Thomaskirche (Leipzig)

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Westfront der Thomaskirche (2019)
Die Thomaskirche von Osten (2019)
Thomaskirche (1547)
Thomaskirche (1615)

Die Thomaskirche in Leipzig ist – zusammen mit der Nikolaikirche – eine der beiden Hauptkirchen der Stadt und als Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs und des Thomanerchores weltweit bekannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mendelssohn-Portal (2019)

Zwischen 1212 und 1222 wurde die ältere Marktkirche zur Stiftskirche des neuen Thomasklosters der Augustiner-Chorherren umgebaut. Der Minnesänger Heinrich von Morungen soll dem Kloster anlässlich seines Eintritts eine Reliquie des Hl. Thomas geschenkt haben, die er aus Indien mitgebracht hatte. Reste des romanischen Baus kamen bei archäologischen Grabungen zu Tage.

Der Thomanerchor wurde bereits 1212 gegründet und ist somit einer der ältesten Knabenchöre Deutschlands. Im Laufe der Geschichte bekleideten immer wieder bedeutende Komponisten und ausübende Musiker das angesehene Amt des Thomaskantors.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gelangte Leipzig durch Silberfunde im Erzgebirge zu üppigem Wohlstand. So riss man das alte Kirchenschiff 1482 ab und errichtete es in der großteils bis heute bestehenden Gestalt neu.[1] Die Kirche wurde durch den Merseburger Bischof Thilo von Trotha am 10. April 1496 erneut geweiht. Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr sie einige An- und Umbauten; am bedeutendsten ist dabei der 68 m hohe Turm, dessen unterstes Geschoss noch aus der Zeit vor 1355 stammt, der im 14. Jahrhundert den achteckigen Aufsatz und Mitte des 19. Jahrhunderts seine jetzige Gestalt erhielt.[2]

Zu Pfingsten 1539 predigte hier der Reformator Martin Luther.

Die äußere Gestalt der Kirche ist vor allem von Renovierungen und Umbauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Nachdem die Kirche 1869 vom Besitz des Rates in die Selbstverwaltung der Kirchengemeinde überlassen worden war, fanden rund 30 Jahre lang historisierende Umbauten an der Außenfassade statt. Die neogotische Schaufassade wurde nach Entwürfen von Constantin Lipsius ausgeführt, während gleichzeitig alle gotischen und renaissancezeitlichen Fassadenelemente entfernt wurden.

Der Turm enthielt von alters her die Wohnung des Türmers. Diese war von 1533[2] bis 1917 bewohnt.[3]

Beim Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 entstanden Schäden am gesamten Bauwerk. Beim Angriff wurden auch große Teile der die Kirche einst umgebenden Bebauung zerstört, so dass bei den Wiederherstellungen nach Kriegsende weitere Fassadenumgestaltungen notwendig waren. Hierbei ist vor allem der einheitliche Putz zu nennen, während weite Teile der durch fehlende Anbauten freigewordenen Fassade nur aus unverputztem Backsteinmauerwerk bestanden hatten.

1949 wurden die mutmaßlichen Gebeine Bachs, der hier von 1723 bis zu seinem Tod 1750 Thomaskantor war, aus der zerstörten Johanniskirche überführt.[4]

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dreischiffige Hallenkirche hat eine Gesamtlänge von 76 m. Die Länge des Hauptschiffs beträgt 50 m, die Breite 25 m und die Höhe 18 m. Der Chor ist gegen das Langhaus leicht abgewinkelt. Das Dach hat einen ungewöhnlich steilen Neigungswinkel von 63° und ist damit eines der steilsten Giebeldächer Deutschlands. Im Inneren verfügt es über sieben Ebenen (Firsthöhe 45 m). Die Decke des Langhauses besteht aus einem farblich abgesetzten Netzrippengewölbe.

