Technischer Fortschritt

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Unter technischem Fortschritt versteht man die Gesamtheit aller technischen Innovationen einer Kultur. Technischer Fortschritt kann Auswirkungen auf den soziokulturellen Wandel und den ökonomischen Wandel haben. Durch technischen Fortschritt kann entweder eine gleiche Produktionsmenge (Output) mit einem geringeren Einsatz an Arbeit oder Produktionsmitteln (Inputs) erstellt werden oder eine höhere Menge mit dem gleichen Einsatz an Produktionsmitteln und Arbeit. Neben der quantitativen Verbesserung des Input-Output-Verhältnisses gibt es auch qualitative Verbesserungen wie neue Erzeugnisse (Technikgeschichte).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dampfmaschine gilt als Symbol der Industriellen Revolution

In der frühen Zeit der Menschheitsgeschichte war die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts relativ langsam, auch wenn es in größeren Zeitabständen ebenfalls zu großen Umwälzungen kam, etwa die Neolithische Revolution.

Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führten in der jüngeren Geschichte die Industrielle Revolution sowie seit Mitte der 1970er Jahre die Digitale Revolution.[1]

Historisch hat es durchaus neben Zeiten mit technischem Fortschritt auch Zeiten mit technischem Rückschritt gegeben. Als klassisches Beispiel gilt der Untergang der antiken Kultur mit dem nachfolgenden Mittelalter. Allerdings streiten sich die Geschichtswissenschaftler in dieser Frage, inwieweit zum Beispiel in bestimmten Bereichen (Verbreitung der Wassermühle) der technische Fortschritt auch während des Mittelalters weiter ging.

Es ist umstritten, ob es sich bei einer Neuerung der Technik aufgrund der teilweise negativen Auswirkung auf Mensch, Natur und Gesellschaft immer um einen Fortschritt im Sinne einer allgemeinen Verbesserung für den Menschen handelt. Daher wird in der Literatur auch von technischem Wandel gesprochen.[2] Angesichts der vielfältigen globalen Probleme, die unzweifelhaft auch Folgen des technischen Fortschritts sind (beispielsweise Waldvernichtung, Reaktorkatastrophen, anthropogener Klimawandel usw.) sieht der Naturschutzbiologe Raymond Dasmann die Zukunft der Menschheit insbesondere durch die Tatsache bedroht, dass negative Folgen des Fortschritts im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten (siehe Kommunikatives Gedächtnis) und der Zustand der Welt von den darin lebenden Menschen für „normal“ gehalten wird. Überdies ginge uraltes, traditionelles Erfahrungswissen aus „Versuch und Irrtum“ verloren und stattdessen würden häufig Problemlösungen gesucht, die auf unerprobten Technologien beruhen.[3]

Ethnologische Untersuchungen an Gemeinschaften von „Ökosystem-Menschen“ (Wildbeuter, Hirtennomaden, Feldbauern) haben ergeben, dass vielfach komplexe soziokulturelle Mechanismen existieren, um die Tradition zu erhalten und (technischen) Fortschritt zu vermeiden – sofern keine zwingenden Gründe vorliegen. Claude Lévi-Strauss prägte dafür den Begriff der „kalten Kulturen“.[4]

Erscheinungsformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Technischer Fortschritt kann evolutionär oder revolutionär genannt werden.

Die drei Haupterscheinungsformen des technischen Fortschritts sind:

Es geht bei technischem Fortschritt aber nicht nur um die Steigerung der Arbeitsproduktivität – etwa dass eine bestimmte Anzahl Menschen immer mehr Autos herstellen können –, sondern auch um qualitative Veränderungen, um Neuerungen, Innovationen bei den erzeugten Produkten für den Verbrauch der Menschen.

Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei gleich bleibenden Output
Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei konstantem Input

Joseph Schumpeter unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Neuerungen, die den technischen Fortschritt ausmachen:

  1. Einführung eines neuen Produktes,
  2. Einführung eines neuen Produktionsverfahrens,
  3. Erschließung eines neuen Marktes,
  4. Erschließung einer neuen Versorgungsquelle von Rohstoffen oder Halbfabrikaten und schließlich
  5. Einführung neuer Formen industrieller Organisation.[2]

Dosi versteht unter dem technischen Fortschritt: „die Suche und Entdeckung, Imitation und Einführung neuer Produkte, neuer Produktionsverfahren und organisatorischer Erneuerungen.“[5]

Geigant geht davon aus, dass der Technische Fortschritt es bei der Herstellung von neuen oder verbesserten Produkten oder bei der Einführung neuer Produktionsverfahren ermöglicht, ein unverändertes Produkt zu gleich bleibenden Kosten in größerer Menge bzw. in gleich bleibender Menge zu niedrigeren Kosten herzustellen.[6]

Der Technische Fortschritt führt also zu einem Produktivitätszuwachs dadurch dass

  • der Input bei gleichbleibendem Output verringert werden kann (Abb.) oder
  • der Output bei gleichbleibendem Input erhöht werden. (Abb.)

Technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Schumpeter findet auf Märkten ein schöpferischer Prozess der Zerstörung statt. Schöpferische Zerstörung bedeutet, dass Innovationen auf den Markt kommen, die andere Produkte vom Markt verdrängen. Durch den Wettbewerb wird dieser Prozess angefacht, da Unternehmen nach Innovationen streben um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Die Innovationen stellen einen Technischen Fortschritt dar, der zu einer Steigerung der Produktivität führt. Das ermöglicht eine Senkung der Preise und somit verbesserte Chancen im Wettbewerb. Der Technische Fortschritt ist dynamisch effizient, da aufgrund der Produktivitätssteigerung weitere Anreize zu Innovationen gesetzt werden.

Zusammen mit dem Lernkurveneffekt (d. h. Senkung der Stückkosten bei Steigerung der Produktion aufgrund von Erfahrung der Arbeitskräfte) und der Humankapitalakkumulation (zum Beispiel Steigerung des Bildungsgrades durch Fortbildung der Mitarbeiter) ist der technische Fortschritt also eine wichtige Quelle für Produktivitätssteigerung und Wirtschaftswachstum.[7]

Das Wachstum aufgrund des Lernkurveneffekts oder der Humankapitalakkumulation kommt jedoch aufgrund des sinkenden Grenznutzens (unter den neoklassischen Annahmen) im Gegensatz zum Technischen Fortschritt immer an seine Grenze. Allein der Technische Fortschritt ermöglicht ein langfristiges Wirtschaftswachstum (siehe auch endogene Wachstumstheorie).

Die Bedeutung für das Wirtschaftswachstum belegen auch empirische Untersuchungen von 1994, nach denen der Beitrag des Technischen Fortschritts zum Wirtschaftswachstum je nach Berechnungsart zwischen 40 % und 60 % liegt.[8]

Berechnet wird der Technische Fortschritt nach Schumpeter aus der Differenz von Produktionswachstum und der reinen Veränderung des Faktoreinsatzes (Totale Faktorproduktivität). Diese Differenz wird als „Residuum“ oder Restgröße bezeichnet.[9]

Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erfindung der Webmaschine löste zunächst Befürchtungen aus, dadurch käme es zu Massenarbeitslosigkeit.

Oft diskutiert wird die Frage, ob technischer Fortschritt Arbeitsplätze schafft oder im Gegenteil Ursache für Arbeitslosigkeit sei. Diese Frage tauchte bereits 1817 bei David Ricardo und später in der Diskussion um Automatisierung und Rationalisierung wieder auf.

Freisetzungstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der technische Fortschritt bewirkt durch Weiterentwicklungen und Neuerungen eine Produktivitätssteigerung und Änderung von bisher als effizient angesehenen Input-Output-Verhältnissen. (Siehe Abb. Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis)

Basierend auf dieser Kenntnis hat David Ricardo in der 3. Auflage seiner Principles of Political Economy and Taxation von 1821 die These aufgestellt, dass die Arbeitslosigkeit aufgrund des Technischen Fortschritts steigt, wenn die Nachfrage vorübergehend konstant bleibt. Diese These wird Freisetzungstheorie genannt. Auch Karl Marx schloss sich dieser These an.[10]

Technischer Fortschritt steigt ⇒ Produktivität steigt ⇒ Nachfrage nach diesem Gut steigt nicht unbedingt ⇒ Weniger Arbeitskräfte werden benötigt ⇒ Arbeitslosigkeit steigt

Nach der Freisetzungstheorie hätte der Technische Fortschritt zur Folge, dass Arbeitslosigkeit entsteht. Ein bekanntes Beispiel, welches diese These veranschaulicht ist folgendes: In der Stecknadelbranche sind 10 Mitarbeiter angestellt. Nach der Einführung einer Maschine in den Betrieb werden diese 10 Mitarbeiter durch die Maschine ersetzt. Lediglich ein Mitarbeiter ist noch damit beschäftigt, die Maschine zu bedienen. Die neue Maschine kann ein Vielfaches der Menge an Stecknadeln produzieren, welche die 10 Arbeiter herstellen konnten. Da die Nachfrage nach Stecknadeln nicht unbedingt aufgrund des höheren Angebots um mehr als ein Vielfaches steigt, kommt es zu Entlassungen in der Stecknadelindustrie.[10]

Kompensationstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preis- und Lohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland

Folgender Einwand gegenüber der Freisetzungstheorie wird in der Kompensationstheorie erhoben: Durch den technischen Fortschritt wird nicht nur die Menge der produzierbaren Güter erhöht, auch der Preis für die produzierten Güter sinkt. Das hat zur Folge, dass das Realeinkommen steigt. Aufgrund des höheren Realeinkommens steigt der Konsum des betrachteten Gutes und anderer Güter. Der höhere Konsum führt zu Einstellungen in anderen Branchen. An das obige Beispiel anknüpfend würde der Preis für Stecknadeln aufgrund des höheren Angebotes sinken. Der Schneider kann das Geld für den Konsum anderer Güter verwenden.[10]

Der technische Fortschritt kann also beschäftigungsneutral sein, wenn eine technologische Veränderung eine höhere Nachfrage nach anderen Gütern auslöst und es so zu einer Wiedereinstellung der aufgrund der Rationalisierung frei gewordenen Arbeitskräfte kommt.[11]

Kritiker entgegnen der Kompensationstheorie, dass trotz des technischen Fortschritts die Preise seit mehr als 50 Jahren in Höhe der Inflationsrate steigen.[10] Allerdings ist dem entgegenzuhalten, dass die Löhne langfristig sehr viel stärker steigen als die Preise. (Siehe Abb. Preis- und Lohnentwicklung). Die Realeinkommen sind also unter anderem aufgrund des Technischen Fortschritts gestiegen.[10]

Konzept von Karl Popper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Philosoph Karl Popper gibt in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 2 Hegel und Marx eine systematische Zusammenstellung, wie eine Gesellschaft auf eine Steigerung der Arbeitsproduktivität, die sich aus technischem Fortschritt ergibt, reagieren kann.

Die zur Verfügung stehende höhere Produktivkraft kann genutzt werden für:

  • Fall A: Investitionsgüter. Dann wird investiert, um mehr Investitionsgüter herzustellen, welche die Produktivität noch mehr steigern. Das Problem wird in die Zukunft verschoben. Popper hält dies daher für keine Dauerlösung.
  • Fall B: Konsumgüter
    • für die gesamte Bevölkerung
    • für einen Teil der Bevölkerung
  • Fall C: Arbeitszeit-Verkürzung
    • tägliche Arbeitszeit
    • die Anzahl der „unproduktiven“ Arbeiter steigt. Popper meint damit diejenigen außerhalb des produzierenden Gewerbes, insbesondere Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, Geschäftsleute usw.

