Tötung von Kalinka Bamberski

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Die Tötung von Kalinka Bamberski war ein Kriminalfall und Justizdrama in Deutschland. Der Fall erregte Aufsehen, weil der Vater des damals 14-jährigen Opfers den Täter mehr als 25 Jahre nach der Tat von Deutschland nach Frankreich verschleppen ließ, um dort ein Gerichtsverfahren und eine Verurteilung zu ermöglichen, nachdem entsprechende Auslieferungsersuchen von den deutschen Behörden mehrfach abgelehnt worden waren.

Der nach der Entführung 2009 verurteilte Täter, ihr Stiefvater Dieter Krombach, ist seitdem inhaftiert und wurde 2011 zu 15 Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Ohne die Entführung hätte der Täter weiter auf freiem Fuß gelebt.[1] Der Auftraggeber der Entführung und Vater des Mädchens wurde in Folge zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalinka Bamberski (geboren am 5. August 1967 in Casablanca, Marokko; verstorben am 10. Juli 1982 in Lindau am Bodensee) besaß die französische Staatsbürgerschaft. Ihr Vater war André Bamberski, ein Buchhalter in Toulouse. Ihre Mutter Danielle war mit Dieter Krombach, einem deutschen Kardiologen, geboren 1935 in Dresden, verheiratet.

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalinka Bamberski wurde am 10. Juli 1982 im Haus ihres Stiefvaters Dieter Krombach in Lindau tot aufgefunden. Ihr Stiefvater gab an, das 14-jährige Mädchen morgens tot in ihrem Bett entdeckt zu haben.

Obduktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Obduktion der Leiche fand zwei Tage später im Auftrag der Staatsanwaltschaft Kempten im Stadtkrankenhaus Memmingen statt und wurde von Landgerichtsarzt Höhmann gemeinsam mit Oberarzt Dohmann durchgeführt. Später sollte der Inhalt des Obduktionsberichtes entscheidend für den Verlauf der staatsanwaltlichen Ermittlungen und der von André Bamberski in Deutschland angestrengten Gerichtsverfahren sein.

Im Obduktionsbericht wird als vermutlicher Todeszeitpunkt „zwischen drei und vier Uhr nachts“ angegeben und festgestellt, dass sich eine eindeutige Todesursache nicht feststellen ließe.[2]

Krombachs vorgeblicher Wiederbelebungsversuch durch Gabe eines Psychostimulans (Nikethamid), eines herzwirksamen Glykosids (β-Acetyldigoxin) und eines Antiarrhythmikums (Verapamil) wurde von den Gerichtsmedizinern wie folgt kommentiert: „Die Verabfolgung von weiteren Medikamenten zum Zwecke einer Wiederbelebung bei einer schon von Leichenstarre betroffenen Person mutet grotesk an.“ Die Medikamentenwahl, Ort der Injektionen und der Behandlungszeitpunkt bei erkennbarer Leichenstarre „muten befremdlich an“.[2]

Aus dem Obduktionsbericht geht hervor, dass Krombach unmittelbar im Anschluss an die Sektion noch Kontakt zu den Gerichtsmedizinern suchte und zu bedenken gab, „dass auch übermäßige Sonneneinstrahlung beim Surfen im Verlaufe des Tages den Todeseintritt begründet haben könnte.“ Diese Hypothese wird von den Obduzenten jedoch im vorliegenden Fall als „mit Sicherheit ausschließbar“ bezeichnet, weil der von Krombach geschilderte Verlauf der Abendstunden bis in die späte Nacht nicht als Begründung zur Erklärung des Todeseintrittes (Fehlregulation infolge intensiver Sonneneinstrahlung) herangezogen werden könne.[3]

Am Abend des Todesereignisses hatte Krombach seiner Stieftochter eine Kobalt-Ferrlecit-Injektion gegeben, da Kalinka ihm gegenüber erklärt habe, dass ihr Bräunungszustand nicht zufriedenstellend sei. Später behauptete Krombach auch, dass diese Injektion angeblich zur Behandlung einer bei K. Bamberski bestandenen Anämie indiziert gewesen sei. Die Obduzenten kommentierten die verabfolgte Injektion, indem sie einen Kausalzusammenhang mit dem Todesereignis bei einem gesunden 14-jährigen Mädchen ausschlossen und gaben lediglich zu bedenken, dass das von Krombach verfolgte Behandlungsziel (Intensivierung der Bräunung) auf diese Weise nicht erreicht werden könne.[2]

Es konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden, weshalb bei der Obduktion des Leichnams von K. Bamberski darauf verzichtet wurde, eine feingewebliche Untersuchung vornehmen zu lassen und im Genitalbereich nach eventuell nachweisbaren Spuren von fremder Körperflüssigkeit oder Sperma zu suchen. Laut Obduktionsbericht wurde im Genitalbereich eine etwa 1 cm lange blutige Wunde festgestellt.[4][5]

