Technisierung

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Begründung: Essay und Theoriefindung --PM3 18:02, 19. Apr. 2018 (CEST)

Technik als Bestandteil der modernen Gesellschaft

Technisierung (von Technik, griechisch τεχνική)[1] lässt sich als Oberbegriff für Automatisierung, Mechanisierung und Maschinisierung fassen.

Dabei ist sie nicht nur eine durch mehr oder weniger zielgerichtete Handlungszusammenhänge entstandene soziale Konstruktion, sondern fasst zugleich die gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen als prägende Einflussfaktoren zusammen, und ist dabei wesentlicher Impulsgeber des sozioökonomischen und institutionellen Wandels.[2] Zu den fachlichen Beiträgen sind weitere Disziplinen hinzugekommen, z. B. wie Bildungstechnik, Biotechnik, Handlungstechnik, Sozialtechnik wie auch die Philosophie der Technik.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Technisierung dient als zweckmäßiges Optimieren natürlicher Gegebenheiten, dessen sich der handelnde Mensch bedienen kann.[3] Die Technisierung begreift sich "[...] als notwendige und legitime Transformation von faktisch gegebener Wirklichkeit in kontingente Wirklichkeit, die Anlass für die Ausschöpfung des sichtbar gewordenen Spielraums durch Erfindung und Konstruktion wird."[4] Da die Technik nicht substanziell, sondern relational als sozialer Prozess bestimmt wird, ist unter der Technisierung eine besondere Form zweckgerichteter Schematisierung und eine geregelte Kopplung von Elementen zu verstehen. Diese Kopplung der Elemente befindet sich in einem künstlichen und abgeschlossenen System, und ist im Medium von Handlungen, Symbolen oder Sachen fixiert, weswegen mit einer angestrebten Wirkung fest gerechnet werden kann.[5]

Zur Institutionalisierung sozialwissenschaftlicher Technikforschung und ausgewählte soziologische Techniktheorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sozialwissenschaftliche Technikforschung ist nicht als Teilbereich oder gar als einzelne Disziplin anzusehen, sondern ist immer interdisziplinär ausgerichtet. Ihre Gründung geht in die 1970er Jahre zurück, in denen viele Projekte und Einrichtungen zur Institutionalisierung von sozialwissenschaftlicher Wissenschafts- und Technikforschung führten. Ein nennenswertes Projekt ist das PAREX-Projekt von 1970 zwischen Paris und Sussex; es gilt personell wie auch inhaltlich als Vorläufer der European Association for the Study of Science and Technology. Das Gebiet der Technikforschung wurde durch die nachfolgenden Jahrzehnte kontinuierlich populärer.[6] Dennoch weist der institutionalisierte Rahmen um den Themenkomplex wenig Geschlossenheit auf, wodurch sozialwissenschaftliche Beschäftigungen inner- wie außerhalb der Institution stattfinden.

Die zentrale Frage, welche in der Mehrheit der sozialwissenschaftlichen Techniktheorien auftritt, lautet: ob entweder die Technisierung als treibende Kraft es ist, welche die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt, oder andersherum, ob die Gesellschaft selbst die Entwicklung der Technisierung bestimmt. Als konstitutive Theorien zur Erklärung des Bezuges von Technik und Gesellschaft, lassen sich verschiedene Techniktheorien heranziehen. Je nachdem, mit welchem Ansatz man sich der Thematik annähert, könnte man bei vielen Theorien Technik und Gesellschaft gegenüberstellen. Das Problem des Verhältnisses zwischen Technik und Gesellschaft stellt sich nach der Frage nach den Einflüssen, die sie gegenseitig aufeinander haben. Die Akteur-Netzwerk-Theorie, die in den 1980er Jahren von Michel Callon, John Law und insbesondere von Bruno Latour entwickelt wurde, sieht die Techniken als gehärtete und eingekapselte Vermittlung (Aktor-Netzwerke) zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Elementen. Die Formen der Technik bestimmen die Entwicklung der Gesellschaft, während soziale, politische und ökonomische Bedingungen die Technik weiter voranschreiten lassen. Je stabiler diese Netzwerke sind, desto schwieriger wird es allerdings, ihre vielschichtigen Prozesse innerhalb des sozio-technischen Handlungsnetzes zu rekonstruieren.[7][8] Während die pragmatisch-realistische Techniktheorie ihren Fokus auf Prozesse des Findens, Verwendens und Modifizierens von Technik und Gesellschaft richtet, wird die Gegenüberstellung von Technik und Gesellschaft aufgelöst, und den Systemen der Technik und des Sozialen in der Systemtheorie von Niklas Luhmann eine Eigenlogik zugeschrieben, welche die Entwicklungen vorantreiben.

