Thomas Rudolph (Bürgerrechtler)

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Thomas Rudolph

Thomas Rudolph (* 21. Februar 1963 in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz)) ist ein deutscher Bürgerrechtler. Er gehörte in den 1980er Jahren zur Opposition in der DDR. Er gründete den Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig und trug in Zusammenarbeit mit weiteren Bürgerrechtsgruppen in öffentlichen Aktionen in Leipzig wesentlich zur Organisation von Massenprotesten gegen die SED-Herrschaft bei.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er wuchs in einer evangelisch-lutherischen Familie als ältestes zweier Kinder auf. Seine Eltern gehörten der technischen Intelligenz an und waren im Maschinenbau beschäftigt.

Infolge der Ablehnung des staatlich erwarteten Bekenntnisses in Form der obligaten Jugendweihe und weiterer individueller Verweigerungen gegen das indoktrinäre sozialistische Schulsystem blieb ihm die Möglichkeit verwehrt, eine Erweiterte Oberschule (das DDR-Gymnasium) zu besuchen. Es gelang ihm jedoch an einem der wenigen kirchlichen Gymnasien, dem Proseminar der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Moritzburg, 1981 das humanistische Abitur abzulegen. Dieser Abschluss wurde vom Staat nicht allgemein als Zugangsberechtigung für staatliche Hochschulen und Universitäten anerkannt. Danach nahm Rudolph im VEB Reifenwerk eine mehrmonatige Tätigkeit als Gummipresser im Schichtsystem auf. Für sein Engagement zugunsten der hygienischen und sonstigen Arbeitsbedingungen in der Produktion wurde er von der Belegschaft zum FDGB-Vertrauensmann gewählt.

Von 1982 bis 1983 leistete er die staatliche 18-monatige Wehrpflicht in der einzigen legalen Weise der Verweigerung ab: als Bausoldat ohne Waffe im Rahmen der Nationalen Volksarmee. Zu einer Wehrdiensttotalverweigerung vermochte er sich angesichts der Gefängnisstrafe nicht durchzuringen. Von Herbst 1983 bis 1988 studierte er Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und danach an der kirchlichen Hochschule Theologisches Seminar Leipzig (ThSL), wobei sein Interesse vornehmlich den historischen und philosophischen Fragen galt.

Politisch-subversives Engagement bis zur Revolution 1989[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Seit Ende der 70er Jahre war er als Vertreter einer Jungen Gemeinde im Kreis der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Jugendpfarramtes von Karl-Marx-Stadt in die damaligen innerkirchlichen Diskussionsprozesse im Nachgang der Ausbürgerung von Wolf Biermann und der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz sowie der Proteste gegen die Einführung eines Wehrersatzdienstes in den DDR-Schulen eingebunden. Er war dabei bemüht, die christliche Jugendarbeit für politische Fragen zu sensibilisieren, und beteiligte sich an der Vorbereitung der ersten Friedensdekaden. Im Zusammenhang einer von ihm 1981 mitbegründeten kirchen-unabhängigen Friedensgruppe, welche sich u.a. mit dem Ost-West-Konflikt und der Frage der Einhaltung der Menschenrechte befasste, geriet er frühzeitig ins Blickfeld des Staatssicherheitsdienstes. Die Gruppe wurde 1982 vom Staat zerschlagen.[1]

1984 beteiligte sich Rudolph an einer Friedensgruppe in Halle, die sich überwiegend aus Theologie-Studenten zusammensetzte. Gemeinsam mit Freunden verweigerte er Teile der für Studenten an staatlichen Studieneinrichtungen obligatorischen Zivilverteidigungsausbildung.

1987 entschied er sich gemeinsam mit Freunden, in offenen Widerstand zum SED-Staat zu treten. Sie begründeten die Bürger- und Menschenrechtsgruppe Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig. Für diesen war Rudolph ab 1988 als einer ihrer Sprecher hauptamtlich tätig. Nachdem es im Januar 1988 in Ost-Berlin zu Verhaftungen Oppositioneller im Zusammenhang mit der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration gekommen war, gründete er den Sonnabendskreis, der sich um die Vernetzung der Oppositionsgruppen in der DDR bemühte und aus dem die erste ostdeutschlandweite Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR entstand.

