Theodore Kaczynski

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Theodore „Ted“ John Kaczynski (* 22. Mai 1942 in Chicago, Illinois) ist ein US-amerikanischer Terrorist, Autor und Anhänger eines naturzentrierten Anarchismus sowie ehemaliger Mathematik-Assistenzprofessor. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er 16 Briefbomben an verschiedene Personen in den USA, wodurch drei Menschen getötet und weitere 23 verletzt wurden.

Kaczynski galt zunächst als mathematisch hochbegabtes Wunderkind.[1] 1969 beendete er jedoch seine bis dahin erfolgreiche akademische Karriere, um als Aussteiger in einer selbstgebauten Hütte ohne Strom und fließendes Wasser ein Einfaches Leben zu verfolgen. Die fortschreitende Zerstörung der Natur in der Umgebung seiner Hütte erschwerte ihm mehr und mehr sein Leben als Selbstversorger. 1978 begann er mit seinen Anschlägen auf Personen, die in Verbindung mit damals neuen Technologien standen. Die Attentate waren nach Kaczynskis eigener Aussage extrem, aber notwendig, um auf die zunehmende Aushöhlung von Freiheit und Würde der Menschen durch die moderne Welt aufmerksam zu machen. Sie sollten eine Revolution starten, die das gesamte System zum Zusammenbrechen bringen sollte, um so noch größeres Leid zu verhindern, das den Menschen durch Fortbestand des Systems hinzugefügt werde.

Anhand seines 1995 veröffentlichten Manifests wurde er von seinem Bruder erkannt. Dieser kontaktierte das FBI, woraufhin Kaczynski 1996 verhaftet und 1998 nach einem Gerichtsprozess, in dem er sich schuldig bekannte, zu achtmal lebenslänglicher Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilt wurde. Diese Strafe sitzt er bis heute im Hochsicherheitsgefängnis ADX Florence ab, das als sicherstes ziviles Gefängnis der USA gilt.

Bevor seine Identität bekannt wurde, bezeichnete das FBI und daraufhin die Presse ihn als Unabomber (university and airline bomber), da seine ersten Bomben alle Universitätsprofessoren oder Fluggesellschaften zum Ziel hatten.[2] Die Ermittlungen zur Fahndung nach ihm, an der über viele Jahre hinweg mehr als 150 Mitarbeiter gleichzeitig in Vollzeit beschäftigt waren, sind bis heute die längsten und teuersten in der Geschichte des FBI.

Leben vor den Attentaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaczynski ist der ältere Sohn von Theodore Richard Kaczynski und Wanda Theresa Dombek Kaczynski, die von polnischen Einwanderern abstammten,[3] und wuchs die ersten zehn Jahre seines Lebens in einfachen Verhältnissen in Chicago auf. Im Oktober 1949 wurde sein Bruder David geboren.[4]

Seine Eltern sollen seinem Bruder erzählt haben, dass Ted ein glückliches Baby gewesen sei, bis ihn schwere Nesselsucht in Isolierung mit geringem Kontakt zu anderen gezwungen habe. Danach zeigte er für einige Monate wenig Gefühle.[5] Von der ersten bis zur vierten Klasse besuchte Kaczynski die Sherman Elementary School in Chicago, deren Schulverwaltung ihn als „gesund“ und „gut angepasst“ beschrieb. 1952, zehn Jahre nach seiner Geburt, zog die Familie in den Vorort Evergreen Park, Illinois, wo Kaczynski die Evergreen Park Central Junior High School und ab 1955 die Evergreen Park Highschool besuchte.[4] Nachdem er auf einen Intelligenzquotienten von 167 getest worden war, übersprang er die 6. Klasse.[6] Kaczynski beschrieb dies später als einschneidendes Erlebnis: vorher hatte er einen Freundeskreis und entwickelte sogar eine gewisse Führungsrolle, fühlte sich nun aber mit den älteren Kindern in der neuen Klasse unwohl und wurde von ihnen drangsaliert.[7] Er schloss die Schule mit 16 Jahren ab.[8]

Akademische Ausbildung und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theodore Kaczynski als junger Dozent an der Universität Berkeley, 1968

