Temperamente

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Temperamente
Fachgebiet Literatur
Sprache deutsch
Verlag Neues Leben (DDR)
Erstausgabe 1976
Erscheinungsweise dreimonatlich

Temperamente, Untertitel: Blätter für junge Literatur, war eine DDR-Literaturzeitschrift. Sie erschien im Verlag Neues Leben in Berlin. Schwerpunkt der Zeitschrift waren Arbeiten junger Autoren.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Bentzien, seinerzeit Chefredakteur des Verlages Neues Leben, regte 1975 die Herausgabe eines solchen Blattes an. Es sollte wegen der in der DDR-üblichen Papierkontingentierung nicht als reguläre Zeitschrift, sondern als Almanach erscheinen.[1] Autoren im ersten Heft, das im Sommer 1976 erschien, waren unter anderem Franz Fühmann und Bernd Ulbrich mit einer seiner ersten Science-Fiction-Geschichten. Die folgenden Hefte enthielten unter anderem frühe Veröffentlichungen von Autoren wie Bert Papenfuß-Gorek oder Stefan Döring.

Kurz nach Erscheinen des ersten Heftes, im November 1976, wurde Wolf Biermann ausgebürgert. In der folgenden Zeit kam es zu einer Verschärfung der Politik der DDR-Führung gegenüber den Künstlern des Landes. Dies führte zu diversen Konflikten zwischen der Redaktion und den Behörden. Karl-Heinz Jakobs wurde als Mitunterzeichner der Protestresolution gegen die Biermann-Ausbürgerung 1977 aus der Redaktion entfernt. Die ersten Ausgaben erschienen nur sporadisch, der Posten des Chefredakteurs wechselte mehrfach. Das dritte Heft konnte überhaupt nicht erscheinen. Als Gründe für das Nicht-Erscheinen gelten eine Erzählung von Klaus Schlesinger, gleichfalls einer der Unterzeichner der Biermann-Resolution, ein Vorabdrucks des Romans Transport-Paule von Paul Gratzik und zu realistische Fotografien aus Prenzlauer Berg.[2]

Im Sommer 1978 wurde die komplette Redaktion aus politischen Gründen abgelöst. Sie bestand aus dem Chefredakteur Rulo Melchert, der kurz zuvor von der Zeitung Junge Welt gekommen war, seinen Stellvertretern Michael Berger und Fritz-Jochen Kopka sowie Joochen Laabs, Frank Hörnigk, Richard Pietraß und Joachim Walther, die bereits von Anfang an bei der Zeitschrift wirkten.[3] Neuer Chefredakteur wurde Reinhard Weisbach, der im selben Jahr bei einem Unfall verstarb. Ihm folgte Arno Hochmuth, zunächst als „Leiter der Redaktion“, später bis 1982 als Chefredakteur.

Nachdem in den ersten Jahren die Zeitschrift sporadisch etwa zweimal im Jahr erschien, wurde sie ab 1979 regelmäßig vertrieben. Die ursprüngliche geplante zweimonatliche Auslieferung wurde nicht realisiert, das Heft erschien vierteljährlich. Erst 1989 erschienen fünf Ausgaben[4].

Bis 1981 erschienen noch gelegentlich Texte der inoffiziellen Lyrikszene im Heft, danach durften sie als Folge eines Beschlusses des Sekretariats des ZK der SED vom 11. November 1981, faktisch nicht mehr erscheinen.[5]

Der Chefredakteursposten wechselte mehrfach. Nachdem 1982 zunächst Hinnerk Einhorn amtierender Chefredakteur war, folgte ihm 1983 Martin Herzig. Seine Nachfolgerin war Marion Titze, die 1987 ebenfalls aus politischen Gründen entlassen wurde. Später leitete Ulrike Bresch die Redaktion.

Der lange Vorlauf zwischen Texterstellung und Erscheinen des Heftes erwies in den Zeiten der Wende in der DDR 1989/1990 als nachteilig. Dennoch wurde das Heft 1/1990 Oktober 1989 - Texte, unter anderem mit Texten von Matthias Baader Holst und Johannes Jansen noch einmal populär, es wurde später unter dem Titel Oktober 1989 - Wider den Schlaf der Vernunft vom Verlag Neues Leben in Zusammenarbeit mit Elefanten Press noch einmal neu aufgelegt.

Mit dem Heft 4/1990 wurde die Zeitschrift eingestellt; die bereits vorbereiteten Hefte 5 und 6/1990 erschienen nicht mehr.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufmachung und inhaltliche Gliederung der Zeitschrift änderte sich im Verlaufe ihres Bestehens nur wenig. Das Heft war in der Regel 160 Seiten stark und broschiert. Das Titelblatt enthielt eine Zeichnung, in den späteren Jahren meistens farbig. Die Rückseite des Heftes enthielt nur ein kurzes Gedicht oder ein Zitat. Die Innenseiten des Umschlages blieben meistens frei.

Fester Bestandteil der Zeitschrift waren Rubriken wie „Kritik“, „Feuilleton“ oder „Vorrat“, in der ältere Arbeiten bekannter Autoren vorgestellt wurden. Den Hauptanteil machten neue Prosa- und Lyrikwerke vor allem jüngerer, aber auch älterer Autoren aus. Daneben gab es Essays und Interviews. Regelmäßig gab es Berichte vom jährlichen Poetenseminar in Schwerin.

Inhaltlich wurde viel Wert auf die Förderung des literarischen Nachwuchs gelegt. Viele Autoren hatten ihre ersten Veröffentlichungen in dem Blatt. Auch wenn die Brisanz der ersten Hefte später kaum noch erreicht wurde, gab es auch später Themen, die in Temperamente früher als in den meisten anderen DDR-Medien angesprochen wurde. Im Heft 2/1988 erschien explizit homosexuelle Prosa von Michael Sollorz und Frank Goyke. Im Heft 3/1988 wurde das Thema der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg angesprochen, es erschienen Interviews mit Menschen, die 1945 aus den deutschen Ostgebieten vertrieben worden waren.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Interview mit Richard Pietraß, in: Gerd Labroisse, Ian Wallace, DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit, S.202
  2. Karl-Heinz Baum in: Frankfurter Rundschau, 19. August 1978, S.16, digitalisiert (.pdf, englisch, Textseite 31-33; 4,4 MB)
  3. Die Zeit, 35/1978, digitalisiert
  4. Temperamente, 5/89, Impressum
  5. Die Lyrik der nichtoffiziellen Literaturszene in der DDR (1976-1989) Internetquelle, abgerufen 3. Juli 2009
  6. Thomas Horstmann, Zur Rekonstruktion und medialen Vermittlung von Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der SBZ/DDR, Internetquelle, abgerufen am 27. Juli 2009