Nachdem es bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig im September sowie im Oktober auch in Dresden und in anderen DDR-Städten zu brutalen Übergriffen auf festgenommene Demonstranten gekommen war, entwarfen Christoph Wonneberger, Kathrin Walther und Thomas Rudolph den Vorschlag zum Appell gegen Gewalt: „Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt! Wir sind ein Volk!“[2]. Am Wochenende vor dem 9. Oktober 1989 wurde der Text von drei Leipziger subversiven Gruppen überarbeitet, als Beschluss verabschiedet und in mindestens 20.000 Exemplaren gedruckt. Am Montag wurde das Flugblatt nicht nur vor dem Friedensgebet um die Leipziger Nikolaikirche, sondern in der gesamten Innenstadt verteilt. In mehreren Leipziger Kirchen wurde der Text verlesen. Die entscheidende Montagsdemonstration mit weit über 70.000 Teilnehmern verlief erstmals friedlich.

„Die Ausreiseantragsteller hatten hier nichts mehr zu verlieren, waren also viel risikofreudiger, und deshalb waren sie erst einmal, vor allem Anfang 1988, unsere Verbündeten, weil sie mit uns demonstriert haben, im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Bürgern. [...] Das Wichtigste war, zu zeigen, dass Protest möglich ist, und wir haben das immer um die Nikolaikirche herum gemacht, weil wir einen Kulminationspunkt schaffen wollten, so ähnlich wie die Solidarność das um die Brigittenkirche in Danzig gemacht hat, so ähnlich hatten wir uns das eineinhalb Jahre vorher um die Nikolaikirche ausgedacht. Und das Konzept ist letztlich aufgegangen. [...] Wir hatten begrenzte Ziele: Wir wollten nur quasi das SED-Politbüro oder die Regierung, wie immer man das auch bezeichnen will, stürzen und durch eine andere ersetzen. Da wir solche begrenzten Ziele hatten, gibt es in Leipzig so gut wie niemanden unter den Bürgerrechtlern, der über den Ausgang unzufrieden ist.“

Thomas Rudolph im Interview[3]

Im Jahre 1989 ging in Leipzig aus den Bürger- und Menschenrechtsgruppen Arbeitsgruppe Menschenrechte und Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig mehrheitlich die Initiative Frieden und Menschenrechte Leipzig hervor, zu deren dortigen Mitbegründern Rudolph gehörte. Diese Organisation erschien den beiden subversiven Gruppen schon zuvor vorbildhaft: „Die Initiative ist angetreten, die SED zu stürzen, auch wenn sie es am Anfang nicht so gesagt hat.“[4] Neben Werner Fischer und Gerd Poppe wurde Rudolph zu einem von drei DDR-Sprechern der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) gewählt. Zur Leipziger Montagsdemonstration am 27. November 1989 kündigte er einen Runden Tisch für die DDR an – so wie in Polen und Ungarn.[5] Er vertrat die IFM am Runden Tisch der Stadt und des Bezirkes Leipzig in den ersten Monaten. Als Mitarbeiter des Bürgerkomitees Leipzig engagierte er sich für die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes der DDR.

Wirken seit der Einheit Deutschlands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990 bis 1994 war Rudolph als Mitarbeiter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im ersten demokratisch gewählten Sächsischen Landtag der Bundesrepublik tätig, zunächst als Pressereferent und danach für den innenpolitischen Sprecher der Fraktion, Michael Arnold, als dessen persönlicher Referent bzw. Berater im Untersuchungsausschuss zu Amts- und Machtmißbrauch in Folge der SED-Herrschaft.[6]

