Wladimirowo (Kaliningrad)

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Siedlung
Wladimirowo
Tharau und Ernsthof

Владимирово
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Rajon Bagrationowsk
Frühere Namen Tharau (bis 1947)
auch: Ernsthof (bis 1950)
Bevölkerung 666 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Höhe des Zentrums 15 m
Zeitzone UTC+2
Telefonvorwahl (+7) 40156
Postleitzahl 238433
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 203 802 001
Geographische Lage
Koordinaten 54° 34′ N, 20° 32′ O54.56472222222220.53583333333315Koordinaten: 54° 33′ 53″ N, 20° 32′ 9″ O
Wladimirowo (Kaliningrad) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Wladimirowo (Kaliningrad) (Oblast Kaliningrad)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Kaliningrad‎

Wladimirowo (russisch Влади́мирово, deutsch Tharau und Ernsthof, prußisch Toraw, litauisch Toruva) ist eine Siedlung im Rajon Bagrationowsk in der russischen Oblast Kaliningrad und gehört zur Landgemeinde Niwenskoje.

Geschichte[Bearbeiten]

Tharau geht auf eine alte Siedlung der Prußen am Flüsschen Frisching (Prochladnaja) zurück, die erstmals 1315 erwähnt wird. Der Name weist auf eine durch Zaun und Hecke eingehegte Siedlung. Im 14. Jahrhundert, ab etwa 1320, wurde hier eine Kirche errichtet, die zu den bedeutendsten Dorfkirchen der Region zählt. Berühmt ist der Ort durch die 1615 im dortigen Pfarrhaus geborene Pfarrerstochter Anna Neander, die als Ännchen von Tharau zuerst 1636 von Simon Dach besungen worden ist und deren Leben Thema des bekannten Volksliedes wurde. Trotz des Anschlusses durch die Kleinbahn Tharau–Kreuzburg an die Hauptbahn Königsberg–Lyck mit Abzweig nach Kreuzburg blieb Tharau auch im 20. Jahrhundert ein Dorf. Der Bahnhof Tharau lag inmitten des Nachbarortes Wittenberg. Bis 1945 gehörte Tharau zum Landkreis Preußisch Eylau im Regierungsbezirk Königsberg in der Provinz Ostpreußen und wurde im Krieg teilweise zerstört.

Mit der Übernahme durch die sowjetische Administration erhielt der Ort 1947 die Bezeichnung Wladimirowo und wurde gleichzeitig Sitz eines Dorfsowjets.[2] Seit vor 1976 gehört des früher Ernsthof genannte Nachbardorf, ab 1950 russisch: Krasnopartisanskoje, zu Wladimirowo, welches im Jahr 2008 in die Landgemeinde Niwenskoje eingegliedert wurde.

Dorfsowjet/Dorfbezirk Wladimirowski 1947–1962 und 1969–2008[Bearbeiten]

Der Dorfsowjet Wladimirowski (ru. Владимировский сельский Совет, Wladimirowski selski Sowet) wurde im Juni 1947 zunächst im Rajon Bagrationowsk eingerichtet.[2] Im Juli 1947 erfolgte dann jedoch die Eingliederung in den neu gebildeten Rajon Kaliningrad.[3] Nach der Auflösung dieses Rajons im Jahr 1959 gelangte der Dorfsowjet (wieder) in den Rajon Bagrationowsk. Vom 30. August 1962 bis zum 20. Januar 1969 war der Dorfsowjet Wladimirowski aufgelöst und (vermutlich) an den Dorfsowjet Niwenski angeschlossen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion trug die Verwaltungseinheit die Bezeichnung Dorfbezirk Wladimirowski (ru. Владимировский сельский округ, Wladimirowski selski okrug). Im Jahr 2008 wurden im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung die verbliebenen sieben Orte des Dorfbezirks in die neu gebildete Landgemeinde Niwenskoje eingegliedert.

Ortsname Name bis 1947/50 Lage Bemerkungen
Gussewo (Гусево) Groß Park 54° 31′ N, 20° 31′ O54.5181220.51795 Der Ort wurde 1947 umbenannt und 2002 aus dem Ortsregister gestrichen.
Jasnoje (Ясное) Packerau Der Ort wurde 1950 umbenannt und zunächst (fälschlicherweise(?)) dem Dorfsowjet Zwetkowski im Rajon Kaliningrad zugeordnet. Der Ort wurde vermutlich um 1990 verlassen.
Kalmykowo (Калмыково) Heyde Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Kandijewo (Кандиево) Braxeinshof Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Kolodino (Колодино) Augustenhof Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Kostjukowo (Костюково) Hasseldamm Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Krasnopartisanskoje (Краснопартизанское) Ernsthof 54° 34′ N, 20° 30′ O54.5664420.50512 Der Ort wurde 1950 umbenannt und vor 1976 an den Ort Wladimirowo angeschlossen.
Kunzewo (Кунцево) Grünhof Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Lineinoje (Линейное) Bögen 54° 33′ N, 20° 34′ O54.541920.57027 Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Maikowo (Майково) Neu  Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Maiskoje (Майское) Groß Bajohren (1938–1945: "Baiersfelde") und bei Packerau 54° 33′ N, 20° 30′ O54.5558420.50126 Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Muratowo (Муратово) Panzhof Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Oktjabrskoje (Октябрьское) Dopsattel 54° 34′ N, 20° 25′ O54.5619120.41586 Der Ort wurde 1950 umbenannt und vor 1976 an den Ort Saretschnoje angeschlossen.
Ostrownoje (Островное) Liepnicken 54° 33′ N, 20° 24′ O54.5552520.39693 Der Ort wurde 1950 umbenannt und vor 1976 an den Ort Saretschnoje angeschlossen.
Pensowka (Пензовка) Luisenhof Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Pobeda (Победа) Arnsberg und Struwe 54° 32′ N, 20° 28′ O54.529620.46556 Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Sadowoje (Садовое) "Siedlung beim Bf. Kreuzberg" Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Saretschnoje (Заречное) Ramsen 54° 34′ N, 20° 25′ O54.574320.42127 Der Ort wurde 1950 umbenannt.
Turgenewskoje (Тургеневское) Ponitt Der Ort wurde 1947 umbenannt und vermutlich vor 1969 verlassen.
Wladimirowo (Владимирово) Tharau Verwaltungssitz

