Telithromycin

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Strukturformel
Struktur von Telithromycin
Allgemeines
Name Telithromycin
Andere Namen
  • (3aS,4R,7R,9R,10R,11R,13R,15R,15aR)-10-{[(2S,3R,4S,6R)-4-(Dimethyl­amino)-3-hydroxy-6-methyl-tetrahydro-2H-pyran-2-yl]oxy}-4-ethyl-11-methoxy-3a,7,9,11,13,15-hexamethyl-1-[4-(4-pyridin-3-yl-1H-imidazol-1-yl)butyl]­octahydro-2H-oxacyclo­tetra­decino[4,3-d][1,3]oxazol-2,6,8,14(1H,7H,9H)-tetron (IUPAC)
Summenformel C436512N5O10
Kurzbeschreibung

hellblauer Feststoff[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 191114-48-4
EG-Nummer 682-750-4
ECHA-InfoCard 100.208.206
PubChem 3002190
DrugBank DB00976
Wikidata Q2736135
Arzneistoffangaben
ATC-Code

J01FA15

Wirkstoffklasse

Makrolid-Antibiotika

Wirkmechanismus

Störung der bakteriellen Proteinsynthese

Eigenschaften
Molare Masse 802,004 g·mol−1
Aggregatzustand

fest[1]

Schmelzpunkt

176–188 °C[2]

Löslichkeit

praktisch unlöslich in Wasser[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338 [3]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Telithromycin ist eine antibiotisch wirksame chemische Verbindung zur Behandlung von Infektionen der Atemwege. Der Arzneistoff wird semisynthetisch hergestellt und gehört zur Klasse der Makrolid-Antibiotika. Es handelt sich bei Telithromycin um ein Erythromycin-Derivat (Ketolid).[4]

Entwicklung und Zulassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Telithromycin wurde 2001 in der gesamten EU zugelassen und unter dem Handelsnamen Ketek vertrieben. Nach Studien und Berichten, die auf Nebenwirkungen hinwiesen, wurde 2007 eine Einschränkung der Anwendung durch die europäische Arzneimittelagentur beschlossen.[5] Telithromycin war das erste Ketolid-Mittel, welches von der US-amerikanischen Food and Drug Administration 2004 zugelassen wurde.[6]

2018 zog Aventis Ketek weltweit vom Markt zurück, nachdem 2016 die Produktion eingestellt worden war.[7][8] Im Juni 2019 wurde die Zulassung für die EU auf Antrag von Aventis Pharma zurückgenommen.[9]

Indikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Telithromycin war in der EU in folgenden vier Indikationen zugelassen: akute Exazerbation einer chronischen Bronchitis, akute Sinusitis, Tonsillitis/Pharyngitis und ambulant erworbene Lungenentzündung. In Folge der Einschränkungen durch die EMEA im Jahr 2007 war Telithromycin in den ersten drei Indikationen nur einzusetzen, wenn eine Resistenz gegen Betalaktame oder Makrolide vermutet wurde.[5][10]

Im Gegensatz zu anderen Makrolid-Antibiotika ist Telithromycin säurestabil, wodurch die meisten Makrolidresistenzen überwunden werden konnten.[6] Häufig wird es auch als Alternative zu Penicillin verwendet, da beide ein ähnliches Wirkungsspektrum aufweisen.[11]

Wirkungsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Telithromycin verhindert das Wachstum von Bakterien, indem es deren Protein-Biosynthese stört. In der großen Untereinheit 50S des bakteriellen Ribosoms wechselwirkt das Antibiotikum mit der 23S rRNA, wodurch die Translationsaktivität gehemmt wird.[5][12] Außerdem wirkt Telithromycin auch durch die Hemmung der Bildung der 30S-Untereinheit.[13]

Telithromycin ist zwei- bis fünfmal wirkungsvoller als Clarithromycin gegen gram-positive Kokken.[14]

Applizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der Säurestabilität kann Telithromycin oral verabreicht werden. Nach 0,5 bis 4 Stunden hat es im Körper seine maximale Konzentration erreicht. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt 57 %. Etwa 20 % der Dosis werden unverändert über die Galle, den Darm und den Urin ausgeschieden. Nur 37 % werden in der Leber metabolisiert.[11][6]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Allgemeinen wird Telithromycin gut vertragen. Einzelne Nebenwirkungen können sein:[15]

  • Übelkeit,
  • Bauchschmerzen,
  • Durchfall,
  • Dyspepsie,
  • Kopfschmerzen,
  • Schwindel und
  • Hautausschlag.

