Teiresias

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Odysseus (Mitte), begleitet von Eurylochos und Perimedes, begegnet Teiresias (Kopf unten links) in der Unterwelt; Darstellung der Szene aus dem 11. Gesang der Odyssee.

Teiresias ist in der griechischen Mythologie (Τειρεσίας, lateinisch Tiresias) ein blinder Prophet, der Sohn des Schafhirten Eueres und der Nymphe Chariklo, aus dem Geschlecht des Sparten Udaios.

Mythos[Bearbeiten]

Teiresias war ein Priester des Zeus. Für seine Erblindung werden in der Mythologie mehrere Erklärungen angegeben. Nach Hesiod[1] war Teiresias zunächst ein Priester des Zeus, der, als er am Berg Kyllini auf ein Paar sich begattender Schlangen stieß, die weibliche tötete, woraufhin er in eine Frau verwandelt wurde. Teiresias wurde Priesterin der Hera, heiratete und hatte Kinder, darunter Manto. Nach sieben Jahren traf Teiresias erneut ein Paar kopulierender Schlangen, tötete diesmal die männliche und wurde wieder zum Mann.

Aufgrund der Erfahrung mit dem Leben sowohl als Mann als auch als Frau, wurde er von Zeus und Hera gebeten, die Frage zu klären, welches Geschlecht, Mann oder Frau, in der geschlechtlichen Liebe mehr Lust empfinde – Zeus hatte sich für die Frauen, Hera für die Männer entschieden. Als Teiresias Zeus' Meinung unterstützte und offenbarte, als Frau neunmal so viel Lust wie als Mann empfunden zu haben, ließ die wütende Hera Teiresias erblinden, weil er den Männern das Geheimnis der Frauen preisgegeben hatte. Da Zeus dies nicht rückgängig machen konnte, verlieh er Teiresias zum Ausgleich die Gabe des Sehers und siebenfache Lebensdauer.[2]

Eine andere Erklärung der Erblindung des Teiresias ist die, dass er Athene nackt im Bad gesehen habe. Seine Mutter Chariklo bat die Göttin, dies rückgängig zu machen, was Athene jedoch nicht vermochte, so dass sie ihm stattdessen die Gabe verlieh, die Sprache der Vögel zu verstehen, wodurch er zum Auguren wurde, und die Eigenschaft, auch nach seinem Tod in der Unterwelt seine Weisheit zu behalten.[3]

Schließlich wird als Grund angegeben, er habe den Menschen die Geheimnisse der unsterblichen Götter verraten und sei dafür zur Strafe geblendet worden.[4]

Als Seher wurde Teiresias als unfehlbar angesehen. In der griechischen Literatur sind seine Prophezeiungen stets Sinnsprüche, aber niemals falsch. Allerdings gibt er sie nur widerwillig preis.

Im Schauspiel Sieben gegen Theben von Aischylos tötet sich Megareus selbst aufgrund der Vorhersage Teiresias', dass der freiwillige Tod eines Thebaners Theben retten würde.

Später tritt Teiresias in den Erzählungen um Ödipus auf. In König Ödipus von Sophokles fordert Ödipus Teiresias auf, ihm bei seinen Nachforschungen zum Mörder des Laios zu helfen. Teiresias verweigert die direkte Antwort, gibt stattdessen den Hinweis, dass der Täter jemand sei, den Ödipus nicht zu finden wünsche. Als Ödipus selbst als Täter entdeckt ist, sich selbst geblendet hat und nun umherirrt, tritt Teiresias erneut auf, diesmal in Antigone, ebenfalls von Sophokles. Der König Kreon von Theben verweigert Polyneikes die Beerdigung. Seine Schwester Antigone begräbt ihn heimlich, wird gefasst und dazu verurteilt, lebendig begraben zu werden. Die Götter drücken ihre Missbilligung darüber durch Teiresias aus. In der Zwischenzeit hat Antigone sich erhängt. Als Kreon an ihrem Sarg ankommt, wird er von seinem Sohn Haimon angegriffen. Anschließend tötet Haimon sich selbst. Als Eurydike, Kreons Frau, vom Tod der beiden erfährt, nimmt sie sich das Leben.

