Thüringer Museum für Elektrotechnik Erfurt

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Das Thüringer Museum für Elektrotechnik Erfurt (kurz Elektromuseum) in Erfurt wurde am 30. September 2000 in der Schlachthofstraße 45 eröffnet. Im Juli 2012 musste es an diesem Standort schließen. Betrieben wurde das Museum vom Förderverein ELEKTROMUSEUM – Thüringer Museum für Elektrotechnik e.V.

Förderverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 verbundene industrielle Umbruch führte zu der Gefahr, dass technikhistorisch wertvolle Geräte, Maschinen, Technologien und Informationen unwiederbringlich verloren gehen. Aus diesem Grund gründeten am 15. September 1990 engagierte Techniker, Handwerker, Wissenschaftler, Ingenieure und andere Fachleute aus verschiedenen Branchen den Förderverein ELEKTROMUSEUM – Thüringer Museum für Elektrotechnik e.V.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ziele sind das Sammeln, Bewahren, Aufarbeiten und Dokumentieren von Sachzeugnissen, Tatbeständen und Informationen aus der Geschichte der Elektrotechnik in Thüringen. Es sollen alle in Thüringen diesbezüglich existierenden Initiativen zusammengeführt werden. Ein Museum für Elektrotechnik soll in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt aufgebaut und unterhalten werden.

Es wird angestrebt in der Defensionskaserne auf der Zitadelle Petersberg 2018 ein neues Museum zu etablieren.

Ausstellung 2000 – 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf mehr als 400 m² Ausstellungsfläche wurden folgende Themen präsentiert:

Integrativer Bestandteil des Museums war ein Schülerlabor für Physik und Elektronik, in dem Schülerinnen und Schüler unter fachlicher Anleitung, Untersuchungen und Messungen an elektrischen und elektronischen Bauelementen und Baugruppen, sowie zahlreiche physikalische und kerntechnische Versuche durchführen konnten, für die in den Schulen zumeist die Voraussetzungen fehlten. Hier arbeitet das Elektromuseum mit dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) zusammen.

Mit Schließung des Museums wurde das Schülerlabor in die Regie der Fachhochschule Erfurt übergeben.

Technische Spezialsammlungen von überregionaler Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hochvakuumelektronik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1938 bis 1990 wurden im Funkwerk Erfurt (ehem. Telefunkenwerk, auch Mikroelektronik Erfurt) Bauelemente der Hochvakuumelektronik entwickelt und produziert. Damit ist dieses wichtige Kapitel Thüringer Industriegeschichte abgeschlossen.

Das Funkwerk Erfurt war in der DDR diesbezüglicher Leitbetrieb. Im Zentrallaboratorium für Empfängerröhren (ZLE) wurden folgende Produkte entwickelt:

  • Senderöhren
  • Hochspannungskondensatoren
  • Oszillographenröhren
  • Polarkoordinatenröhren
  • Sichtspeicherröhren
  • Radarröhren
  • Höchstfrequenzröhren
  • Empfängerröhren
  • Spezialröhren, wie z. B. Zähl- und Anzeigeröhren

Teilweise wurden fertige Entwicklungen an andere Betriebe zur Produktion abgegeben (z. B. Senderöhren zum Werk für Fernsehelektronik in Berlin).

O-Röhrenmesstisch und Radarröhrenmesstisch

Im Fundus des Museums befinden sich Produktionsmaschinen und Ausrüstungen, Montagevorrichtungen, Spezialwerkzeuge, Entwicklungsmuster, Einbauteile, Halbfabrikate und Systemaufbauten von Kathodenstrahl- und Elektronenröhren. Darunter auch eine Reihe von Unikaten, Entwicklungs- und Vergleichsmustern.

Die Sammlung umfasst darüber hinaus etwa 800 Typen Empfänger-, Zähl-, Röntgen- und Senderöhren verschiedener nationaler und internationaler Hersteller eines Produktionszeitraums von 1920 bis 2000.

Internationale Beachtung fand zu Beginn der 1950er Jahre die Entwicklung der Erfurter Gnomröhre. Die Sammlung Oszillographen- und Spezialröhren umfasst mehr als 250 Typen. Zugehörige Entwicklungsunterlagen, Arbeitsanweisungen, Typen-Prüfprotokolle, Datenblätter, Photos und Werbemittel, befinden sich in der Archivbibliothek.

Die Technologie der Oszillographenröhre zum Zeitpunkt der Produktionseinstellung kann mittels einer Videodokumentation belegt werden.

