Tarasp

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tarasp
Wappen von Tarasp
Staat: Schweiz
Kanton: Graubünden (GR)
Region: Engiadina Bassa/Val Müstair
Politische Gemeinde: Scuoli2
Postleitzahl: 7553
Koordinaten: 815548 / 184736Koordinaten: 46° 46′ 44″ N, 10° 15′ 42″ O; CH1903: 815548 / 184736
Höhe: 1403 m ü. M.
Fläche: 46,99 km²
Einwohner: 341 (31. Dezember 2013)
Einwohnerdichte: 7 Einw. pro km²
Website: www.tarasp.ch
Tarasp Fontana mit Schloss Tarasp

Tarasp Fontana mit Schloss Tarasp

Karte
Tarasp (Schweiz)
Tarasp
ww

Tarasp (Audio-Datei / Hörbeispiel [tɐˈraʃp]?/i) ist der Gesamtname einer um das Schloss Tarasp liegenden Gruppe von Weilern in der Gemeinde Scuol im Schweizer Kanton Graubünden. Der Ortsname Tarasp ist nicht sicher geklärt; die herkömmliche Deutung als lateinisch Terrae asperae «raue Erde» wirft Probleme auf.[1]

Bis am 31. Dezember 2014 war Tarasp eine eigenständige politische Gemeinde. Am 1. Januar 2015 wurde Tarasp mit den vier Gemeinden Ardez, Ftan, Guarda und Sent in die Gemeinde Scuol eingegliedert.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blasonierung: Gespalten von Gold und Blau, in Gold schwebend lateinisches rotes Kreuz (Passionskreuz), in Blau gold-rot-goldener Bogenpfahl (Regenbogen).

Die Gemeinde Scuol gibt hierzu an: „Es handelt sich um das Wappen der Familie von Tarasp, die im 11. und 12. Jahrhundert gelebt hat. Das Kreuz erinnert daran, dass Mitglieder dieser Familie an einem Kreuzzug und an Wallfahrten nach Jerusalem teilgenommen haben. Der Regenbogen symbolisiert die Verbindung zwischen Gott und den Menschen oder auch die Herrlichkeit Gottes.“[2]

Ausgehend von dem blauen Feld als Hintergrund hätte ein Regenbogen in Farben wie Rot-Gold-Blau oder Rot-Gold-Grün die heraldische Farbregel verletzt. So ist die ungewöhnliche Farbkombination Gold-Rot-Gold im Regenbogen zu erklären.[3]

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeindestand vor der Fusion am 1. Januar 2015

Die ehemalige Gemeinde auf der rechten Innseite besteht aus elf Fraktionen. Darunter gehören der Hauptort Fontana (Audio-Datei / Hörbeispiel [fɔnˈtaːnɐ]?/i, 1403 m ü. M.) mit der Dreifaltigkeitskirche und das Hoteldorf Vulpera (1280 m) sowie Sparsels (Audio-Datei / Hörbeispiel [ʃpɐrˈsɛls]?/i) zu den wichtigsten. Die weiteren Fraktionen sind Aschera (Audio-Datei / Hörbeispiel [ɐˈʒɛːrɐ]?/i), Avrona, Chaposch (Audio-Datei / Hörbeispiel [tɕɐˈpɔʃ]?/i), Chants (Audio-Datei / Hörbeispiel [tɕants]?/i), Florins (Audio-Datei / Hörbeispiel [flɔˈrins]?/i), Nairs, Sgnè (Audio-Datei / Hörbeispiel [sɲeː]?/i) und Vallatscha. Die Ortsteile gruppieren sich um das Wahrzeichen der Gemeinde, das imposante Schloss Tarasp.

Auf dem ehemaligen Gemeindegebiet liegen die Gipfel Piz Pisoc (3173 m), Piz Plavna Dadaint (3166 m), Piz Plavna Dadora (2981 m) und Piz Zuort (3119 m).

Im Gegensatz zu allen anderen Ortschaften des Unterengadins sind die elf Ortsteile von Tarasp Streusiedlungen.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem bedeutenden Bevölkerungszuwachs bis ins frühe 19. Jahrhundert verlor die ehemalige Gemeinde zwischen 1835 und 1900 massiv Bewohner (1835 403, 1900 278 Einwohner = −31 %), und dies trotz touristischen Einrichtungen wie Bäderhäusern und Hotels. Bis 1930 wuchs die Bevölkerung leicht an – zwischen 1950 und 1960 sogar stark (1950–1960: +29 %). Nach dem dann erreichten Höchststand von 396 Personen kam es zu einer zweiten grossen Abwanderungswelle bis 1990 (1960–1990: −39 %).

Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz jahrhundertelanger österreichischer Herrschaft sprach die Bevölkerung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs beinahe geschlossen Vallader, eine bündnerromanische Mundart (1880: 92 %, 1910: 87 %). Dieser Anteil sank dann in der Zwischenkriegszeit auf 79 Prozent (1941). Seither wächst der Anteil der Deutschsprachigen beständig. Dennoch waren die Romanischsprachigen noch 1970 mit 155 Personen (oder 45,32 %) eine relative Mehrheit. Seit 1980 sind die Deutschsprachigen in der Mehrheit, doch halten Gemeindeverwaltung und Schule weiterhin zum Romanischen. Die deutschsprachige Mehrheit erklärt sich vor allem durch das in Avrona ansässige Internat, das jedoch gesellschaftlich wenig Kontakt mit der sonst romanischen Gemeinde hat.[4][5] 1990 konnten sich noch 58 Prozent, im Jahr 2000 noch 46.6 Prozent der Bevölkerung auf Romanisch verständigen. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt folgende Tabelle:

Sprachen in Tarasp GR
Sprachen Volkszählung 1980 Volkszählung 1990 Volkszählung 2000
Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil
Deutsch 138 47,10 % 125 51,87 % 172 52,44 %
Rätoromanisch 129 44,03 % 102 42,32 % 126 38,41 %
Italienisch 8 2,73 % 8 3,32 % 8 2,44 %
Einwohner 293 100 % 241 100 % 328 100 %

Religionen und Konfessionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewohner von Tarasp sind vornehmlich Katholiken, in einem sonst reformiert geprägten Gebiet. Dies ist eine Folge der habsburgischen Geschichte der ehemaligen Gemeinde.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prähistorische Schalensteine sind in der Gemeinde nachgewiesen. Die Herren von Tarasp, die aus Oberitalien stammten, veranlassten Rodungsarbeiten und errichteten im 11. Jahrhundert erste Siedlungen, das Schloss wurde 1040 aus strategischen Gründen erbaut. Eine Abschrift von 1365 erwähnt Castro de Taraspes von 1089–1096. Um 1200 wurden Sümpfe trockengelegt und Seen abgeleitet. Der angelegte Taraspersee diente dem Fischfang und als Löschwasserreserve. Ein zentrales Dorf entstand indessen nicht, sondern allmählich wurden die zehn Weilersiedlungen Aschera, Vallatscha, Chaposch, Fontana, Sparsels, Florins, Sgnè, Chants, Vulpera und Avrona aufgebaut. Bald nach dem Aussterben des adligen Geschlechts übernahmen die Grafen von Tirol die Regentschaft. Seit 1464 gehörte der Ort den Habsburgern, welche in der Folgezeit diverse Adelsgeschlechter mit dem Gebiet belehnten. Kirchlich gehörte der Ort bis zur Reformation zu Scuol, die kirchliche und wirtschaftliche Trennung erfolgte 1559. Acht Jahre später erhielt Tarasp im Hauptort Fontana seine eigene Pfarrkirche. Tarasp blieb als österreichische Grafschaft auch nach der Reformation katholisch. 1630 lebten 242 Einwohner in Tarasp, 1835 waren es 403, danach nahm die Personenzahl wieder leicht ab. Seit 1850 schwankte die Einwohnerzahl zwischen 278 und 396 Personen.[6] Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 fiel Tarasp als letzte österreichische Enklave an die Helvetische Republik, aus der die heutige Schweiz hervorging.

Hotel Waldhaus auf einer Postkarte von 1907

Dank zahlreicher auf dem Gemeindegebiet gelegener Mineralquellen entwickelte sich Tarasp und insbesondere die Fraktion Vulpera in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Bauerndorf zu einem der bedeutendsten Kurorte der Schweiz. 1845 entstand in Vulpera ein erstes Hotel, «Zu den Salzwasserquellen». 1860 wurde die Tarasp-Schulser Gesellschaft gegründet, 1865 in der Fraktion Nairs, auf Scuoler Gemeindegebiet direkt am Inn, das «Grand Hotel Kurhaus Tarasp», 1874–1876 am Innufer die Trinkhalle,[7] 1896/1897 in Vulpera das 1989 abgebrannte «Hotel Waldhaus Vulpera» sowie 1898–1900 das «Hotel Schweizerhof» errichtet. Seine Blütezeit erlebte der Tourismus in Vulpera bis zum Ersten Weltkrieg.[8] In den 1930er Jahren erlebte der Bädertourismus einen drastischen Abschwung, von dem sich Tarasp erst in den 1970er Jahren durch den Wintertourismus und die aufkommende Parahotellerie erholte.[6]