Im Herbst 1958 begann er im Alter von nur 16 Jahren ein Bachelorstudium der Mathematik an der Harvard University, für das er ein Stipendium erhalten hatte.[4] Von Herbst 1959 bis Frühjahr 1962 war Kaczynski einer von 22 studentischen Probanden[9] einer von Henry A. Murray geleiteten Persönlichkeitsstudie namens Multiform Assessments of Personality Development, im Rahmen derer er über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg jede Woche etwa eine Stunde lang großem psychischen Stress ausgesetzt wurde, indem er in einer Art Verhörsituation verbal erniedrigt wurde.[4] Die Studie erfolgte wahrscheinlich im Rahmen des von der CIA geleiteten MKULTRA-Projekts, das seit den 1950er Jahren systematisch Menschenversuche unter anderem mit LSD durchführte, um die Methoden der Gehirnwäsche zu optimieren. Ob auch Kaczynski LSD verabreicht wurde, ist umstritten.[10] Verschiedene Autoren vermuten, dass die Experimente Hauptauslöser für Kaczynskis spätere Anschläge waren.[11][12][13][14] Er selbst bezeichnete die an ihm durchgeführten Experimente später als nicht besonders prägend.[15]

Im Juni 1962 schloss er sein Bachelorstudium in Harvard mit mäßigen Noten ab.[4] Im selben Jahr wechselte er an die University of Michigan in Ann Arbor, wo er zunächst ein Masterstudium der Mathematik absolvierte und im Jahr 1967 seinen Doktortitel erlangte.[16] Für seine Dissertation mit dem Titel Boundary Functions wurde er mit dem Sumner-Myers-Preis ausgezeichnet.[4] Sein Fachgebiet war die Funktionentheorie: „Ich würde vermuten, dass ihn im ganzen Land ungefähr 10 bis 12 Menschen verstanden oder würdigten“, sagte Maxwell O. Reade, ein Mitglied von Kaczynskis Dissertationsausschuss.

In Michigan unterrichtete er drei Jahre lang Studenten mit einem Stipendium der National Science Foundation und veröffentlichte zwei Artikel mit Bezug zu seiner Dissertation in mathematischen Fachzeitschriften. Nachdem er Michigan verlassen hatte, veröffentlichte er noch vier weitere Artikel. Im Herbst 1967 bekam Kaczynski eine Assistenzprofessur an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Trotz Überzeugungsversuchen anderer Institutsmitglieder und seiner guten weiteren Karriereaussichten kündigte Kaczynski 1969 ohne weitere Erklärung.

Rückzug in die Wildnis Montanas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interieur von Kaczynskis Holzhütte im Newseum in Washington, D.C.

Kaczynski wohnte danach zunächst im Haus seiner Eltern in Lombard (Illinois), einem Vorort von Chicago. Im Jahr 1971 zog er nach Great Falls im Bundesstaat Montana. Im Sommer desselben Jahres begann er in der Nähe von Lincoln, einem kleinen Ort circa 80 Meilen südwestlich von Great Falls, mit dem Bau einer Holzhütte (Cabin) in der Wildnis, in der er fortan ein Einsiedlerleben führte.[16] Kaczynski setzte sich zum Ziel, Selbstversorger zu werden und mit möglichst spärlichen, vorzugsweise in der nahen Umgebung erhältlichen Mitteln über die Runden zu kommen. Mithilfe sporadischer Aushilfsjobs sowie finanzieller Unterstützung durch seine Familie war es ihm schließlich möglich, ein knapp 5.600 m² umfassendes, seine Siedlungsstelle umgebendes Flurstück zu erwerben.

Die Cabin steht seit 2008 im Newseum in Washington, nachdem das FBI sie nach Sacramento geschafft hatte, um sie zu untersuchen, wo sie lange in einem Lagerhaus stand. Das Erdgeschoss hat Abmessungen von etwa 10 Fuß mal 12 Fuß (3,05 Meter mal 3,65 Meter). Die Hütte verfügt über ein ehemals als Lagerraum genutztes Satteldach, das zusätzlich mit einer Giebelöffnung zum Betreten und Verlassen der Hütte ausgestattet war, wenn der Schnee die Eingangstür verschloss.

