Thaulow-Museum

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Thaulow-Museum am Sophienblatt/Ziegelteich in Kiel (1893)

Das Thaulow-Museum war in Kiel von 1878 bis 1920 ein Sammlermuseum und danach bis 1944 das erste Schleswig-Holsteinische Landesmuseum.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Landkirchener Retabel, Ankauf von 1898, Aufnahme um 1900 vor der ersten Restaurierung 1903/1905

Der Initiator und zugleich Namensgeber des Museums war der Kunstsammler Gustav Ferdinand Thaulow, Professor der Philosophie und Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er hatte 1875 seine Sammlung der Provinzialregierung der Provinz Schleswig-Holstein als Schenkung angeboten. Im Gegenzug sollte hierfür ein eigenes Museumsgebäude gebaut werden. Für diesen Neubau stellte die Stadt Kiel in der Vorstadt am Sophienblatt das Gelände des ehemaligen Ziegelteiches, der beim Bau der Nikolaikirche entstanden war, unentgeltlich zur Verfügung. Bereits am 3. November 1875 erteilte die Provinzregierung ihre Zustimmung zum geplanten Museumsprojekt. Den Entwurf einer zweistöckigen Villa − ein historisierender Backsteinbau mit Stilelementen der italienischen Renaissance in einer Terrakottagliederung[1] − fertigte der Kieler Architekten Heinrich Moldenschardt, ein Schüler von Gottfried Semper. Am 10. August 1878 wurde das im Auftrage der Provinz Schleswig-Holstein erbaute Thaulow-Museum eröffnet. Schon bei der Eröffnung genügte die Ausstellungsfläche von 700 m² kaum aus, um die umfangreiche, jedoch nicht inventarisierte Sammlung des Stifters Gustav Ferdinand Thaulow aufnehmen zu können. Auch fehlte es an einer fachmännischen Leitung und an einem Kurator, sodass die Sammlung in Verfall geriet.[2]

Von 1893 bis 1904 betrieb der Kunsthistoriker Adelbert Matthaei (1859–1924) eine intensive Reorganisation des Thaulow-Museums. Matthaei − Professor für Kunstgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel − fand Unterstützung im Grafen Kurt von Reventlou zu Damp, dem Vorsitzenden des Provinziallandtages Schleswig-Holstein. Für die Reorganisationsmaßnahmen stand Matthaei seit 1898 Jürgen Haupt (1870–1958) als Museumsdirektor zur Seite. Haupt trat jedoch 1900 von seinem Amt zurück, als ein geplanter Erweiterungsbau scheiterte. Matthaei hatte wesentlichen Anteil am Ankauf des Landkirchener Retabels, einem spätgotischen Altaraufsatz aus dem Umfeld Bertrams von Minden.

Im Frühjahr 1901 übernahm Gustav Brandt (1865–1919) die Leitung. In mehrjährigen Verhandlungen konnte Brandt mit Finanzierungsmitteln der Stadt Kiel und des Provinziallandtages den Erweiterungsbau schließlich realisieren.[2] Das neue Gebäude, das einen Zuwachs des Vierfachen der ursprünglichen Ausstellungsfläche brachte, wurde am 14. Juni 1911 eingeweiht.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Vertrag von Versailles (1919) sowie der geänderte Grenzverlauf zwischen Deutschland und Dänemark durch die Volksabstimmung von 1920 in der Provinz Schleswig-Holstein eine neue Situation bewirkt. Darauf reagierte der Flensburger Ernst Sauermann (1880–1956), der 1920 Museumsdirektor wurde. Er entwickelte aus dem lokal orientierten Museum das Konzept für ein Landesmuseum, das die Volksbildung in Schleswig-Holstein stärker betonen sollte. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ließ Sauermann 1940 die Bestände auslagern. Bei einem alliierten Luftangriff wurde der Altbau des Museums am 5. Januar 1944 von Brandbomben getroffen und zerstört. Im Mai 1948 folgte der Abriss der Ruine. Der 1911 errichtete Erweiterungsbau blieb unter anderweitiger Nutzung zunächst erhalten, 1970 wurde er zugunsten eines Kaufhaus-Neubaus abgerissen. Das Thaulow-Museum wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder eröffnet. Seine kriegsbedingt ausgelagerten Sammlungen wurden ab 1948 in das Schloss Gottorf in Schleswig verbracht. Als Nachfolger des ehemaligen Thaulow-Museums wurde dort 1950 das neu eingerichtete Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte eröffnet.

Konzeptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Willen des Stifters Gustav Ferdinand Thaulow sowie nach den Beschlüssen des Provinziallandtages Schleswig-Hostein zielte die anfängliche Konzeption des Museums in drei Richtungen:[3]

  1. Präsentation der schleswig-holsteinischen Kulturgeschichte
  2. Bewahrung kunstgewerblicher Erzeugnisse
  3. Kunstwissenschaftliche Lehrsammlung für die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Bei der Weiterentwicklung des Museums trat die Förderung der kunstgewerblichen Richtung in den Vordergrund, sodass der Name Thaulow-Museum durch die Bezeichnung Kunstgewerbe-Museums der Provinz Schleswig-Holstein eine spezielle programmatische Ergänzung erhielt. Aus dieser Festlegung ergab sich für das erweiterte Museum sodann eine Anordnung der Sammlungen nach Stilperioden.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustav Thaulow: Das Kieler Kunstmuseum. Ein Wegweiser durch dasselbe; zugleich eine kurze Einleitung in das Studium der Kunst. Kiel 1853
    • Teilabdruck: Gustav Thaulow: Kiel bekommt ein Kunstmuseum. In: Christa Geckeler (Hrsg.): Erinnerungen an Kiel in dänischer Zeit 1773/1864. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2012 ISBN 978-3-89876-618-0, S. 33−35
  • Gustav Brandt: Führer durch die Sammlungen des Thaulow-Museums in Kiel, des Kunstgewerbe-Museums der Provinz Schleswig-Holstein. Handorff, Kiel 1911
  • Jan Drees: Das Thaulow Museum vor 100 Jahren. Das Kunstgewerbe-Museum der Provinz Schleswig-Holstein auf dem Weg zum Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum – Das Kieler Thaulow-Museum in seiner exemplarischen Einrichtung durch Gustav Brandt (1901–1919) und seiner späteren Ergänzung durch Ernst Sauermann (1920–1947). Beiträge zur Geschichte des Hauses und seiner Sammlungen. Hrsg. v. Jürgen Fitschen, Jürgen Jensen, Schleswig 2011 (= Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 66)
  • Carsten Fleischhauer: Das Thaulow-Museum in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Sandra Scherreiks, Doris Tillmann (Hg.), Die Welt in Sammlungen. Kiel 2015, S. 76–87

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hartwig Beseler, Niels Gutschow: Kriegsschicksale Deutscher Architektur. Band I: Nord. Wachholtz, Neumünster 1988, S. 9.
  2. a b Gustav Brandt: Führer durch die Sammlungen des Thaulow-Museums in Kiel, des Kunstgewerbe-Museums der Provinz Schleswig-Holstein. Handorff, Kiel 1911, Vorwort, S. I u. II.
  3. a b Gustav Brandt: Führer durch die Sammlungen des Thaulow-Museums in Kiel, des Kunstgewerbe-Museums der Provinz Schleswig-Holstein. Handorff, Kiel 1911, Einleitung, S. III f.