Teerfarbenwerk Oehler

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Das Teerfarbenwerk Oehler war ein ursprünglich vom promovierten Chemiker Ernst Sell im Jahre 1842 in Offenbach am Main gegründeter Betrieb zur Destillation von Steinkohlenteer. Der erste selbstständige Hersteller von Asphaltprodukten in Deutschland konzentrierte sich nach 1850 als Teerfarbenwerk Oehler auf die Herstellung von Teerfarben. Er wurde 1905 von der Firma Chemische Fabrik Griesheim-Elektron aufgekauft und 2010 als ehemaliges „Werk Offenbach“ der Hoechst AG unter seinem letzten Eigentümer Invista Resins & Fibres stillgelegt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1842–1850 Sellsche Asphaltfabrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst Sell[1] (1808–1854) gründete 1842 mit Unterstützung von Conrad Zimmer am Mainufer zwischen Offenbach und dem heutigen Stadtteil Bürgel eine chemische Fabrik zur Teerdestillation.[2] Die notwendigen Erfahrung hatte er zuvor durch Vermittlung von Liebig in den Teerwerken von Karl von Reichenbach sammeln können. Als Rohstoff bezog Sell den Teer von den Frankfurter Gaswerken, später auch von weiter entfernten Gaswerken.[3] Die Destillationsfabrik stellte zu dieser Zeit typische Asphaltprodukte wie Phenol, Naphthalin, Ruß, Wagenschmiere und Kreosot her.[4] Von hier erhielt A. W. Hofmann im Jahr 1843, er war zu dieser Zeit Liebigs Privatassistent, erste Proben eines Anilin-enthaltenden Destillats,[5] aus dem von William Henry Perkin in 1856 erstmals Mauvein synthetisiert wurde.[6] Mauvein gilt gemeinhin als erster Anilinfarbstoff.[7] 1850 verkaufte Sell aus gesundheitlichen Gründen die „Sellsche Teerdestillation“ an den Schweizer Fabrikanten Karl Gottlieb Reinhard Oehler.

1850–1905 K. Oehler Anilin- und Anilinfarbenfabrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oehler betrieb die Firma weiter als „Oehlersche Teerdestillation“ bis zum Herbst 1856 und der Anstellung von Peter Grieß, die von A. W. Hofmann arrangiert worden war. Grieß konzentrierte sich auf die Herstellung von Farbstoffen auf Anilin-Basis[8] bis im Sommer 1857 ein Großbrand bei der Benzoldestillation einen Großteil des Werks vernichtete und Grieß danach kündigte.[9] Erst 1860 gelingt Oehler mit neuen Mitarbeitern die Synthese von Mauvein. Der enorme Bedarf an Fuchsin und verschiedenen synthetischen Blautönen ließ die Firma kontinuierlich am Standort Offenbach expandieren, führte aber ab 1862 auch zur Gründung der großen Wettbewerber Badische Anilin- & Soda-Fabrik, Friedr. Bayer et comp. und Theerfarbenfabrik Meister Lucius & Co. 1870 wurde auf der gegenüberliegenden Mainseite in Fechenheim die Frankfurter Anilinfarbenfabrik von Gans und Leonhardt gegründet.

1870 übernahmen zwei seiner Söhne, Karl (1836–1909) und Eduard (1837–1909), die Leitung des Familienbetriebes K. Oehler Anilin- und Anilinfarbenfabrik. 1872–1878 entwickelte Alfred Kern hier neue Triphenylmethanfarbstoffe. 1884–1888 übernahm Paul Friedlaender das wissenschaftliche Labor und sichtete die internationale Patentlage. Eigene Patente wurden an Theodor Meyer, Julius Herbany,[10] Leopold August Laska[11] und Karl Oehler[12] erteilt. Von Eduard und dessen Sohn Eugen[13] ist dagegen nur ein einziges Patent bekannt.[14]

