Tag der Befreiung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Generaloberst Alfred Jodl, zuvor von Karl Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet am 7. Mai 1945 in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, die am 8. Mai in Kraft trat

Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung in verschiedenen europäischen Ländern ein Gedenktag, an dem der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa gedacht wird. In der DDR war er von 1950[1] bis 1966 und 1985 gesetzlicher Feiertag.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Verhandlungen im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) in Reims wurde am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte vereinbart und diese dort vertraglich unterzeichnet. Als Zeitpunkt für die Einstellung aller Kampfhandlungen in Europa wurde der 8. Mai, 23:01 Uhr festgelegt.[2]

Aus protokollarischen Gründen erfolgte am späten Abend des 8. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst (heute Deutsch-Russisches Museum) durch die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte der Wehrmacht eine Gegenzeichnung der Kapitulationserklärung. Diese zog sich bis kurz nach Mitternacht hin. Da es zu diesem Zeitpunkt auf Grund der Zeitzonen in Moskau bereits zwei Stunden später war, also 00:01 Uhr, wird in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten der 9. Mai als Tag des Sieges begangen

Eine Teilkapitulation der drei in Nordwestdeutschland operierenden deutschen Armeen wurde bereits am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery erklärt, die am folgenden Tag um 8 Uhr in Kraft trat.

Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundespräsident Richard von Weizsäcker, 1984

In der Bundesrepublik Deutschland war und ist der 8. Mai kein Feiertag, dennoch finden insbesondere zu „runden“ Jahrestagen des 8. Mai 1945 entsprechende Veranstaltungen statt. Große Beachtung fand 1985 die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vor dem Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestag, in der er den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete.[3] 17 Tage zuvor hatte Bundeskanzler Helmut Kohl bei seiner Rede in der Gedenkstätte Bergen-Belsen so darauf hingewiesen: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung.“[4]

Seit 1985 wurde in der Bundesrepublik verstärkt darüber diskutiert, wofür der 8. Mai 1945 steht: für die totale militärische Niederlage Deutschlands oder für seine Befreiung vom Nationalsozialismus. Während in der Nachkriegszeit der Aspekt der Niederlage im Vordergrund stand, hat der Aspekt der Befreiung zunehmend an Gewicht gewonnen. Historisch haben die Alliierten allerdings nicht gegen das Deutsche Reich Krieg geführt, um es zu befreien, sondern um es militärisch zu besiegen. Befreit im Wortsinne durch alliierte Truppen wurden Hunderttausende aus politischen, rassischen, religiösen u. a. Gründen Gefangene in den Zuchthäusern, Konzentrations- und Vernichtungslagern und auch nichtinhaftierte Menschen, welche mit der NSDAP-Diktatur nicht konform gingen und teilweise aus dem Untergrund gegen diese kämpften.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am 8. Mai 2000: „Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges.“[5]

Nach Einschätzung des Historikers Hubertus Knabe muss bei der Anwendung des Begriffs Tag der Befreiung zudem zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden werden, da die Ostdeutschen erst ab 1989 die Chance erhalten hätten, eine Demokratie aufzubauen. Josef Stalin habe zwar entscheidend dazu beigetragen, den Nationalsozialismus militärisch zu besiegen, den Sieg aber dazu benutzt, seine eigene Diktatur zu errichten.[6]

Seit dem 8. März 2002 ist der 8. Mai im Land Mecklenburg-Vorpommern staatlicher Gedenktag als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges.[7] 2005 fand in Berlin anlässlich des 60. Jahrestags ein „Tag der Demokratie“ statt.

Seit 2015 ist der 8. Mai in Brandenburg offizieller Gedenktag.[8]

Deutsche Demokratische Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Veranstaltungen zu diesem 1950 auf Beschluss der Volkskammer eingeführten Feiertag, der in der DDR als Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus[9] gefeiert wurde, wurde die besondere Bedeutung der Roten Armee am Kriegsende in Deutschland hervorgehoben, während der Beitrag der westlichen Alliierten dazu weniger Beachtung fand. 1967 wurde im Zuge der Einführung der Fünf-Tage-Woche der Tag zusammen mit anderen Feiertagen wieder zum Werktag. Allerdings fanden auch weiterhin jedes Jahr bis zum Ende der DDR offizielle Veranstaltungen statt. Zum 30. Jahrestag des Kriegsendes (1975) wurde nach sowjetischem Vorbild der Tag des Sieges (also der 9. Mai) vom Zentralkomitee der SED zum arbeitsfreien Feiertag erklärt. 1985 wurde zum 40. Jahrestag noch einmal der 8. Mai als echter Feiertag begangen.