Attentate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachbildung eines von Kaczynskis Sprengsätzen im Newseum

Im Mai 1978 wurde die erste von Kaczynski verschickte Briefbombe auf dem Parkplatz der University of Illinois at Chicago entdeckt. Als Adressat war ein Materialwissenschaftsprofessor der Northwestern University vermerkt. Nachdem diesem das Schreiben zugestellt worden war, reichte er es ratlos weiter an die Polizei. Beim Öffnen des Briefes zündete der Sprengsatz und verletzte einen Polizisten. Als sich ähnliche Fälle häuften, bildete das FBI eine Arbeitsgruppe, die den Unabomber ermitteln sollte. 1985 forderte seine elfte Briefbombe erstmals ein Todesopfer, den Besitzer eines Computergeschäfts in Sacramento. Nachdem er mit seiner nächsten Briefbombe Anfang 1987 einen weiteren Computerladenbesitzer schwer verletzte, verübte er sechs Jahre lang keine weiteren Attentate. Mit seinen nächsten Bomben im Juni 1993 verletzte er dann innerhalb von zwei Tagen zwei renommierte Professoren schwer. Darauf folgten 1994 bzw. 1995 seine letzten beiden Attentate, die beide tödlich waren.

Liste der Attentate
Datum Ort Opfer Verletzungen
25. Mai 1978 Northwestern University, Evanston, Illinois Terry Marker, University Police Officer Kleinere Schnitt- und Brandwunden
9. Mai 1979 Northwestern University, Evanston, Illinois John Harris, Student Kleinere Schnitt- und Brandwunden
15. November 1979 American Airlines Flight 444 von Chicago nach Washington, DC, Explosion während des Flugs Zwölf Passagiere Rauchvergiftung
10. Juni 1980 Lake Forest, Illinois Percy Wood, Präsident von United Airlines Schnitt- und Brandwunden am ganzen Körper
8. Oktober 1981 University of Utah, Salt Lake City, Utah Keine, Bombe entschärft keine
5. Mai 1982 Vanderbilt University, Nashville, Tennessee Janet Smith, Universitätsangestellte Schwere Brandwunden an Händen und Splitterwunden am Körper
2. Juli 1982 University of California, Berkeley Diogenes Angelakos, Professor für Ingenieurwissenschaft Schwere Brandwunden am Körper und Splitterwunden an rechter Hand und Gesicht
15. Mai 1985 University of California, Berkeley John Hauser, Student Verlust von vier Fingern der rechten Hand, durchtrennte Arterie im rechten Arm, geringer Sehverlust im linken Auge
13. Juni 1985 Auburn, Washington Keine, Bombe entschärft Keine
15. November 1985 University of Michigan, Ann Arbor James V. McConnell, Psychologieprofessor, und Nicklaus Suino, Forschungsassistent McConnell: vorübergehender Gehörverlust; Suino: Brand- und Splitterwunden
11. Dezember 1985 Sacramento, Kalifornien Hugh Scrutton, Computerladenbesitzer Tod
20. Februar 1987 Salt Lake City, Utah Gary Wright, Computerladenbesitzer Schwere Nervenbeschädigungen am linken Arm
22. Juni 1993 Tiburon, Kalifornien Charles J. Epstein, Genetikprofessor an der University of California Schwere Trommelfellverletzungen und Hörverlust an beiden Ohren, Teilverlust dreier Finger
24. Juni 1993 Yale University, New Haven, Connecticut David Gelernter, Informatikprofessor Schwere Brand- und Splitterwunden, dauerhafte Beschädigung von rechter Hand und rechtem Auge
10. Dezember 1994 North Caldwell, New Jersey Thomas J. Mosser, Manager der Werbeagentur Burson-Marsteller Tod
24. April 1995 Sacramento, Kalifornien Gilbert P. Murray, Präsident einer Lobbygruppe der Holzindustrie Kaliforniens Tod
Belege:[17][18]

