Kindertagespflege

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Tagesmutter)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Kindertagespflege bezeichnet die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern bei einer Kindertagespflegeperson (umgangssprachlich auch Tagesmutter, Tagesvater genannt). Sie wird nach § 22 Abs. 1 S. 2 SGB VIII von einer geeigneten Tagespflegeperson im eigenen Haushalt, im Haushalt der Personensorgeberechtigten (i. d. R. der Eltern) oder in angemieteten Räumen geleistet.[1]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kindertagespflege ist nach dem Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2004 (einem Gesetz zur Änderung des SGB VIII) neben der Tagesbetreuung in Kindertageseinrichtungen eine gleichwertige Form der Kindertagesbetreuung[2].

Tagespflege ist eine familienähnliche Betreuungsform und wird vor allem für Kinder unter drei Jahren in Anspruch genommen. Die individuelle Förderung, die familiäre Betreuungssituation und die hohe zeitliche Flexibilität werden als wesentlicher Vorteil der Tagespflege gegenüber der Kindertagesstätte gesehen. Eine Tagespflegeperson, die sich fachlich, persönlich und gesundheitlich eignet, betreut ein bis fünf Kinder. Sie braucht geeignete Räume und eine Pflegeerlaubnis. Über die Eignung der Person oder der Räume treffen einige Landesgesetze (oder Verordnungen) nähere Festlegungen. Zuweilen haben auch die vermittelnden und finanzierenden Jugendämter eigene Beurteilungsmaßstäbe.

Seit 2006 mussten alle Kindertagespflegepersonen eine pädagogische Qualifizierung und einen Erste-Hilfe-Kurs am Kind nachweisen. Standard war dabei ein Umfang von 160 Unterrichtseinheiten. Seit 2015 etabliert sich eine Qualifizierung im Umfang von 360 Stunden, sowie Praktikum und Lernergebnisfeststellungen.

Kindertagespflege ist auch in einer „Großtagespflegestelle“ möglich. Bei der Großtagespflege arbeiten mehrere Tagespflegepersonen zusammen und betreuen jeweils ihre Tageskinder in gemeinsamen Räumlichkeiten. In der Regel werden dazu spezielle Räumlichkeiten – z. B. eine geeignete Wohnung – angemietet bzw. eingerichtet. In der Großtagespflegestelle muss zumeist mindestens eine Tagesmutter oder ein Tagesvater eine pädagogische Fachkraft sein. Der Vorteil von Großtagespflegestellen liegt in der größeren Flexibilität: Kosten für Räume können geteilt werden und Tagespflegepersonen können sich gegenseitig vertreten, so dass die mit der Erkrankung einer Tagespflegeperson verbundenen Ausfallrisiken gesenkt werden können. Die Kosten für die Kommunen sind wesentlich geringer als bei der Förderung von Kinderkrippenplätzen. 2017 gab es in Deutschland 3368 Großpflegestellen[3].

Die Zahl der Kindertagespflegepersonen nahm von 2006 bis 2017 um 43 Prozent zu.[4]

Betreuungsanspruch und Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Jugendamt oder ein vom Jugendamt beauftragter Fachdienst vermittelt die Kindertagespflege[5]. Wie in der Kindertagesstätte beteiligen sich die Eltern und zahlen entweder an das Jugendamt oder an die Tagespflegeperson. Seit dem 1. August 2013 haben alle Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr ihres Kindes. Der Rechtsanspruch kann eingeklagt werden.

Neuere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angesichts des Mangels an Plätzen für jüngere Kinder erhält die Kindertagespflege und Großtagespflege auf dem Hintergrund der Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine wachsende Bedeutung. Die erkennbare Professionalisierung (Qualifizierung, Sozial- und Unfallversicherung der Tagespflegepersonen) verändert diese Tätigkeit von der honorierten, ehrenamtlichen Kinderbetreuung zum Beruf. Die Einkünfte sind steuerpflichtig. Im März 2017 nutzten die Eltern von 162.395[6] Kindern öffentlich geförderte Kindertagespflege. Wie viele Kinder von privat finanzierten Tagesmüttern betreut werden, ist statistisch nicht erfasst.[7]

Pro und Contra einer Fremdbetreuung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „NUBBEK – Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ schließt eine Lücke in der Forschung. Laut der Untersuchung sind Kinder aus Tagespflegeeinrichtungen leicht im Vorteil im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern die in anderer Form betreut werden. Die Gleichstellung der Betreuungsangebote durch den Gesetzgeber beruht auf wissenschaftlichen Fakten.

Gegen jede Form von Fremdbetreuung für Säuglinge und Kleinkinder sprechen sich dagegen folgende Wissenschaftler aus: Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther,[8] Michael Schulte-Markwort (Professor und Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Eppendorf)[9] und der Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Bielefeld, Rainer Böhm. Letzterer ist klarer Befürworter des Betreuungsgeldes.

Neuere Forschungen über die Bindungstheorie bestätigen die Wichtigkeit einer sicheren Bindung zur Mutter. Für die Betreuung von Kleinkindern über einem Jahr sei aber entscheidend, dass Kindern ein sicherer Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen. Hierbei wird beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt. Interessanterweise scheinen selbst sehr kleine Kinder in der Lage zu sein, die Bindung zu einer Tagesmutter auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, sofern sie zu ihren primären Bindungspersonen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Auch zeigte sich, dass nicht die Quantität der Beziehung zu einer oder mehreren Bezugspersonen ausschlaggebend für die Entwicklung einer bestimmten Bindung ist, sondern die Qualität. Die Entwicklung der Bindung hängt nicht von der ständigen Anwesenheit der Bezugsperson ab, sondern von der entwickelten Qualität der Bindung. Diese Ergebnisse der Bindungsforschung hätten auch Auswirkungen auf die aktuelle Diskussion um den Besuch einer Kinderkrippe von Kleinkindern nach dem ersten Lebensjahr.

