Theater Lindenhof

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Theater Lindenhof, Eingangsbereich (Juni 2015)

Das Theater Lindenhof ist ein vom südwestdeutschen Land Baden-Württemberg, den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalbkreis sowie der Stadt Burladingen gefördertes Regionaltheater auf der Schwäbischen Alb. Es wurde 1981 im ländlich geprägten unter 1000 Einwohner zählenden Dorf Melchingen – seit der Gemeindereform von 1973 ein Stadtteil Burladingens – gegründet. Die Räumlichkeiten des Theaters sind auf dem Anwesen einer umgebauten Gaststätte – der vormaligen Linde – untergebracht. Abgesehen von den regelmäßigen Vorstellungen in Melchingen gastiert das Theater auch oft in anderen Städten und Gemeinden Baden-Württembergs und darüber hinaus. Das Theater Lindenhof versteht sich als poetisch-kritisches Volkstheater mit Kernbezug zur Schwäbischen Alb.

Es hat Theaterpartnerschaften mit 16 baden-württembergischen Städten. Seiner Rechtsform nach ist das Theater Lindenhof seit dem 1. Januar 2011 eine Stiftung.[1]

Neben Inszenierungen von eigenen Stücken, Kabarett- und anderen Kleinkunstprogrammen, musikalischen Darbietungen und weiteren, teilweise experimentellen Bühnenveranstaltungen gehören auch (oft schwäbische) Interpretationen von Theater- oder Literaturklassikern und Leseinszenierungen zum darstellerischen Repertoire des Theaters.

Ensemble[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vorstand der Stiftung Theater Lindenhof sind die beiden Intendanten Bernhard Hurm und Stefan Hallmayer sowie der kaufmännische Leiter Christian Burmeister-van Dülmen. Das feste Schauspiel-Ensemble besteht aus fünf Männern und zwei Frauen. Das Ensemble wird durch freie Schauspielerinnen und Schauspieler ergänzt. Viele Ensemble-Mitglieder sind nicht auf eine spezielle Form der Mitarbeit festgelegt. Einige von ihnen füllen sowohl als Autor wie auch als Schauspieler oder Regisseur mal die eine, mal die andere Funktion aus, so beispielsweise neben Uwe Zellmer und Bernhard Hurm vor allem Franz Xaver Ott[2], Dietlinde Elsässer[3] oder Ida Ott[4]. Mit dabei sind außerdem Musiker wie Sven Götz[5] und Bernhard Mohl[6] oder Komponistinnen wie Susanne Hinkelbein[7], die über das Theater Lindenhof hinaus einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben. Einige Lindenhof-Schauspieler erhielten auch außerhalb des Theaters vereinzelt Engagements als Darsteller bzw. Darstellerinnen in verschiedenen Film- oder Fernsehproduktionen von öffentlich-rechtlichen deutschen TV-Sendern; unter ihnen Peter Höfermayer[8] und Berthold Biesinger[9]. Auch die Karriere des Regisseurs Antú Romero Nunes, der heute an ersten Häusern in Hamburg, Berlin und Wien inszeniert, begann im Theater Lindenhof.[10]

Hinzu kommen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter hinter der Bühne (verantwortlich beispielsweise für Technik, Beleuchtung, Bühnenbild, Requisite, Verwaltung und andere organisatorische Aufgaben)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in der Inneneinrichtung zur „Theaterscheune“ umgebaute Scheune des Anwesens Lindenhof bildet heute die Hauptspielstätte des Theaters in Melchingen selbst. Sie bietet sowohl für die Bühne als auch für das Publikum mehr Platz als der Veranstaltungsraum in der Gaststätte (Foto Juni 2015).

Hervorgegangen aus einer ursprünglich in Reutlingen gegründeten freien Schultheatergruppe des linksalternativen Kulturspektrums wurde das Theater Lindenhof 1981 – zunächst als eingetragener Verein – in Melchingen mit der Produktion Semmer Kerle oder koine (sinngemäß eingedeutscht: Sind wir richtige Männer oder nicht) im umgebauten Gasthaus Linde eröffnet. Die anfänglich schwierige finanzielle Situation konnte im Lauf der Jahre ausgeglichen werden, sodass das Theater zunehmend unabhängiger von den Einnahmen des nebenher weitergeführten gastronomischen Betriebes wurde („Theaterkneipe“ und „Theatergaststätte“ waren in den ersten Jahren geläufige Beinamen für das Theater Lindenhof).