Manifest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 1995 verschickte Kaczynski anonym ein 35.000 Wörter langes Manifest mit dem Titel Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (Industrial Society and Its Future),[19][20] auch bekannt als Unabomber-Manifest, an The New York Times und The Washington Post mit dem Angebot, die Bombenattentate zu beenden, falls diese das Manifest veröffentlichen würden. Am 19. September 1995 druckten beide Zeitungen den Text, nachdem sich auch Staatsanwälte und FBI dafür ausgesprochen hatten.[21]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentraler Begriff seines Manifests ist „das industriell-technologische System“ („the industrial-technological system“). Kaczynski behauptet, die Technisierung unserer Gesellschaft infolge der Industriellen Revolution sei desaströs für die Menschheit gewesen, da hierdurch ein „System“ mit einem inhärenten Selbsterhaltungstrieb habe entstehen können, welches mehr und mehr Einfluss auf den einzelnen Menschen nimmt. Dies führe zur Aushöhlung von Freiheit und Würde des Individuums und zu konkreten psychischen Problemen wie Depressionen und Burn-outs.

Die Aushöhlung der Freiheit sei ein natürliches Produkt eines solchen Systems, da dieses für das eigene Funktionieren menschliches Verhalten so gut es geht kontrollieren müsse. Die psychischen Probleme erklärt er als verursacht durch eine Entfremdung des Menschen von seinen natürlichen Lebensumständen, da dieser durch den Wegfall des täglichen Überlebenskampfes auf unbefriedigende „Ersatztätigkeiten“ („surrogate activities“) zurückgreifen müsse. Als Beispiele für solche Ersatztätigkeiten zählt er unter anderem wissenschaftliches Forschen, künstlerisches Schaffen, jegliche Form der Unterhaltung (beispielsweise das Unterstützen einer Sportmannschaft) sowie politisches Engagement auf. Gerade seine Kritik an der Politischen Linken zieht sich durch das gesamte Manifest. Seines Erachtens würde diese gesellschaftlich bereits anerkannte moralische Prinzipien, wie beispielsweise Gleichberechtigung, als politische Ziele vertreten und so das System vielmehr unterstützen als dagegen zu rebellieren. Noch weniger hält er allerdings von Konservativen, die er als „Narren“ bezeichnete, die „über den Verfall traditioneller Werte jammern, aber gleichzeitig mit vollem Enthusiasmus technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum unterstützen“.[22]

Kaczynski schließt sein Manifest mit der Schlussfolgerung, dass eine Revolution mit dem Ziel eines möglichst baldigen Zusammenbruchs des Systems notwendig sei. Dieser würde selbst zwar viel Leid erzeugen, insgesamt aber noch größeres Leid verhindern, welches durch den Fortbestand dieses Systems und weitere technologische Fortschritte verursacht werden würde. Moderne Technik dürfe nur verwendet werden, um den Bruch des Systems zu beschleunigen.

Publikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Anregung des Filmemachers Lutz Dammbeck hat Theodore Kaczynski später eine autorisierte Fassung des Manifests erstellt,[23] deren deutsche Übersetzung 2005 erschien.[24]

Seit dem 21. Dezember 2019 existiert eine deutsche Übersetzung der durchgesehenen und erweiterten Ausgabe von "Industrial Society and Its Future" aus dem ersten Band von "Technological Slavery" (2019).[25]

Verhältnis zu Anarchismus und Primitivismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaczynski bezeichnet sich selbst als Anarchisten.[26][27][28] Gleichzeitig kritisierte er die primitivistische Bewegung als in Teilen zu reformistisch. Einige primitivistische Autoren wie John Zerzan und John Moore verteidigten ihn trotz distanzierter Ansichten zu seinen Ideen und Aktionen.[29][30][31]

Ermittlungen und Festnahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Anfangsjahren konkurrierten innerhalb der ermittelnden UNABOM Task Force noch zwei verschiedene Täterprofile: abgesehen vom sich später bestätigenden überdurchschnittlich intelligenten Mann aus dem akademischen Umfeld der „hard sciences“ (englischsprachiger Begriff für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und ähnliche Fächer) wurde alternativ auch ein einfacher Flugzeugmechaniker aus der Arbeiterschicht vermutet. 1993, als schon Einigkeit herrschte, dass es sich um einen Intellektuellen handeln müsse, richtete die Task Force eine 1-800-Hotline ein und setzte eine Belohnung von 1.000.000 US-Dollar für Informationen aus, die zur Identifikation und Gefangennahme des Unabombers führen würden.[32]