Hier zieht Popper eine Grenze. Bisher handelte es sich um für die Bevölkerung erfreuliche Wirkungen einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Es sind jedoch auch unerfreuliche Wirkungen denkbar:

  • Fall D: Die Anzahl der Güter, die produziert, aber weder konsumiert noch investiert werden, steigt
    • Konsumgüter werden zerstört
    • Kapitalgüter werden nicht genutzt, d. h. Betriebe liegen brach
    • es werden Güter produziert, die weder Investitions- noch Konsumgüter sind, zum Beispiel Waffen (siehe auch Rüstungskeynesianismus, Permanente Rüstungswirtschaft)
    • Arbeit wird eingesetzt, um Kapitalgüter zu zerstören und so die Produktivität wieder zu senken.

Künstliche Intelligenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Künstliche Intelligenz

In der industriellen Revolution wurde durch die Erfindung der Dampfmaschine die Muskelkraft von der Maschine ersetzt (PS durch Watt). In der digitalen Revolution wird die menschliche Denkleistung von der Maschine ersetzt (Intelligenz durch KI).[12]

Elon Musk meint, dass es zukünftig immer weniger Erwerbsarbeit geben wird, die nicht von einer Maschine besser und günstiger gemacht werden kann, weshalb immer weniger Menschen benötigt werden. Musk meint, man hätte keine Wahl, als ein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Durch die Produktion fast nur mittels Maschinen, würden die Produkte und Dienstleistungen sehr billig werden.[13] Auch Stephen Hawking meint: Bereits heute sei klar, dass die Maschinen die Menschen zunehmend vom Arbeitsmarkt verdrängen.[14][15] Bill Gates sieht die Entwicklung ähnlich. Er fordert eine Robotersteuer, um die sozialen Aufgaben der Zukunft bewältigen zu können.[16] Im Silicon Valley gibt es einige, die diese Ansicht teilen.[17] Bereits 1995 erschien das Buch „Das Ende der Arbeit“ von Jeremy Rifkin. Constanze Kurz meint: technischen Fortschritt gab es schon immer. Jedoch vollzog sich der technische Wandel in der Vergangenheit meist über Generationen, so dass genug Zeit blieb, sich für neue Aufgaben auszubilden. Heute verläuft der technische Wandel innerhalb von Jahren, so dass die Menschen keine Zeit mehr haben, sich für neue Aufgaben zu bilden.[18] Der Sprecher des Chaos Computer Clubs, Frank Rieger, warnte in verschiedenen Publikationen (z. B. dem Buch Arbeitsfrei)[19] davor, dass durch die beschleunigte Automatisierung vieler Arbeitsbereiche in naher Zukunft immer mehr Menschen ihre Beschäftigung verlieren werden (z. B. LKW-Fahrer durch selbstfahrende Autos). Darin besteht unter anderem eine Gefahr der Schwächung von Gewerkschaften, die an Mitgliedern verlieren. Rieger plädiert daher für eine „Vergesellschaftung der Automatiserungsdividende“,[20] also einer Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit, damit durch das Wachstum der Wirtschaft auch der allgemeine Wohlstand wächst und gerecht verteilt wird. Auch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte laut Rieger eine Lösung für die sozialen Probleme sein, die sich aus der Automatisierung der Arbeitswelt ergeben.[21]

Deutsch-schwedische Forscher haben 2015 ausgerechnet, dass Computer jeden zweiten Job übernehmen könnten.[22][23][24] Eine Oxford-Studie aus dem Jahr 2014 geht davon aus, dass in Deutschland innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre jeder zweite Job durch Maschinen ersetzt wird. In Rumänien als Beispiel ist dieser Anteil sogar noch höher. Die Schulen und Universitäten müssten ihre Ausbildung verändern hin zu mehr kreativen und sozialen Kompetenzen, da Maschinen in diesen Bereichen bislang keine Fähigkeiten haben.[25]