Soziale und ökonomische Folgen der Technisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Technisierung selbst ist - als Resultat menschlichen Handelns - ein soziales Phänomen, welchem jedoch eigenständige Wirkungen zugerechnet werden. Diese Wirkungen sind oftmals nicht eindeutig, werden sie doch sowohl von konkreten Akteursstrategien als auch von den institutionellen und strukturellen Kontexten beeinflusst, innerhalb deren sie sich entwickeln und genutzt werden.

Arbeitswelt: Technik und Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

So wie zu Beginn des Industriezeitalters die Produktion und die Dampfmaschine in den Fabriken installiert wurden, so werden in der heutigen Zeit auch in den Dienstleistungs- und Verwaltungsbetrieben neue Techniken installiert, welche die Aufbau- und Ablauforganisation bestimmen. Der Einsatz von Sensoren und Systemen zur Datenerfassung sowie die systematische Nutzung der damit verfügbaren großen Datenbestände (auf der Basis von Big-Data-Vorgängen), öffnen von Grund auf neue Möglichkeiten für die gleichlaufende Automatisierung und Flexibilisierung von Produktionsprozessen sowie die Optimierung überbetrieblicher Wertschöpfungsketten. Doch dies hat auch Konsequenzen für die industriellen Arbeitsprozesse. Noch nicht ausreichend erforscht ist allerdings, ob es sich dabei um positive oder negative Konsequenzen handeln wird. Ebenso verhält es sich auch mit der Technisierung und der sozialen Welt. Die sozialwissenschaftliche Technik- und Arbeitsforschung ist im Besitz eines breiten Fundus konzeptioneller und empirischer Forschungsergebnisse, die aufzeigen, dass die Entwicklung und die Diffusion neuer Technologien nicht als bruchlos und widerspruchsfrei angesehen werden, und deshalb die sozialen Effekte schwer bestimmt werden können.[9] Da die Technik und der Umgang mit ihr sehr wahrscheinlich große Wichtigkeit auch in Zukunft haben werden, so ist es förderlich für Unternehmen, die Kenntnisse der Mitarbeiter weiter zu fördern und auszubauen. Unter dem Kontext „Technik und Arbeitswelt“ ist weiter zu beachten, dass sich die Geschäftsmodelle generell radikal ändern, Wertschöpfungsketten somit neu gefasst werden, und dahingehend die Formen der konventionellen Arbeitsteilung ersetzt und damit neue hybride, multidisziplinäre Anforderungen an die Arbeitswelt entstehen werden.

Technik und Staat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Staat selbst tritt als Entwickler und Nachfrager konkreter Technologien auf, gerade als Träger von Infrastruktureinrichtungen und -leistungen in den Bereichen der Versorgung mit Wasser und Energie, des Verkehrs, der Entsorgung von Müll, der Sicherung von Einrichtungen der Gesundheit und Erziehung. Eine Steuerung der Technisierung durch die Gesellschaft kann nur in einem negativen Sinne gelingen. Denn keiner der vielen Akteure, die an einer Technologie mitwirken, kann das Gesamtsystem steuern, da er nur Einfluss auf ein Teilgebiet hat. In der modernen Industriegesellschaft gibt es generell drei maßgebende gesellschaftliche Systeme, die Akteure und Ergebnisse hervorbringen: Wissenschaft, Marktwirtschaft (Unternehmen eingeschlossen) und die Demokratie. Keines der drei ist den anderen Systemen total übergeordnet. Die hohe Problemlösungs- und Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft basiert darauf, dass ihre Teilsysteme weitgehend selbststeuernd sind.