Nach dem Zeitungsabdruck des Manifests erkannte Teds jüngerer Bruder David anhand seiner darin vertretenen Ideen, seines Schreibstils und des öffentlichen Täterprofils seinen Bruder und verständigte nach eigenen Ermittlungen die Behörden. Ted Kaczynski wurde am 3. April 1996 in seiner Hütte in Lincoln vom FBI festgenommen. Die Ermittlungen zu diesem Fall hatten insgesamt rund 50 Millionen US-Dollar gekostet und etwa eine Million Arbeitsstunden verursacht, der bis dahin größte in den USA je betriebene Aufwand zur Ergreifung eines Täters.[2]

Verurteilung und Haft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaczynski nach seiner Festnahme

Am 4. Mai 1998 wurde Kaczynski nach vorheriger Absprache von Verteidigern (darunter Judy Clarke) und Staatsanwaltschaft zu achtmaliger lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilt. Kaczynskis Verteidigung ging, bestärkt durch entsprechende Aussagen seines Bruders, davon aus, dass er an einer schweren psychischen Störung leide und seine Schuldfähigkeit bezweifelt werden müsse und wählte deshalb die Verteidigungsstrategie, ihn als psychisch krank darzustellen, um einer möglichen Todesstrafe zu entgehen. Kaczynski selbst wandte sich gegen diese Strategie seiner Anwälte und bestand darauf, sich selbst zu vertreten. Dies verwehrte ihm allerdings Richter Garland Ellis Burrell Jr., woraufhin er am 9. Januar 1998 versuchte, sich zu erhängen.

Eine von ihm tolerierte gutachterliche Untersuchung durch die Psychiaterin Sally Johnson kam indes zu dem Schluss, dass er an einer paranoiden Schizophrenie leide. Diese Diagnose ist äußerst umstritten, da sie hauptsächlich auf Kaczynskis als außergewöhnlich betrachtetem Weltbild und Lebensstil basierte. Sie gilt außerdem als verzerrt durch die Darstellung von Kaczynski als „krank“ durch die Medien sowie durch seine Familie (vor allem seinen Bruder), die ihn damit womöglich nur vor der Todesstrafe retten wollte.[12][33] Sie wurde von ihm selbst in seinem Tagebuch bereits vorhergesagt, bevor er seine Bombenattentate startete. Dabei beschrieb er seine Abstempelung als „psychisch krank“ als Mechanismus des „Systems“ (siehe Abschnitt „Inhalt“ unter „Manifest“), sich selbst zu erhalten, indem es seine Ideen auf diese Weise diskreditiert.[12] An dieser Ansicht hält er bis heute fest.[33] Diese von ihm beschriebenen Mechanismen sind vergleichbar mit den Ausführungen Michel Foucaults in Wahnsinn und Gesellschaft und denen anderer Vertreter der Antipsychiatrie.

Durch das psychiatrische Gutachten unter Druck gesetzt und in der Befürchtung, der Prozess könnte scheitern, machte die Staatsanwaltschaft Kaczynski und seiner Verteidigung das Angebot einer Verständigung im Sinne der lebenslangen Freiheitsstrafe. Kaczynski willigte ein. Er verbüßt seine Haft im Bundesgefängnis ADX Florence, einer Hochsicherheitshaftanstalt in Florence (Colorado).[34][35]

Kaczynskis Name fiel auch in Verbindung mit dem Zodiac-Killer. Er galt kurzzeitig als ein Verdächtiger, da zufällig verschiedene Merkmale mit dem des gesuchten Täters übereinstimmten. So lebte er zu der Zeit in der Bay Area, als die Morde geschahen. Allerdings war Kaczynski in fünf Fällen zum Tatzeitpunkt nicht in Kalifornien. Auch die Fingerabdrücke Kaczynskis stimmen nicht mit denen des unbekannten Täters überein.

