Thomas Urban

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Thomas Urban beim Interview mit Lech Wałęsa (1992)

Thomas Urban (* 20. Juli 1954 in Leipzig) ist ein deutscher Journalist und Sachbuchautor.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urbans Eltern stammen aus Breslau.[1] Als Heimatvertriebene ließen sie sich zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone bei Leipzig nieder. Ende 1955 floh die Familie aus der DDR. Seine Schulzeit verbrachte Urban in der Industriegemeinde Oberaußem bei Köln im Rheinischen Braunkohlerevier. 1973 bestand er am Erftgymnasium in Bergheim das Abitur.[2][3] Anschließend leistete er Wehrdienst und wurde Reserveoffizier. Er betrieb Judo als Leistungssport und erreichte den 1. Dan. An der Universität zu Köln studierte er Romanistik, Slavistik und Osteuropäische Geschichte; dank mehrerer DAAD-Stipendien studierte er auch in Tours, Kiew und Moskau.

In Köln wurde Urban Mitarbeiter des aus der Sowjetunion ausgebürgerten russischen Dissidenten Lew Kopelew.[4] Zum Graduiertenstudium begab er sich 1981/82 an die Lomonossow-Universität Moskau. Da er Briefe und Medikamente für Dissidenten transportierte, wurde er vom KGB verhaftet und abgeschoben.[5] Urban fand eine Anstellung als Russischlehrer im Bundessprachenamt.[6]

Journalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Besuch der Henri-Nannen-Schule in Hamburg arbeitete er zunächst für Associated Press (AP), dann für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), bis er zur Süddeutschen Zeitung (SZ) wechselte, für die er von 1988 bis 2012 aus Osteuropa berichtete. Bis 1992 war er in Warschau, 1992 bis 1997 in Moskau, danach berichtete er aus Kiew und wieder Warschau.

2012 übernahm er das Korrespondentenbüro in Madrid.[7] In Kommentaren und Analysen verteidigte er die Austerität als Ausweg aus den Wirtschaftskrisen Spaniens und Portugals.[8][9]

Beiträge zur Geschichte Osteuropas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urban legte mehrere Bücher über die deutsch-polnische Konfliktgeschichte vor, beginnend mit den Kontroversen um die deutsche Minderheit in Polen: „Deutsche in Polen“ (1993). In seiner Rezension für Die Zeit unterstrich Klaus Bednarz, dass der Autor „ebenso vorurteils- wie emotionslos“ ein in Polen „lange geleugnetes“ Kapitel der Zeitgeschichte aufarbeite.[10]

Für sein Buch „Der Verlust“ (2004) über die wechselseitigen Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen von Deutschen und Polen wurde er mit dem Georg-Dehio-Buchpreis ausgezeichnet. In seiner Laudatio stellte Professor Hans Maier fest, die „sachkundige und objektive“ Darstellung hinterlasse beim Leser „Nachdenklichkeit“.[11] Klaus Bednarz befand in seiner Rezension, dass das Buch eine „wertvolle Hilfe“ bei der „Verständigung zwischen Deutschen und Polen“ sei.[12] Der frühere schweizerische Diplomat Paul Stauffer meinte, die in ihrer „Unverkrampfheit sympathische“ Darstellung lasse auf eine „Auflockerung der starren Feindbilder“ hoffen.[13]

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt betrauten Urban für die von ihnen ab 2008 herausgegebene Buchreihe "Die Deutschen und ihre Nachbarn" mit dem Band über Polen. In seiner Rezension in der Zeit nannte Klaus Harpprecht ihn "eine vorzügliche Studie, die zu der Hoffnung Anlass gibt, dass zwischen Polen und Deutschen eine ähnlich intensive Partnerschaft gedeihen könnte, wie sie zwischen Franzosen und Deutschen gewachsen ist".[14]

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Monographie „Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre“ (2003) zeichnete er die russische Literaturszene in Berlin in den Jahren 1921 bis 1923 nach.[15]

Sein Buch „Katyn 1940“ (2015) nannte Rainer F. Schmidt in der FAZ eine „zeitgeschichtliche Leistung höchsten Ranges“.[16] Der Schriftsteller Marko Martin bezeichnete es in der Welt als „Standardwerk“.[17]

In der von Heribert Prantl herausgegebenen Reihe „Streitschrift“ der „Süddeutschen Zeitung edition“ erschien Urbans Buchessay „Die Irrtümer des Kremls“ zur Annexion der Halbinsel Krim durch Russland sowie zum russisch-ukrainischen Krieg um das Donbass. Rupert Neudeck nannte in seiner Rezension den Essay „vorzüglich“, verfasst von jemandem, der „ganz genau Bescheid weiß in einer aufgeregten Debatte“.[18]