Empirische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studien haben für die USA im Zeitraum von 1979 bis 2007 ein „U-Profil“ einer Polarisierung der Arbeitsnachfrage aufgezeigt: In diesem Zeitraum stieg die Nachfrage sowohl nach hoch- als auch niedrigqualifizierten Berufen gegenüber den Berufen mittlerer Qualifikation stark an. Ähnliche Entwicklungen ließen sich für alle EU-Staaten nachweisen, vor allem auch für Österreich und Frankreich, weniger für Deutschland.[26] Die Gründe für eine solche Polarisierung werden unter anderem in der Art der Tätigkeit gesucht: „Der tätigkeitsbasierte Ansatz legt dar, wie die veränderte Technologie zu einer Substitution von Routinetätigkeiten durch Computer und andere Automatisierung führt. Als Folge davon steigt die Nachfrage nach jenen Arbeitskräften, die Nicht-Routinetätigkeiten ausüben. Dies sind sowohl kognitive, abstrakte und interaktive Tätigkeiten, die am oberen Ende der Lohnverteilung angesiedelt sind, als auch manuelle Aktivitäten am unteren Ende der Verteilung. Entsprechend kann hiervon direkt die Hypothese der Polarisierung von Beschäftigung und Lohnstruktur abgeleitet werden.“[27] In Deutschland, wo diese Polarisierung vergleichsweise gering ist, kam es zu einer Zunahme atypischer Beschäftigungsformen: die geringfügige Beschäftigung und die Zeitarbeit stiegen vor allem in gering entlohnten Teilbereichen des Dienstleistungssektors, und die befristete Beschäftigung nahm auch in höher bezahlten Bereichen zu.[28]

Von 1960 bis 2010 sank auf Deutschland bezogen (bis 1990: Westdeutschland; ab 1991: Deutschland) das Arbeitsvolumen pro Erwerbstätigem um 31 Prozent, das Arbeitsvolumen pro Einwohner um 29 Prozent.[29]

Wirtschaftspolitische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wirtschaftsliberales Rezept zur Verhinderung von struktureller Arbeitslosigkeit ist die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts im Sinne der Kompensationstheorie. Ziel dabei ist es, die aufgrund des technischen Fortschritts freigewordenen Arbeitskräfte in andere Branchen, deren Güter aufgrund der Realeinkommenserhöhung mehr nachgefragt werden, zu vermitteln, um sie so möglichst schnell in ein neues Arbeitsverhältnis zu führen. Dabei kann die Politik zur Beschleunigung des Übergangs in ein neues Arbeitsverhältnis auch gezielt Umschulungen und Weiterbildungsmaßnahmen fördern.

Anleitung: Neutraler Standpunkt Die Neutralität der nachfolgenden Aussage ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite im Abschnitt „Neutralität“. Weitere Informationen erhältst du hier.

Da der Technische Fortschritt wie oben erwähnt dynamisch effizient ist und deshalb die Unternehmen auch ohne staatliches Handeln bestrebt sind, Innovationen auf den Markt zu bringen, ist staatliches Handeln zur Förderung von einzelnen Unternehmen nicht unbedingt nötig. Die staatliche Förderung birgt die Gefahr einer Wettbewerbsverzerrung und eines daraus resultierenden Wohlstandverlusts.

Technischer Fortschritt in der Wachstumstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wachstumstheorie versucht mögliche Auswirkungen von technischem Fortschritt mathematisch abzugreifen. Der Technische Fortschritt spielt in der neoklassischen Wachstumstheorie eine wichtige Rolle. Unter neoklassischen Annahmen ist der Technische Fortschritt eine wichtige Voraussetzung für langfristiges wirtschaftliches Wachstum. Erläutern lässt sich dies an folgendem Beispiel:[30]

Ein Landwirt produziert Getreide. Er hat eine begrenzte Menge an Arbeitern und Kapital in Form von Saatgut und Fläche Ackerland zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der neoklassischen Annahmen wird der Output mit jedem zusätzlichen Einsatz von Arbeit und Kapital wachsen. Der Grenzertrag des zusätzlichen Faktorinput wird so lange sinken, bis der Output bei steigendem Faktorinput nicht mehr weiter steigt. Lediglich eine Erhöhung des Inputs an Arbeit und Kapital kann den Output nur kurzfristig steigen lassen.[30]

Allein der Technische Fortschritt könnte es wie in diesem Beispiel ermöglichen, dass der Landwirt langfristig weiter den Output bzw. Grenzertrag steigern kann.[30] Beispiele für Technischen Fortschritt sind hier: Die Einführung von Dünger, der es ermöglicht, dass der Acker mehrmals im Jahr bestellt werden kann oder die Erfindung des Pfluges, der den Boden fruchtbarer macht.

