Theorie der hohlen Erde

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Darstellung des Aufbaus der Erde als ein System von Hohlkugeln nach Edmund Halley, hier eingebunden in eine Skizze mit astronomischen Überlegungen von 1708

Die Theorie der hohlen Erde ist eine überholte wissenschaftliche Theorie aus dem 17. Jahrhundert, der zufolge die Erde nicht ein massiver Kugelkörper, sondern eine Hohlkugel sei, der Erdkern und (größtenteils) der Erdmantel also nicht existierten. Das Erdinnere sollte demnach durch verschiedene Öffnungen, zum Beispiel große Öffnungen im Bereich der Pole, zugänglich sein. Obwohl wissenschaftlich durch neuere Erkenntnisse widerlegt und verworfen, blieb die Theorie der hohlen Erde, wie auch die Idee eines Innenweltkosmos, Gegenstand pseudowissenschaftlicher und verschwörungstheoretischer Mutmaßungen und beliebtes Motiv in fantastischer Literatur.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halley mit einem Diagramm der Hohlerde

Die erste Theorie auf wissenschaftlicher Grundlage wurde von Edmond Halley 1692 vorgeschlagen.[1] Isaac Newton hatte berechnet, dass der Mond im Verhältnis 1,76 : 1 dichter als die Erde sei.[2] Ausgehend von der allgemeinen Ansicht, alle Materie der Planeten und Monde hätte die gleiche Dichte, folgerte Halley, dass ein Teil der Erde hohl sein müsse. Des Weiteren hatte er beobachtet, dass sich das Magnetfeld der Erde zeitlich ändert. Er nahm an, dass die Erde aus einer zentralen Kugel und sie konzentrisch umgebenden drei Hohlkugeln bestehe, etwa der Größe des Mondes sowie der Planeten Merkur und Venus. Jeder dieser Körper hätte ein eigenes Magnetfeld, und da sie sich verschieden schnell drehten, ergebe sich auf der Oberfläche der Erde ein sich veränderndes Gesamtmagnetfeld. Da man früher davon ausging, dass alle Himmelskörper bewohnt seien, besiedelte er auch die inneren Planeten. Diese Hohlerde-Theorie war die erste Schlussfolgerung aus der neuen Gravitationstheorie Newtons in den Principia, noch vor Halleys Vorhersage eines Kometen von 1695. Am 6. März 1716 wurden in England und weiten Teilen Europas erstmals nach dem Maunderminimum wieder sehr lichtstarke Polarlichter beobachtet, die sogar am Tage sichtbar waren. Die Royal Society beauftragte Halley, diese Erscheinungen zu erklären. Er führte sie darauf zurück, dass die Erdkruste in nördlichen Breiten dünner sei und dadurch das Licht aus den Hohlräumen durchscheine. Als der 80-jährige Halley als Astronomer Royal porträtiert wurde, ließ er sich mit einem Diagramm der Hohlerde abbilden.

Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler diskutierte in einem Gedankenexperiment in seinen Lettres à une princesse d’Allemagne, ob die Erde (wie auch die anderen Planeten) hohl und von einer inneren „Sonne“ erleuchtet sei, „die einer hochstehenden innerirdischen Menschheit Wärme und Licht spendet“.

Der schottische Physiker und Mathematiker Sir John Leslie setzte zwei kleine Sonnen ins Zentrum, die er Pluto und Proserpina nannte.

Symmes’ Circular Number 1 (1818).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts popularisierte John Cleves Symmes, Jr. (1780–1829), ein ehemaliger Hauptmann der US-Armee, wie kein anderer die Idee der Hohlerde in den USA. Er machte die Idee von Halley’s Hohlerde zu seiner eigenen, indem er vorschlug, dass die Erde nicht nur innen hohl und bewohnbar sei, sondern auch an den Polen offen. Sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit gebend, füllte er so die noch unbekannten polaren Gebiete nach seinen Vorstellungen[3] mit dem bald als „Symmes‘ Loch“[4] bekannt gewordenen Zugang zur Höhlung aus. 1818 schrieb er sein Circular Number 1 und verschickte eine erste Auflage von 500 Exemplaren an so viele wichtige Persönlichkeiten und Hochschulen wie möglich.[4] Es beinhaltete eine pathetische persönliche Erklärung „An die ganze Welt“, dass das Innere der Erde hohl und bewohnbar sei, zugänglich über weite Öffnungen an beiden Polen, jenseits des 82. Breitengrades, was er bei entsprechender Unterstützung bereit wäre mit einer Expedition zu erforschen.[4][5] Ohne dass jemals auch nur eine wissenschaftliche Veröffentlichung seine Ansichten unterstützt[6] hätte, fand seine Idee über populärwissenschaftliche oder fiktionale Schriften zahlreiche Anhänger und er erwarb sich unter seinen Landsleuten den Ruf als ein „Amerikanischer Newton“.[3]