Innenraum und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bornscher Altar (1721–1887)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Paulineraltar (2010)

Der barocke Portikus-Altar oder Bornsche Altar in der Thomaskirche zu Leipzig war von 1721 bis 1887 dort aufgestellt. Benannt ist er nach dem Mäzen Jacob Born (1638–1709), Präsident des Leipziger Konsistoriums. Die wesentlichen Künstler waren Giovanni Maria Fossati und der Bildhauer Paul Heermann (1673–1732).[5] Den Marmor zum Bau des Altars stiftete August der Starke, und nach dem Neubau der Leipziger Johanniskirche durch Hugo Licht wurde der Altar 1897 im dortigen neobarocken Chorraum aufgestellt.[6] Dort wurde er am 4. Dezember 1943 ein Opfer der Bomben.

Pauliner-Altar (1993–2014)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der gotische Pauliner-Altar aus dem 15. Jahrhundert befand sich ursprünglich in der Universitätskirche St. Pauli. Diese wurde 1968 gesprengt. Der Altar konnte gerettet werden, wurde in der Thomaskirche 1993 als Altarretabel aufgestellt und befand sich dort bis zum 25. Oktober 2014.[7]

Neugotischer Jesus-Altar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jesus-Altar (2014, noch in der Petzoldt-Sakristei)

Der 1888 nach dem theologischen Bildprogramm von Superintendent Oskar Pank unter der Leitung des Architekten Constantin Lipsius entworfene und errichtete Altar war in den 1960er Jahren in die Südsakristei der Kirche umgestellt worden. Nach zweijähriger Restaurierungsphase, im Zuge derer das Retabel restauriert und ein neuer Altartisch aufgestellt wurden, wurde der Jesus-Altar nach 53 Jahren aus der Petzoldt-Sakristei in den Altarraum der Thomaskirche zurückgeführt. Im Gottesdienst am 28. August 2016 wurde er wieder in den Dienst genommen.

Taufstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Taufstein wurde in den Jahren 1614/1615 von Franz Döteber geschaffen. Er ist aus Marmor und Alabaster gefertigt. An ihm sind biblische Szenen dargestellt. 2009 wurde er restauriert.

Epitaphe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Kirche befinden sich zahlreiche Grabplatten und Epitaphe, darunter die spätgotischen Grabplatten des Nickel Pflugk († 1482) und des Ritters Hermann von Harras aus Lichtenwalde († 1451), die unter der Südempore links vom Seiteneingang angebracht ist. Im nördlichen Vierungsraum hängt das Epitaph für den Ratsherrn Daniel Leicher von 1612.

Grabstätte von J. S. Bach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bach-Grab in der Thomaskirche

In der Thomaskirche befinden sich seit 1950 die Gebeine von Johann Sebastian Bach. Nach seinem Tod am 28. Juli 1750 wurde er auf dem Spitalfriedhof der Johanniskirche bestattet. Im Zuge der im 19. Jahrhundert einsetzenden Bach-Renaissance begann sich eine breite Öffentlichkeit, unter anderem 1836 Robert Schumann[4], für die Gebeine und den genauen Ort der Grabstätte Bachs zu interessieren. Daher beauftragte man im Jahre 1894 den Anatomieprofessor Wilhelm His, aus beim Abbruch der Südwand des Kirchenschiffs der Johanniskirche[8] exhumierten Knochen die Gebeine Bachs zu identifizieren. His kam dabei zu dem Urteil, dass „die Annahme, daß die am 22. October 1894 an der Johannis-Kirche in einem eichenen Sarge aufgefundenen Gebeine eines älteren Mannes die Gebeine von Johann Sebastian Bach seien“, in hohem Maße wahrscheinlich sei. Am 16. Juli 1900 wurden die Gebeine in einem Kalksandsteinsarkophag[9] unter der Johanniskirche wiederum beigesetzt.[10]

