Thomas Nipperdey

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Thomas Nipperdey (* 27. Oktober 1927 in Köln; † 14. Juni 1992 in München) war ein deutscher Historiker. Sein dreibändiges Werk Deutsche Geschichte 1800–1918 (erschienen 1983-1992) gilt als Standardwerk der neueren Geschichte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vater von Thomas Nipperdey war der Arbeitsrechtler und erste Präsident des Bundesarbeitsgerichts Hans Carl Nipperdey, seine Schwester die Theologin Dorothee Sölle. Aus seiner 1969 geschlossenen Ehe mit Vigdis Nipperdey entstammen vier gemeinsame Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Seine Witwe Vigdis Nipperdey war von 2001 bis 2006 Vorsitzende des Hochschulrats der Technischen Universität München.

Thomas Nipperdey war in seiner Jugend während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs Flakhelfer im U-Boot-Krieg.[1] Nachdem er das Abitur 1946 am Gymnasium Kreuzgasse bestanden hatte, studierte Nipperdey Philosophie und Geschichtswissenschaft an den Universitäten Köln, Göttingen und Cambridge. 1953 promovierte er über Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften, ein Jahr später legte er das Staatsexamen ab. Anschließend war er Stipendiat der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien und Assistent am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, wo er sich 1961 mit der Arbeit Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918 habilitierte.[2] Sein bedeutendster akademischer Lehrer war Richard Nürnberger. Außerdem studierte er bei Hermann Heimpel und Theodor Schieder. Nipperdey war passionierter Pianist und Cellist.[3]

1962 vertrat er den Lehrstuhl für Neuere Geschichte in Gießen, 1963 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule Karlsruhe und war zusätzlich Lehrbeauftragter der Universität Heidelberg. 1967 wechselte er an die Freie Universität Berlin, 1971 an die Ludwig-Maximilians-Universität München. In seiner Münchener Zeit hatte Nipperdey Gastprofessuren der Universitäten Oxford, Stanford und Princeton inne.

Von September 1973 an war Nipperdey zudem mit Hatto H. Schmitt und Michael Zöller und ab 1976 mit Clemens Christians und Jürgen Domes einer der drei Vorsitzenden des 1970 gegründeten Bundes Freiheit der Wissenschaft (BFW), ein Verein zur Bildungspolitik als Reaktion auf die Studentenbewegung. Er behielt das Amt bis 1980 und wurde danach als Beisitzer Mitglied des erweiterten Vorstandes.[4]

Für sein Werk erhielt Nipperdey unter anderem 1984 den Historikerpreis der Stadt Münster, 1989 das Bundesverdienstkreuz, 1992 den Bayerischen Verdienstorden und 1992 den Deutschen Historikerpreis.

Mit einem Artikel, am 17. Oktober 1986 veröffentlicht in der Zeit, war er am sogenannten Historikerstreit beteiligt.

Trotz seiner eher konservativen Ausrichtung[5] trat er 1968 der SPD bei. Dort engagierte er sich u.a. in Hessen für eine Verbesserung des Bildungssystems.

Seit 1985 war er ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences. 1990 wurde Nipperdey zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nipperdeys umfangreichstes und wohl bedeutendstes Werk ist seine dreibändige deutsche Geschichte, die den Zeitraum von 1800 bis 1918 umfasst. Wichtige frühere Aufsätze, mit denen Nipperdey die Forschung voranbrachte, waren Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert (1968), Volksschule und Revolution im Vormärz (1968) sowie Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert (1972).[6] Seine deutsche Geschichte hat den Anspruch, Totalgeschichte zu sein, d.h. alle Bereiche menschlichen Lebens und nicht nur die häufig im Vordergrund stehende politische Entwicklung zu beschreiben.[7] Eine so detaillierte und in Bezug auf Stofffülle und Genauigkeit der Analyse vergleichbare Darstellung dieser so ausgedehnten Epoche gab es zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung noch nicht, wenn auch Werke Franz Schnabels, Heinrich von Treitschkes und Golo Manns als Vorbilder dienen konnten.[8] Berühmtheit erlangte der Eingangssatz „Am Anfang war Napoleon“[9] des ersten Bandes Bürgerwelt und starker Staat, der noch später von vielen bedeutenden Historikern modifiziert aufgenommen wurde; so schrieb später Hans-Ulrich Wehler am Anfang seiner fünfbändigen deutschen Gesellschaftsgeschichte „Am Anfang war keine Revolution“, und Heinrich August Winkler leitete seine zweibändige deutsche Geschichte Der lange Weg nach Westen mit den Worten „Im Anfang war das Reich“ ein.[10]

Dabei hat sich Nipperdey vor allem für eine Neubewertung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts eingesetzt. Insbesondere lehnte er es ab, das Kaiserreich primär als eine Vorgeschichte des „Dritten Reiches“ zu betrachten, wie es etwa unter den Vertretern der These von einem Deutschen Sonderweg üblich ist.[11] Kontinuitätslinien sah Nipperdey von 1871/1918 nicht nur nach 1933, sondern ebenso nach 1949.

