Tancredi

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Tancredi (Begriffsklärung) aufgeführt.
Werkdaten
Titel: Tancredi
Titelseite des Librettos, Venedig 1813

Titelseite des Librettos, Venedig 1813

Originalsprache: Italienisch
Musik: Gioachino Rossini
Libretto: Gaetano Rossi
Literarische Vorlage: Voltaire, Tancrède
Uraufführung: 6. Februar 1813
Ort der Uraufführung: Venedig, Teatro La Fenice
Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Syrakus im Jahr 1005
Personen
  • Tancredi, ein verbannter Ritter (Mezzosopran)
  • Amenaìde, seine heimliche Geliebte (Sopran)
  • Argirio, ihr Vater (Tenor)
  • Orbazzano, Rivale des Argirio (Bass)
  • Isaura, Vertraute von Amenaìde (Alt)
  • Roggiero, Knappe des Tancredi (Sopran)

Tancredi ist eine Oper in zwei Akten von Gioachino Rossini, Libretto von Gaetano Rossi, nach der Tragödie Tancrède von Voltaire. Sie wurde am 6. Februar 1813 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt. Der Erfolg des Tancredi bedeutete für den zwanzigjährigen Rossini den Aufstieg in die erste Riege der Opernkomponisten Europas.

Handlung[Bearbeiten]

Die Oper spielt im sizilianischen Stadtstaat Syrakus im Jahr 1005. Die Stadt liegt im Krieg mit den sarazenischen Armeen unter dem General Solamir. Gleichzeitig ist sie im Inneren durch Bürgerkrieg zwischen den Familien der Edelleute Argirio und Orbazzano zerrissen. Der Edelmann Tancredi ist im Verlauf des Bürgerkriegs enteignet und verbannt worden und lebt als Gast am Hof von Byzanz. Bei einem Besuch des syrakusischen Edlen Argirio hat Tancredi dessen Tochter Amenaìde kennengelernt, und die beiden sind seitdem heimlich verliebt. Es gibt jedoch noch zwei weitere Männer, die um die Gunst von Amenaìde werben, der syrakusische Edelmann Orbazzano, Gegner von Argirio im Bürgerkrieg, und der sarazenische Heerführer Solamir.

Erster Akt[Bearbeiten]

Zu Beginn der Oper („Pace, amore“) feiert die Bevölkerung der von den Sarazenen belagerten Stadt Syrakus das Ende des Bürgerkrieges. Die neugewonnene Einigkeit, so hoffen sie, wird ihnen zu neuer Stärke im Kampf gegen die Belagerung verhelfen. Auf Bitten von Orbazzano entscheidet der Senat, dass Orbazzano als Preis für den Frieden die Güter des Verbannten Tancredi und die Hand von Amenaìde erhält. Amenaìde besingt ihre Liebe zu Tancredi („Come dolce all’anima mia“). Argirio teilt seiner Tochter Amenaìde die Entscheidung mit. Die entsetzte Amenaìde hat derweil heimlich einen Brief an Tancredi geschickt, mit der Bitte, nach Syrakus zurückzukehren, um ihr zu helfen. Um den Empfänger zu schützen, trägt der Brief jedoch nicht den Namen des Empfängers.

Tancredi ist inkognito nach Syrakus zurückgekehrt. Er ist willens, für seine Liebe sein Leben zu riskieren („Oh patria“, „Di tanti palpiti“). Argirio, der von der Ankunft Tancredis durch Spione erfahren hat, glaubt, dass dieser sich den maurischen Belagerern im Krieg gegen die Stadt angeschlossen hat. Er drängt daher Amenaìde, die Hand Orbazzanos anzunehmen, um die innere Einheit der Stadt zu sichern („Pensa che sei mia figlia“). Tancredi, der das Gespräch belauscht hat, schleicht sich zu Amenaìde. Dass sie ihm zur Flucht rät, um sein Leben zu retten weckt seine Zweifel an ihrer Liebe („L’aura che intorno spiri“).

Derweil versammeln sich auf einem Platz die Edelleute der Stadt, um die Hochzeit Amenaìdes mit Orbazzano zu feiern („Amori – scedente“). Als Argirio vorbeizieht, bietet ihm der verzweifelte Tancredi seine Dienste als Soldat an. Noch bevor es zur Hochzeit kommt, erscheint Orbazzano. Aber anstatt sie als Braut zu begrüßen, fordert er den Tod Amenaìdes. Seine Spione haben den Brief abgefangen, und da er keinen Empfänger trägt, vermutet Orbazzano, er sei für den feindlichen General Solamir bestimmt. Auch Tancredi, der schon zuvor Zweifel an Amenaìdes Liebe hatte, ist bereit dies zu glauben. Amenaìde wird in Ketten gelegt und abgeführt.