In der Haft schreibt Kaczynski und korrespondierte mit etwa 400 Personen, darunter auch mit einigen auf Deutsch, was er seit seiner Mitgliedschaft in der Deutsch-AG von Harvard fließend spricht. Seine Dokumente werden in der Labadie Collection der Bibliothek der University of Michigan verwahrt. Die Namen vieler Briefpartner werden bis 2049 nicht veröffentlicht.[36] 2010 erschien mit Technological Slavery: The Collected Writings of Theodore J. Kaczynski, a.k.a. „The Unabomber“ eine Anthologie vorher unpublizierter Essays mit Bezug zu Kaczynskis Technologiekritik und Briefen[37], 2016 erschien Anti-Tech Revolution: Why and How (Zweite Auflage: 2020), eine umfassende historische Analyse der Effekte von Technologie auf die Gesellschaft mit einem Vorschlag für diejenigen, die sich dagegen organisieren wollen.[38]

Rezeption in der Popkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme und Serien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die US-amerikanische Miniserie Manhunt: Unabomber erzählt die Hintergrundgeschichte der FBI-Ermittlungen des Falles. US-Premiere: 1. August 2017. Ted Kaczynski wird von Paul Bettany dargestellt.
  • Im Film Good Will Hunting erwähnt der Psychologe Sean Maguire Ted Kaczynski als negatives Beispiel, wozu Genies im Stande sein können.
  • In der Serie Criminal Minds ist eine Episode an die Vorfälle angelehnt.
  • Die Serie Unabomber: In His Own Words aus dem Jahr 2020 stellt die FBI-Ermittlungen dar, ergänzt um Sprachaufzeichnungen, die aus einem mit Kaczynski in Haft geführtem Interview stammen.[39]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die norwegische Band Combichrist erwähnt Kaczynski in ihrem Titel God Bless.
  • Textausschnitte des Unabomber-Manifests werden in Kirlian Cameras Kaczynski Code und in Citizen Una verwendet.
  • Der Schweizer Musiker Guz schrieb ein Lied mit dem Titel Ted Kaczynski war ein Freund von mir.
  • Die schwedische Rockband Mando Diao veröffentlichte auf ihrem Album Ode to Ochrasy einen Song mit dem Titel Killer Kaczynski.
  • Die walisische Rockband Manic Street Preachers veröffentlichte 1998 ein Lied mit dem Titel Montana/Autumn/78, dessen Text sich um Kaczynski dreht, als B-Seite ihrer Single If You Tolerate This Your Children Will Be Next.
  • Die amerikanische Band Macabre veröffentlichte 1999 eine EP mit Namen Unabomber. Als Cover diente das Phantombild des Unabombers.
  • Die amerikanische Band Sleepytime Gorilla Museum hat auf ihrem Album Of Natural History den Song FC: The Freedom Club veröffentlicht, in dem sich die Band mit dem Unabomber auseinandersetzt. Das Album ist der Band zufolge Teil der „debate between two contradictory pillars of 20th C. Anti-Humanism: The Futurists versus the Unabomber“.
  • Die amerikanische Metalcore-Band The Acacia Strain veröffentlichte auf ihrem Album Wormwood einen Song mit dem Titel Unabomber, der von der Abhängigkeit der Menschheit von Technologie handelt.
  • Der US-amerikanische Rapper Ill Bill veröffentlichte 2013 das Lied „Exploding Octopus“ samt Musikvideo, welches sich thematisch mit Theodore Kaczynski auseinandersetzt.[40]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Im Thriller Enter von Karl Olsberg spielt das Manifest Kaczynskis eine zentrale Rolle.
  • Im Thriller Alert von James Patterson und Michael Ledwidge wird auf den Seiten 286–293 ein Interview mit Theodore Kaczynski beschrieben, bei dem er Warnungen bezüglich der Folgen der modernen Technisierung ausspricht.
  • Der Roman Munk des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia orientiert sich an der Geschichte Kaczynskis.