Im Zuge der Bombardierung Leipzigs am 4. Dezember 1943 wurde die Johanniskirche zerstört. Der Sarkophag mit den mutmaßlichen Gebeinen Bachs blieb unversehrt und wurde vor der am 19. Februar 1949 vorgenommenen Sprengung des Kirchenschiffs[9] geborgen. Nach Diskussionen über Ort und Gestaltung einer neuen Grabstätte und Protesten von Thomaskantor und Bach-Gesellschaft gegen die Pläne der sozialistischen Kulturfunktionäre entschloss man sich 1949, Bach „im Chorraum beizusetzen, wo sich die räumlich größte Höhe der Kirche mit ihrem heiligsten Raum schneidet“. Am 28. Juli 1949[11][4] wurden die Gebeine in die Thomaskirche überführt und zunächst notdürftig in der Nordsakristei aufgebahrt. Dort wurden sie bis zur Schließung des Sargdeckels am 13. August 1949 Tag und Nacht von Gemeindemitgliedern bewacht. Die neue, nach einem Entwurf des Leipziger Architekten Kunz Nierade in den Stufen zum Chorraum gelegene Grabstätte wurde am 28. Juli 1950, dem 200. Todestag Bachs eingeweiht. Im Zuge der von 1961 bis 1964 dauernden Innenrenovierung der Thomaskirche wurde die Grabstätte 1961[2] unter Verwendung der Bronzeplatte von 1950 in den Chorraum verlegt.[10]

Kirchenfenster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Thomaskirche hatte ursprünglich eine einfache Ornamentverglasung. Erst nach 1889 wurden im Chorraum und an der Südseite farbige Fenster eingesetzt. Die fünf Chorfenster schuf Alexander Linnemann aus Frankfurt am Main. Das einzige im Zweiten Weltkrieg zerstörte Chorraumfenster wurde im Jahr 2000 durch das Thomas-Fenster nach einem Entwurf von Hans Gottfried von Stockhausen ersetzt.

Die Fenster auf der Südseite zeigen die folgenden Motive: Gedächtnis-Fenster für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges; König Gustav II. Adolf von Schweden; Johann Sebastian Bach; Martin Luther mit Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen (links) und Philipp Melanchthon (rechts); Felix Mendelssohn Bartholdy (seit 1997); Kaiser Wilhelm I. Im Oktober 2009 wurde diese Reihe ergänzt durch das Friedens-Fenster im Entwurf von David Schnell, das an 20 Jahre friedliche Revolution erinnert.[12]

In der Silvesternacht 2019/2020 schlug ein – inzwischen gefasster – Täter mehrere Fenster der Kirche, darunter das Rosettenfenster über dem Westportal, sowie einige weitere wertvolle vom Ende des 19. Jahrhunderts, mit Pflastersteinen ein.[13]

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte der Orgeln der Thomaskirche lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Jahre 1489 wird eine „Kleine Orgel“ schriftlich erwähnt. 1511 wurde von Blasius Lehmann auf der Westempore eine große Orgel gebaut, die 1601 durch ein dreimanualiges Instrument von Johann Lange (Kamenz) mit 25 Registern ersetzt oder vergrößert wurde. Erweiterungen und Renovierungen folgten 1619 durch Josias Ibach, 1721/1722 durch Johann Scheibe und 1772/1773 durch Johann Gottlieb Mauer. 1639 wurde eine Schwalbennestorgel auf einer neuen Empore über dem Triumphbogen gebaut, die 1740 abgetragen wurde. Bachs Matthäuspassion wurde 1736 „mit beyden orgeln“ aufgeführt.[14] Auf der Hauptorgel spielte Mozart am 12. Mai 1789. Diese Orgel wurde ab 1885 durch ein Instrument von Sauer ersetzt.

Die Thomaskirche verfügt heute über zwei große Orgeln.

Sauer-Orgel (1889)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sauer-Orgel

Auf der großen Westempore, der Chorempore des Thomanerchores, steht die ältere der beiden großen Orgeln. Das romantische Instrument wurde in den Jahren 1885 bis 1889 von dem Orgelbauer Wilhelm Sauer erbaut. Die Orgel hatte zunächst 63 Register auf drei Manualen und Pedal. Im Jahre 1908 wurde die Disposition nach Vorschlägen von Karl Straube auf insgesamt 88 Register erweitert. Die Spiel- und Registertrakturen sind als Zustrom-Pneumatik ausgeführt. Die Stimmung ist gleichstufig und liegt bei a1= 440 Hz. Die Sauer-Orgel gilt als ideal zur Darstellung der Orgelmusik Max Regers. Bis zum Jahre 2005 wurde das Instrument durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert und auf den Originalzustand von 1908 zurückgeführt.