Abgesehen von den durch die Ensemble-Mitarbeiter Bernhard Hurm, Uwe Zellmer, Franz Xaver Ott, Susanne Hinkelbein oder Dietlinde Elsässer selbst geschriebenen, komponierten oder anderweitig originär verfassten Eigenproduktionen hat sich der Lindenhof mit Inszenierungen nach Vorlagen von Maria Beig, Sebastian Blau (Pseudonym von Josef Eberle), Bertolt Brecht, Georg Büchner, Miguel de Cervantes, Brian Friel, Max Frisch, Werner Fritsch, Robert Gernhardt, Peter Härtling, Friedrich Hölderlin, Ödön von Horváth, Felix Huby, Henrik Ibsen, Walter Jens, Heinrich von Kleist, Heiner Kondschak, Franz Xaver Kroetz, Ingrid Lausund, Molière, Seán O’Casey, Sebastian Sailer, Friedrich Schiller, Martin Schleker, Karl Schönherr, Werner Schwab, William Shakespeare, Thomas Strittmatter, Kressmann Taylor, Thaddäus Troll, Karl Valentin und Kurt Wilhelm in inzwischen über 30 Jahren zu einem „Heimattheater, wie es nirgendwo sonst existiert“ (Die Zeit)[11] entwickelt. Nach einer Erhebung von November 2008 fanden bis dahin 5000 Veranstaltungen mit etwa 1,1 Millionen Zuschauern statt.

Das Theater wie auch einzelne Ensemble-Mitglieder erhielten zahlreiche Auszeichnungen und Preise (im Einzelnen siehe unten), darunter den Volkstheaterpreis des Landes Baden-Württemberg, den Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung, den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen und den Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg. So hat sich mit dem Theater Lindenhof fern der Metropolen ein Theater entwickelt, das sowohl den schwäbischen Dialekt als auch die Dialektik zwischen Heimat und Fremde ins Zentrum seiner Inszenierungen gerückt hat. Oftmals sind es die Randfiguren, die Außenseiter, die das Volkstheater in Uraufführungen auf die Bühne bringt.

Überregional bekannt gewordene Aufführungen und Stücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eintrittskarte zu "Poliakoffs Eventkapelle"

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangten die Theatermacher mit Freiluftinszenierungen über das Leben Friedrich Hölderlins und dem Theaterspaziergang Die Winterreise (Aufführungstitel: Melchinger Winterreise), den Peter Härtling für den Lindenhof schrieb, sowie der Inszenierung Eine Bahnfahrt und der Raum entschwindet (1999/2000). Im Wechsel mit dem Zimmertheater Tübingen und dem Landestheater Tübingen teilt sich das Theater Lindenhof die Verantwortung für die alljährliche Sommertheaterinszenierung in der etwa 24 km nördlich gelegenen Kreis- und Universitätsstadt Tübingen.

Einige Inszenierungen wurden vom SWR und von 3sat aufgezeichnet und anschließend im Fernsehen gesendet.

Das von Bernhard Hurm und Uwe Zellmer verfasste, und für die Geschichte der Lindenhöfler als legendär geltende sogenannte „Hexenstück“ Nacht oder Tag oder jetzt, ein als zeitlose politisch-sozialethische Parabel zuerst 1984 aufgeführtes Drama vor dem historischen Hintergrund der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen, erfuhr im Jahr 1995 unter der Regie von Andreas Morell mit dem Titel Hexenfeuer eine eigenständige Verfilmung.[12] Dieses Stück war in seiner Theaterfassung bislang die einzige Lindenhof-Produktion, mit der das Ensemble bei Gastspielen im nicht-deutschsprachigen Ausland auftrat (im Jahr 1988 in der norditalienischen Stadt Parma, in der russischen – zu der Zeit sowjetischen – Hauptstadt Moskau, sowie in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans bzw. der damaligen Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik[13]). Im November 1996 war Nacht oder Tag oder jetzt auch ein Beitrag bei Politik im Freien Theater, einem von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) etwa alle 3 Jahre veranstalteten Theaterfestival, das 1996 in Bremen stattfand.

Bereits 1993 war das Theater Lindenhof mit dem Volksstück Polenweiher nach einer Vorlage des Dramatikers Thomas Strittmatter bei diesem Festival in Dresden vertreten. Ein weiterer Beitrag des Lindenhof-Ensembles für das vierte Festival Politik im Freien Theater erfolgte im November 1999 in Stuttgart mit der Melchinger Winterreise von Peter Härtling.

Beim internationalen Theaterfestival Theater der Welt, das 2005 in Stuttgart stattfand, steuerte das Theater Lindenhof mit dem Stück Schwabenblues von Felix Huby den einzigen deutschen Beitrag bei.