K. Oehler in Offenbach spendete neben anderen Industriellen und Hochschulchemikern 1883 einen (relativ hohen) Betrag von 100 Mark für das „Wöhler-Denkmal“.[15] Der Geh.Komm.-Rat Oehler spendete 1908 seinen 10.000 Mk-Anteil von 1898 an der Hofmannhaus-Gesellschaft der DChG.[16]

Am 6. Juli 1905 wurde die Firma K. Oehler Anilin- und Anilinfarbenfabrik Offenbach von den Inhabern für 2 Mio Mark an das Frankfurter Unternehmen Griesheim-Elektron verkauft.[17] Zum Zeitpunkt des Verkaufs erzielte der Familienbetrieb mit ungefähr 600 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von (nur) 7,5 Mio Mark. Wegen des internationalen Wettbewerbs und Preisdrucks schlossen sich ab 1904 erste chemische Unternehmen der Farbenindustrie zu „Interessensgruppen“ zusammen.

1906–1952 Naphtol-Chemie Offenbach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „Naphtol-Chemie“ in Offenbach 1905

Neuer Werksleiter wurde von 1906 bis 1910 der technische Direktor des Griesheimer Werks Bernhard Lepsius. Griesheim-Elektron erweiterte das Werk in Offenbach und entwickelte neue Färbeverfahren, später wurde es in Naphtol-Chemie Offenbach umbenannt. Von L. A. Laska, Arthur Zitscher und Adolf Winther wurde 1911 gefunden, dass sich das Anilid der 2-Hydroxynaphthalin-3-carbonsäure als Kupplungskomponente besonders gut eignet, um auf Baumwolle licht- und waschfeste Azo-Farbstoffe zu erzeugen.[18] Diese Kupplungskomponente wurde unter dem Handelsnamen Naphtol AS[19] ab 1912 in Offenbach produziert.

1925 gehörte Griesheim-Elektron unter Vorstand Plieninger zu den Gründungsmitgliedern der I.G. Farbenindustrie AG.

1952–1993 Hoechst Werk Offenbach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Arthur-von-Weinberg-Steg verbindet seit 1981 die Werke Cassella und Offenbach

Im Rahmen der Entflechtung der IG Farben 1951 sollte der Betrieb in Offenbach ursprünglich nach 1945 demontiert werden, wurde dann aber als „Naphtol-Chemie Offenbach“ aufrechterhalten und später als Werk Offenbach bei den Farbwerken Hoechst integriert. Seit Mitte der 60er Jahre erhielt das Werk mit der Produktion von Polyestergrundstoffen ein neues Standbein. Unter anderem wurde hier Dimethylterephthalat als Vorprodukt von Polyethylenterephthalat (PET) hergestellt, das zu Textilfasern unter dem Markennamen Trevira, zu Polyesterfolien (Hostaphan) und Getränkeflaschen weiterverarbeitet wurde. 1981 errichtete die Cassella AG in Frankfurt-Fechenheim eine gemeinsame Kläranlage zur Reinigung der Abwässer der Cassella AG und des Werkes Offenbach. Die beiden Werke liegen etwa drei Kilometer voneinander entfernt auf verschiedenen Seiten des Mains. Für die Abwasserleitung aus Offenbach wurde der Arthur-von-Weinberg-Steg als Mainüberquerung gebaut.

1994–2010 Ausgliederungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 verkaufte Hoechst den Geschäftsbereich Spezialchemikalien, zu dem auch das Werk Offenbach und der Cassella-Standort in Fechenheim gehörten, an die Clariant. 1998 fusionierten die Werke Offenbach und Cassella der Clariant zum Werk Cassella-Offenbach. Im Zuge der Werkfusion wurden Infrastrukturbereiche der Werke zusammengelegt. Die Werkschule und der Bereich Analytik wurden am Standort Cassella zusammengefasst.