Diese Überlegungen beeinflussten den Hexenjäger Cotton Mather, der diese Vorstellung in Amerika propagierte. Ein weiterer energischer Verfechter von Symmes’ Theorie war der Archäologe James McBride, welcher im Laufe der Zeit Pläne entwickelte, wie ins Innere der Erde zu gelangen wäre. 1826 veröffentlichte McBride Symmes’ Theory of Concentric Spheres. Ein weiterer Verfechter Symmes’ Theorie, Jeremiah N. Reynolds, bewog den US-Kongress dazu, eine Expedition an den Südpol zu finanzieren. Durch das US Federal Government finanziert, startete die Expedition 1838 unter dem Namen United States Exploring Expedition. Bis 1842 sammelte die United States Exploring Expedition bis zu 50.000 Proben. Das Bedürfnis die Objekte sicher zu verwahren trug dazu bei ein Nationales Naturkundemuseum, das Smithsonian, zu schaffen.[7]

Schon im 19. Jahrhundert ergaben sich, ebenfalls durch Dichtebetrachtungen, erste begründete Zweifel an der Hohlerdetheorie. Es wurde beobachtet, dass die mittlere Dichte der Erde mit 5,52 g/cm3 wesentlich größer ist als die Dichte von Gesteinen an der Erdoberfläche, die normalerweise zwischen 2 und 3 g/cm3 beträgt. Aus dieser Erkenntnis folgt im Widerspruch zur Theorie, dass die Dichte mit zunehmender Tiefe anwachsen muss. 1906 veröffentlichte der britische Geologe Oldham erste seismologische Hinweise auf einen Erdkern. 1936 wies die dänische Seismologin Inge Lehmann die Existenz eines inneren Erdkerns nach, für den später ein Radius von rund 3.500 km bestimmt wurde. Spätestens damit war die Theorie der hohlen Erde widerlegt. Heute ist der Innere Aufbau der Erde mit wesentlich mehr Details, einschließlich des Dichteverlaufs, des Magnetfelds und der thermischen Bilanz bekannt und nichts davon deutet auf einen großen Hohlraum hin.[8][9]

Umsetzungen der Thematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Querschnittszeichnung des Planeten Erde, die die „Innenwelt“ von Atvatabar zeigt, aus William R. Bradshaws Science-Fiction-Roman von 1892 The Goddess of Atvatabar.
Bucheinband der englischen Ausgabe von 1874 des Romans von Jules Verne

Die Theorie der hohlen Erde beeinflusste Ludvig Holbergs Roman Niels Klims unterirdische Reise (1741), Edgar Allan Poes Werk Arthur Gordon Pym und wurde durch Jules Vernes Roman Die Reise zum Mittelpunkt der Erde allgemein bekannt. Außerdem wurde sie auch von Wladimir Obrutschew mit Plutonien aufgegriffen. Tarzan-Autor Edgar Rice Burroughs siedelte seinen fiktiven Kontinent „Pellucidar“ ebenfalls in der Innenfläche einer Hohlerde an.

In Arno Schmidts Satire Tina oder über die Unsterblichkeit (1955) befindet sich in der hohlen Erde das „Elysium“, in dem alle Menschen weiterleben, solange ihrer auf Erden noch gedacht wird – was besonders Personen betrifft, deren Erinnerung schriftlich aufbewahrt ist.

Der Steampunk-Roman Hohlwelt (Originaltitel The Hollow Earth, 1990) des Mathematikers und Science-Fiction-Autors Rudy Rucker handelt von Menschen (in diesem Zusammenhang Erdoberflächenbewohnern), unter ihnen Edgar Allan Poe, die in die (fiktive) Welt im Inneren der Erde hinabsteigen. Im Nachwort gibt der Autor einen knappen Überblick über die Entstehung des Romans, die verwendeten historischen Quellen, die gravitativen Verhältnisse in einer Hohlkugel und das Wurmloch, das sich in seiner Version der Hohlwelttheorie im Zentrum der hohlen Erde befindet.

