Theoretische Philosophie

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Die Theoretische Philosophie wird heute an deutschen Universitäten üblicherweise von der praktischen Philosophie abgegrenzt. Die Einteilung geht auf Aristoteles zurück, der die beiden Bereiche anhand ihrer Ziele unterschied. Das Ziel der theoretischen Philosophie sei das Verstehen der Welt; ihren Fragen gehen wir aus reinem Erkenntnisdrang nach. Ihre Fragen unterscheiden sich von den theoretischen Fragen der Einzelwissenschaften durch ihren allgemeinen und grundlegenden Charakter. Das Ziel der praktischen Philosophie sei hingegen das Handeln; in ihr gehen wir der Frage nach, wie wir handeln und mit der Welt interagieren sollen.[1]

Die von Aristoteles getroffene Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Philosophie wurde im 17. und 18. Jahrhundert – etwa von Christian Wolff – aufgegriffen. Interdisziplinäre Gebiete der Gegenwartsphilosophie widersetzen sich teilweise dieser Zweiteilung.

Disziplinen der theoretischen Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kerndisziplinen der theoretischen Philosophie stellen die Metaphysik, Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie und die Philosophie des Geistes dar. Darüber hinaus werden als weitere Teildisziplinen häufig die Ontologie, Logik, Naturphilosophie, Wissenschaftstheorie und Philosophie der Mathematik genannt. Der theoretischen Philosophie steht die Praktische Philosophie gegenüber, die die Disziplinen Ethik, Politische Philosophie, Sozialphilosophie, Rechtsphilosophie und Handlungstheorie umfasst. Umstritten ist beispielsweise die Einordnung der Ästhetik.

Metaphysik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Metaphysik stellt die Frage, was es überhaupt gibt. Sie versucht dies in eine übersichtliche Darstellung zu bringen und die wechselseitigen Verhältnisse zu erklären.

Sie begreift sich in der Tradition des Aristoteles als Wissenschaft vom Seienden als solchem (Ontologie). Von den Einzelwissenschaften unterscheidet sich die Metaphysik hinsichtlich ihres uneingeschränkten Gegenstandsbereiches und ihrer Perspektive, die von Aristoteles durch die Wendung „insofern es Seiendes ist“ bestimmt wird. Philosophiegeschichtlich ist die Metaphysik vor allem durch drei Grundfragen geprägt:

  1. Gibt es Arten von Dingen, die für die Existenz anderer Arten grundlegend sind?
  2. Gibt es eine letzte Ursache, von deren Existenz die Existenz von allem anderen abhängt?
  3. Warum gibt es überhaupt etwas, und nicht nichts?

Die ersten beiden Fragen gehen auf Aristoteles zurück. In der Frage nach den existentiell grundlegenden Arten von Dingen geht es um eine allgemeine Klassifikation dessen, was es gibt, von Aristoteles „Kategorien“ genannt. Die wichtigste Kategorie bildet bei ihm die Kategorie der Substanz. Daneben kennt er verschiedene Eigenschafts-Kategorien wie Quantität, Qualität und Relation.

In der zweiten Frage geht es ihm um die „ersten Ursachen des Seienden, insofern es ist“ (Metaphysik IV 1, 1003a31), das heißt um eine letzte Ursache, von deren Existenz die Existenz von allem anderen abhängt.

Die dritte Frage findet sich nicht bei Aristoteles, sondern ist von Gottfried Wilhelm Leibniz gestellt [2] und von Martin Heidegger als Grundfrage der Metaphysik bezeichnet worden [3].

Erkenntnistheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Erkenntnistheorie geht es darum, was wir erkennen, das heißt, was wir wissen können. Ihre Fragen zielen auf den möglichen Umfang unseres Wissens, die Natur und Arten von Wissen, seine Quellen und Struktur.

Grundlegend ist die Frage nach dem möglichen Umfang des Wissens. Sie gewinnt ihre Brisanz vor allem durch die Herausforderung des Skeptikers, der dafür argumentiert, dass wir kein Wissen haben können.

Die Frage nach der Natur des Wissens bezieht sich darauf, wie der Begriff des Wissens überhaupt bestimmt werden kann und welche Bedingungen eine Person erfüllen muss, um Wissen zu besitzen.

Bei der Einteilung nach Arten des Wissens orientiert man sich zum einen an den Inhalten und Bezugsgegenständen des Wissens (z.B. mathematische Sachverhalte, historische Fakten). Zum anderen unterscheidet man nach Methoden und Quellen (z.B. der mathematische Beweis, die Auswertung von historischen Zeugnissen).

