Thomas Oberender

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Thomas Oberender, 2010

Thomas Oberender (* 11. Mai 1966 in Jena) ist ein deutscher Autor und Dramaturg und seit Januar 2012 Intendant der Berliner Festspiele.

Er veröffentlichte Stücke, Kritiken und Essays über Künstler sowie über politische und ästhetische Transformationsprozesse. Oberender gründete mehrjährige Formate für Theater, Kunst und Literatur und gestaltet zeitbasierte Ausstellungen. Seit 2018 berät er Institutionen und Führungskräfte in Fragen des kulturellen Strukturwandels und der Entwicklung in Ostdeutschland.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Oberender studierte nach Berufsausbildung und Abitur in Weimar von 1988 bis 1993 an der Humboldt-Universität zu Berlin Theaterwissenschaft und parallel bis 1995 an der UdK Berlin im Studiengang „Szenisches Schreiben“. An der Humboldt-Universität promovierte er 1999 mit einer Arbeit über Botho Strauß, der zwei Buchpublikationen über diesen Autor folgten. Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitete er freiberuflich als Dramatiker, Kritiker, Essayist und Publizist, u. a. für Die Zeit, Frankfurter Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ, den Berliner Tagesspiegel und verschiedene Hörfunksender. Als Mitbegründer und Namensgeber der Autorentheatervereinigung Theater neuen Typs (TNT) präsentierte er ab 1997 neue Theatertexte deutschsprachiger Autoren in Berlin.

Seit 1998 übernahm Oberender Lehraufträge in Dramentheorie und Theatergeschichte, u. a. an der Universität der Künste Berlin, der Ruhr-Universität Bochum und Universität Zürich. 1999 wurde er Leitender Dramaturg am Schauspielhaus Bochum. Für die Ruhrtriennale entwickelte er das Literaturfestival „Wiedererrichtung des Himmels“, gefolgt von dem Literaturfestival „Schule der Romantik“ 2005.[1] Er übernahm die Co-Direktion am Schauspielhaus Zürich für die Spielzeit 2005/06 und leitete anschließend von 2007 bis 2011 das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele.[2][3][4] Hier öffnete er das einst von Max Reinhardt bewohnte Schloss Leopoldskron wieder für Festspielproduktionen, war verantwortlich u. a. für die Programmreihen „Dichter zu Gast“, „Blicke ins innere Österreich“ und „Young Directors Project“, das durch Martine Dennewald kuratiert wurde.[5][6][7][8][9] 2011 erhielt er das „Stadtsiegel der Landeshauptstadt Salzburg in Gold“[10] und „Goldenes Ehrenzeichen“ des Landes Salzburg.[11]

Für die Kulturhauptstadt RUHR 2010 entwickelte er die „Odysseeprojekt“-Reihe „Die Erfindung der Freiheit“.[12] Seit 2012 ist er Intendant der Berliner Festspiele und seit 2016 Künstlerischer Leiter der von ihm gegründeten Programmreihe „Immersion“. Sie gestaltet Erfahrungsräume im Übergangsbereich zwischen Ausstellung und Aufführung und reflektiert den Begriff „Immersion“ kritisch im Hinblick auf ein sich veränderndes Subjekt-Objekt-Verhältnis und sich daraus ergebende Entwicklungen in der künstlerischen Produktion. Auf seine Anregung entstanden 2016 die interdisziplinären Formate „Schule der Distanz“, 2017 „Limits of Knowing“ und 2018 „INTO WORLDS. Das Handwerk der Entgrenzung“. Die von ihm in Kooperation mit dem Planetarium Hamburg konzipierte Reihe „The New Infinity“ öffnet seit 2018 Planetarien für Künstler des digitalen Zeitalters. Außerdem arbeitete er mit Künstlern wie Ed Atkins, Vegard Vinge/Ida Müller, Jonathan Meese, Ilya Khrzhanovsky und Philippe Parreno zusammen.

Als Kurator konzipierte Oberender mit Tino Seghal 2018 die zeitbasierte Ausstellung „Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren“[13] und 2019 mit einem erweiterten kuratorischen Team den Palast der Republik als einen „Palast der Gegenerzählungen“[14] anlässlich des dreißigsten Jubiläums der Maueröffnung. Die von ihm initiierte Ausstellung von Philippe Parreno im Gropius Bau wurde 2019 zur „Ausstellung des Jahres 2018“ gewählt.[15] Die Neubetrachtung der Transformationsgeschichte in Ostdeutschland nach 1989 ist seit 2017 ein wichtiger Gegenstand seiner Arbeit und Texte.