I Hauptwerk C–a3
1. Principal 16′
2. Bordun 16′
3. Principal 08′
4. Geigenprincipal 08′
5. Doppelflöte 08′
6. Flûte harmonique 0 08′
7. Flauto dolce 08′
8. Gemshorn 08′
9. Gedackt 08′
10. Quintatön 08′
11. Viola di Gamba 08′
12. Dulciana 08′
13. Quinte 0513
14. Octave 04′
15. Rohrflöte 04′
16. Gemshorn 04′
17. Violini 04′
18. Octave 02′
19. Rauschquinte II
20. Mixtur III
21. Cornett II–IV
22. Scharf V
23. Groß-Cymbel IV
24. Bombarde 16′
25. Trompete 08′
II Manual C–a3
26. Salicional 16′
27. Gedackt 16′
28. Principal 08′
29. Flûte harmonique 0 08′
30. Konzertflöte 08′
31. Rohrflöte 08′
32. Gedackt 08′
33. Schalmei 08′
34. Salicional 08′
35. Harmonica 08′
36. Dolce 08′
37. Octave 04′
38. Flaute dolce 04′
39. Salicional 04′
40. Quinte 0223
41. Piccolo 02′
42. Cornett III
43. Mixtur IV
44. Cymbel III
45. Tuba 08′
46. Clarinette 08′
III Schwellwerk C–a3
47. Lieblich Gedackt 16′
48. Gamba 16′
49. Principal 08′
50. Spitzflöte 08′
51. Flûte d’amour 08′
52. Gemshorn 08′
53. Gedackt 08′
54. Quintatön 08′
55. Viola 08′
56. Aeoline 08′
57. Voix céleste 08′
58. Praestant 04′
59. Traversflöte 04′
60. Fugara 04′
61. Quinte 0223
62. Flautino 02′
63. Harmonia aetheria III
64. Trompette harmonique 0 08′
65. Oboe 08′
Pedal C–f1
66. Majorbass 32′
67. Untersatz 32′
68. Principal 16′
69. Contrabass 16′
70. Subbass 16′
71. Lieblich Gedackt 0 16′
72. Gemshorn 16′
73. Violon 16′
74. Salicetbass 16′
75. Quintbass 1023
76. Octave 08′
77. Offenbass 08′
78. Bassflöte 08′
79. Gemshorn 08′
80. Cello 08′
81. Dulciana 08′
82. Octave 04′
83. Flauto dolce 04′
84. Contraposaune 32′
85. Posaune 16′
86. Fagott 16′
87. Trompete 08′
88. Clarine 04′
  • Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
  • Spielhilfen: Mezzoforte, Forte, Tutti, Rohrwerke, Piano-, Mezzoforte-, Forte- und Tuttipedal mit Absteller, Handregister ab drei frei einstellbare Kombinationen, Rollschweller mit Absteller

Schuke-Orgel (1967–1999)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da sich Musik aus der Barockzeit auf der romantisch disponierten Sauer-Orgel mit pneumatischer Traktur nur bedingt darbieten lässt, errichtete Alexander Schuke 1967 eine dreimanualige Orgel mit 47 Registern und mechanischer Traktur, die einen asymmetrischen, L-förmigen Grundriss hatte und in der Wandecke am Ostende der Nordempore stand. Ihr Prospekt war zeitgemäß modern, stark gegliedert und einfach gestaltet. Die Schuke-Orgel wich im Mai 1999 dem Neubau von Woehl. 42 ihrer Register, sowie Windladen[15] fanden eine Weiterverwendung in der 2005 geweihten Orgel im Fürstenwalder Dom St. Marien,[15] ebenso die Orgelbank und die Pedalklaviatur.[16]

Woehl-Orgel (2000)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Woehl-Orgel

Im Bachjahr 2000 errichtete der Orgelbauer Gerald Woehl (Marburg) an der Nordwand auf der Nordempore gegenüber dem Bach-Fenster eine weitere Orgel, auch „Bach-Orgel“ genannt. Dieses Instrument dient maßgeblich der Wiedergabe der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs.