Spöttisch bezeichnete Nipperdey die Historiker, die die Geschichte ausschließlich von der Gegenwart her interpretierten, als „Relevantiner“.[12]

Im Gegensatz zu der soziologischen Arbeitsweise Hans-Ulrich Wehlers und der Bielefelder Schule, die in den 1960er Jahren zur vorherrschenden Methode wurde, war Nipperdey einem historisch-anthropologischen Ansatz verpflichtet. Nipperdey suchte die Erfahrungswelten und Innensichten der Menschen aufzuzeigen.[13] Das 19. Jahrhundert sollte nicht als Vor- oder Nachgeschichte von oder zu irgendetwas anderem dargestellt werden, sondern gemäß dem berühmten Wort Leopold von Rankes gleichsam „unmittelbar zu Gott“: als eine Epoche eigenen Rechts. Nicht zu leugnen sind also die Einflüsse des Historismus auf Nipperdeys Stil und Arbeitsweise.[14] Anekdoten und Vergleiche finden sich in seiner Darstellung eher selten, provokante Thesen sucht man vergeblich. Thomas Nipperdey war in seiner Geschichtsschreibung stets um Objektivität bemüht.[15] Dennoch wurde ihm vorgeworfen, etwa in der Kriegsschuldfrage eine zu prodeutsche Sichtweise vertreten zu haben und im Allgemeinen oft zu milde urteilend und unkritisch gewesen zu sein.[16] In der Tat findet sich in seinem Werk wiederholt der Ausspruch, man müsse den Urgroßvätern gegenüber Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Positivität und Christentum in Hegels Jugendschriften. Dissertation, Köln 1953.
  • Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918. Habilitationsschrift, Düsseldorf 1961.
  • Reformation, Revolution, Utopie: Studien zum 16. Jahrhundert. Göttingen 1975.
  • Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte. Göttingen 1976.
  • Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays. München 1986.
  • Religion im Umbruch. Deutschland 1870–1918. München 1988.
  • Deutsche Geschichte 1800–1918. München 1998, Neuausgabe München 2013. Zuvor getrennt erschienen als:
    • Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 1983.
    • Deutsche Geschichte 1866–1918. Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990.
    • Deutsche Geschichte 1866–1918. Machtstaat vor der Demokratie. München 1992.
  • Wie das Bürgertum die Moderne fand. Stuttgart 1998.
  • Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3, S. 23.
  2. Wolfgang J. Mommsen: Rezension zu: Thomas Nipperdey: Die Organisation der deutschen Parteien bis 1918. In: HZ Bd. 199, 1964, S. 627–632, rezensierte die Habilitationsschrift sehr positiv: „Der souveränen Auswertung eines aus weit verstreuten Bereichen zusammengetragenen großen Quellenmaterials und der methodischen Leistung N.[ipperdey]s gebührt höchstes Lob.“ (Ebenda, S. 632).
  3. Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3, S. 16.
  4. http://bund-freiheit-der-wissenschaft.de/content/g_vorstand.htm
  5. Horst Möller: Aufklärung und Demokratie. Historische Studien zur politischen Vernunft. München 2003, S. 396.
  6. Horst Möller: Zum historiographischen Werk Thomas Nipperdeys. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 40. Jahrgang 1992, 4. Heft (als PDF-Datei online, abgerufen am 6. Mai 2016), S. 469-482. Hier S. 477.
  7. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. (Band 2: Machtstaat vor der Demokratie.) C.H. Beck, 3. Aufl. 1995, S. 903.
  8. Hans-Ulrich Wehler: Deutschland von Napoleon bis Bismarck. Thomas Nipperdeys „Deutsche Geschichte 1800-1866“: Ein Meisterwerk historischer Synthese. In: Die Zeit, 1983 (online, abgerufen am 6. Mai 2016.)
  9. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat (Band 2: Machtstaat vor der Demokratie.) C.H. Beck, München 2012, S. 11.
  10. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik.S. 5.
  11. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. (Band 2: Machtstaat vor der Demokratie.) C.H. Beck, München, 3. Aufl. 1995, S. 880.
  12. Horst Möller: Zum historiographischen Werk Thomas Nipperdeys. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 40. Jahrgang 1992, 4. Heft (als PDF-Datei online, abgerufen am 6. Mai 2016), S. 469-482. Hier S. 470.
  13. Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3, S. 317.
  14. Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3, S. 24, 279 und 318.
  15. Paul Nolte (Hrsg.): Thomas Nipperdey. Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München 2013, ISBN 978-3-406-65377-3, S. 318.
  16. Vergleiche Volker Ullrich: Ambivalenzen der Normalität. Der dritte Band von Thomas Nipperdeys großer Trilogie über die deutsche Geschichte von 1800 bis 1918. In: Die Zeit, 2. Oktober 1992, abgerufen am 6. Mai 2016.