Fußball und Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonderes Interesse Urbans fand die politische Fußballgeschichte Polens und der Sowjetunion. Die zeitgeschichtliche Monographie „Schwarzer Adler, weißer Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik“ (2011) nannte der elsässische Autor Martin Graff eine „wahre Fundgrube“, Fußball sei als „Spiegelbild der Vergangenheit“ dargestellt.[19]

Während der Fußballeuropameisterschaft 2012 wurde eine von Urban auf der Grundlage des Buchs mitgestaltete Ausstellung in der deutschen Botschaft sowie dem Haus der Geschichte in Warschau gezeigt.[20][21] Urban wurde ins Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft bei Nizza eingeladen, um an einem Informationsabend für die Spieler über die Gastgeberländer Polen und Ukraine mitzuwirken.[22]

Aus Anlass der Fußballeuropameisterschaft 2012, deren Finale in Kiew ausgetragen wurde, analysierte er russische und ukrainische Publikationen zum angeblichen Todesspiel von 1942, dessen Folgen (Exekution sowjetischer Fußballer, die im besetzten Kiew eine Wehrmachtself geschlagen haben) nach seiner Darstellung eine Legende der sowjetischen Propaganda waren.[23] Nach seiner Ansicht stellte nicht nur der sowjetische Spielfilm „Die dritte Halbzeit“ (Treti taim, 1964), sondern auch die russische Neuverfilmung des Themas, „Match“ (2012), den Gang der Dinge erheblich verfälscht dar.[24]