Äußerlich nimmt das Instrument Elemente des barocken Prospekts der ehemaligen, von Bach im Jahr 1717 abgenommenen Scheibe-Orgel der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli auf. Woehl passte den Prospekt an die räumlichen Verhältnisse in der Thomaskirche und an die viermanualige Disposition des neuen Instruments an, das durch ein zusätzliches Oberwerk gekrönt wird. Durch das barock gegliederte, sich zur Mitte hin konzentrierende Gehäuse soll der Charakter der Orgel als ein barockes Instrument zum Ausdruck kommen. Demgegenüber sind viele Details, etwa die Rahmenprofile und Gehäuseschwünge, das Bach-Emblem in der Mitte der Orgel, die Bekrönung über dem Spieltisch und die beiden Zimbelsterne modern gestaltet.[17]

Die Woehl-Orgel hat 61 Register (4266 Pfeifen) auf vier Manualwerken und Pedal. Die Spielanlage befindet sich mittig unter dem Brustwerk. Das Instrument orientiert sich klanglich an Orgeln des mitteldeutschen Orgelbaus des 18. Jahrhunderts. Grundlage für die Disposition war der Entwurf von Johann Christoph Bach I für die Stertzing-Orgel der Georgenkirche Eisenach (1697–1707), wobei nicht alle Register ausgeführt wurden.[18] Die Orgel der Thomaskirche verfügt als Effektregister über zwei Zimbelsterne, ein Glockenspiel und zweierlei Arten von „Vogelgeschrei“. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch.

Die Windanlage ist unter den Emporenpodesten untergebracht, getrennt für Manualwerke (links) und Pedalwerk (rechts); sie besteht jeweils aus zwei Keilbälgen, Vorlag und Windmotor. Mittels eines Hebels (Kammerkoppel) besteht die Möglichkeit, das ganze Werk auf zwei verschiedene Tonhöhen umzustellen – einen Halbton höher im Chorton bzw. tiefer im Kammerton. Die Stimmung ist ungleichstufig (nach Neidhardt) und liegt bei a1= 465 Hz (Chorton), was dem üblichen Stimmton von Leipziger Orgeln der Bach-Zeit entspricht, oder a1= 415 Hz (tiefer Kammerton) für das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten. Tonumfang Chorton: Manuale C–f3, Pedal C–f1; Tonumfang Kammerton: Manuale CD–f3, Pedal CD–f1.[19]

I Brustwerk C–f3
1. Grob Gedackt 08′
2. Klein Gedackt 04′
3. Principal 02′
4. Super Gemßhörnlein 0 02′
5. Quint-Sexta II
6. Sieflit 01′
II Hauptwerk C–f3
7. Bordun 16′
8. Principal 08′
9. Violdagamba 08′
10. Rohrflöth 08′
11. Quinta 06′
12. Octav 04′
13. Nassatquint 03′
14. Superoctav 02′
15. Queerflöth 02′
16. Sesquialtera III 0
17. Mixtur VI
18. Cimbel III
19. Fagott 16′
20. Trombetta 08′
III Oberwerk C–f3
21. Quintaden 16′
22. Prinzipal 08′
23. Gedackt 08′
24. Gemßhorn 08′
25. Flauta doux 08′
26. Octav 04′
27. Hohlflöth 04′
28. Hohlquint 03′
29. Superoctav 02′
30. Plickflöth 02′
31. Sesquialtera III 0
32. Scharff IV
33. Vox Humana 08′
34. Hautbois 08′
Tremulant
IV Echo C–f3
35. Barem 16′
36. Still Gedackt 08′
37. Quintaden 08′
38. Principal 08′
39. Nachthorn 04′
40. Spitzflöth 04′
41. Spitzquint 03′
42. Octav 02′
43. Schweitzerflöth 0 02′
44. Rauschquint 0112
45. Superoctävlein 01′
46. Cimbel III
47. Regal 08′
Pedal C–f1
48. Großer Untersatz0 32′
49. Prinzipal 16′
50. Violon 16′
51. Sub Bass 16′
52. Octav 08′
53. Gedackt 08′
54. Quintaden 08′
55. Superoctav 04′
56. Bauerflöth 01′
57. Mixtur VI
58. Posaun Bass 32′
59. Posaun Bass 16′
60. Trombet 08′
61. Cornet 02′
Glockenspiel 02′