Im März 2006 wurde erstmals über eine medikamenteninduzierte Hepatotoxizität berichtet, welche nach der Einnahme von Telithromycin aufgetreten ist. Drei verschiedene Vorfälle wurden gemeldet: ein Fall von vorübergehender drogeninduzierter Hepatitis, ein Fall endete mit einer Lebertransplantation und ein Fall endete mit dem Tod.[6] Im Jahr 2010 wurde veröffentlicht, dass durch eine Wechselwirkung nicht nur Leberversagen auftreten könnte, sondern auch Sehstörungen und eine Verschlimmerung von Myasthenia gravis.[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c BioRad: Sicherheitsdatenblatt Telithromycin. Abgerufen am 5. Juli 2019.
  2. Datenblatt "Telithromycin, 95%" bei AlfaAesar, abgerufen am 6. Juli 2019 (PDF) (JavaScript erforderlich).
  3. a b bldpharm: SDS Telithromycin
  4. Telithromycin – RÖMPP, Thieme. Abgerufen am 19. Juni 2019.
  5. a b c BfArM - Rote-Hand-Briefe und Informationsbriefe - Rote-Hand-Brief zu Telithromycin (Ketek®): Einschränkung der Anwendung sowie verstärkte Warnhinweise beschlossen. Abgerufen am 5. Juli 2019.
  6. a b c d Kimberly D. Clay: Brief Communication: Severe Hepatotoxicity of Telithromycin: Three Case Reports and Literature Review. In: Annals of Internal Medicine. Band 144, Nr. 6, 21. März 2006, ISSN 0003-4819, S. 415, doi:10.7326/0003-4819-144-6-200503210-00121 (annals.org [abgerufen am 19. Juni 2019]).
  7. Telithromycin (Ketek): a welcome market withdrawal, Prescrire, 1. September 2018.
  8. Antibiotic with History of Safety Issues Discontinued, MPR, 11. März 2016.
  9. Durchführungsbeschluss der Kommission vom 6. Juni 2019.
  10. EMA: Ketek Telithromycin. EMA, abgerufen am 5. Juli 2019.
  11. a b Telithromycin. Abgerufen am 19. Juni 2019.
  12. Zohar Eyal, Donna Matzov, Miri Krupkin, Itai Wekselman, Susanne Paukner: Structural insights into species-specific features of the ribosome from the pathogen Staphylococcus aureus. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 112, Nr. 43, 27. Oktober 2015, ISSN 0027-8424, S. E5805–E5814, doi:10.1073/pnas.1517952112 (pnas.org [abgerufen am 19. Juni 2019]).
  13. A. Bryskier: Ketolides—telithromycin, an example of a new class of antibacterial agents. In: Clinical Microbiology and Infection. Band 6, Nr. 12, 1. Dezember 2000, S. 661–669, doi:10.1046/j.1469-0691.2000.00185.x (clinicalmicrobiologyandinfection.com [abgerufen am 5. Juli 2019]).
  14. Bryskier A, Agouridas C, Chantot JF: Ketolide: novel antibacterial agent designed to overcome erythromycin A resistance. In: INFECTIOUS DISEASE AND THERAPY. Nr. 23, 2000, S. 79–102, doi:10.1007/978-3-0348-8105-0_7.
  15. Telithromycin. In: Livertox. Abgerufen am 19. Juni 2019.
  16. D. Bertrand, S. Bertrand, E. Neveu, P. Fernandes: Molecular Characterization of Off-Target Activities of Telithromycin: a Potential Role for Nicotinic Acetylcholine Receptors. In: Antimicrobial Agents and Chemotherapy. Band 54, Nr. 12, 1. Dezember 2010, ISSN 0066-4804, S. 5399–5402, doi:10.1128/AAC.00840-10 (asm.org [abgerufen am 19. Juni 2019]).