Tetjana Tschornowol

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Tetjana Tschornowol 2016

Tetjana Mykolaiiwna Tschornowol (ukrainisch Тетя́на Микола́ївна Чорново́л; * 4. Juni 1979 in Kiew, Ukrainische SSR),[1] ist eine ukrainische Journalistin, Aktivistin und Politikerin. Sie wurde im Kabinett Jazenjuk I zur Regierungsbeauftragten für Fragen der Antikorruptionspolitik ernannt[2] und war Gründungsmitglied der Partei Volksfront.[3]

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tetjana Mykolaiiwna Tschornowol wurde am 4. Juni 1979 in Kiew geboren. Aktuell wohnt sie im Dorf Hora.[1]

Sie begann ihre journalistische Karriere mit 16 Jahren. Sie schrieb dabei unter anderem im Feature-Bereich des ukrainischen Nachrichtenmagazins „PiC“.[4]

Mit 17 trat sie der UNA-UNSO bei und beteiligte sich im Jahr 2001 an ihren Protesten im Zuge der Aktion „Ukraine ohne Kutschma“. Als die UNA-UNSO später Verhandlungen mit den Behörden führte, sah Tschornowol dies als „Verrat an den Prinzipien“ an und verließ die Partei.[5]

Nach der Orangen Revolution begann sie investigativ über Korruption in der Ukraine zu schreiben. Sie schrieb als freie Mitarbeiterin unter anderem für die Zeitungen „Livyy Bereh“, „Obozrevatel“ und Ukrajinska Prawda. Ihre bekanntesten Berichte beziehen sich auf ihre ab 2006 getätigten Nachforschungen über die Finanzierung von Wiktor Janukowytschs Residenz Meschyhirja.[5] Am 30. März 2007 reichte Rinat Achmetow beim High Court of Justice in London Klage gegen die Online-Ausgabe der Zeitschrift The Observer ein, da dort in Artikeln Tschornowols Verleumdungen über seine Kindheit und Jugend veröffentlicht worden sein sollen.[6]

Tetjana Tschornowol bei einer Oppositionsveranstaltung im September 2012

In der Nacht des 24. Augusts 2012 brach Tschornowol in das Gelände Meschyhirjas ein und machte dort stundenlang mit ihrem Handy Fotos, bis sie schließlich vom Wachschutz verhaftet wurde.[7] Tschornowol kandidierte bei der Parlamentswahl in der Ukraine 2012 erfolglos[8] als Mitglied der Partei Allukrainische Vereinigung „Vaterland“.[1] Während des Wahlkampfs erlag sie einigen Sabotageakten. Einer ihrer Konkurrenten in ihrem Wahlkreis, der UDAR-Abgeordnete Jaroslaw Dubnewytsch, führte eine PR-Kampagne gegen Tschornowol aus, die dazu führte, dass in einer Lokalzeitung zu lesen war, Tschornowol hätte in ihren jungen Jahren als Prostituierte gearbeitet. Darüber hinaus wurden die Reifen ihres Fahrzeugs von einem Unbekannten zerstochen. Ein weiterer Unbekannter übergoß sie in einem Treppenhaus mit einem Eimer grüner Farbe.[9]

Am 26. Mai 2013 besetzten Tschornowol und zwei andere Aktivisten einen Baukran, um gegen die Privatisierung des Hostynyj Dwir zu protestieren.[10] Am 16. August 2013 besetzten Tschornowol und vier andere Aktivisten das Gebäude des Kiewer Stadtrates um „Aufmerksamkeit auf die Illegitimität des Kiewer Stadtrates zu ziehen“.[11]

Euromaidan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Ereignisse vom Euromaidan stellte Tschornowol sich auf die Seite der Opposition. Am 25. November 2013 griffen Tschornowol und andere Unterstützer der Opposition einen Van an, den sie für ein Überwachungsfahrzeug hielten. Tschornowol kletterte auf das Auto und zertrümmerte das Dachfenster. Im Fahrzeug befanden sich Mitarbeiter des SBU, die den Van für „standardmäßige Antiterrorvorsichtsmaßnahmen“ verwendeten.[12] Am 1. Dezember wurde Tschornowol festgenommen nachdem sie und andere Demonstranten versuchten die Fenster des Amtssitzes des Bürgermeisters einzuschlagen und in das Gebäude einzubrechen.[13] Am 6. Dezember führte Tschornowol einen Marsch auf Meschyhirja an.[14]

