Telefonanlage

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Große Telefonanlage für etwa 1200 Teilnehmer (Typ Hicom 300 von Siemens)
Kleine Telefonanlage für etwa 40 Teilnehmer (Typ 4200E von Alcatel-Lucent)
Kleinst-Telefonanlage für 2 Teilnehmer (Typ Eumex 220PC der Deutschen Telekom)

Eine Telefonanlage, Nebenstellenanlage (kurz NstA) oder Teilnehmervermittlungsanlage (TVA) ist eine Vermittlungseinrichtung, die mehrere Endgeräte wie zum Beispiel Telefon, Fax, Anrufbeantworter sowohl untereinander als auch mit einer oder mehreren Leitungen des öffentlichen Telefonnetzes verbindet.

Geschichte[Bearbeiten]

Bei den frühen Telefonanlagen der 1930er Jahre wurden die internen und externen Verbindungen noch mit sogenannten Stöpseln hergestellt. Dabei wurden die Verbindungen manuell durch das 'Fräulein vom Amt' hergestellt. Das Vermittlungspersonal saß vor Klappenschränken oder Glühlampenschränken.

Bis in die späten 1970er Jahre waren Telefonanlagen mechanisch in offener Gestellbauweise, danach auch in Metallschränken aufgebaut. Sie bestanden im Wesentlichen aus Drehwählern und Hebdrehwählern, welche verschieden Aufgaben hatten (Anrufsucher, Gruppenwählern, Leitungswählern) sowie Teilnehmerschaltungen, Amtsübertragungen und einem Vermittlungsplatz.

Für relativ kurze Zeit wurden Koordinatenschalter-Systeme verwendet, die sich jedoch lediglich in der DDR durchsetzten. In der BRD und anderen westlichen Ländern wurden Koppelfelder sehr schnell mit ESK-Relais gebaut, welche je nach System schon mehr oder weniger elektronisch angesteuert wurden.

Diese wurden in den 1980er Jahren durch voll digitalisierte Anlagen abgelöst, deren grundsätzlicher Funktionsbestandteil ein Koppelfeld war und dessen Ein- und Ausgangsleitungen durch ein Steuerwerk geschaltet wurden. Die Familientelefonanlage war eine Telekommunikationslösung, die in den 1980er Jahren von der Deutschen Bundespost für Privathaushalte angeboten wurde.

Ab dem Jahr 2000 kamen immer mehr voll IP-basierte Lösungen zum Einsatz, und damit der Abkehr von Leitungsvermittlung hin zu reiner Paketvermittlung der digitalisierten Sprachdaten.

Die virtuelle Telefonanlage ersetzt in zunehmendem Maße die klassische ISDN-Telefonanlage in Unternehmen. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen profitieren von virtuellen Telefonanlagen, denn mit Hilfe von webbasierten Kommunikationslösungen lässt sich auch die Integration von Mobilgeräten oder Instant-Messaging in die Unternehmenskommunikation realisieren. Zudem sind virtuelle Telefonanlagen deutlich flexibler als stationäre Systeme und lassen sich aufgrund der ausgelagerten Serverkapazitäten um beliebig viele Mitarbeiter erweitern.[1] Während die großen Anbieter wie Telekom und Vodafone das Geschäft mit den virtuellen Telefonanlagen erst spät für sich entdeckt haben, waren vor allem kleine Unternehmen wie Clarity, Placetel, Nfon und Sipgate maßgeblich an der Marktentwicklung in Deutschland beteiligt.[2]

Funktionen[Bearbeiten]

Die Vorteile einer Telefonanlage sind die kostenlosen internen Gespräche zwischen den angeschlossenen Endgeräten sowie die bessere Ausnutzung von kostenpflichtigen Amtsanschlüssen, da nicht jedes Endgerät eine eigene Teilnehmeranschlussleitung besitzen muss. Weitere Vorteile sind die zusätzlichen eigenen Leistungsmerkmale wie beispielsweise das Weiterverbinden von Telefongesprächen, Makeln, Rufumleitung oder die Röchelschaltung. Häufig gibt es einen so genannten Abfrageplatz, an dem ein zentraler Anruf angenommen und an die entsprechenden Personen weitervermittelt wird.