Fürsprecherin für eine Fremdbetreuung ist z. B. die Wissenschaftlerin Lieselotte Ahnert aus Wien, die einen beruflichen Hintergrund aus ihrer Tätigkeit an der Humboldt-Universität Berlin in der DDR mitbringt.

Für das Betreuungsangebot Kindertagespflege bestehen die niedrigsten Zulassungsvoraussetzungen z. B. Personalqualifizierung aller öffentlichen Betreuungsformen für Kinder und Jugendliche. Es werden die niedrigsten Kostenzuwendungen durch die öffentliche Hand gewährt. Trotz dieser Umstände ermöglicht die persönliche Eignung der Tagespflegepersonen, ihr besonderes Engagement, ihre intensive Beziehung und die kleine Anzahl Kinder eine optimale Betreuung. Bisher war es nicht unüblich, dass z. B. die Ehepartner die Tagespflegeperson mit ihrem Einkommen unterstützen, um die Kinderbetreuung wirtschaftlich abzusichern.

Die Lehrgänge für Tagespflegepersonen umfassen gegenwärtig bis zu 360 Stunden. Darauf aufbauend sind jährliche Fortbildung vorgeschrieben. Die besondere Eignung muss nachgewiesen werden. Die Räume zur Betreuung werden auf geeignete Einrichtung hin durch das Jugendamt überprüft. Tagespflegepersonen sind zum großen Teil Mütter oder Großmütter die über jahrelange Erfahrungen im Umgang mit Kindern verfügen. Sie können häufig eine abgeschlossene Ausbildung zu einem Beruf vorweisen.

Die Kindertagespflege ist gesetzlich der Betreuung in einer Kita gleichgestellt, doch ist die Ausbildung einer Kindertagespflegeperson nicht mit einer staatlich anerkannten Erzieherin vergleichbar. Deren Dauer der Ausbildung variiert, je nach Land und Vorbildung oder Praxiserfahrung, zwischen zwei und fünf Jahren.

In Kitas werden wesentlich mehr Kinder durch eine einzige Erzieherin betreut. Um diesem Mangel entgegen zu wirken, werden die Erzieherinnen oft durch Auszubildende und geringer Qualifizierte unterstützt.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kinderbetreuung bei Tagesmüttern wird in Österreich je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Nach der Vereinbarung über den Ausbau des institutionellen Kinderbetreuungsangebots zwischen Bund und Ländern sind Tagesmütter jedoch übereinstimmend facheinschlägig ausgebildet und haben eine behördliche Bewilligung im Sinne der einschlägigen Gesetze.[10] In Vorarlberg findet eine fachliche Auswahl, Ausbildung, Weiterbildung und Begleitung der Tagesmütter über die Vorarlberger Tagesmütter gemeinnützige GmbH statt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Kinderbetreuung bei einer Tagesmutter sind im Jugendwohlfahrtsgesetz geregelt. Dies gibt unter anderem Auskunft über die Pflegebewilligung, die jede Tagesmutter haben muss, die Pflegeaufsicht, die über die GmbH in Zusammenarbeit mit der JWF geleistet wird und die erlaubte Anzahl an Kindern, die betreut werden kann. Die Tagesmütter bieten ihre Betreuung in ihrer eigenen Wohnung bzw. ihrem eigenen Haus an. Die familienähnliche Betreuung ist sehr flexibel und auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder und deren Eltern abgestimmt. Soziales Lernen und pädagogische Förderung kann in den kleinen, altersgemischten Gruppen stattfinden. Die Tagesmutter kann auf die Kinder eingehen und sie fördern und unterstützen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jutta Hinke-Ruhnau: Kindertagespflege: Arbeitsbuch für Tagesmütter und Tagesväter, 1. Auflage 2013, Cornelsen Scriptor, ISBN 978-3589248353
  • Ilka Köhler: Praxis Kindertagespflege: Raumgestaltung, 1. Auflage 2013, Cornelsen Scriptor, ISBN 978-3589248209

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Achtes Buch Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfegesetz, Zweites Kapitel – Leistungen der Jugendhilfe (§§ 11 – 41), Dritter Abschnitt – Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Kindertagespflege (§§ 22 – 26), § 22 Grundsätze der Förderung
  2. § 24 SGB 8 - Einzelnorm. Abgerufen am 26. März 2018.
  3. Staat & Gesellschaft - Kinder- & Jugendhilfe - Statistisches Bundesamt (Destatis). Abgerufen am 26. März 2018.
  4. Staat & Gesellschaft - Kinder- & Jugendhilfe - Statistisches Bundesamt (Destatis). Abgerufen am 26. März 2018.
  5. § 23 SGB 8 - Einzelnorm. Abgerufen am 26. März 2018.
  6. Staat & Gesellschaft - Kinder- & Jugendhilfe - Statistisches Bundesamt (Destatis). Abgerufen am 26. März 2018.
  7. Preußische Allgemeine Zeitung, Folge 43-10 vom 30. Oktober 2010
  8. https://www.welt.de/politik/deutschland/article109581679/Hochbegabung-ist-mehr-als-gute-Schulnoten.html
  9. http://www.abendblatt.de/daten/2007/04/19/726721.html Was brauchen Kinder? Jedenfalls keine Fremdbetreuung…
  10. Artikel 4 Ziffer 2 der Vereinbarung (BGBl. I Nr. 85/2014)
Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.
Rechtshinweis Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!