Veralltäglichung und Vernetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute durchdringen Wissenschaft und Technologie alle Bereiche der Gesellschaft. Durch den permanenten und vereinfachten Zugang zu digitalen Informationen und der Umgang mit technischen Endgeräten erlangt die Technik gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, ganz gleich, ob es sich dabei um Arbeitswelt, Straßenverkehr, Alltag oder um Freizeitgestaltung handelt. Im modernen Haushalt gehören Geräte wie Waschmaschine, Staubsauger und Spülmaschine zum standardisierten Inventar, was eine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität zur Folge hat. Der Begriff internet of things, der von Kevin Ashton 1999 eingeführt wurde, beschreibt die aktuelle Tendenz der Technisierung. Nicht mehr nur die Menschen sind dazu im Stande über das Internet zu kommunizieren, sondern auch die technischen Geräte, z. B. das smart home oder das Auto mit integriertem Internetzugang. Durch diese Fortschritte wird erreicht, dass sich die verschiedenen Systeme zu einem großen System vernetzen. Damit sind sowohl Kommunikationsnetze wie soziale Netzwerke gemeint, die als eine der größten technischen Innovationen und als erschwingliches Konsumgut, als Element von Lebensstil und Jugendkultur gelten, als auch die Möglichkeit zeitnah international politisch und wirtschaftlich zu interagieren. Somit ist die Vernetzung einer der Faktoren, der mit zur Globalisierung beiträgt.

Bewertung und Deutung/ Grenzen der Befreiung durch Technisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei all dem Wissen, Können und „Möglichmachen“ der Personen, welche die Technisierung vorantreiben, stellt sich andererseits auch die Frage nach den Grenzen und den Nebenfolgen der durch die Technik ermöglichten Entwicklungen. Die Bewertung der Technisierung fällt nach dem jeweiligen Standpunkt und den damit verbundenen Nutzen, Kosten und Risiken aus. Der allgemeine Zweck der Technik ist es, unser Denken und Handeln durch ein Schema der Technisierung zu entlasten. Dabei wird die in spontanen sozialen Prozessen stehende Fragwürdigkeit, dass etwas immer auch anders ablaufen und mit anderen Voraussetzungen und Folgen geplant werden kann, in den Hintergrund gedrängt.[10] Die Entwicklungen der Technisierung werden für irreversibel eingeschätzt, sodass die momentanen Jahre als Keimform für eine neue Epoche gelten, in denen man sich auf die neuen, die Leitparamter der Gesellschaft übersteigende, Konzepte vorbereitet. Die zur Kritik neigenden Begriffe, die im Zusammenhang mit der Technisierung auftreten, z. B. Wertewandel, Wachstumsgesellschaft, strukturelle Massenarbeitslosigkeit, Finanzkrise und Neuorientierung zu alternativen Lebens- und Wohnformen, können als Symptome der Revolutionierung der Gesellschaft und als Beginn einer neuen Epoche angesehen werden [11].