Im Mai 2013 kam es mit der Uraufführung des mit historischem Bezug zum Mössinger Generalstreik von 1933 verfassten Stückes Ein Dorf im Widerstand von Franz Xaver Ott in Mössingen zu einem weiteren überregional beachteten Highlight des Theater Lindenhof.[14][15] Die Umsetzung des bis Herbst des Jahres etwa 20 mal vor ausverkauftem Haus aufgeführten Bühnenwerks über die deutschlandweit erste kollektive Widerstandsaktion gegen den Nationalsozialismus an der Macht stand unter der Schirmherrschaft von Winfried Kretschmann, dem seit Mai 2011 amtierenden Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. Neben dem Schauspielerensemble des Theater Lindenhof wirkten über 100 Laiendarsteller aus der Bürgerschaft Mössingens mit. Abgesehen von den in der alten Pausa, einer ehemaligen Mössinger Fabrikhalle aufgeführten Vorstellungen war das Stück im Juni 2013 auch ein Programmbeitrag bei den renommierten Ruhrfestspielen in Recklinghausen.[16] (vgl. auch Unterabschnitt im Artikel zum Mössinger Generalstreik)

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe seines Bestehens erhielt das Theater Lindenhof als solches, bzw. auch einzelne Inszenierungen oder Ensemble-Mitglieder des Theaters folgende Preise und Auszeichnungen:[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Vogel in Zusammenarbeit mit Bärbel G. Renner: „Komm! Ins Offene, Freund!“ – Theater Lindenhof, Melchingen; Verlag Klöpfer und Meyer, Tübingen, 1997, ISBN 3-931402-11-8
  • Burkhard Riegels-Windhauer: Es sind die Menschen! – fotografische Porträts der Schauspieler des Theaters Lindenhof; artur.Verlag Kirchentellinsfurt, 2010, ISBN 978-3-9813648-0-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Impressum der Stiftung
  2. Vorstellung von Franz Xaver Ott auf der Webdomain des Theater Lindenhof
  3. Vorstellung von Dietlinde Elsässer auf der Webdomain des Theater Lindenhof
  4. Vorstellung von Ida Ott auf der Webdomain des Theater Lindenhof
  5. Homepage von Sven Götz
  6. Homepage von Bernhard Mohl
  7. Homepage von Susanne Hinkelbein
  8. Vorstellung von Peter Höfermayer auf der Webdomain des Theater Lindenhof
  9. Vorstellung von Berthold Biesinger auf der Webdomain des Theater Lindenhof
  10. Die rasante Theaterkarriere des Antu Romero Nunes – Schwäbisches Tagblatt vom 7. September 2010
  11. Schillerscheune, Artikel der Wochenzeitung Die Zeit vom 30. März 2000 (www.zeit.de)
  12. Eintrag zu Hexenfeuer auf imdb.com
  13. diese und andere Angaben des Abschnitts vgl. mit der Chronik des Theater Lindenhof (Unterseite von www.theater-lindenhof.de, abgerufen am 16. März 2013)
  14. Ein Dorf im Widerstand, Hinweise zum Inhalt des Theaterstücks, der Besetzung und Kooperationspartnern auf der Webpräsenz des Theater Lindenhof (theater-lindenhof.de)
  15. Mössinger Generalstreik kommt auf die Bühne Artikel der Tageszeitung Die Welt vom 6. Mai 2013 zur Bühnenfassung des Mössinger Generalstreik-Stoffes im Stück Ein Dorf im Widerstand
  16. "Ein Dorf im Widerstand" mit 100 Akteuren uraufgeführt von Kai-Uwe Brinkmann; Rezension der Aufführung des Stückes Ein Dorf im Widerstand bei den Ruhrfestspielen 2013 in der Tageszeitung Ruhr Nachrichten vom 9. Juni 2013 (abgerufen am 12. Juni 2013)
  17. vgl. Chronik des Theaters Lindenhof
  18. Ludwig-Uhland-Preis geht nach Melchingen, Meldung auf der Webdomain der IHK Reutlingen (abgerufen am 17. März 2014)
  19. offizielle Pressemitteilung: „BKM-Preis Kulturelle Bildung 2014“ verliehen (PDF-Datei)
  20. Artikel des Hamburger Abendblatts zur Preisverleihung vom 30. Juni 2014 (www.abendblatt.de)

Koordinaten: 48° 21′ 23,8″ N, 9° 8′ 42,5″ O