Die Bedeutung des technischen Fortschritts wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Wachstumsquelle einer Volkswirtschaft in Wachstumsmodellen wenig beachtet (Ausnahme: Schumpeter).[7] Traditionelle Wachstumsmodelle sahen das Arbeitsangebot und das zur Verfügung stehende Kapital als Quellen volkswirtschaftlichen Wachstums.[31] Robert Solow (1957) war mit seinem neoklassischen Wachstumsmodell (Solow-Modell) einer der ersten, die den technischen Fortschritt neben Arbeitsangebot und Kapital als eine Quelle in ein Wachstumsmodell integrierten.[32]

Im Solow-Modell (1957), Uzawa-Lucas-Modell (1965) und AK-Modell von Rebelo (1991) wird davon ausgegangen, dass der technische Fortschritt ein extern gegebener Faktor ist.[32] Dies implizierte, dass technischer Fortschritt nicht durch politische Maßnahmen veränderbar ist.

Erst Anfang der 1990er Jahre wurde in den Modellen von Grossman-Helpman (von Gene M. Grossman und Elhanan Helpman), Romer (Romer-Modell von Paul Romer) und Jones (Jones-Modell von Charles I. Jones) davon ausgegangen, dass technischer Fortschritt eine endogene beeinflussbare Variable ist.[32] Der Grundgedanke dabei ist, dass Forschung und Entwicklung das Wirtschaftswachstum beeinflussen.[31] Durch Förderung von Forschung und Entwicklung könne mit gezielter Wirtschaftspolitik das Wirtschaftswachstum beeinflusst werden.

Harrod-Domar-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Harrod-Domar-Modell

Um zu untersuchen, unter welchen Bedingungen technischer Fortschritt Arbeitsplätze schafft oder entbehrlich macht, kann man einfache Wachstumsmodelle der Wirtschaftswissenschaften zu Rate ziehen. Ein bekanntes Wachstumsmodell ist das Harrod-Domar-Modell, das die Bedingungen für ein gleichgewichtiges Wachstum herleitet und dabei auch technischen Fortschritt berücksichtigen kann. Das Modell geht vom Doppelcharakter der Investitionen aus, die zum einen ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sind (der andere Teil sind die Konsumausgaben) und zum anderen den Kapitalstock und damit das potentielle Angebot erhöhen. Im gleichgewichtigen Wachstum soll Nachfrage gleich Angebot sein. Es ergibt sich folgende Gleichgewichtsbedingung:

  • : gleichgewichtige Wachstumsrate, die Angebot gleich Nachfrage herstellt.
  • : Sparquote, Anteil der Ersparnisse am Einkommen, das im Gleichgewicht als Nachfrage gleich dem volkswirtschaftlichen Angebot an Gütern ist. Unter der Modellannahme, dass alle Ersparnisse investiert werden, ist s gleichzeitig die Investitionsquote, also der Anteil der Investitionen an der Gesamtproduktion.
  • : Kapitalkoeffizient, er gibt an, wie viel Kapitalstock nötig ist, um eine bestimmte Produktionsmenge herstellen zu können.

Die Formel besagt, dass ein umso höheres Wachstum erzielt werden kann, je größer die Investitionsquote ist (die gleich der Sparquote s ist), je größer also der Teil der Produktion ist, der für den Aufbau des Kapitalstocks verwendet wird. Das Wachstum ist umso niedriger, je größer der Kapitalkoeffizient ist, je mehr Kapital benötigt wird, um eine Einheit Produktion zu erzeugen.

Wenn es keinen technischen Fortschritt gibt, dann sollte das gleichgewichtige Wachstum dem „natürlichen“, dem demografisch gegebenen Wachstum des Arbeitsangebots entsprechen, sonst reicht entweder das Arbeitsangebot nicht aus oder es entsteht immer größer werdende Arbeitslosigkeit.

