The Köln Concert

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
The Köln Concert
Livealbum von Keith Jarrett
Veröffentlichung 30. November 1975
Aufnahme 24. Januar 1975
Label ECM Records
Format LP, CD, MC, SACD
Genre Jazz
Anzahl der Titel 4
Laufzeit 66:05

Besetzung

Keith JarrettPiano

Produktion Manfred Eicher
Studio Oper Köln
Chronologie
Personal Mountains
(1974)
The Köln Concert Death and the Flower
(1972)

The Köln Concert ist die Albumaufnahme des Improvisations-Solokonzertes des Pianisten Keith Jarrett, das in der Kölner Oper am 24. Januar 1975 stattfand. Es ist die meistverkaufte und bekannteste Veröffentlichung von Jarrett, außerdem die meistverkaufte Jazz-Soloplatte und meistverkaufte Klavier-Soloplatte.

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufnahme des Konzertes wurde 1975 von dem Label ECM Records als Doppelalbum auf Langspielplatte (ECM 1064/1065 ST) und auf Kompaktkassette veröffentlicht, ist seit 1983 als Einzel-CD erhältlich und umfasst vier Teile von insgesamt 67 Minuten Länge. Die CD-Erstauflage umfasst nur die ersten drei Teile, alle Ausgaben ab 1984 sind vollständig. Produzent der Aufnahme war Manfred Eicher, Toningenieur war Martin Wieland. 2017 erschien in Japan das Album auch auf SACD.

Umstände der Aufnahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie auch andere Solokonzerte von Keith Jarrett, etwa Solo Concerts Bremen/Lausanne, war The Köln Concert ein frei improvisiertes Konzert. Bei den Solokonzerten ist es der Anspruch von Jarrett, ohne jede musikalische Vorüberlegung und ohne Plan „aus dem Nichts heraus“ Musik zu schaffen. Er führt dazu aus: „Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“[1]

Die Einspielung des Köln Concert fand unter extrem widrigen Umständen statt. Der Musiker hatte die Nacht zuvor fast nicht geschlafen, da er seit dem frühen Morgen mit seinem Produzenten Manfred Eicher im klapprigen R4 von einem Konzert in der Schweiz angereist war.[2] Der eigentlich ausgesuchte Bösendorfer 290 Imperial Konzertflügel war verwechselt worden. Jarrett musste auf einem mäßigen Bösendorfer-Stutzflügel spielen, der eigentlich nur für die Probenarbeit verwendet wurde und verstimmt war; zudem hakten die Pedale und einige Tasten klemmten. Sein Essen vor dem Konzert kam erst eine Viertelstunde vor der Rückkehr ins Opernhaus. Nur auf ausdrückliche Bitten der lokalen Veranstalterin Vera Brandes war Jarrett bereit, doch aufzutreten.[3] Das Team wollte die Live-Aufnahme bereits streichen, als sich die Tontechniker darauf einigten, das mit rund 1400 Zuhörern ausverkaufte Kölner Konzert schließlich doch für interne Zwecke mitzuschneiden: Keith Jarrett passte das musikalische Geschehen dem Instrument an und beschränkte sich weitgehend auf die mittleren und tiefen Tonlagen, wobei er wiederholende Muster bevorzugte.[4] Festgehalten wurde das Konzert durch den Toningenieur Martin Wieland (Tonstudio Bauer). Für die Aufnahme nutzte er zwei Neumann-U-67-Kondensatormikrofone und eine portable Telefunken-M-5-Bandmaschine.

Keith Jarrett (1971)

Aufbau des Konzerts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Charakter des Konzerts war für Jarrett ungewöhnlich einfach, eingängig und geschlossen. Den ersten Teil begann Jarrett mit der Melodie des Pausengongs der Kölner Oper; im Publikum ist Lachen zu hören. Er entwickelte daraus ostinatohafte Motivfiguren, die er mit der linken Hand spielte, während er mit der rechten Hand kommentierte, variierte und auch Gegenfiguren entwickelte. Dem wurden in Part I ruhige, kaum merklich zwischen zwei Akkorden wechselnde harmonische Flächen gegenübergestellt, auf denen Jarrett repetitive Melodien entwickelte. „Was Jarrett hier an Motiven, an ruhigen wie triebhaften Momenten, an Spannung, ekstatischer Wohlklangserlösung und Entspannung aneinander reiht, ist schier überwältigend. Er scheint es gar nicht nötig zu haben, eine Idee länger zu verfolgen,“ analysiert sein Biograph Uwe Andersen.[5]

Part IIa wird dagegen von einer ganz anderen Stimmung dominiert, die an die Lebensfreude und die Spiritualität eines Gospelgesanges erinnert.[6] Zu Beginn dieses Teils spielte Jarrett ein rhythmisch akzentuiert gehämmertes 1-4-Ostinato in der linken Hand, über dem er mit der rechten Hand sehr tänzerisch spielte. Das mündete in eine „retardierende Fortsetzung, die die Stimmung und rhythmische Gliederung des Anfangs wieder aufnahm und in ein pathetisches, oszillierendes Finale überging, das leise, verhalten, meditativ endete“.[7]