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Weitere Untersuchungen dreier Ärzte auf Drängen des Vaters André Bamberski ergaben, dass die Todesursache nicht mehr zu ermitteln sei. Die Untersuchung des deutschen Pharmakologen Prof. Peter Schönhofer ergab, dass sie möglicherweise an der von Krombach am Abend des Todesereignis verabreichten Kobalt-Ferrlecit-Injektion gestorben war.[6]

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Feststellungen des Prof. Schönhuber

In seiner Stellungnahme stellte Prof. Schönhofer fest:

  • Die intravenöse Verabreichung von Eisen ist nur indiziert im Falle einer vom Labor bestätigten Anämie und dies nur, wenn eine orale Unverträglichkeit besteht, was hier nicht der Fall ist. Dieses Präparat hat noch niemals jemanden bräunen helfen und man kann daraus schließen, dass Krombach keineswegs die Regeln der Medizin respektiert und einen Kunstfehler begangen hat.
  • Es handelt sich um ein gefährliches Medikament, dessen Injektion unter ärztlicher Überwachung stattfinden muss: der Patient muss liegen, nach einer Mahlzeit, und in den folgenden Stunden überwacht werden. Zwei unerwünschte Nebenwirkungen können auftreten: einmal sofortige spontane Reaktionen wie Abfall des Blutdrucks, der Herztätigkeit, Atemnot, weitere Reaktionen wie Fieber, Schmerzen und Übelkeit, Erbrechen können auftreten.

Am 17. August 1982 beendete die Staatsanwaltschaft Kempten ihre Ermittlungen. André Bamberski investierte mehr als 30.000 Euro in ein Klageerzwingungsverfahren.[7]

Zweite Obduktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalinka Bamberski war in Frankreich bestattet worden. Eine Exhumierung am 4. Dezember 1985 in Frankreich ergab, dass Kalinkas Genitalien inzwischen verwest oder bei der Obduktion in Deutschland entfernt worden waren. Diese waren zudem bei der ursprünglichen Obduktion nicht auf fremde Flüssigkeiten untersucht worden.[8] Die Einstellung der Ermittlungen wurde vom Oberlandesgericht München fünf Jahre später letztinstanzlich bestätigt.

Erste Verurteilung Dieter Krombachs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 13. März 1995 wurde Krombach vom Pariser Schwurgericht Cour D’Appel de Paris Quatrieme Chambre D’Accusation in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der bisher noch nicht vollstreckte europäische Haftbefehl lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wurde Frankreich allerdings zu einer Entschädigungszahlung von 100.000 Franc an Krombach verurteilt, da dessen Anwalt beim Prozess 1995 nicht gehört worden sei und keine Berufung eingelegt werden konnte.

Weitere Straftaten Krombachs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 17. März 1997 wurde Krombach in Kempten wegen Vergewaltigung einer unter Narkoseeinwirkung stehenden 16-jährigen Patientin, begangen in seiner Praxis am 11. Februar 1997, zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem verlor er seine Zulassung als Arzt.[4]

In der Folge wies ihm die Staatsanwaltschaft Coburg nach, trotz fehlender Zulassung in 28 Fällen zwischen Oktober 2001 und September 2006 ein Honorar von insgesamt fast 300.000 Euro erhalten zu haben. Im Juli 2007 verurteilte ihn das Landgericht Coburg deshalb zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis, die er zuletzt in der Justizvollzugsanstalt Kempten abbüßte, bis er am 3. Juni 2008 vorzeitig auf Bewährung entlassen wurde.[9]

Darüber hinaus war Krombach bereits Mitte der 1970er-Jahre Verdächtigter in einem Ermittlungsverfahren. Es bestand der Verdacht, dass der Mediziner seine Frau mittels einer Injektion umgebracht habe. Zu einer Anklage kam es damals jedoch nicht.[10]

Auslieferungsersuchen und Entführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuletzt wurde die Auslieferung Krombachs nach Frankreich vom Oberlandesgericht München am 7. April 2004 abgelehnt. Auch Österreich kam dem Auslieferungsantrag nicht nach, nachdem er 2000 in Vorarlberg von Zollbeamten festgenommen worden war.

In der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 2009 wurde Krombach von Scheidegg, Landkreis Lindau, nach Mülhausen, Frankreich, entführt und verletzt und gefesselt in der Nähe des Justizgebäudes aufgefunden. Von dort aus wurde er zur Untersuchungshaft nach Paris überstellt.[11] Bei dem Übergriff erlitt Krombach eine Schädelfraktur.[12]

Zweite Verurteilung Krombachs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das französische Recht stellt darauf ab, dass das Opfer die französische Staatsbürgerschaft hatte.[13]

Am 29. März 2011 sollte das Gerichtsverfahren stattfinden.[14] An dem Termin wurde der Prozess aus gesundheitlichen Gründen des Angeklagten auf unbestimmte Zeit verschoben. Ärzte hatten zuvor Atteste vorgelegt, wonach der Angeklagte mindestens zwei Wochen verhandlungsunfähig sei. Im April 2011 lag Krombach wegen einer Erkrankung der Herzkranzgefäße in einem Pariser Krankenhaus.[15]