Ebenso beleuchtete er das Schicksal der Fußballbrüder Starostin in der Sowjetunion der Stalinzeit.[25][26]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urban ist mit einer Polin aus Wrocław verheiratet, der Heimatstadt seiner Eltern.[27]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher
Beiträge
  • Wikipedia: Über hundert Fehler, super! Online-Lexikon. Ein mangelhafter Text erhält einen Preis Süddeutsche Zeitung, 16. Dezember 2015.
  • Der Mythos vom Kiewer Todesspiel, in: Vom Konflikt zur Konkurrenz. Deutsch-polnisch-ukrainische Fußballgeschichte. Hrsg. D. Blecking, L. Pfeiffer, R. Traba. Die Werkstatt, Göttingen 2014, S. 205–221, ISBN 978-3-7307-0083-9.
  • Die Fußballbrüder StarostinBerias Opfer im GULAG; in: Sportler im „Jahrhundert der Lager“. Hrsg. D. Blecking/L. Pfeiffer. Die Werkstatt, Göttingen 2012; ISBN 978-3-89533-872-4; S. 280–285.
  • Gajto Gasdanow – ein Schriftsteller des "Russkij Montparnasse" / Гайто Газданов – писатель "русского Монпарнаса"; in: Tatjana Lukina (Hrsg.): Das russische München / Русский Мюнхен; MIR e.V., Zentrum russischer Kultur in München, München 2010, ISBN 978-3-9805300-9-5; S. 184–193.
  • The Turning Years / Wendejahre in Polen; in: Witold Krassowski: Powidoki z Polski / Afterimages of Poland / Ansichten, Nachsichten; EKpictures, Warszawa 2009; ISBN 978-83-910577-1-1; S. 9–15.
  • Deutsche, Polen und Juden – eine verzwickte Dreiecksbeziehung; in: Krzysztof Ruchniewicz, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Zwischen Zwangsarbeit, Holocaust und Vertreibung. Polnische, jüdische und deutsche Kindheiten im besetzten Polen; Juventa, Weinheim / München 2007, ISBN 978-3-7799-1733-5; S. 27–41.
  • Ilja Ehrenburg als Kriegspropagandist; in: Karl Eimermacher, Astrid Volpert (Hrsg.): Tauwetter, Eiszeit und gelenkte Dialoge. Russen und Deutsche nach 1945; West-östliche Spiegelungen. Neue Folge, 3; Fink, Paderborn / München 2006; ISBN 978-3-7705-4088-4; S. 455–488.
  • Vertreibung als Thema in Polen; in: Petra Rösgen (Red.): Flucht, Vertreibung, Integration. Reden zur Ausstellungseröffnung am 2. Dezember 2005; [Eröffnung der Ausstellung Flucht, Vertreibung, Integration am 2. Dezember 2005]; Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2006; ISBN 3-9808132-9-0; S. 156–165.
  • Niemcy nad Wisłą – wczoraj i dziś / Deutsche an der Weichsel – gestern und heute; in: Georgia Krawiec (Hrsg.): Niemcy w Polsce / Deutsche in Polen; Droste, Warschau 2005; S. 15–22.
  • Die Splett-Debatte in Polen seit 1989; in: Ulrich Bräuel, Stefan Samerski (Hrsg.): Ein Bischof vor Gericht. Der Prozeß gegen den Danziger Bischof Carl Maria Splett 1946; fibre, Osnabrück 2005; ISBN 3-929759-98-5; S. 25–44.
  • Historische Belastungen der Integration Polens in die EU; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 5–6/2005, 31. Januar 2005, S. 32–39.
  • Geschichtsstreit – Vier Schicksalsjahre; in: GEO Special Polen. Nr. 4/2004, S. 98–101.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsch-polnische Fußballgeschichten, n-tv.de, 5. September 2011.
  2. erftgymnasium.de
  3. Anja Musick: Poldi, Polen und der Fußball, Kölner Stadt-Anzeiger, 28. März 2012.
  4. Lew Kopelew Forum@1@2Vorlage:Toter Link/termine.ksta.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., kast.de 3. Juni 2015.
  5. Archivierte Kopie (Memento2des Originals vom 27. September 2013 im Webarchiv archive.is) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kiev-dialogue.org
  6. http://www.medientage.org/c205,paneli_ci.html
  7. Katalonien will sich abspalten. In: sueddeutsche.de. 26. September 2012, abgerufen am 17. März 2018.
  8. Sparen kann die Lösung sein, sz.de, 2. September 2015.
  9. Sparen unvermeidbar, bpb.de, 6. Oktober 2015.
  10. Lange geleugnet. Thomas Urbans Geschichte der deutschen Minderheit in Polen, in: Die Zeit, 26. November 1993, S. 48.
  11. Feierliche Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2006 an Karl-Markus Gauß und Thomas Urban, kulturforum.info
  12. Klaus Bednarz, Verzeihen und verzichten, in: Die Zeit, 11. November 2004, S. 28.
  13. Paul Stauffer, Vertreibung – Übel eines Jahrhunderts, in: Neue Zürcher Zeitung, 20./21. August 2005.
  14. Klaus Harpprecht, Was wir voneinander wissen sollten, in: Die Zeit, 26. Februar 2009, S. 52.
  15. Ansteckungsgefahr in Berlin, taz.de, 12. November 2003.
  16. Exkulpation der Sowjets?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juni 2015. S. 14.
  17. Ein Massenmord, der fast vergessen worden wäre, in: Die Welt, 9. Mai 2015, S. 7.
  18. Die Irrtümer des Kremls, sonnenseite.de, 13. August 2015.
  19. Schwarzer Adler, Weisse Adler, in: Die Rheinpfalz. Magazin. Blick über Grenzen, 9. Juni 2012.
  20. White Eagles, Black Eagles. Polish and German footballers in the shadow of politics, dsh.waw.pl
  21. Weiße Adler – schwarze Adler, willimowski.football
  22. Bayernspieler ab jetzt voll dabei, in: spiegel.de, 28. Mai 2012.
  23. Der Mythos vom Kiewer Todesspiel, in: Vom Konflikt zur Konkurrenz. Deutsch-polnisch-ukrainische Fußballgeschichte. Hrsg. D. Blecking, L. Pfeiffer, R. Traba. Göttingen 2014, S. 205–221
  24. Das Kiewer „Todesspiel“ 1942. Die Spielfilme zum 20. und zum 70. Jahrestag, in: SportZeiten, 1.2014, S. 7–18.
  25. Die Fußballbrüder Starostin – Berias Opfer im GULAG, in: Sportler im „Jahrhundert der Lager“. Hrsg. D. Blecking/L. Pfeiffer. Göttingen 2012, S. 280–285.
  26. Nikolai Starostin. Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg einer Spielerlegende, in: Russkij Futbol. Ein Lesebuch. Hrsg. S. Feisberg, T. Köhler, M. Brand. Göttingen 2018, S. 64–75.
  27. Klaus Bednarz, Lange geleugnet. Thomas Urbans Geschichte der deutschen Minderheit in Polen, in: Die Zeit, 26. November 1993, S. 48.
  28. Thomas Urban, bei Georg Dehio-Buchpreis