2001 verkaufte Clariant das Werk Cassella-Offenbach, mit Ausnahme zweier Forschungsabteilungen, an eine Gruppe ehemaliger Hoechst-Manager, die den Betrieb unter dem Namen AllessaChemie GmbH weiterführen. Bis Mitte 2009 wurde der Standort Offenbach von den Firmen Invista Resins & Fibres – Käufer der Hoechst Polyester-Sparte – sowie von Allessa und IWO Pellets Rhein-Main genutzt. Die Infrastruktur wurde hierbei von Allessa zur Verfügung gestellt.

Am 5. Februar 2009 gab Invista Resins & Fibres bekannt, die Produktion am Standort Offenbach aufzugeben und sich bis Ende 2009 komplett aus Offenbach zurückzuziehen.[20][21] Mitte 2010 legte auch Allessa den letzten Produktionsbetrieb still. Danach wurde das 32 Hektar große Gelände bis auf die denkmalgeschützten Gebäude zurückgebaut.[22] Auf dem Gelände betreibt die Energieversorgung Offenbach ein Pellet-Werk. Die zukünftige Nutzung des Gebiets ist noch unklar (Stand: Juni 2016).[23]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ehemalige Chemie-Werk ist Teil des Projektes Route der Industriekultur Rhein-Main.[24]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dissertation bei Justus von Liebig in Gießen: Ueber die Zusammensetzung einiger organischer Substanzen. Von Blanchet und Sell. In: Ann. d. Pharm. 6, (1833), S. 259–308.
  2. Ueber die von Dr. Sell in Offenbach ausgeführten Asphaltdächer. In: Polytechnisches Journal. 99, 1846, S. 180–184.
  3. Aus dem Nachruf von A. W. Hofmann für Peter Grieß, S. 1019 f.
  4. Hessisches Wirtschaftsarchiv e. V.
  5. A. W. Hofmann: Chemische Untersuchung der organischen Basen im Steinkohlen-Theeröl. In: Liebigs Ann. 43, (1843), S. 37–87.
  6. Mauvein, Mauve, Anilinpurpur. In: F. Beilstein: Handbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Band 3, S. 678; siehe auch Detaillierte Biographie von A. W. Hofmann; und G. Schultz: Die Chemie des Steinkohlentheers mit besonderer Berücksichtigung der künstlichen organischen Farbstoffe. 1882, S. 530 (PDF).
  7. Karl Hübner: 150 Jahre Mauvein. In: Chemie in unserer Zeit. 40, 2006, S. 274–275, doi:10.1002/ciuz.200690054.
  8. Deutschlands Chemische Industrie 1888–1913 von B. Lepsius, S. 61–63.
  9. Im Nachruf von Hofmann für Peter Grieß auf Seiten 1019 und 1020 sehr detailliert beschrieben
  10. Julius Herbany promovierte 1890 bei Adolf Claus in Freiburg
  11. Leopold August Laska blieb dem Unternehmen treu bis zu seiner Pensionierung 1937. Patente von 1905/1906 waren US 801598 vom 15. Juli 1905 und US 841877 vom 21. März 1906
  12. Patentliste bis 1892 unvollständig, da schwer recherchierbar: DE 12932 vom 14. Juli 1880DE 43714 vom 28. Juli 1887, DE 43720 vom 27. Oktober 1887, … DE 71182, DE 71228, DE 71229 und DE 71230 vom 13. Juli 1892, GB 13402 vom 10. Juli 1893, GB 22204 vom 20. November 1893, GB 00676 vom 10. Januar 1895, GB 20530 vom 30. Oktober 1895, GB 22297 vom 7. Dezember 1900, GB 22397 vom 8. Dezember 1900, GB 04340 vom 24. Februar 1903, GB 04667 vom 27. Februar 1903, GB 05792 vom 12. März 1903, GB 08575 vom 15. April 1903, GB 01581 vom 21. Januar 1904, GB 07863 vom 5. April 1904, GB 10678 vom 9. Mai 1904, GB 12270 vom 30. April 1904, FR 3563 vom 13. Juni 1904, GB 25506 vom 23. November 1904, GB 28596 vom 28. Dezember 1904, FR 353270 vom 21. Januar 1905, FR 354454 vom 1. April 1905, FR 354467 vom 4. Mai 1905.