  • : Bevölkerungswachstum

Der technische Fortschritt wird in das Modell so eingeführt, dass angenommen wird, dass der Kapitalaufwand je Arbeiter (oder je Arbeitsplatz), die Kapitalintensität, mit einer bestimmten Rate (m) wächst und dass dadurch die Arbeitsproduktivität ebenfalls mit dieser Rate wächst. Außerdem wird angenommen, dass der Lohn ebenfalls je Arbeiter mit dieser Rate wächst.

Diese Wachstumsrate m der Arbeitsproduktivität und der Kapitalintensität wird als Wachstumsrate des technischen Fortschritts verstanden. Wäre die Produktion konstant, dann könnten in jedem Jahr gemäß dieser Rate (-m) Arbeitsplätze rationalisiert werden, die Beschäftigung schrumpfte also. Soll also keine Arbeitslosigkeit entstehen, muss das gleichgewichtige Wachstum jetzt betragen:

  • : Wachstumsrate des technischen Fortschritts, definiert als Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität und der Kapitalintensität.
  • : demografisch, also exogen gegebenes Bevölkerungswachstum, das gleich dem Wachstum des Arbeitsangebotes ist.

Ein solches Wachstum kann – laut diesem Modell – erreicht werden, indem die Spar- und Investitionsquote s erforderlichenfalls erhöht wird. Da Investitionen in erster Linie aus den Gewinn- und nicht aus den Lohneinkommen finanziert werden, fordert die Wirtschaftspolitik denn auch häufig bei anhaltender Arbeitslosigkeit gemäßg der G-I-B-Formel mäßige Lohnpolitik und höhere Gewinneinkommen, um so mehr Investitionen, Wachstum und Beschäftigung auszulösen. Freilich kann eine solche Politik auch zu Verteilungskonflikten führen, da ja die Gewinneinkommen zu Lasten der Lohneinkommen ausgeweitet werden sollen.

Technischer Fortschritt führt also dazu, dass im Vergleich zur Gesamtproduktion mehr Investitionsgüter benötigt werden, als ohne technischen Fortschritt, soll Vollbeschäftigung erzielt werden. Allerdings handelt es sich um ein einmaliges Opfer, ist die Sparquote s groß genug, dann kann von da an der Lohn je Arbeiter gemäß der Wachstumsrate des technischen Fortschritts, also wie die Arbeitsproduktivität, wachsen.

Produktionsfunktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Technischer Fortschritt kann auf verschiedene Arten in eine Produktionsfunktion eingebaut werden, zum Beispiel:

Eine Produktionsfunktion gibt an, wie viel produziert werden kann , wenn eine bestimmte Menge an Arbeit und an Kapital (Kapitalstock) oder Produktionsmitteln eingesetzt wird:

Von arbeitssparendem, arbeitsvermehrendem oder Harrod-neutralem technischen Fortschritt spricht man, wenn gilt:

  • ist ein mit der Zeit größer werdender Faktor, der die wegen des technischen Fortschritts allmählich steigende Arbeitsproduktivität abbildet.

Weniger gebräuchlich ist der Hicks-neutrale technische Fortschritt

und der Solow-neutrale, kapitalvermehrende oder kapitalsparende technische Fortschritt

.

Ein früher Versuch, technischen Fortschritt endogen zu erklären ist die Technische Fortschrittsfunktion von Nicholas Kaldor. Inzwischen gibt es die Endogene Wachstumstheorie.