Part IIb hat deutliche Züge einer Elegie, gipfelt aber „in einem dreistimmigen Chor mit fast kathedraler Klanggewalt“.[6]

Part IIc kann als ein „unabhängiges, schwebendes ‚Albumblatt‘“ begriffen werden; auch dieses Stück endet im Pianissimo.[7]

Peter Elsdon hat in seiner Analyse des Konzertes darauf hingewiesen, dass es keineswegs im Moment geschöpft, sondern auf einem in Boston kursierenden Jarrett-Song namens „Memories of Tomorrow“ beruht, der auch im ersten Band des Real Book veröffentlicht wurde. Die Melodie wurde auch in Jarretts Solokonzert 1970 in Paris verwendet[8] und bereits seit 1966 gelegentlich von Jarrett interpretiert.[9]

Die Kölner Oper

Trackliste (CD)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Part I 26:02 (LP: 26:15)
  2. Part II a 14:54 (LP: 15:00)
  3. Part II b 18:13 (LP: 19:19)
  4. Part II c 6:59 (LP: 6:59); dieser Track fehlte auf der Erstveröffentlichung auf CD

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle Bewertung
Allmusic [10]
Laut.de [11]
Penguin Guide to Jazz [12]

Bei Kritikern und beim Publikum war The Köln Concert ein großer Erfolg. Die Verkaufszahlen liegen bei etwa 3½ Millionen verkaufter CDs und Schallplatten.[13] Die Platte mit ihrem markanten weißen Cover war in vielen Haushalten zu sehen und „zierte die Plattenschränke jener Zeit wie die Poster von Che Guevara Studentenbuden ein Jahrzehnt zuvor.“[14] Die Platte erhielt den Preis der Deutschen Phono-Akademie und wurde vom Time Magazine zu einer der „Records of the Year“ gewählt.

Allerdings kritisiert Joachim-Ernst Berendt angesichts der Vorliebe Jarretts für „gewisse, oft gar zu einfache harmonische Progressionen und Überleitungen“, dass diese nicht „über das Maß des hier Gegebenen“ hinausgehen solle. Er führt den polnischen Pianisten Andrzej Trzaskowski an, der auf eine „Begrenztheit“, sowohl in kompositorischer als auch in rhythmischer Hinsicht, verweise.[15] Das Album ist nach wie vor die bekannteste Aufnahme des amerikanischen Künstlers. 1992 sagte er in einem Interview mit dem Spiegel mit der Wirkung des Konzerts, es sollten alle Exemplare der Platte eingestampft werden, damit die Hörer nicht „süchtig an Vergangenem hängen“ bleiben.[16]

Die Musikzeitschrift Jazzwise wählte das Album auf Platz 10 in der Liste The 100 Jazz Albums That Shook the World.[17] Keith Shadwick schrieb:

“An adept at solo recitals […], he began a series of in-concert recitals for Manfred Eicher’s label that attracted acclaim and increasing public interest, but no-one was prepared for what happened to The Köln Concert when it appeared. A long series of intensely rhythmical improvisations that became hypnotic and endlessly repeatable on turntables throughout the world, the album became a runaway bestseller by word of mouth, rapidly escaping the confines of the jazz listeners’ community and spreading into the living rooms of people who never ever listened to, let alone owned, another jazz album. This remains the case with Jarrett and with the record, which is not only a jazz turning-point in its own right but one of the biggest-selling discs in the genre.”

„Als Experte für Solo-Vorträge […] begann er eine Reihe von Konzertvorträgen für Manfred Eichers Label, die Anerkennung und wachsendes öffentliches Interesse auf sich zog, aber niemand war auf das vorbereitet, was mit dem Köln Concert geschah, als es erschien. Als lange Reihe von intensiven rhythmischen Improvisationen, die sich hypnotisch und endlos auf Plattentellern in der ganzen Welt wiederholten, wurde das Album durch Mundpropaganda ein überragender Bestseller, der schnell den Grenzen der Jazzhörergemeinschaft entkam und sich in Wohnzimmern von Menschen verbreitete, die nie jemals zuvor ein Jazzalbum gehört, geschweige denn eines besessen hätten. Fakt bezüglich Jarrett und dieser Aufnahme ist: sie stellt nicht nur aus eigener Kraft einen Wendepunkt des Jazz dar, sondern ist auch eines der meistverkauften Alben des Genres.“[18]

Das Magazin Rolling Stone wählte das Album 2013 in seiner Auswahl der 100 besten Jazz-Alben auf Platz 85.[19] The Köln Concert belegt zudem Platz 31 der 50 besten Live-Alben.[20]

Notentranskriptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1991 besorgten zwei japanische Musikwissenschaftler eine Notenausgabe des Köln Concert, die bei Schott Music als von Keith Jarrett autorisierte Original Transcription erschien.