Der im Jahr 1950 umbenannte Ort Sergejewo (Klein Lauth), der zunächst ebenfalls in den Dorfsowjet Wladimirowski eingeordnet wurde, kam dann (vor 1976) zum Dorfsowjet Gwardeiski.

Kirche[Bearbeiten]

Dorfkirche[Bearbeiten]

De Kirche von Wladimirowo

Die evangelische Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ein Umbau erfolgte im Jahre 1805. Nach einem Brand im Jahre 1910 wurde sie zwischen 1911 und 1918 aufwändig restauriert. Das Gotteshaus blieb im Krieg erhalten, wurde jedoch als Klubhaus und Speicher genutzt und verfiel. Trotz zahlreicher Bemühungen um Wiederherstellung und Neuweihe des Gebäudes steht die Kirche noch immer leer.

1998 hat sich nach einer Fotoausstellung des Meisterfotografen Anatoli Bachtin des Staatsarchivs der Oblast Kaliningrad der Förderkreis Kirche Tharau/Ostpreußen e. V. begründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dieses Backsteinkleinod zu retten, also zu restaurieren und in Zusammenarbeit mit den örtlichen und auch überregionalen Behörden einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen. In Zusammenarbeit mit russischen Behörden und deren Hilfe, sowie unter anderem durch namhafte Spenden von Privatpersonen und aus der deutschen Wirtschaft gelang es diesem, erste Sicherungsmaßnahmen durchzuführen und im Jahre 2006 das Hauptschiff mit einem neuen Dachstuhl zu versehen und komplett einzudecken. 2009 konnte auch der Turm neu eingedeckt werden. Seit 2010 ist die Kirche im Eigentum der Russisch-Orthodoxen Kirchen und es gelang problemlos, die früher mit den Behörden geschlossenen Verträge mit der ROK zu bestätigen und weiter zu führen. So soll künftig der Turm unter der Regie des Fördervereins mit einem Museum-/Ausstellungsraum, einem weiteren Raum für Zusammentreffen und einer Aussichtsplattform – immerhin kann man bei guter Sicht bis Brandenburg und auf das Frische Haff sehen – stehen; das Hauptschiff will die ROK nach endgültiger Restaurierung als Kirche nutzen. Vertraglich ist festgelegt, dass das äußere historische Erscheinungsbild wieder hergestellt und nicht verändert werden soll.

Kirchspiel[Bearbeiten]

Tharau war das Zentrum eines weitflächigen Kirchspiels, das vor 1945 zum Kirchenkreis Preußisch Eylau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union gehörte. Eingepfarrt waren die Orte:

Pfarrer bis 1945[Bearbeiten]

Seit der Reformation amtierten bis 1945 insgesamt 18 evangelische Geistliche in Tharau:

  • Christoph Stanislaus, 1541/1579
  • Martin Neander, bis 1629
  • Jacob Gabius, 1629–1642
  • Michael Neresius, 1643–1656
  • Christoph Gebuhr, 1656–1693
  • Anton Pfeiffer, 1694–1738
  • Johann Heinrich Soosten, 1739–1758
  • Carl Arndt, 1759–1770
  • Georg Ernst Sigismund Hennig, 1770–1775
  • Andreas Alexander Tolkemit, 1776–1789
  • Johann Gottlieb Weiß, 1790–1798
  • Johann George Chr. Fr. Hermes, 1797–1832
  • Erdenhard J. R. Harder, 1833–1835
  • Louis Gustav A. Ellinger, 1836–1881
  • Eduard Werner Schmidt, 1881–1889
  • Otto Eugen Bierfreund, 1889–1921
  • Anton Cäsar Doskocil, 1921–1932
  • Willy Rosenfeld, 1932–1945

„Ännchen von Tharau“[Bearbeiten]

Ännchen von Tharau ist der Titel eines volkstümlichen Liedes, dessen ursprünglich niederdeutscher Text von Simon Dach stammt. Johann Gottfried Herder übertrug es später aus der samländischen in die hochdeutsche Form, in der es heute bekannt ist. Es stammt aus dem Ostpreußen des 17. Jahrhunderts (1636) und besingt in 17 Strophen Anna Neander, die Tochter des Tharauer Pfarrers und Braut des Predigers Johannes Portatius. Der am weitesten verbreitete und bekannte Satz – der bisher 12-te – dieses Liedes wurde von Philipp Friedrich Silcher (1789–1860), Musikdirektor an der Eberhard Karls Universität Tübingen, komponiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg 1968

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wladimirowo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. a b Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 июня 1947 г.«Об образовании сельских советов, городов и рабочих поселков в Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 17. Juni 1947: Über die Bildung von Dorfsowjets, Städten und Arbeitersiedlungen in der Oblast Kaliningrad)
  3. Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 25 июля 1947 г. «Об административно-территориальном устройстве Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 25. Juli 1947: Über den administrativ-territorialen Aufbau der Oblast Kaliningrad)