Seit 2006 steht eine Truhenorgel für das Continuo-Spiel zur Verfügung, die ebenfalls aus der Werkstatt Gerald Woehl stammt.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ritzzeichnungen auf der Gloriosa von Nikolaus Eisenberg

Im Turm der Thomaskirche hängen vier Kirchenglocken. Die größte Glocke ist die Gloriosa; sie läutet nur an hohen Festtagen. Theodericus Reinhard goss sie im Jahre 1477 mit einem Gewicht von 5.200 kg bei einem Durchmesser von 204 cm. Die Ritzzeichnungen der Glocke mit einer Höhe von 74 cm schuf Nikolaus Eisenberg. Ihr Schlagton ist a0.

Die zweitgrößte Glocke wurde 1574 von Wolf Hilliger gegossen; sie hat den Schlagton c1. Die sog. Mönchs- oder Beichtglocke ist die drittgrößte Glocke; Jakob König hat sie im Jahre 1634 gegossen. Sie dient auch als Stundenglocke und hat den Schlagton d1.

Die vierte Glocke läutet zum Gebet. Sie wurde 1585 von Christophorus Gros gegossen und erklingt auf f2. Die Singfreudigkeit des Geläuts wird durch die Aufhängung an verkröpften Stahljochen stark beeinträchtigt. Separat in der Turmlaterne hängt eine Schlagglocke für die Viertelstunden, die von der Glockengießerei Schilling in Apolda nach dem Vorbild der Vorgängerin von 1539 gegossen wurde.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(16tel)
Anmerkungen
 
1 Gloriosa 1477 Theodericus Reinhard 2.040 5.200 a0 -3
2 1574 Wolf Hilliger 1725 3.100 c1 -5
3 Mönchs- oder Beichtglocke 1634 Jakob König 1342 1.350 d1 -7
4 1585 Christophorus Gros 665 211 f2 -6

Im März 2017 berichtete die Leipziger Volkszeitung vom dringend erforderlichen Vorhaben, die historischen Glocken und ihre Glockenstühle umfassend zu restaurieren.[20] Außerdem soll das Geläut um mindestens 3 Glocken mit den Schlagtönen c2, g2 und a2 ergänzt werden.[21]

Ende Mai 2020 war der erste Bauabschnitt beendet. Der Stahl-Glockenstuhl der unteren Glockenstube, in der die beiden tontiefsten Glocken hängen, wurde durch einen hölzernen Glockenstuhl ersetzt. Die beiden großen Glocken erhielten neue Holz-Joche; sie sind nicht mehr gekröpft gehängt, sondern hängen an geraden Jochen. Außerdem wurden die beiden großen Glocken mit neuen Klöppeln ausgestattet und zudem gereinigt.[22]

Der Turm ist normalerweise für Besucher zugänglich, derzeit aber, voraussichtlich bis 2021, wegen Arbeiten an den Glocken gesperrt.[2]

Bach-Denkmal vor der Kirche

Außenbereich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Seiteneingang der Thomaskirche steht ein Denkmal für Johann Sebastian Bach des Bildhauers Carl Seffner aus dem Jahr 1908. Ein älteres Bach-Denkmal, das mit Unterstützung Felix Mendelssohn Bartholdys 1843 geschaffen wurde, befindet sich in den Grünanlagen vor dem Haupteingang, ebenso ein Denkmal für Mendelssohn. An der Nordwestecke der Kirche ist eine Gedenktafel für Johann Adam Hiller angebracht, die aus einem früheren Denkmal stammt.

Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geistliche (1. Pfarrerstelle)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1546 – Mohr, Georg
  • 1549 – Scherer, Erasmus
  • 1553 – Hala, George
  • 1557 – Menius, Justus
  • 1559 – Salmuth, Heinrich
  • 1565 – Salmuth, Heinrich
  • 1589 – Gundermann, Christoph
  • 1592 – Weinrich, Georg
  • 1617 – Leyser, Polycarp
  • 1633 – Höpner, Johann
  • 1633 – Lange, Christian
  • 1657 – Hülsemann, Johann
  • 1657 – Teller, Abraham
  • 1659 – Geyer, Martin
  • 1667 – Mayer, Johann Ulrich
  • 1679 – Carpzov, Johann Benedikt
  • 1699 – Seeligmann, Gottlob Friedrich
  • 1708 – Horn, Immanuel
  • 1714 – Weiß, Christian d. Ä.
  • 1737 – Schütz, Friedrich Wilhelm
  • 1739 – Sieber, Urban Gottfried
  • 1741 – Gaudlitz, Gottlieb
  • 1745 – Teller, Romanus
  • 1750 – Stemler, Johann Christian
  • 1870 – Günther, August Julius Oskar
  • 1883 – Pank, Johannes Theodor Oskar
  • 1925 – Hilbert, Heinrich Oskar *Gerhard
  • 1936 – Schumann, *Heinrich Eduard
  • 1953 – Stiehl, Herbert Alfred
  • 1954 – Krauspe, Richard *Hans
  • 1958 – Hempel, Johannes
  • 1962 – Tschoerner, Helmut
  • 1964 – Kühn, Ulrich
  • 1964 – Wetzel, Christoph
  • 1969 – Meckert, Michael
  • 1985 – Wartenberg, Christoph[23]

Thomas-Organisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ort der Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Thomaskirche treten regelmäßig der Thomanerchor und das Gewandhausorchester auf: Freitags um 18:00 Uhr, samstags um 15:00 Uhr in der Motette und sonntags im Gottesdienst um 9:30 Uhr. Zu besonderen Anlässen und Festtagen werden Thomaskonzerte vorwiegend mit Werken von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy ausgeführt.

In der Kirche wurden viele Werke Johann Sebastian Bachs uraufgeführt. Nachdem Bachs Werke in Leipzig weitgehend in Vergessenheit geraten waren, begann Mendelssohn damit, sie wieder aufzuführen, und begründete damit die Tradition der Leipziger Bachpflege.

Auch einige Werke anderer Komponisten wurden hier uraufgeführt, beispielsweise die Sinfoniekantate Lobgesang von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Förderverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Thomaskirche – Bach e. V. wurde 1997 auf Initiative von Sup. Johannes Richter gegründet. Seitdem hat er die Ev.-Luth. Kirchgemeinde St. Thomas mit 5,5 Millionen Euro unterstützt. Der Förderverein zählt mittlerweile über 300 Mitglieder weltweit.

Die Ziele des Vereins sind die Förderung der Erhaltung der Thomaskirche, des Thomashauses (Nachfolgegebäude der alten Thomasschule) und die Pflege der Kirchenmusik, insbesondere des Werkes Johann Sebastian Bachs. Dem Engagement des Fördervereins ist es u. a. zu verdanken, dass die Thomaskirche Leipzig anlässlich des 250. Todestages von Johann Sebastian Bach vollständig restauriert werden konnte. Mit den Spenden, die der Verein akquiriert, hilft er, die Thomaskirche als Ort des Glaubens, des Geistes und der Musik zu erhalten und verschiedene Projekte zu finanzieren. Dazu gehören die Sanierung der beiden Orgeln sowie die Rückführung des neugotischen Jesus-Altars an seinen ursprünglichen Platz im Altarraum der Thomaskirche. Im Oktober 2017 initiierte der Thomaskirche – Bach e. V. eine Spendenkampagne zur Restaurierung und Erweiterung des historischen Geläuts der Thomaskirche, die bis Ende 2019 Euro 350.000 einbringen sollte.