Zweiter Akt[Bearbeiten]

Orbazzano ist durch die Abweisung Amenaìdes zutiefst gekränkt. Er will dafür sorgen, dass über sie die Todesstrafe verhängt wird. Argirio hingegen beweint das bevorstehende Ende seiner Tochter („Oh Dio – Crudel – qual nome“). Amenaìdes Freundin Isaura betet um göttliches Einschreiten („Tu che i miseri conforti“).

Im Gefängnis beklagt Amenaìde ihren ungerechten Tod. Sie hofft, dass wenigstens Tancredi erfährt, dass sie unschuldig gestorben ist („Di mia vita infelice“ – „No, che il morir non è“). Die Edlen treten auf, unter ihnen der verkleidete Tancredi. Um ihr Leben zu retten, fordert er Orbazzano zu einem Gottesurteil durch einen Zweikampf auf, obwohl er von Zweifeln an Amenaìdes Treue zerfressen ist. Während Amenaìde für Tancredi betet („Giust Dio che umilie adora“), erschlägt Tancredi Orbazzano. Obwohl Amenaìde jetzt frei ist, kann Tancredi ihr kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Er zieht deshalb in den Krieg gegen den maurischen Belagerer, um im Kampf zu sterben.

Finale – zwei alternative Versionen[Bearbeiten]

Rossini schrieb für die Oper zwei unterschiedliche Finale. Im Finale der Uraufführung in Venedig siegt Tancredi in der Schlacht und erfährt vom sterbenden Solamir, dass der Brief an ihn, Tancredi, gerichtet war. Das Paar wird glücklich vereint.

Im Finale für die Erstaufführung in Ferrara wird Tancredi in der Schlacht tödlich verwundet und erfährt erst, als er sterbend in den Armen von Amenaìde liegt, dass der Brief an ihn gerichtet war.

Gestaltung[Bearbeiten]

Musiknummern[Bearbeiten]

Die Oper enthält die folgenden Musiknummern:[1]

Ouvertüre
Erster Akt
Nr. 1. Introduktion (Chor, Isaura): „Pace onore fede amore“ (Szene 1)
Nr. 2. Chor und Cavatine (Amenaìde): „Più dolci, e placide spirano l’aure“ / „Come dolce all’alma mia“ (Szene 3)
Nr. 3. Rezitativ und Cavatine (Tancredi): „Oh patria! dolce e ingrata patria!“ / „Tu che accendi questo core“ (Szene 5)
Nr. 4. Recitativo accompagnato (Argirio): „La morte? / Della patria“ (Szene 7)
Nr. 5. Rezitativ und Duett (Amenaìde, Tancredi): „Oh qual scegliesti“ / „L’aura che intorno spiri“ (Szene 8)
Nr. 6. Chor: „Amori scendete“ (Szene 10)
Nr. 7. Recitativo istrumentale: „Da chi? ~ perché…“ (Szene 13)
Zweiter Akt
Nr. 8. Rezitativ und Arie (Argirio, Isaura, Chor): „Oddio! Crudel!“ / „Ah! segnar invano io tento“ (Szene 2)
Nr. 9. Arie (Isaura): „Tu che i miseri conforti“ (Szene 3)
Nr. 10. Szene und Cavatine (Amenaìde): „Di mia vita infelice“ / „No, che il morir non è“ (Szene 4)
Nr. 11. Rezitativ und Duett (Tancredi, Argirio): „M’abbraccia Argirio.“ / „Ah se de’ mali miei“ (Szene 8)
Nr. 12. Rezitativ und Arie (Amenaìde): „Gran dio!“ / „Giusto dio che umile adoro“ (Szene 10)
Nr. 13. Chor: „Plaudite, o popoli“ (Szene 12)
Nr. 14. Rezitativ und Duett (Tancredi, Amenaìde): „Fier incontro! E che vuoi?“ / „Lasciami: ~ non t’ascolto“ / „Ah sì mora, e cessi omai“ (Szene 13)
Nr. 15. Arie (Roggiero): „Torni alfin ridente, e bella“ (Szene 15)
Nr. 16. Szene und Cavatine (Tancredi): „E dove son! Fra quali orror mi guida“ / „Ah! che scordar non so“ (Szene 16)
Nr. 17. Finale II: „Tra quei soavi palpiti“ (Szene 21)

Besonders erwähnenswert sind laut librettidopera.it:

  • Rezitativ und Cavatine Tancredis (Nr. 3): „Oh patria! dolce e ingrata patria!“ / „Tu che accendi questo core“ (erster Akt, Szene 5)
  • Das Duett von Amenaìde und Tancredi (in Nr. 5): „L’aura che intorno spiri“ / „Quale per me funesto“ (erster Akt, Szene 8)
  • Die Arie Argirios (in Nr. 8): „Ah! segnar invano io tento“ (zweiter Akt, Szene 2)
  • Die Cavatine Amenaìdes (in Nr. 10): „No, che il morir non è“ (zweiter Akt, Szene 4)
  • Die Arie Amenaìdes (in Nr. 12): „Giusto dio che umile adoro“ (zweiter Akt, Szene 10)
  • Das Duett von Amenaìde und Tancredi (in Nr. 14): „Ah sì mora, e cessi omai“ (zweiter Akt, Szene 13)
  • Die Cavatine Tancredis (in Nr. 16): „Ah! che scordar non so“ (zweiter Akt, Szene 16)

Instrumentation[Bearbeiten]

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[2]

  • zwei Flöten / Piccolo, zwei Oboen / Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte
  • zwei Hörner, zwei Trompeten
  • Pauken, „Banda turca“
  • Streicher
  • Continuo

Aufführungsgeschichte[Bearbeiten]

Giuditta Pasta als Tancredi (1822)

Das Libretto von Gaetano Rossi war eine Adaption des Dramas Tancrède von Voltaire, uraufgeführt 1760. In dieser Vorlage stirbt der Held Tancredi auf dem Schlachtfeld und erfährt erst in seinem letzten Atemzug, dass Amenaìde ihm treu war.

Um dem Geschmack des italienischen Publikums entgegenzukommen – dort waren Opern mit tragischem Ausgang zur Zeit der Uraufführung nicht besonders beliebt – schuf Rossi abweichend von der Vorlage ein glückliches Ende. Die Uraufführung der Oper mit Adelaide Malanotte in der Hauptrolle war für Rossini ein triumphaler Erfolg. Das Ende jedoch fand relativ kühle Aufnahme. Im selben Jahr wurde die Oper nochmals in Ferrara aufgeführt. Für diese Wiederaufnahme regte der Schriftsteller Luigi Lechi an, statt des schwachen Schlusses der ursprünglichen Version das originale Ende des Dramas von Voltaire zu komponieren.

Außer in Ferrara wurde im 19. Jahrhundert in der Regel das Finale von Venedig aufgeführt. Die Partitur des Ferrara-Finales wurde erst in der Mitte der 1970er Jahre wiederentdeckt und rekonstruiert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Tancredi zu den populärsten Opern Rossinis. Dann wurde Tancredi zusammen mit den anderen Opern des Seria-Faches durch die großen Opern Verdis und des Verismo von der Theaterbühne verdrängt. Der Grund dafür mag in der starren Abfolge von Arie und Secco-Rezitativ liegen.

Auch wenn die Oper in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Rossinis besten Werken gezählt wurde, verschwand sie ab ca. 1850 vollständig von der Opernbühne. Heute wird sie nur selten aufgeführt.

Nur die Auftrittsarie des Tancredi „Di tanti palpiti“ zählt bis heute zum Standardrepertoire von Koloraturmezzosopranistinnen wie Marilyn Horne und Vesselina Kasarova. Im 19. Jahrhundert war diese Arie eines der populärsten Musikstücke überhaupt. Richard Wagner parodierte die Melodie in seinen Meistersingern von Nürnberg im „Chor der Schneider“.

Die Wiederentdeckung der Oper für die Bühne ist u. a. der Mezzosopranistin Marilyn Horne zu verdanken, die sich intensiv für die Wiederbelebung der Opern des Belcanto einsetzte.

Diskographie[Bearbeiten]

Tancredi ist vielfach auf Tonträger erschienen. Operadis nennt 26 Aufnahmen im Zeitraum von 1968 bis 2007.[3] Daher werden im Folgenden nur die in Fachzeitschriften besonders ausgezeichneten Aufnahmen aufgeführt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tancredi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tancredi (1813) – Sommario auf librettidopera.it, abgerufen am 13. November 2015.
  2. Tancredi. Anmerkungen zur kritischen Ausgabe von Philip Gossett, abgerufen am 13. November 2015.
  3. Diskographie auf Operadis
  4. a b Tancredi. In: Harenberg Opernführer. 4. Auflage. Meyers Lexikonverlag, 2003, ISBN 3-411-76107-5, S. 764 f.
  5. a b Gioachino Rossini. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen. Zeno.org, Band 20.