Am Abend des 24. Dezember veröffentlichte Tschornowol auf ihrem Blog ein Foto, von dem sie behauptete, es würde die außerhalb der Stadt gelegene Residenz des damaligen Innenministers Witalij Sachartschenko zeigen.[15][12] In der Nacht darauf wurde ihr Auto laut ihrer eigenen Aussage auf ihrem Nachhauseweg von einem schwarzen Geländewagen abgedrängt. Die Insassen des Fahrzeugs zogen sie darauf heraus und verprügelten sie.[8] Polizeibeamte fanden sie kurz nach Mitternacht neben ihrem Auto liegend und ließen sie ins Krankenhaus bringen. Als Reaktion protestierten hunderte Journalisten und Oppositionelle vor dem Innenministerium.[16] Präsident Janukowytsch verurteilte den Überfall und beauftragte das Innenministerium, die Täter zu finden.[17] Unter anderem wurde der Überfall auch von Petro Poroschenko[8], Vitali Klitschko, der OSZE[18] und dem Außenministerium der Vereinigten Staaten verurteilt.[15]

Fünf Männer wurden bei den Ermittlungen festgenommen.[19] Laut dem Innenministerium zählen mehrere prominente Personen zu den Verdächtigen des Überfalls, darunter die Klitschko-Brüder. Vitali Klitschko bestritt darauf auf der Webseite seiner Partei die Vorwürfe und kündigte an, er würde den Leiter der Ermittlungsabteilung des Innenministeriums Mykola Chynchyn wegen Verleumdung verklagen.[20] Aufgrund ihrer schweren Verletzungen konnte Tschornowol das Krankenhaus erst am 7. Januar 2014 verlassen.[21]

Politische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. März wurde Tschornowol im Kabinett Jazenjuk I zur Regierungsbeauftragten für Fragen der Antikorruptionspolitik ernannt.[2] Dem Rechten Sektor zufolge traf Tschornowol zwei Wochen vor Olexandr Musytschkos Tod ihn im Auftrag der Regierung. Sie empfahl ihm, das Land für ein paar Monate zu verlassen und bot ihm dafür 20000$ an.[22] Im April präsentierte sie einen neuen Gesetzesentwurf über die Einrichtung eines „Nationaldienstes zum Kampf gegen Korruption.“[23]

Am 19. August trat sie mit der Begründung „Es gibt in der Ukraine keinen politischen Willen einen kompromisslosen, umfangreichen Krieg gegen Korruption auszuführen“ von ihrem Amt zurück. Unter anderem warf sie der Generalstaatsanwaltschaft vor, sie würde keine Festnahmen durchführen und die Arbeit stattdessen behindern und gab an, das Antikorruptionskomitee würde nicht gegen Großunternehmen vorgehen. Der Tod ihres Ehemannes (siehe Abschnitt „Privates“) habe bei ihrer Entscheidung ebenfalls eine Rolle gespielt.[24][25]