  13. Eugen Oehler: Beiträge zur Chemie des Braunkohlentheers. In: Angewandte Chemie. 12, (1899) S. 561–563.
  14. GB 07838 vom 30. November 1904, einziges findbares Patent von Eduard und Eugen Oehler.
  15. Berichte der Deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin, 1883 (Spendenliste zw, S. 1248 und 1249)
  16. Auszug aus dem Protokoll der Vorstandssitzung. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 41, 1908, S. 1783–1783, doi:10.1002/cber.19080410244.
  17. Verkaufsdatum 6. Juli 1905. - Wirtschaftlich-gewerblicher Teil. In: Zeitschrift für Angewandte Chemie. 19, 1906, S. 1781–1788, doi:10.1002/ange.19060194208: F r a n k f u r t a. M. : Anläßlich der Einführung von 3 Mio. Mk junger Aktien an der Frankfurter und Berliner Börse werden Einzelheiten über den Ankauf der Anilin- und Anilinfarbenfabrik von K. Oehler durch die Chemische Fabrik Grießheim-Elektron bekannt gemacht. Danach erzielte die Firma K. Oehler 1904 einen Bruttogewinn von 946.389 Mk (988.020 Mk im Jahr 1903 und 984.073 Mk im Jahr 1902), wovon nach Abzug von 110.813 Mk Tantiemen und 360.237 Mk Abschreibungen 455.339 Mk blieben (468.738 Mk im Jahr 1903 und 520.086 Mk im Jahr 1902). Die 1 Mio. Mk der neuen Aktien von Griesheim-Elektron, welche nach Abzug der 2 Mio. Mk für die Inhaber der Fa. Oehler noch frei blieben, wurde von einem Konsortium übernommen und von diesem zu 230 % den alten Aktionären angeboten. Durch das Agio wurde die Reserve auf 5,61 Mio. Mk erhöht, bei einem Aktienkapital von 12 Mio. Mk Griesheim-Elektron verteilte in den letzten drei Geschaftsjähren je 12 % Dividende.
  18. Naphtol AS Pigments. In: W. Herbst, K. Hunger: Industrial Organic Pigments: Production, Properties, Applications. 3., kompl. überarb. Auflage. Wiley VCH, Weinheim 2004, ISBN 3-527-30576-9, S. 280. - DE 256999 vom 4. Juli 1911 und DE 261594 vom 18. Mai 1912
  19. Markenname Naphtol AS, Reg.Nr. 345595, angemeldet 31. August 1925, späterer Inhaber DyStar, Marke gelöscht 31. August 2015. - Im Angelsächsischen wird/wurde die Schreibweise oft in „Naphthol AS“ abgewandelt.
  20. Thorsten Winter und Anton Jakob Weinberger: Aus für Invista zieht Allessa-Chemie in Mitleidenschaft. In: FAZ.net. 5. Februar 2009, abgerufen am 28. Juni 2016.
  21. Invista in Gersthofen wird gestärkt. In: augsburger-allgemeine.de. 6. Februar 2009, abgerufen am 28. Juni 2016.
  22. Jörg Muthorst: Allessa-Industriepark: Chemie-Standort im Umbruch. In: fr-online.de. 12. September 2010, abgerufen am 28. Juni 2016.
  23. Chemie-Areal an Mühlheimer und Kettelerstraße in Offenbach: Bis auf Weiteres nur noch Hügel. In: op-online.de. 23. Januar 2015, abgerufen am 28. Juni 2016.
  24. Lokaler Routenführer Nr. 13 der Route der Industriekultur Rhein-Main. In: krfrm.de. KulturRegion FrankfurtRheinMain gGmbH, August 2006, abgerufen am 14. November 2015 (PDF; 686 kB).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 50° 6′ 28,7″ N, 8° 46′ 56,5″ O