Die beiden Romane Indiana Jones und die Macht aus dem Dunkel (1992) von Rob MacGregor und Indiana Jones und das Geheimnis von Thule (1997) von Max McCoy behandeln beide das Thema der Hohlwelt, in die der Archäologe und Abenteurer Indiana Jones vorstößt.

In seinem 2006 erschienenen Roman Gegen den Tag beschreibt der amerikanische Autor Thomas Pynchon in einem Pastiche auf die Abenteuerliteratur der Zeit um 1900, wie ein Luftschiff die Erde durch ihren hohlen Innenraum von Pol zu Pol durchquert.

Der 2021 in deutscher Übertragung erschienene Roman des argentinischen Schriftstellers Carlos Suchowolski: "Das Licht der Hohlwelt" (Übers. v. Pia Biundo) spielt ganz in einer von entfernt schildkrötenähnlichen Wesen bewohnten Hohlwelt. Menschen kommen darin nicht explizit vor, könnten allerdings die in der Wahrnehmung der Hohlweltbewohner verzerrt dargestellten "Außenteufel" sein.

Videospiele, Hörspiele, Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichten der Serie von Computer-Adventure-Spielen Myst basieren auf der Zivilisation der D’ni, die im Inneren der Erde existierte. In der dazugehörigen Romanreihe (→ Das Buch Atrus) werden die Kultur und die Lebensräume der D’ni detailliert beschrieben.

Seit 2006 behandelt auch die Hörspielserie Die Schwarze Sonne von Günter Merlau (Lausch – Phantastische Hörspiele) den Mythos um die hohle Erde. Darin wird die Hohlwelttheorie in den Kontext real-historischer sowie fiktiver Handlungselemente gestellt.

In der kanadischen Science-Fiction-/Mystery-Fernsehserie Sanctuary – Wächter der Kreaturen (ab Staffel 3, Episode 6) spielte die Hohlerde eine immer wiederkehrende Rolle für das Vorkommen von Abnormen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Halley 1692, S. 563–578
  2. Zitiert bei Halley 1692, S. 574. Tatsächlich ist die Erde jedoch im Verhältnis 1,65 : 1 dichter als der Mond.
  3. a b Griffin, Duane. "What curiosity in the structure: The hollow Earth in science." in Berressem (Hrsg.). From Mercator's Projection to Freudian Fantasm: The Hollow Earth in Literature, Science, and Art. Amsterdam, The Netherlands, and New York, NY: Rodopi (2012). S. 8, 20f (pdf)
  4. a b c Chaplow, Lester Ian. "Tales of a Hollow Earth. Tracing the Legacy of John Cleves Symmes in Antarctic Exploration and Fiction." (2011). (pdf)
  5. Symmes, John Cleves jun. "Light gives light, to light discover – „Ad infinitum“. Ohio, 1818.
  6. Yost, Michelle Kathryn. "American Hollow Earth Narratives From the 1820s to 1920." Diss. University of Liverpool, 2014. (pdf)
  7. Jeb J. Card: Spooky archaeology: Myth and the science of the past. University of New Mexico Press (2018), S. 158.
  8. Gerhard Müller: Aufbau und Zustand des Erdkerns, Teil I. Physikalische Blätter 31.6 (1975), S. 246–256 (PDF).
  9. Gerhard Müller: Aufbau und Zustand des Erdkerns, Teil II. Physikalische Blätter 31.7 (1975), S. 309–315 (PDF)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. Halley: An account of the cause of the change of the variation of the magnetical needle with an hypothesis of the structure of the internal parts of the earth: as it was proposed to the Royal Society in one of their later meetings. Philosophical Transactions of the Royal Society of London 17 (1692), S. 563–578. DOI:10.1098/rstl.1686.0107
  • E. Halley: An Account of the Late Surprizing Appearance of the Lights Seen in the Air, on the Sixth of March Last; With an Attempt to Explain the Principal Phaenomena thereof; As It Was Laid before the Royal Society by Edmund Halley, J. V. D. Savilian Professor of Geom. Oxon, and Reg. Soc. Secr. Philosophical transactions, xxix (1716), S. 406–428.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]