Neben der automatischen Vermittlung enthält eine Telefonanlage einen Rufstromgenerator, der die Rufspannung erzeugt, sowie Tongeneratoren, die die Signaltöne für den Anrufenden erzeugen. Die Rufspannung beträgt meist ca. 60 bis 70 Volt bei 25 Hertz.

Eine Telefonanlage liefert oft Daten für die Verrechnung von Telefonaten, dazu protokolliert sie in der Regel die Zeiten und Rufnummern abgehender und ankommender Telefonate. Meist kontrolliert sie auch, welche Gespräche von einzelnen Nebenstellen aus geführt werden dürfen und inwieweit Nebenstellen von außen erreichbar sind. Die Umschaltung zwischen internen und externen Gesprächen wird üblicherweise über eine ein- oder mehrziffrige Vorwahl, die so genannte Verkehrsausscheidungsziffer, durchgeführt; In Deutschland und auch in anderen Ländern ist das oft die „0“. Gängig sind die Kategorien:

  • „nicht amtsberechtigt“: Nebenstelle darf keine externen Gespräche führen, bei der Wahl der „0“ kommt gleich Besetzt.
  • „halbamtsberechtigt“: Nebenstelle kann von extern angerufen werden, darf jedoch selbsttätig nicht nach extern anrufen. Externe Anrufe müssen durch den Abfrageplatz fallweise freigegeben werden.
  • „ortsberechtigt“: Nebenstelle darf eine 0 wählen, kann aber nur Ortsgespräche führen.
  • „vollamtsberechtigt“: Keine Einschränkungen.

Moderne Anlagen können derlei Rechte noch deutlich feiner vergeben.

Eine weitere Möglichkeit, eine Telefonanlage zu nutzen, ist die Apothekerschaltung.

Technik[Bearbeiten]

Der Anschluss einer Telefonanlage an das öffentliche Telefonnetz erfolgt über klassische analoge Telefonanschlüsse POTS und / oder über ISDN, auch Mobilfunkanbindungen über Gateways sind heute Standard.

Für die Endgeräte besitzt eine Telefonanlage digitale und/oder analoge Anschlussmöglichkeiten, sogenannte Ports. Endgeräte können, je nach Telefonanlagentyp, kabelgebunden oder drahtlos (Mobile-Extension) – dann meist nach dem DECT-Standard – angeschlossen werden.

Bei digitalen Endgeräten (ISDN-Telefon, ISDN-Karte, systemspezifisches Telefon) wird zum Anschluss ein S0-Bus (vieradrig) oder eine systemspezifische Schnittstelle wie die zweiadrigen Schnittstellen Up0 und UpN verwendet.

In der Regel sind die Endgeräte und die Telefonanlage räumlich getrennt und deshalb über geeignete Installationskabel (zum Beispiel Telefonkabel, Twisted-Pair-Kabel) oder über Funkverteilnetze (zum Beispiel DECT) miteinander verbunden. Bei der Verbindung über Kabel kommen meistens Verteiler mit Anschlussklemmen zum Einsatz oder die Anschaltung erfolgt über eine strukturierte Verkabelung.

Mehrere Telefonanlagen können miteinander vernetzt werden und ein Corporate Network bilden. Die Vernetzung erfolgt dabei in der Regel mittels einer (auch virtuellen) Standleitung. Wählleitungen oder Richtfunk sind ebenfalls möglich, werden jedoch seltener eingesetzt. Zur Steuerung des Verbindungsauf- und abbaus und der Übermittlung der Nutzsignale werden bei Telefonanlagen des gleichen Herstellers meistens systemspezifische Kommunikationsprotokolle eingesetzt. Zur Vernetzung von Telefonanlagen unterschiedlicher Hersteller muss ein Protokoll eingesetzt werden, welches beide Anlagen beherrschen. Dabei kommt in der Regel das standardisierte QSIG-Protokoll (Signalisierung am Q-Referenzpunkt) zum Einsatz, dass von nahezu allen Herstellern unterstützt wird. Einige Hersteller bieten jedoch auch proprietäre Protokolle an, um erweiterte anlagenspezifische Funktionen abbilden zu können, beispielsweise CorNet von Siemens oder ABC-F von Alcatel-Lucent.