Am 4. September 2014 wurde Tschornowol zur Beraterin des ukrainischen Innenministeriums ernannt.[26] Tschornowol war Gründungsmitglied der Partei Volksfront[3] und war bei der Parlamentswahl in der Ukraine 2014 auf Listenplatz 2 ihrer Partei.[27]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tschornowol hat zwei Kinder.[5] Ihr Ehemann Mykola Beresowyj kämpfte während der Krise in der Ukraine in der freiwilligen Kampfeinheit Bataillon Asow auf der Seite der ukrainischen Streitkräfte und fiel am 10. August 2014.[28][29]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tetjana Tschornowol – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Чорновол Тетяна Миколаївна. (Memento vom 28. Dezember 2013 im Internet Archive) Zentrale Wahlkommission der Ukraine (Webseite). 22. November 2012. Abgerufen am 1. September 2014.
  2. a b Чорновол призначили уповноваженим з антикорупційної політики. espreso.tv. 6. März 2014. Abgerufen am 1. September 2014.
  3. a b Яценюк и Турчинов возглавили новую украинскую партию "Народный фронт". RIA Novosti. 10. September 2014. Abgerufen am 27. Oktober 2014.
  4. Журналістика в особах. Тетяна Чорновол: справедливість — ремесло і доля. nsju.org. 23. Februar 2011. Abgerufen am 1. September 2014.
  5. a b c Таня Чорновіл: "Фактично з усіма я маю погані стосунки!". mediananny.com. 16. September 2010. Abgerufen am 1. September 2014.
  6. Ахметов удивил «Обозреватель». obozrevatel.com. 14. Januar 2008. Abgerufen am 1. September 2014.
  7. Журналіст пробралася в Межигір'я Януковича. Фото. Ukrajinska Prawda. 24. August 2012. Abgerufen am 1. September 2014.
  8. a b c Journalist Is Beaten in Latest Attack on Ukrainian Opposition. New York Times. 25. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  9. Вибори без правил. Частина 3. Відьма. lb.ua. 26. Dezember 2012. Abgerufen am 4. November 2014.
  10. Трое активистов заблокировали кран на реконструкции Гостиного двора (фото). unian.net. 26. Mai 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  11. Активістам Луценку і Соболєву дали 5 діб за Київраду. Ukrajinska Prawda. 16. August 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  12. a b Profile: Tetyana Chornovol BBC. 25. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  13. Outrage as Ukrainian opposition journalist found roughly beaten near Kiev. Russia Today. 25. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  14. Громадяни підійшли до "Межигір'я". BBC. 6. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  15. a b US Condemns Beating of Ukrainian Journalist Tetyana Chornovil. abc News. 26. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  16. Journalistin verprügelt für ihre Recherchen . Berliner Zeitung. 26. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  17. Journalistin aus Auto gezerrt und misshandelt. Die Welt. 25. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  18. Outrage in Ukraine after brutal attack on opposition reporter. The Telegraph. 25. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  19. Innenministerium berichtet über die Ermittlungen der Verprügelung der ukrainischen Journalistin Tetjana Tschornowol. Botschaft der Ukraine in der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Webseite). 30. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  20. Police implicate, link Klitschko brothers, other opposition members to Chornovol beating suspects (UPDATE). KyivPost. 27. Dezember 2013. Abgerufen am 1. September 2014.
  21. Beaten journalist Chornovol ready to be discharged from hospital, says Health Ministry. Interfax-Ukraine. 7. Januar 2014. Abgerufen am 1. September 2014.
  22. Музычко убили за отказ залечь на дно?. radiovesti.ru. 28. März 2014. Abgerufen am 1. September 2014.
  23. Чорновол презентовала в Кабмине законопроект о создании Национальной службы борьбы с коррупцией. novostimira.com.ua. 9. April 2014. Abgerufen am 1. September 2014.
  24. Governmental commissioner for combating corruption Chornovol resigns. nrcu.gov.ua. 19. August 2014. Abgerufen am 1. September 2014.
  25. Чорновол решила уйти с должности главного борца с коррупцией. Ukrajinska Prawda. 18. August 2014. Abgerufen am 29. Oktober 2014.
  26. Чорновол стала советников Авакова. Ukrajinska Prawda. 4. September 2014. Abgerufen am 27. Oktober 2014.
  27. People’s Front names top ten candidates in elections. ukrinform.ua. 15. September 2014. Abgerufen am 27. Oktober 2014.
  28. Alec Luhn: Russia to send humanitarian convoy into Ukraine in spite of warnings. In: The Guardian. 11. August 2014
  29. В бою под Иловайском погиб муж Татьяны Чорновол (обновлено). lb.ua. 10. August 2014. Abgerufen am 29. Oktober 2014.