Verwendung seines Namens als Allonym[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der US-Wrestler Glenn Jacobs benutzte kurzzeitig den Ringnamen „Unabomb“, der an Unabomber angelehnt war.
  • Der Pokerspieler Phil Laak hat den Spitznamen Unabomber erhalten, weil er beim Pokern stets Kapuze und Sonnenbrille trägt.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alston Chase: A Mind for Murder: The Education of the Unabomber and the Origins of Modern Terrorism. W. W. Norton & Company, New York, NY 2004, ISBN 0-393-02002-9.
  • Lutz Dammbeck: DAS NETZ – Die Konstruktion des Unabombers & Das »Unabomber-Manifest«: Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft. Edition Nautilus, Hamburg 2015, ISBN 978-3-86438-001-3.
  • Gerd Fischer: Der Unabomber. In: Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Band 4, Heft 4, 1996, ISSN 0942-5977, S. 60–63 (degruyter.com PDF).
  • Jim Freeman, Terry D. Turchie, Donald Max Noel: UNABOMBER: How the FBI Broke Its Own Rules to Capture the Terrorist Ted Kaczynski. History Publishing Company, Palisades, NY 2014, ISBN 978-1-940773-06-3.
  • David Kaczynski: Every Last Tie. The Story of the Unabomber and His Family. Duke University Press, Durham, NC 2016, ISBN 978-0-8223-5980-7.
  • Theodore J. Kaczynski: Schriften aus dem Gefängnis. Packpapier Verlag, Osnabrück 2010, 124 S. (anarchistischebibliothek.org).
  • Stefan Preis: Spuren eines Unsichtbaren. Der Fall Kaczynski als Bibliotheksphänomen betrachtet. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-86573-848-6.
  • Stefan Preis, Julian Knop: Der Fall Kaczynski – Terrorismus als Kommunikation. Empirischer Forschungsbericht. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-86573-899-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Theodore Kaczynski – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://web.archive.org/web/20170810173231/http://www.thecrimson.com/article/2012/5/21/ted-kaczynski-unabomber-math/
  2. a b Roger Lane: Murder in America – a history. Ohio State University Press, 1997, ISBN 0-8142-0732-4, S. 314–315 (kb.osu.edu PDF).
  3. Alston Chase: Harvard and the Unabomber. W. W. Norton & Company, New York, NY 2003, ISBN 0-393-02002-9, S. 21, 373.
  4. a b c d e f Alston Chase: Harvard and the Unabomber. W.W. Norton & Company, New York, NY 2003, ISBN 0-393-02002-9, S. 373.
  5. McFadden, Robert D.: Prisoner of Rage – A special report.; From a Child of Promise to the Unabom Suspect. In: The New York Times, 26. Mai 1996. Archiviert vom Original am 9. August 2017. Abgerufen am 4. Februar 2009. 
  6. The Kaczynski brothers and neighbors. Archiviert vom Original am 17. August 2017.
  7. Chase, Alston: A Mind for Murder – The Education of The Unabomber and the Origins of Modern Terrorism, veröffentlicht 2004 in New York, S. 107–108. ISBN = 978-0-393-32556-0. Abgerufen am 15. Juni 2017 hier im auf web.archive.org
  8. Redford University: Serial Killer Information Center: Serial Killer I.Q.
  9. Alston Chase: Harvard and the Unabomber. W.W. Norton & Company, New York, NY 2003, ISBN 0-393-02002-9, S. 18.
  10. Alston Chase: Harvard and the Unabomber: The Education of an American Terrorist. Norton, ISBN 0-393-02002-9, das Buch eines ehemaligen Philosophieprofessors ist eine Erweiterung eines Artikels in The Atlantic, Juni 2000. Es behandelt auch das Experiment von Murray. Chase schreibt auch, dass er keinerlei Hinweise auf die Verwendung von Drogen bei den Harvard Experimenten finden konnte.
  11. Alston Chase: Harvard and the Unabomber. W. W. Norton & Company, New York, NY 2003, ISBN 0-393-02002-9, S. 18–19
  12. a b c Alston Chase: Harvard and the Making of the Unabomber In: The Atlantic, erschienen: Juni 2000, S. 41–65