Die Frage nach den Quellen des Wissens ist mit der Frage nach den Arten des Wissens verbunden, denn Arten des Wissens werden auch mit Bezug auf ihre Quellen unterschieden. So grenzt man unter anderem im Anschluss an Kant das empirische vom apriorischen Wissen ab (vgl. Kant: KrV B 2 f.). Die Frage nach den Quellen berührt außerdem die Frage, was wir wissen können. Zum Beispiel ist strittig, ob religiöse Erfahrung als Quelle des religiösen Wissens geeignet ist.

Die Frage nach der Struktur des Wissens beschäftigt sich schließlich damit, wie unser Wissen aufgebaut ist und ob es eine Art von Wissen gibt, die grundlegend für alles andere Wissen ist.

Sprachphilosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sprachphilosophie beschäftigt sich mit der sprachlichen Bedeutung und dem Verhältnis der Sprache zur Wirklichkeit. [4]

Das primäre Anliegen der Sprachphilosophie ist die Untersuchung der Natur der sprachlichen Bedeutung. Subjektivistische Bedeutungstheorien setzen Bedeutungen mit Vorstellungsinhalten im Geist von Sprechern gleich. Realistische Bedeutungstheorien identifizieren die Bedeutungen mit Dingen, die keine Vorstellungsinhalte sind, das heißt mit Objekten, Eigenschaften oder Sachverhalte in der Welt. Wahrheitskonditionale Bedeutungstheorien konzentrieren sich auf die Bedeutung von Behauptungssätzen, die sie in deren Wahrheitsbedingungen sehen. Konventionalistische Bedeutungstheorien identifizieren die Bedeutungen von Ausdrücken mit ihrem Gebrauch in der Sprache.

Philosophie des Geistes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Philosophie des Geistes geht es um die körperlichen und geistigen Eigenschaften des Menschen und ihr Verhältnis zueinander. Ihre Fragen werden auf einer ontologischen, epistemologischen, semantischen und methodologischen Ebene gestellt. [5]

Auf ontologischer Ebene ist die Philosophie des Geistes in erster Linie durch die Fragen charakterisiert „Gibt es Mentales?“ und „Was ist die Natur des Mentalen?“ Dabei liegt das Schwergewicht auf der zweiten Frage, da die Existenz des Mentalen nur von wenigen Autoren vollkommen abgestritten wird. In der Frage nach der Natur des Menschen geht es im Kern um das klassische Leib-Seele-Problem, das sich mit dem Verhältnis des Mentalen zum Physischen beschäftigt.

Epistemologisch geht es in der Philosophie des Geistes vor allem um die Sicherheit des Wissens über meine eigenen mentale Zustände und diejenigen Dritter. Gibt es zu den eigenen mentalen Zuständen einen privilegierten Zugang, sodass ich über sie so unmittelbar informiert bin, dass ich mich über sie nicht irren kann? Kann ich von einem Dritten über dessen mentale Zustände jemals Sicherheit haben kann (Problem des Fremdpsychischen, other-minds-Problem)?

Auf semantischer Ebene beschäftigt sich die Philosophie des Geistes mit der Frage, worin die Bedeutung mentaler Begriffe besteht. Diskutiert wird etwa, ob sich mentale Ausdrücke auf mentale Gegenstände (Vorstellungen, Ideen, Empfindungen etc.) oder auf etwas Nicht-Mentales wie z.B. Verhaltensdispositionen beziehen.

Auf methodologischer Ebene wird diskutiert, ob sich die geistigen Phänomene nur mit philosophischen Mitteln, vor allem dem der Begriffsanalyse untersuchen lassen, oder ob diese nur in Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Naturwissenschaften oder allein von den Naturwissenschaften gelöst werden können.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Hübner: Einführung in die theoretische Philosophie. J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2015.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Johannes Hübner: Einführung in die theoretische Philosophie, Stuttgart/Weimar 2015, S. 1
  2. Gottfried Wilhelm Leibniz: In der Vernunft begründete Prinzipien der Natur und der Gnade. In: Ders.: Kleine Schriften zur Metaphysik. Hg. u. übers. von Hans Heinz Holz. Darmstadt 1985, § 7
  3. Martin Heidegger: Was ist Metaphysik? [1929]. In: Ders.: Wegmarken. Frankfurt a. M. 2004, S. 103–121 (hier S. 121)
  4. Zur Übersicht über die Fragestellungen der Sprachphilosophie vgl. Albert Newen / Markus A. Schrenk: Einführung in die Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-15459-3, S. 11f und Johannes Hübner: Einführung in die theoretische Philosophie, Stuttgart/Weimar 2015, S. 90f.
  5. Zur Übersicht über die Fragestellungen der Philosophie des Geistes vgl. Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Walter de Gruyter, Berlin / New York 3. Aufl. 2008, ISBN 978-3-11-020424-7, S. 1-4