Am 22. Oktober 2011 wurde Dieter Krombach in Frankreich zu 15 Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.[16] Laut Darstellung der Staatsanwaltschaft soll Krombach das Mädchen mit einem Schlafmittel betäubt haben, um es zu vergewaltigen.[17] Die Berufungsverhandlung begann am 27. November 2012.[18] Das Urteil wurde am 20. Dezember 2012 bestätigt.[17]

Prozess gegen André Bamberski[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

André Bamberski wurde in Frankreich festgenommen[19] und später wieder freigelassen.[20] Er räumte ein, am 9. Oktober 2009 sein Einverständnis gegeben zu haben, Krombach nach Frankreich zu entführen. Im März 2015 wäre die Krombach in Frankreich zur Last gelegte Tat verjährt gewesen.

Ein Auslieferungsgesuch der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen Freiheitsberaubung wurde vom Gericht in Toulouse abgelehnt.[21]

Bamberski musste sich vor Gericht in Mülhausen (Frankreich) verantworten. Er wurde am 18. Juni 2014 zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt.[22]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2016 wurde der Fall von dem französischen Regisseur Vincent Garenq in dem Spielfilm Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka szenisch umgesetzt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Benjamin Schulz: Fall Kalinka: Leiblicher Vater zu Bewährungsstrafe verurteilt. In: Spiegel Online. 18. Juni 2014.
  2. a b c Der Landgerichtsarzt in Kempten (Allgäu): Befund und vorläufiges Gutachten. Obduktionsbericht. 12. Juli 1982, S. 13, abgerufen am 22. Oktober 2016 (PDF; 482 kB).
  3. Der Landgerichtsarzt in Kempten (Allgäu): Befund und vorläufiges Gutachten. Obduktionsbericht. 12. Juli 1982, S. 14, abgerufen am 22. Oktober 2016 (PDF; 482 kB).
  4. a b Mischa Hauswirth: Der grösste Justiz-Thriller der Nachkriegszeit. In: tagesanzeiger.ch. 24. Mai 2014, abgerufen am 20. Oktober 2016.
  5. Der Landgerichtsarzt in Kempten (Allgäu): Befund und vorläufiges Gutachten. Obduktionsbericht. 12. Juli 1982, S. 3, abgerufen am 22. Oktober 2016 (PDF; 482 kB).
  6. Beschluss, 8. April 1993
  7. Kalinka-Fall: Prozess wegen Entführung gegen Bamberski in Mulhouse – SPIEGEL ONLINE
  8. 30 Jahre durch die Hölle. In: Süddeutsche Zeitung. 30. März 2011.
  9. Der Fall Krombach im Überblick. In: schwaebische.de. 25. März 2011, abgerufen am 20. Oktober 2016 (Bezahlschranke).
  10. Thomas Kirstein: Kinofilm „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“ um Mädchenmord und Selbstjustiz hat Offenbacher Vorgeschichte. In: op-online.de. 20. Oktober 2016, abgerufen am 20. Oktober 2016.
  11. Bastien Hugues: Affaire Bamberski : le médecin allemand incarcéré. In: LeFigaro.fr. 22. Oktober 2009, abgerufen am 22. Oktober 2009 (französisch).
  12. Sascha Lehnartz: Für meine Tochter. In: WamS. 27. März 2011 (online).
  13. Pascal Grolimund: Drittstaatenproblematik des europäischen Zivilverfahrensrechts. (online)
  14. welt.de, Tod seiner Tochter trieb Bamberski zur Selbstjustiz, 26. März 2011
  15. Wegen Gesundheitszustands des Angeklagten: Pariser Gericht setzt Kalinka-Prozess aus – tagesschau.de (Memento vom 10. April 2011 im Internet Archive)
  16. Dieter Krombach condamné à 15 ans de réclusion, Le Parisien, 2. Oktober 2011.
  17. a b Deutscher Arzt zu 15 Jahren Haft verurteilt. auf: welt.de. 20. Dezember 2012, abgerufen am 20. Dezember 2012.
  18. Lindauer Arzt steht erneut vor Gericht (Memento vom 10. Februar 2013 im Webarchiv archive.is), Br-online.de vom 27. November 2012, abgerufen am 27. November 2012.
  19. N-tv.de
  20. Affaire Bamberski: le Dr Krombach incarcéré, M. Bamberski libéré, Le Depeche, 22. Oktober 2009.
  21. Fall Kalinka: André Bamberski wird nicht ausgeliefert. auf: faz.net, 10. Dezember 2009.
  22. Stefan Brändle: Fall Kalinka: Vater in Frankreich wegen Selbstjustiz verurteilt. In: derstandard.at. 18. Juni 2014, abgerufen am 18. Juni 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]