Es zeigt sich, dass mit fortschreitender Automatisierung und einer steigenden Komplexität der Systeme, die der Mensch zwar geschaffen hat und bedient, dennoch eine begrenzte Beherrschbarkeit der Technologien einkalkuliert werden muss, im Sinne von funktionalem und ökonomischem Störpotenzial. Tritt eine Störung im Arbeitsprozess auf, sind Beschäftigte oftmals nur unzureichend in der Lage in das autonome System einzugreifen, Fehler zu beheben und deren Kontrolle zu übernehmen [12]. Eine (Arbeits-)Haltung zur Technik, die im Alltag und in vielen Unternehmen angetroffen wird, wird auch als Automation bias bezeichnet. Es geht dabei um das ausgeprägte Vertrauen der Arbeiter in die technischen Arbeitsabläufe, und in den Führungsebenen um das Vertrauenin in die Kompetenz der digitalen Systeme, welche die Arbeitsstrukturen unterstützen. Die genauen Auswirkungen der exponentiellen Technisierungsentwicklung und -ausweitung auf die Gesellschaft geschehen noch im Ansatz, gewinnen aber fortschreitend an Relevanz für die Wissenschaft. Die Technikfolgenabschätzung ist eines der bereits bestehenden Forschungsgebiete. Explizit im Bereich der Arbeitswelt können die Veränderungen von Strukturen und Prozessen stets nur mit Bezug auf den jeweiligen Systemkontext diagnostiziert und prognostiziert werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Dolota; Raymund Werle (Hrsg.): Gesellschaft und die Macht der Technik. Sozioökonomischer und institutioneller Wandel durch Technisierung, Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln, Band 58, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2007, ISBN 978-3-593-38357-6.
  • Roger Häußling: Die Technologisierung der Gesellschaft. Eine sozialtheoretische Studie zum Paradigmenwechsel von Technik und Lebenswirklichkeit, Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1475-8.
  • Jan-Hendrik Passoth: Technik und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Techniktheorien und die Transformationen der Moderne.VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15582-1
  • Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive 2. Kultur-Innovationen-Virtualtät. Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13499-X.
  • Christian Scholz, Erich Staudt; Ulrich Steger (Hrsg.): Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Technologie und Qualifikation. Campus Verlag, Frankfurt/Main/New York 1992, ISBN 3-593-34740-7
  • Werner Süß; Klaus Schroeder (Hrsg.): Technik und Zukunft. Neue Technologien und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Vorträge u. Diskussionen e. Veranst. d. Freien Universität Berlin. Westdeutscher Verlag, Opladen 1988, ISBN 3-531-12027-1
  • Axel Zweck: Die Entwicklung der Technikfolgenabschätzung zum gesellschaftlichen Vermittlungsinstrument. Band 128 Westdeutscher Verlag, Opladen 1993, ISBN 3-531-12462-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pons https://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/deutsch-griechisch/Technik: abgerufen am 12.01.18
  2. Ulrich Dolata, Raymund Werle: Gesellschaft und die Macht der Technik: sozioökonomischer und institutioneller Wandel durch Technisierung. Campus Verlag, 2007, ISBN 978-3-593-38357-6, S. 16 (google.de [abgerufen am 29. April 2018]).
  3. Jan-Hendrik Passoth: Technik und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Techniktheorien und die Transformationen der Moderne.VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15582-1, S. 69–80.
  4. Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive 2. Kultur-Innovation-Virtualität. Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13499-X, S. 47.
  5. Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive 2. Kultur-Innovation-Virtualität. Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13499-X, S. 72.
  6. Jan-Hendrik Passoth: Technik und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Techniktheorien und die Transformationen der Moderne.VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15582-1, S. 43–48.
  7. Jan-Hendrik Passoth: Technik und Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Techniktheorien und die Transformationen der Moderne.VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15582-1, S. 219–224.
  8. Ingo Schulz-Schaeffer: http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/12215 : abgerufen am 21.09.17
  9. Hartmut Hirsch-Kreinsen: http://www.bpb.de/apuz/225688/arbeit-und-technik-bei-industrie-4-0?p=all : abgerufen am 04.10.17
  10. Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive 2. Kultur-Innovation-Virtualität. Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13499-X, S. 63
  11. Werner Süß; Klaus Schroeder (Hrsg.): Aktuelle Strategien zum Zusammenhang von Technik und Gesellschaftswandel. In; Technik und Zukunft. Neue Technologien und ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Vorträge u. Diskussionen e. Veranst. d. Freien Universität Berlin. Westdeutscher Verlag, Opladen 1988, ISBN 3-531-12027-1
  12. Johannes Weyer: https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/243905/technischer-fortschritt-fluch-oder-segen abgerufen am 03.11.17