Filmische Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. hierzu Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Inhaltsverzeichnis (PDF; 230 kB)
  2. a b Najib Harabi: Technischer Fortschritt in der Schweiz: Empirische Ergebnisse aus industrieökonomischer Sicht. Zürich, Januar 1994, S. 18.
  3. Raymond Dasmann: Toward a Biosphere Consciousness. In Donald Worster (Hrsg.): The Ends of the Earth: Perspectives on Modern Environmental History. 2. Auflage, Cambridge University Press, New York 1989, ISBN 0-521-34365-8. S. 277–288, insbesondere 277–279.
  4. Dietmar Treichel, Claude-Hélène Mayer (Hrsg.): Lehrbuch Kultur. Lehr- und Lernmaterialien zur Vermittlung kultureller Kompetenzen. Waxmann, Münster u. a. 2011, ISBN 978-3-8309-2531-6, S. 36.
  5. G. Dosi: Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation. In: Journal of Economic Literature, 1988, S. 1120–1171.
  6. F. Geigant, D. Sobotka, H.M. Westphal: Lexikon der Volkswirtschaft. Verlag Moderne Industrie, München 1987.
  7. a b Lutz Arnold: Wachstumstheorie. Verlag Vahlen, München 1997.
  8. Najib Harabi: Technischer Fortschritt in der Schweiz: Empirische Ergebnisse aus industrieökonomischer Sicht. Zürich, 1994, S. 9.
  9. J. Michalek: Methoden der Messung des Technischen Fortschritts in der Landwirtschaft. Bd. 26. Schriften der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus e. V., Münster-Hiltrup 1990.
  10. a b c d e Ulrich van Suntum: Die unsichtbare Hand. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2001, S. 117–125.
  11. Hartmut Gaese: tt.fh-koeln.de 3. Juli 2006. rwl.info (PDF) (Zugriff am 29. März 2008).
  12. ARD Quarks und Co: Außer Kontrolle - Wenn Computer die Macht übernehmen , 2016 Minute 16:30, 6. September 2016
  13. video: Interview with Elon Musk: Elon Musk says Universal Basic Income is “going to be necessary.” 19. Februar 2017
  14. Hilal Kalafat: Physiker warnt vor künstlicher Intelligenz. In: Handelsblatt, 3. Dezember 2014.
  15. Stephen Hawking warnt vor Künstlicher Intelligenz, gulli.com.
  16. Elon Musk: Bedingungsloses Grundeinkommen ist unvermeidlich 19. Februar 2017
  17. heise.de: Silicon Valley fürs Grundeinkommen 23. August 2017
  18. ARD alpha: Constanze Kurz: Die totale Automatisierung, 2014
  19. Frank Rieger, Constanze Kurz: Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen.
  20. Frank Rieger: Roboter müssen unsere Rente sichern. In: FAZ, 18. Mai 2012
  21. Frank Rieger: Warum wir aufhören müssen, zu versuchen, Technologien als solche zu regulieren. Vortrag auf der re:publica 2015
  22. welt.de
  23. qz.com
  24. futuretech.ox.ac.uk (PDF)
  25. Technik wird jeden Zweiten in Deutschland ersetzen 26. Juli 2014
  26. Werner Eichhorst, Patrick Arni, Florian Buhlmann, Ingo Isphording, Verena Tobsch: Wandel der Beschäftigung. Polarisierungstendenzen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bertelsmann-Stiftung, 2015; abgerufen am 1. April 2017. S. 12–13.
  27. Werner Eichhorst, Patrick Arni, Florian Buhlmann, Ingo Isphording, Verena Tobsch: Wandel der Beschäftigung. Polarisierungstendenzen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bertelsmann-Stiftung, 2015; abgerufen am 1. April 2017. S. 19.
  28. Wie polarisiert ist der deutsche Arbeitsmarkt? Neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), 28. September 2015; abgerufen am 1. April 2017.
  29. Der aktuelle Beschäftigungsoptimismus in historischer Perspektive, grundeinkommensblog.blogspot.com, 3. November 2010, Grafik.
  30. a b c André Schlüter: Technischer Fortschritt durch Informations- und Kommunikationstechnologien. In: Historical Social Research, Vol. 27, No. 1, 2002, S. 171–189.
  31. a b Klaus Rose: Grundlagen der Wachstumstheorie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991.
  32. a b c Wolfgang Cezanne, Lars Weber: Neuere Entwicklungen in der Wachstumstheorie. WISU das Wirtschaftsstudium, Februar 2007, S. 247–254.