Teiresias starb, nachdem er Wasser aus der Quelle Tilphussa getrunken hatte.[5] Nachdem Teiresias gestorben war, wurde er in der Unterwelt von Odysseus besucht, dem er wertvolle Hinweise zum weiteren Verlauf seiner Reise, der Odyssee, gab (insbesondere zur Herde des Helios), denen Odysseus' Männer aber nicht folgten.

Johann Heinrich Füssli Teiresias erscheint dem Odysseus in der Unterwelt

Antike Quellen[Bearbeiten]

Die Figur des Teiresias erscheint in einer relativ großen Zahl antiker Werke. Dazu gehören:

Rezeption in der Neuzeit[Bearbeiten]

Teiresias erscheint mehrfach in den klassischen Werken der Neuzeit und in der modernen Literatur, sowohl als Prototyp des blinden Sehers wie auch als eine Figur mit geschlechtlicher Ambivalenz. Teiresias tritt auf in Dantes Göttlicher Komödie, im Epos Paradise Lost von John Milton, er ist eine Hauptfigur des modernistischen Gedichts Das wüste Land von T. S. Eliot.

Teiresias ist titelgebend für die komische Oper Les mamelles de Tirésias (Die Brüste des Teiresias) von Francis Poulenc, die auf einem Text des Surrealisten Guillaume Apollinaire basiert. Musikalische Erwähnung findet Teiresias auch im Album Dream, Tiresias! der deutschen Band Project Pitchfork. Von der Zweigeschlechtlichkeit des Teiresias ist auch im Stück The Cinema Show der Gruppe Genesis die Rede.

Im Film wurde Teiresias u. a. von Christopher Lee in Die Abenteuer des Odysseus und Kim Coates in Hercules verkörpert.

Von Christian Rossi und Serge Le Tendre wurde der Teiresias-Stoff in einem Comic verarbeitet.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Luc Brisson: Le mythe de Tirésias. Essai d’analyse structurale. Brill, Leiden 1976, ISBN 90-04-04569-4.
  • Emilia Di Rocco: Io Tiresia. Metamorfosi di un profeta. Riuniti, Roma 2007, ISBN 978-88-359-5989-2.
  • Bernhard Gallistl: Teiresias in den Bakchen des Euripides. Diss. Zürich 1979
  • Nicole Loraux: The Experiences of Tiresias. The Feminine and the Greek Man. University Press, Princeton, N.J. 1995, ISBN 0-691-02985-7.
  • Gherardo Ugolini: Teiresias. Untersuchungen zur Figur des Sehers Teiresias in den mythischen Überlieferungen und in der Tragödie. G. Narr, Tübingen 1995, ISBN 3-8233-4871-X
  • Gherardo Ugolini: Tiresia e i sovrani di Tebe: il topos del litigio. In: Materiali e Discussioni per l’analisi dei testi classici. Bd. 27 (1991), S. 9-36.
  • Gherardo Ugolini: Le metamorfosi di Tiresia tra cultura classica e moderna. In: G. Ugolini (Hg.): Die Kraft der Vergangenheit. Mythos und Realität der klassischen Kultur. Olms, Hildesheim 2005, S. 169-179.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Teiresias – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hesiod Fragmente 271 (Melampodie)
  2. Bibliotheke des Apollodor 3.6.7 [1]
  3. Dieser Erklärung des Pherekydes folgt Kallimachos in seinem Hymnus Das Bad der Pallas (Hymnen 5,77-136 [2]).
  4. Hyginus Mythographus fabulae 67f. 75
  5. Bibliotheke des Apollodor 3.7.3 [3]
  6. Christian Rossi und Serge Le Tendre: Tiresias. Verlag Schreiber&Leser München 2011, ISBN 978-3-941239-72-2.