  13. https://web.archive.org/web/20100908003140/http://www.radiolab.org/2010/jun/28/
  14. Jeffrey St. Clair & Alexander Cockburn: CIA Shrinks & LSD, erschienen am 18. Okt. 1999 auf counterpunch.org
  15. Das Netz (2004), Dokumentarfilm von Lutz Dammbeck über die Entwicklung des Internets und den Unabomber
  16. a b Alston Chase: Harvard and the Unabomber. W.W. Norton & Company, New York, NY 2003, ISBN 0-393-02002-9, S. 20.
  17. The Unabomber’s Targets: An Interactive Map, CNN. Archiviert vom Original am 13. Juni 2008. Abgerufen am 4. Februar 2009. 
  18. Lardner, George; Adams, Lorraine: To Unabomb Victims, a Deeper Mystery. In: The Washington Post, 14. April 1996, S. A01. Abgerufen am 4. Februar 2009. 
  19. Sharon LaFraniere und Pierre Thomas: Unabomber Special Report. In: washingtonpost.com. 1. Juni 1995, abgerufen am 19. Januar 2015.
  20. Theodore Kaczynski: Industrial Society and Its Future. In: The Washington Post
  21. Donald E. Graham, Arthur O. Sulzberger Jr.: Statement by Papers' Publishers. In: washingtonpost.com. 19. September 1995, abgerufen am 19. Januar 2015.
  22. Didion, Joan: Varieties of Madness. In: The New York Review of Books
  23. Theodore Kaczynski: Industrial Society and its Future. In: Herakles Konzept. Lutz Dammbeck, 31. Mai 2003, archiviert vom Original am 30. September 2019; abgerufen am 28. September 2019 (englisch).
  24. Lutz Dammbeck: Das Netz – die Konstruktion des Unabombers. Im Anhang: Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (Unabomber-Manifest) von FC. Edition Nautilus, 2005, ISBN 3-89401-453-9.
  25. Theodore John Kaczynski (Autor), Georg Marr (Übersetzer): Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft: durchgesehene und erweiterte Ausgabe 2019. In: Amazon. Amazon.com, Inc., 21. Dezember 2019, abgerufen am 2. Februar 2020.
  26. … claimed to be from the anarchist group calling ourselves FC. Abgerufen am 2. Juni 2012.
  27. … Kaczynski was a disenchanted mathematics professor turned anarchist. Abgerufen am 2. Juni 2012.
  28. Sue Mahan, Pamala L. Griset: Terrorism in Perspective. Sage Publications, Thousand Oaks, Ca. 2007, ISBN 978-1-4129-5015-2, S. 222 (books.google.com – Leseprobe, eingeschränkte Ansicht).
  29. John Moore: Beyond the Fragments – A reaction to Industrial Society and Its Future Archiviert vom Original am 27. September 2009. In: Green Anarchist. #51, Nr. Spring 1998, August.
  30. Whose Unabomber? In: green-anarchy.wikidot.com.
  31. The Unabomber: A Hero For Our Time. In: crimethinc.com. Abgerufen am 10. April 2010.
  32. Labaton, Stephen: Clue and $1 million Reward In Case of the Serial Bomber. In: The New York Times. 7. Oktober 1993, abgerufen am 4. Februar 2009.
  33. a b Unabomber: In His Own Words (TV Mini-Series 2020) (auf IMDb), Folge 4, ab Minute 10:10. In: imdb.com. Abgerufen am 23. April 2020.
  34. Booth, William: Kaczynski Resists the Insanity Defense. In: The Washington Post. 26. Dezember 1997, abgerufen am 31. Januar 2014.
  35. Adam K. Magid: The Unabomber Revisited: Reexamining the Use of Mental Disorder Diagnoses as Evidence of the Mental Condition of Criminal Defendants. In: Indiana Law Journal Supplement, Band 84, Nr. 1 (ilj.law.indiana.edu PDF; 475 kB).
  36. Labadie Manuscripts. University of Michigan Library, abgerufen am 27. August 2013.
  37. Theodore J. Kaczynski: Technological Slavery: The Collected Writings of Theodore J. Kaczynski, a.k.a. “The Unabomber”. Feral House. 2010. Archiviert vom Original am 29. April 2013.
  38. Anti-Tech Revolution: Why and How. Fitch & Madison Publishers, archiviert vom Original am 23. April 2020; abgerufen am 23. April 2020.
  39. Unabomber: In His Own Words (TV Mini-Series 2020) - IMDb. In: imdb.com. Abgerufen am 23. April 2020.
  40. Ill Bill – Exploding Octopus bei YouTube.