsformen folgen, in die nun einmal nicht jeder junge Mensch hineinpasst (hineinpassen sollte). Insofern ist Baumann folgend „Systemsprenger sein“ auch eine Kompetenz, um unreflektierte Stereotypien der Struktur von Pädagogik und Psychiatrie aufzuzeigen. Die Energie, mit der diese Menschen uns einen Spiegel vorhalten, wird dabei als wichtiger erachtet als das individuelle Problem der vermeintlichen Störer[5]. Im Kontextuellen Ansatz bleibt also die Definitionsmacht der Hilfesysteme gegenüber ihren Klienten ein wesentlich zu reflektierender Teil des Phänomenbereiches „Systemsprenger“

Perspektiven[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer wieder gab es in den letzten Jahren intensive Bemühungen, so genannte „Passgenaue Hilfen“ zu installieren. Für Kinder und Jugendliche, die viele Abbrucherfahrungen hinter sich haben, werden mittlerweile sehr differenzierte Hilfeformen vorgehalten, die zwischen niedrigschwelligen Betreuungsangeboten bis zu Zwangsmaßnahmen reichen. In der Jugendhilfe stehen z. B. folgende Betreuungsformen bereit:

  • Individualpädagogische Maßnahmen (im In- und Ausland)
  • Intensivgruppen (mit hohem Betreuungsschlüssel und geringerer Platzzahl)
  • geschlossene Unterbringung
  • Betreuung im trägereigenen Wohnraum
  • Therapeutische Wohngruppen
  • Streetwork und Notschlafstellen
  • Hoch individualisierte Sonderleistungen im Fallverbund

Dabei unterscheiden sich die einzelnen Betreuungsformen nicht nur durch ihre Struktur, sondern auch inhaltlich sehr stark voneinander, so dass häufig gar nicht die äußere Rahmung über die Passung der Hilfe entscheidet, sondern vielmehr ob es inhaltlich und auf der Bindungsebene gelingt, mit dem Betroffenen in Kontakt zu geraten. Evaluationsstudien haben dabei in den letzten Jahren gezeigt, dass alle diese Hilfeformen durchaus in der Lage sind, deutliche positive Effekte zu erzielen. Aber in allen diesen Hilfen gibt es auch Abbrüche und weitere Erfahrungen des Scheiterns, was dann die Dynamik des Scheiterns zusätzlich verstärkt[6].

Baumann zufolge besteht dabei der größte Forschungsbedarf in den nächsten Jahren im Bereich der verstehenden pädagogischen Diagnostik, um sich der Dynamik scheiternder Hilfeverläufe individuell annähern zu können, sowie in der Frage, wie pädagogische Fachkräfte so begleitet, unterstützt und supervidiert werden können, dass sie diese belastende Arbeit dennoch professionell und gleichzeitig zugewandt leisten können[1][2][5]. Das pädagogisch-methodische Rüstzeug, um mit diesen Menschen zu arbeiten, sei in Jugendhilfe und Psychiatrie zweifelsfrei vorhanden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Menno Baumann: Kinder, die Systeme sprengen. Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern. 2. Auflage. Band 1. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler 2012, ISBN 978-3-8340-1074-2.
  • Karsten Giertz, Thomas Gervink: „Systemsprenger“ oder eher PatientInnen mit einem individuellen und komplexen Hilfebedarf? In: Psychotherapie Forum, 22, Nr. 4, Dezember 2017, S. 105–112, doi:10.1007/s00729-017-0104-0
  • Birgit Herz: Lernen für Grenzgänger: Bildung für Jugendliche in der Straßenszene. Waxmann Verlag, Münster 2006, ISBN 3-8309-6615-6, S. 115ff

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Menno Baumann: Kinder, die Systeme sprengen? Die Dynamik scheiternder Hilfeverläufe und (ver-)störender Verhaltensweisen. In: unsere jugend. Band 70, Nr. 1, 21. Dezember 2017, ISSN 0342-5258, S. 2, doi:10.2378/uj2018.art02d (reinhardt-journals.de [abgerufen am 14. Februar 2019]).
  2. a b Baumann, M. (2014). Jugendliche Systemsprenger – zwischen Jugendhilfe und Justiz (und Psychiatrie). In: Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (25) 2/2014 S. 162–167, ISSN 1612-1864.
  3. a b Harald J. Freyberger et al.: Am Rande sozialpsychiatrischer Versorgungsstrukturen – eine Untersuchung zur „Systemsprengerproblematik“ in Mecklenburg-Vorpommern. In: Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie. Band 106, Nr. 13, Februar 2008, S. 106–113, doi:10.1055/s-2007-996172.
  4. Karsten Giertz, Thomas Gervink: „Systemsprenger“ oder eher PatientInnen mit einem individuellen und komplexen Hilfebedarf? In: Psychotherapie Forum. Band 22, Nr. 4, Dezember 2017, S. 105–112, doi:10.1007/s00729-017-0104-0.
  5. a b Baumann, M. (i.Vorb.).: Kinder, die Systeme sprengen Band 2 – Impulse, Zugangswege und hilfreiche Settingbedingungen für Schule und Jugendhilfe. Scheider Verlag Hohengehrden, Baltmannsweiler.
  6. Baumann, M. (Hrsg) (2015).: Neue Impulse in der Intensivpädagogik. In: Theorie und Praxis der Jugendhilfe. Band 11. EREV: SchöneWorth Verlag, Hannover.