Niederlande[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Niederlanden wird der Bevrijdingsdag am 5. Mai begangen. An diesem Tag verhandelten 1945 der kanadische General Charles Howard Foulkes und der deutsche Oberbefehlshaber Johannes Blaskowitz im Beisein von Prinz Bernhard als Kommandant der inländischen Streitkräfte in den Ruinen des weitgehend zerbombten Hotel de Wereld in Wageningen über die Kapitulation der Wehrmachtseinheiten in dem noch besetzten Teil der Niederlande. Blaskowitz erbat sich 24 Stunden Bedenkzeit. Am 6. Mai 1945 wurden die vorbereiteten Kapitulationsbedingungen für das Gebiet des „Reichskommissariats Niederlande“ in der nahe dem Hotel gelegenen Aula der Landbauhochschule unterzeichnet.

Im Jahr 2012 sprach Bundespräsident Joachim Gauck als erster Deutscher anlässlich des Tags der Befreiung in den Niederlanden.[10]

VE-Day in englischsprachigen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonderausgabe von Stars and Stripes zur Kapitulation am 8. Mai 1945

Der VE-Day (englisch Victory in Europe Day – „Tag des Sieges in Europa“) bezeichnet in englischsprachigen Ländern das Ende des Zweiten Weltkrieges als Tag der Befreiung in Europa. Rund drei Monate später erfolgte nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki die bedingungslose Kapitulation des Kaiserreichs Japan. Mit dem „Kaiserlichen Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Kriegs“ vom 15. August 1945 endete der Pazifikkrieg und damit auch der Zweite Weltkrieg. Für diesen Tag wurde in Abgrenzung zum VE-Day die Bezeichnung Victory over Japan Day geprägt.

Andere Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Feierlichkeiten am 8. Mai 2010 in Reims (Frankreich)

Auch in anderen am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten wird der Jahrestag des Kriegsendes in Europa als Feiertag begangen, so in Frankreich, Tschechien und der Slowakei. In der Sowjetunion wurde am 9. Mai der Tag des Sieges als gesetzlicher Feiertag begangen, da die Kapitulation gegenüber der Roten Armee erst nach Mitternacht MEZ erfolgte und zudem der Waffenstillstand nach Moskauer Ortszeit erst am 9. Mai in Kraft trat. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der 9. Mai – als Tag des Sieges – in einigen ihrer Nachfolgestaaten als gesetzlicher Feiertag beibehalten.

In Italien wird er als Tag der Befreiung Italiens begangen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standorte der Alliierten am 8. Mai

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Huneke: „Vorher war der 8. Mai 1945 ein bloßes Datum …“ Erinnerungskultur im Unterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 57 (2006), H. 2, ISSN 0016-9056 – 23254, S. 115–132.
  • Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 71–119.
  • Jan-Holger Kirsch: „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland. Böhlau, Köln/Weimar/Wien, 1999, ISBN 3-412-09798-5.
  • Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland. Propyläen 2005, ISBN 3-549-07245-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: VE Day – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gesetz über die Einführung der Feiertage „Tag der Befreiung“ und „Tag der Republik“ vom 21. April 1950 (GBl. S. 355)
  2. Da im Deutschen Reich die Sommerzeit galt, war der Waffenstillstand tatsächlich am 9. Mai ab 0:01 Uhr, hierzu Kapitulationserklärung: Das Papier, das den Krieg beendete, Spiegel Online, Panorama, 8. Mai 2005.
  3. Schallplattenaufnahme der genannten Weizsäcker-Rede von 1985 auf youtube.com (Tondokument in 4 Teilen, insgesamt circa 45 Minuten)
  4. Freiherr und Bürger Thomas Schmid in: Die Welt, vom 3. Februar 2015, S. 2
  5. Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Ausstellungseröffnung „Juden in Berlin 1938–1945“ im Centrum Judaicum
  6. Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07245-7, S. 10 ff.
  7. Gesetz über Sonn- und Feiertage des Landes Mecklenburg-Vorpommern
  8. Brandenburg hat einen neuen Gedenktag Website der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 30. April 2015
  9. Bundeszentrale für politische Bildung: Hintergrund aktuell: 8. Mai 1945
  10. Gauck in den Niederlanden: Respekt vor der Rechtsordnung, Europe Online Magazine. 6. Mai 2012.