Heute ist die Überalterung der Bevölkerung ein Problem.[9] Für einen besseren Strassenanschluss und etwas Abhilfe soll die von 2007 bis 2010 gebaute 235 Meter lange Innbrücke von Scuol nach Vulpera sorgen.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dreifaltigkeitskirche im Ortsteil Fontana
  • Die Gemeinde wird von dem in seinen Grundzügen aus dem 11. Jahrhundert stammenden Schloss Tarasp überragt. Es zählt zu den imposantesten Schlössern Graubündens. Schloss Tarasp wurde um 1900 von Karl August Lingner, dem Erfinder von Odol, erworben und im Stile des Historismus renoviert. Er vermachte es dem Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. Nachdem es lange im Besitz der Erben aus dem Haus Hessen-Kassel gewesen war, wurde es im März 2016 vom Künstler Not Vital erworben.[10]
  • In der Nähe des Weilers Sgnè liegen prähistorische Schalensteine, die sogenannten «Hexenplatten».
  • 1874–1876 wurde durch den Schweizer Architekten Bernhard Simon am Innufer gegenüber dem Kurhaus Tarasp eine Wandel- und Trinkhalle erbaut. Im achteckigen Kuppelbau werden die Heilquellen Bonifacius, Lucius und Emerita gefasst.[7]
  • Die Dreifaltigkeitskirche, in Fontana, ist ein nach Norden gerichteter Barockbau. Er wurde 1674 bis 1678 von Blasius Ploirer auf den Grundmauern der Pfarrkirche St. Antonius von 1567 errichtet.[11]
  • Das Pfarrhaus[12]
  • «Villa Engiadina»[13], erbaut 1901 durch Karl Gottlieb Koller
  • Wohnhaus, in Fontana[14]
  • Die wilde Clemgia-Schlucht ist von Vulpera und Avrona erreichbar.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Tradition der Übernamen der Engadiner Dörfer heissen die Tarasper ils magliamessas (deutsch «die Messefresser»).

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der in Scuol gelegene Bahnhof Scuol-Tarasp ist der östliche Endpunkt der Rhätischen Bahn (RhB)-Strecke aus Bever. Von dort sind Nairs, Vulpera, Chants, Sgnè und Fontana direkt über eine Postautolinie erreichbar.

Seit dem 10. Oktober 2010 führt die 236 Meter lange Stahlbetonbrücke Punt d’En Vulpera/Tarasp, die den Inn in etwa 50 Meter Höhe überspannt, nach Tarasp.

Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hotellandschaft Tarasp-Vulpera um 1905

Im Sommer ist Tarasp für Wanderer und Biker auch ein Ausgangspunkt für Touren in den Schweizer Nationalpark. In Vulpera befindet sich eines der ältesten Freibäder der Schweiz, oberhalb Vulperas ein Neun-Loch-Golfplatz.

Im Winter wird eine Loipe gespurt. Am Ortsrand von Fontana war von 1964 bis 2010 ein Stangenschlepplift in Betrieb. Dieser wurde 2014 abgebaut. Pläne von 2011 für einen Ersatz des alten Lifts wurden 2013 verworfen.[15] Übrig bleibt ein 200 m langer Übungslift, ebenfalls beim Weiler Fontana. Das Skigebiet Motta Naluns auf der gegenüberliegenden Talseite ist mit der Buslinie zu erreichen.

Vier Hotels, zwei Restaurants, zwei Agrotourismusbetriebe und etwa 35 Ferienwohnungen sind für den Tourismus da.[16]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tarasp lebt neben dem Tourismus von der Berglandwirtschaft, Handwerk, Kunsthandwerk und einigen kleinen Verkaufsläden. 5 Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften 170 Hektaren; zusätzlich gibt es zwei Alpen, die bestossen werden: Alp Laisch und Alp Plavna.[17]

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Eugen Grimm: Tarasp. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Ignatz de Luca: Die fürstlich Dietrichsteinsche Herrschaft Trasp. In: Geographisches Handbuch von dem Oestreichischen Staate. 2. Band Die im östreichischen Kreise gelegenen Länder. Verlag Johannes Paul Krauß, Wien 1790, S. 531–533 (Google eBook, vollständige Ansicht)
  • Jürg Wirth: Ihr Ferienort stellt sich vor: Tarasp-Vulpera. Gammeter, St. Moritz/Scuol 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tarasp – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 865.
  2. Tarasp: Name und Wappen scuol.net
  3. Bernhard Peter: Besondere Motive: Regenbogen welt-der-wappen.de
  4. Bundesamt für Statistik (Hrsg.): Eidgenössische Volkszählung 2000. Band 12: Jean-Jacques Furer: Die aktuelle Lage des Romanischen (= Statistik der Schweiz. 1: Bevölkerung). BFS, Neuchâtel 2005, ISBN 3-303-01202-4.
  5. Manfred Gross: Romanisch. Facts & Figures. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Lia Rumantscha, Chur 2004, ISBN 3-03900-034-9.
  6. a b Paul Eugen Grimm: Tarasp. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  7. a b Trinkhalle Bad Tarasp
  8. Paul Eugen Grimm: Vulpera. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  9. Die Rampe fürs Durcheinandertal nzz.ch, 9. Oktober 2010
  10. Not Vital erwirbt Schloss Tarasp – Pressemitteilung
  11. Baukultur in Graubünden: Katholische Kirche hl. Dreifaltigkeit Graubündenkultur
  12. Pfarrhaus
  13. Villa Engiadina
  14. Wohnhaus
  15. Artikel in der Südostschweiz vom 14. Dezember 2013.
  16. Jürg Wirth: Ihr Ferienort stellt sich vor: Tarasp-Vulpera. Gammeter, St. Moritz/Scuol 2016, S. 11–22.
  17. Jürg Wirth: Ihr Ferienort stellt sich vor: Tarasp-Vulpera. Gammeter, St. Moritz/Scuol 2016, S. 10–11.