Jarrett schreibt hier in einem Vorwort, dass er erst auf Drängen von Musikwissenschaftlern und Pianisten die Erlaubnis für die Veröffentlichung einer Transkription gab, weil „… diese Improvisation nun aber schon in einer konkreten Form existiert und die Transkription nur eine Beschreibung der Musik darstellt“. Zuvor war er der Meinung, das Produkt eines einzigen Improvisationskonzertes könne man nicht zum Nachspielen empfehlen.

  • 1994 veröffentlichte der Gitarrist Manuel Barrueco eine Transkription des Part IIc für Gitarre.
  • 2005 veröffentlichte der polnische Pianist Tomasz Trzcinski seine Interpretation des Köln Concert auf dem Album Blue Mountains.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmmusik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teile des Köln Concerts wurden als Filmmusik in Roberta Findleys Kinky Tricks (1977), Nicolas Roegs Black out – Anatomie einer Leidenschaft (1980) und in Nanni Morettis Liebes Tagebuch (1993) verwendet.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zit. n. Peter Rüedi: Keith Jarrett, die Augen des Herzens. In: Siegfried Schmidt-Joos, Idole. 5 Nur der Himmel ist Grenze. Berlin, Verlag Ullstein 1985
  2. Ian Carr: Keith Jarrett: The Man and His Music. GraftonBooks, London 1991, S. 70f. Nach Angaben von Vera Brandes hatte Jarrett sein Flugticket von Zürich nach Köln auszahlen lassen. Vgl. Interview mit Vera Brandes: Wie Keith Jarretts Welterfolg fast ausfiel (WDR 3, 24. Januar 2015) (Memento vom 23. Januar 2015 im Internet Archive)
  3. Ian Carr: Keith Jarrett: The Man and His Music. GraftonBooks, London 1991, S. 71f. Robert von Zahn: Jazz in Köln seit 1945. Konzertkultur und Kellerkunst. Emons-Verlag, Köln 1997, S. 177f.
  4. Carr: Keith Jarrett, S. 72. Carr zufolge hörten Jarrett und Eicher eine Kassette des Mitschnitts während der Fahrt zu einem anderen Konzert und waren sich schließlich darin einig, das Konzert zu veröffentlichen – trotz einer schlechten Soundqualität und eines gewissen Mangels pianotechnischer Substanz. Toningenieur Martin Wieland bearbeitete zusammen mit Eicher mehrere Tage die Bänder, um die Klangtechnik zu verbessern.
  5. U. Andersen: Keith Jarrett, Gauting-Buchendorf (1985), S. 134
  6. a b Hannah Dübgen Blue Notes on Black and White Keys. Stationen und Aspekte des Piano Jazz der 1970er Jahre unter besonderer Betrachtung der Soloimprovisationen von Keith Jarret, Chick Corea und Alexander von Schlippenbach (Memento vom 10. Juni 2008 im Internet Archive) (2003)
  7. a b Ralf Dombrowski: Basis-Diskothek Jazz. Stuttgart 2005, S. 120
  8. P. Elsdon Keith Jarrett’s The Koln Concert, S. 123ff.
  9. Klaus Muller Keith Jarrett Disco auf http://www.keithjarrett.org/
  10. Review von Thom Jurek auf allmusic.com (abgerufen am 31. Mai 2018)
  11. Review von Ulf Kubanke auf laut.de (abgerufen am 31. Mai 2018)
  12. Penguin Guide to Jazz: Core Collection List auf tomhull.com (abgerufen am 31. Mai 2018)
  13. vgl. Corinna Da Fonseca-Wollheim A Jazz Night to Remember: The unique magic of Keith Jarrett's ›The Köln Concert‹. The Wall Street Journal 11. Oktober 2008
  14. Das Geheimnis der Tokyo Tapes. Keith Jarrett spricht erstmals über seine Krankheit, die Zukunft der Musik und die Fehler des Klaviers (Interview mit Wolfgang Sandner) in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juli 2001
  15. Joachim E. Berendt: Ein Fenster aus Jazz: Essays, Portraits, Reflexionen. Frankfurt am Main, S. 86f.
  16. Musik sagen, Kasse meinen. In: Der Spiegel. Nr. 42, 1992 (online – Interview). Ähnlich auch 2010 im Interview für die Süddeutsche Zeitung: „Man sollte die Platte einstampfen. Das Ding war ein Fluch.“ (zit. nach Alex Rühle: Unter Flügeln, SZ, 8. Mai 2010, S. 3)
  17. The 100 Jazz Albums That Shook The World auf jazzwisemagazine.com (abgerufen am 31. Mai 2018)
  18. The 100 Jazz Albums That Shook The World
  19. Rolling Stone: Die 100 besten Jazz-Alben. Abgerufen am 16. November 2016.
  20. 50 Greatest Live Albums of All Time auf rollingstone.com (abgerufen am 31. Mai 2018)