In den vergangenen Jahren haben auch Telefonanlagen mit LAN-Anschluss sowohl für die Nutzung von IP-Telefonie als anlageninterne Endgeräte als auch zur Vernetzung von mehreren Nebenstellenanlagen über das Internet an Popularität gewonnen.

Technologietrends[Bearbeiten]

softwarebasierendes Endgerät

Die Verbreitung IP-basierter Kommunikationsnetze ermöglicht die Konvergenz von Informations- und Telekommunikations-Technologie (IT und TK). In diesem Zusammenhang entwickeln sich Telefonanlagen zunehmend mehr in Richtung rein softwarebasierter Systeme, die auf bereits standardisierten oder kommerziell erhältlichen IT-Komponenten aufbauen.

Solche Lösungen unterscheiden sich von klassischen proprietären Lösungen beispielsweise dadurch, dass sie offener und kompatibler hinsichtlich Komponenten wie Servern, Betriebssystemen, Protokollen und Telefonendgeräten sind.

Konkret bedeutet das z. B., dass eine moderne Telefonanlagen-Software auf handelsüblichen Servern laufen kann, auf denen Linux oder Windows-Server als Betriebssystem genutzt wird. Intern, zu den Telefongeräten und zum Amtsanschluss hin, kommunizieren solche Systeme dann beispielsweise per VoIP (SIP-Protokoll), so dass dann auch handelsübliche SIP-Telefone angeschlossen werden können. Will man z. B. amtsseitig per ISDN (Basisanschluss oder Primärmultiplexanschluss) verbunden sein und/oder ISDN- sowie Analog-Telefonendgeräte anschließen, so kommen entsprechende VoIP-Gateways zum Einsatz.

Die Vorteile für die Kundenunternehmen liegen in der Verschmelzung der IT- und TK-Systemadministration, dem Investitionsschutz durch die Unabhängigkeit der einzelnen Komponenten voneinander sowie häufig auch der gesteigerten Flexibilität eines softwarebasierenden Systems.

Unterschied zwischen den USA und Europa[Bearbeiten]

US-Telefon mit den typischen Leitungstasten (Modell 464G Western Electric)

Telefonanlagen folgen in den USA der Philosophie von mehreren gemeinsam geteilten Leitungen (oft in US-Filmen zu hören „Das Gespräch liegt auf Leitung 1“), in Europa steht hingegen der auf das Endgerät bezogene Vermittlungsansatz im Vordergrund („Ich verbinde [Sie]“).

Diverses[Bearbeiten]

Alternative Bezeichnungen[Bearbeiten]

Anstatt Telefonanlage werden auch andere Bezeichnungen verwendet:

  • Nebenstellenanlage (veraltete „amtliche“ Bezeichnung)
  • TK-Anlage (auch TKAnl oder TK-Anl) (Telekommunikationsanlage)
  • TK-System (Telekommunikationssystem)
  • TVA (Teilnehmervermittlungsanlage)
  • PBX (Private Branch Exchange)
  • PABX (Private Automatic Branch Exchange)

Alternative, nicht-hardwarebasierte Umsetzungen[Bearbeiten]

Alternative Funktionsrealisierungen:

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.telecom-handel.de/News/Markt-Analyse/Studie-Virtuelle-Telefonanlagen-im-Mittelstand-kaum-bekannt-6716.html
  2. http://www.funkschau.de/specials/ip-centrex-cloud-computing/

Weblinks[Bearbeiten]