2018 berief er Stephanie Rosenthal zur neuen Direktorin des Martin Gropius Baus in Berlin.[16] 2019 war er im Tandem mit der Kulturministerin Isabel Pfeifer Poensgen für die Gestaltung der Strukturentwicklungsinitiative „Ruhrkonferenz 2019“ im Bereich „Künstler-Metropole Ruhr“ zuständig.[17] 2013 wurde er zum Jurymitglied des International Ibsen Award  in Oslo berufen[18] und war hier an der Ehrung von Künstlern wie Peter Handke, Forced Entertainment und Christoph Marthaler beteiligt. Im November 2020 wurde Oberenders Festspiele-Intendantur um weitere fünf Jahre bis zum 31. Dezember 2026 verlängert.[19] Ein halbes Jahr später am 16. Juni 2021 teilten die Berliner Festspiele in einer Pressemitteilung mit, dass Oberender sich umentschieden hat und seine Tätigkeit zum Jahresende 2021 beenden will, um sich neuen Herausforderungen zuzuwenden.[20]

Seit 1997 ist Thomas Oberender mit Bettina Oberender verheiratet. Sie haben einen Sohn. Thomas Oberender lebt in Berlin.

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steinwald’s (Theaterstück, Verlag der Autoren 1995)
  • Übersetzung: Tim Etchells Quizoola! (Rowohlt Verlag, 1998)
  • Der Gebärdensammler (Texte über das Theater von Botho Strauß, 1999)
  • Nachtschwärmer (Theaterstück, Verlag der Autoren 2000)
  • Gott gegen Geld (Hrsg., Alexander Verlag, 2002)
  • Krieg der Propheten (Hrsg., Alexander Verlag, 2004)
  • 100 Fragen an Heiner Müller. Eine Séance (mit Moritz von Uslar, Verlag der Autoren, 2005)
  • Das Treffen / the other side (mit Sebastian Orlac, Verlag der Autoren 2005)
  • Unüberwindliche Nähe. Texte über Botho Strauß (Hrsg., Theater der Zeit, 2005)
  • Kriegstheater. Zur Zukunft des Politischen III (Hrsg., Alexander Verlag, 2005)
  • Übersetzung: David Greig Timeless (Rowohlt Theaterverlag, 2006)
  • Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird (Hanser Verlag, 2009)
  • Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit. Müry Salzmann, Salzburg 2011, ISBN 978-3-99014-036-9.
  • Nebeneingang oder Haupteingang? – Gespräche mit Peter Handke über 50 Jahre Schreiben fürs Theater (Suhrkamp Verlag, 2014)
  • Limits of Knowing, Katalog (Hrsg. mit Joanna Petkiewicz, Kerber Verlag, 2017)
  • Gropiusbau 2018, Katalog Philippe Parreno (Hg. mit Angela Rosenberg, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2018)
  • Occupy History. Decolonisation of Memory. The East German Revolution and the West German Takeover. (Krytyka Polityczna Athens, 2019)
  • Occupy History. Gespräche im Palast der Republik dreizehn Jahre nach seinem Verschwinden. Vier Gespräche und ein Essay. (Verlag der Buchhandlung Walter König, 2019)
  • Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen. Tropen Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50470-5.
  • CHANGES. Berliner Festspiele 2012–2021 (Hrsg., Theater der Zeit, 2021), ISBN 978-3-95749-398-9.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1993: Preis der Frankfurter Autorenstiftung für Steinwald’s
  • 2000: Deutscher Jugendtheaterpreis für Nachtschwärmer
  • 2011: Stadtsiegel der Landeshauptstadt Salzburg in Gold
  • 2011: Goldenes Ehrenzeichen des Landes Salzburg

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. RuhrTriennale 2005–2007 – Schule der Romantik. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  2. Jürgen Flimm vergrault seinen Schauspielchef
  3. Jürgen Flimm verläßt die Salzburger Festspiele auch sein Schauspielchef Thomas Oberender geht
  4. Thomas Oberender wird neuer Intendant
  5. Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  6. Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  7. Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  8. Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  9. Salzburger Festspiele / Archiv. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  10. Sabine Möseneder: Stadtsiegel in Gold für scheidenden Schauspielchef der Festspiele – Stadt Salzburg. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  11. Salzburger Festspiele/SALZBURGER FESTSPIELE BLOG. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  12. Ulrich Deuter: Theatermarathon Odyssee Europa quer durchs Ruhrgebiet. 20. Februar 2010, abgerufen am 10. Februar 2020.
  13. Berliner Festspiele: Gropius Bau - Welt ohne Außen. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  14. Berliner Festspiele: Immersion – Palast der Republik. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  15. Gropius Bau exhibition by artist Philippe Parreno was awarded "Best Exhibition 2018" in London. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  16. Stephanie Rosenthal Named CEO and Director of Martin-Gropius-Bau in Berlin. Abgerufen am 11. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  17. Ruhr-Konferenz. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  18. Committee. Abgerufen am 11. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  19. Oberender bleibt Intendant der Berliner Festspiele, Kulturnachrichten auf deutschlandfunkkultur.de, erschienen und abgerufen am 26. November 2020
  20. Thomas Oberender verlässt die Berliner Festspiele, nachtkritik.de, erschienen und abgerufen am 16. Juni 2021