Elektrische und elektronische Messtechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1948 bis 1991 wurden im Funkwerk Erfurt analoge und digitale elektronische Messgeräte entwickelt und produziert. Ein Teil davon wurde in die Länder des RGW exportiert. Im Fundus des Elektromuseums existiert eine vollständige, in Deutschland einmalige, etwa 500 Geräte umfassende Sammlung, aller in diesem Zeitraum produzierten Messgeräte (von RLC-Messbrücken als Reparationsleistung aus dem Jahr 1948, über Ultraschallmesstechnik und Präzisions - Digitalmultimeter / Digitalzähler, bis zum Digital-Oszilloskop von 1991).

Darunter befinden sich Entwicklungsmuster die nie in die Produktion gelangten, sowie eine Reihe von Spezialmess- und Prüfgeräten.

Entsprechende Entwicklungsunterlagen, Gerätebeschreibungen, Reparatur- und Schaltungsunterlagen, Photos und Werbemittel sind Bestandteil der Archivbibliothek im Elektromuseum.

Weitere Messgerätehersteller befanden sich auf dem Gebiet der DDR unter anderem in Berlin, Dresden, Weida, Mellenbach, Greiz, Sömmerda, Chemnitz und Thalheim. Eine große Anzahl analoger und digitaler Messgeräte dieser Hersteller befindet sich im Fundus des Elektromuseums.

Rundfunktechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1945 bis 1990 wurden an unterschiedlichen Standorten in Thüringen Rundfunkempfänger entwickelt und produziert, u. a. in:

  • Apolda (John-Radio; 1951 bis 1964)
  • Arnstadt (Siemens-Radio AG; 1946 bis 1950)
  • Kölleda (Neutrowerk; 1945 bis 1948)
  • Lauscha (Walter Funk-Werk; 1949 bis 1955)
  • Plaue (Beck-Radio; um 1956)
  • Rudolstadt (Brömel-Weltfunk; 1951 bis 1953)
  • Sonneberg (EAK Elektroapparatewerk Köppelsdorf; 1945 bis 1952 und VEB Sternradio Sonneberg; 1952 bis 1990)
  • Gera (Walter Reißmann; 1948 bis 1952)

Insgesamt wurden ca. 180 verschiedene Modelle hergestellt, wovon sich etwa 100 Modelle im Fundus des Elektromuseums befinden. Das Museum verfügt damit über die größte Sammlung von Rundfunkempfängern aus Thüringen und dokumentiert ein abgeschlossenes Kapitel Thüringer Industriegeschichte.

Büro- und Rechentechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Sömmerda, Zella-Mehlis, Erfurt und Gera wurden elektrische und elektronische Büro- und Rechenmaschinen, sowie elektronische Datenverarbeitungsmaschinen entwickelt und hergestellt. Eine Reihe dieser Modelle befinden sich im Fundus des Elektromuseums.

In Thüringen einmalig ist die Existenz einer ESER-Rechenanlage im Fundus des Elektromuseums. Teile dieser Anlage gelten in Fachkreisen bereits als ausgestorben. Auch viele Teile der originalen Inneneinrichtung eines R300-Rechenzentrums konnte erhalten werden.

Archivbibliothek zu den Spezialsammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine bis ins Jahr 1890 zurückreichende technische Archivbibliothek (Umfang ca. 200 Regalmeter) beinhaltet Fachzeitschriften, Fach- und Lehrbücher der Elektrotechnik, Elektronik, Hochfrequenztechnik, Nachrichtentechnik, Digital-, Datenverarbeitungs- und Rechentechnik, Elektromaschinen, Hochvakuumelektronik, Elektronenoptik, Festkörperphysik, Halbleitertechnik, Rundfunk- und Fernsehtechnik, Amateurfunk, Energietechnik und Firmenprospekte mit Schwerpunkten zu den Spezialsammlungen:

  • Funkwerk Erfurt, 1948-1991: Forschungsberichte und Entwicklungsunterlagen, technologische Unterlagen und Arbeitsanweisungen, Prüfprotokolle zur Hochvakuumelektronik, elektronischen Messtechnik und Schaltkreisentwicklung
  • Funkwerk Erfurt, 1945-1990: Bildarchiv einschließlich Videodokumentation der Technologie der Oszillographenröhre 1990 (ca. 30.000 Bilder)
  • Fernmeldewerk Arnstadt, um 1960-1990: Tonarchiv des Betriebsfunks
  • Spezielle Fachliteratur und Fachzeitschriften, deutsch- und englischsprachig, aus ehemaligen wissenschaftlichen Fachbibliotheken ab 1890 (Funkwerk Erfurt, Robotron-Vertrieb Erfurt, AEG/WF-Berlin, Fernmeldewerk Arnstadt).
  • Schaltungsunterlagen, Abgleich-, Service- und Bedienungsanleitungen, Rundfunk-, Fernseh-, Phonotechnik, elektronische Mess- und Prüftechnik, Firmenschriften

Darüber hinaus verfügt das Museum über weitere technikhistorisch interessante Sammlungen, die mit den oben genannten ehemaligen Ausstellungsthemen korrespondieren.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]