Von August 1991 bis Sommer 1994 wirkte Rudolph als ehrenamtlicher Archivleiter des Forschungszentrums zu den Verbrechen des Stalinismus in der DDR im Rahmen des IFM e.V. in Dresden. Seit 1998 engagierte er sich im Archiv der Initiative Frieden und Menschenrechte Sachsen e.V. (IFM-Archiv Sachsen) im Vorstand sowie in der Forschungsarbeit.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller, Christoph Wonneberger (Hrsg.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR vom August 1987 bis zum Dezember 1989. Bd. 1, Leipzig, Araki, 2014, ISBN 978-3-941848-17-7, S. 361 f.
  • Thomas Mayer: Der Chef des Ameisentransports. Intelligent und renitent - Thomas Rudolph, einst wichtiger Kopf der Bürgerrechtler, heute Sozialarbeiter. In: Ders.: Helden der friedlichen Revolution. 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig. (= Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Band 10). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2009, ISBN 978-3-374-02712-5, S. 30–37 bzw. in: Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 28./ 29. Juni 2008.
  • Thomas Rudolph im Interview 1990 und 1992 in: Hagen Findeis/ Detlef Pollack/ Manuel Schilling: Die Entzauberung des Politischen. Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden? Interviews mit ehemals führenden Vertretern, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994, ISBN 3-374-01522-0, S. 192–205.
  • Hermann Geyer: Nikolaikirche, montags um fünf. Die politischen Gottesdienste der Wendezeit in Leipzig. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007 (Universität Leipzig, Habil.-Schr. 2006), ISBN 978-3-534-18482-8, S. 16, 99, 111f., 116f., 131, 144, 161, 286 Inhaltsverzeichnis.
  • Reinhard Bernhof: Die Leipziger Protokolle. Halle, projekte verlag, 2004, S. 32.
  • Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989. Berlin, Christoph Links Verlag, 2. Aufl. 1998 (Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000) ISBN 3-86153-163-1, S. 725–726, 783, 862.
  • Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg.): Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1994, ISBN 3-374-01551-4 Buch im Netz, gesichtet am 1. März 2016.
  • Sylvia Kabus: Neunzehnhundertneunundachtzig. Psychogramm einer Stadt. Beucha, Sax Verlag, 2009, ISBN 978-3-86729-041-8, S. 166 f. und 170.
  • Peter Wensierski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution. Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2017, ISBN 978-3-421-04751-9. [Im Zentrum dieser Darstellung steht die Leipziger Initiativgruppe Leben (IGL), aber auch Personen aus dem Arbeitskreis Gerechtigkeit wurden in die Handlung einbezogen.]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller, Christoph Wonneberger (Hrsg.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR von 1987–1989. Leipzig, Araki, 2014, ISBN 978-3-941848-17-7, S. 361.
  2. Appell des organisierten Widerstandes zur Gewaltlosigkeit am 9. Oktober 1989
  3. Thomas Rudolph im Interview mit Monika Martin: Freiheit wagen! Montag, 04.09.1989: Montagsdemo in Leipzig, in: Deutsche Welle (DW) vom 4. September 1999.
  4. Thomas Rudolph im Interview in: Hagen Findeis/ Detlef Pollack/ Manuel Schilling: Die Entzauberung des Politischen. Was ist aus den politisch alternativen Gruppen der DDR geworden? Interviews mit ehemals führenden Vertretern, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994, S. 195.
  5. Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.: Thomas Rudolphs Rede im Ausschnitt als Audio-Datei gegen Ende der Seite.
  6. Siehe: Minderheitenvotum des Abgeordneten Arnold zum Schlußbericht des Sonderausschusses des Sächsischen Landtages zur Untersuchung von Amts- und Machtmißbrauch infolge der SED-Herrschaft vom 20. Juni 1994 zu Drucksache 1/4773 des Sächsischen Landtages; Anlagen zum Minderheitenvotum; Anlage T1; Anlage T12.
  7. Vgl. Thomas Rudolph im Interview mit Monika Martin: Freiheit wagen! Montag, 04.09.1989: Montagsdemo in Leipzig, in: Deutsche Welle (DW) vom 4. September 1999.