Weiterhin wurde der „Thomasshop“ bzw. die Thomaskirche-Bach-2000-Marketing-GmbH gegründet. Die Verkaufserlöse des „Thomasshops“ kommen der Thomaskirche zugute.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cornelius Gurlitt: Thomaskirche. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 17. Heft: Stadt Leipzig (I. Theil). C. C. Meinhold, Dresden 1895, S. 40.
  • Carl Niedner: Das Patrozinium der Augustiner-Chorherren-Stiftskirche St. Thomae zu Leipzig. Untersuchungen zur Frühgeschichte der Bach-Kirche und der Leipziger Altstadt. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1952.
  • Gunter Hempel: Episoden um die Thomaskirche und die Thomaner. Tauchaer Verlag, Taucha 1997, ISBN 3-910074-67-7.
  • Stefan Altner: Thomanerchor und Thomaskirche. Historisches und Gegenwärtiges in Bildern. Tauchaer Verlag, Taucha 1998, ISBN 3-910074-84-7.
  • Martin Petzoldt: St. Thomas zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2000, ISBN 3-374-01842-4.
  • Christian Wolff: Die Thomaskanzel. Orientierung zwischen Zweifel und Gewissheit. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02122-0.
  • Christian Wolff (Hrsg.): St. Thomas Church in Leipzig. A Place of Faith, Spirit and Music. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02190-5.
  • Christian Wolff (Hrsg.): Die Thomaskirche zu Leipzig. Ort des Glaubens, des Geistes, der Musik. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2004, ISBN 3-374-02169-7.
  • Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2005, ISBN 3-374-02300-2.
  • Textheft zur CD "Die neue Bach-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig"
  • Alberto Schwarz: Das Alte Leipzig – Stadtbild und Architektur, Beucha 2018, S. 85 ff., ISBN 978-3-86729-226-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Thomaskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 51° 20′ 21,5″ N, 12° 22′ 21,3″ O

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Textheft zur CD: Die neue Bach-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig. Querstand 2001 (Erläuterungen von Thomasorganist Ullrich Böhme zur Kirche)
  2. a b c d Bauwerk. 20. Dezember 2019, abgerufen am 5. Januar 2020.
  3. Entdecken. In: Website Thomaskirche. Abgerufen am 1. Januar 2020.
  4. a b c Bayerischer Rundfunk: Was heute geschah – 28. Juli 1949: Bachs Gebeine werden in die Thomaskirche überführt | BR-Klassik. 27. Juli 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020.
  5. Martin Petzoldt: Die Altäre der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, ISBN 978-3-374-03061-3, S. 42–51.
  6. Johanniskirche, Leipzig. In: Zeitschrift für Bauwesen. Band 51.
  7. leipzig.de – Der Paulineraltar steht wieder am Augustusplatz (24. Oktober 2014)
  8. Johanniskirche. Abgerufen am 23. Oktober 2020.
  9. a b Bach, Johann Sebastian (1685–1750) – Thomaskantor in Leipzig. Abgerufen am 23. Oktober 2020.
  10. a b Bildtafel „Das Bachgrab in der Thomaskirche“, ausgestellt in der Thomaskirche zu Leipzig. Lokalaugenschein am 9. August 2011.
  11. Johanniskirchturm e.V. Leipzig. Abgerufen am 23. Oktober 2020.
  12. Kirchenführer: Thomaskirche: Ort des Glaubens, des Geistes, der Musik
  13. Thomaskirche in Leipzig: Fensterzerstörer gefasst. Abgerufen am 7. Januar 2020.
  14. Neumann (Hrsg.): Fremdschriftliche und gedruckte Dokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs 1685–1750. 1969, S. 141.
  15. a b St. Marien-Domkantorei: Domorgel (Memento vom 24. Juli 2017 im Internet Archive), abgerufen am 1. April 2015.
  16. Orgelporträt: Die Schuke-Orgel im Dom zu Fürstenwalde. (Sendung in RBB Kultur vom 30. November 2019, am 1. Dezember 2019 unter https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/rbbkultur_am_mittag/archiv/20191130_1204/kultur_aktuell_1310.html nachgehört)
  17. Zum Das Konzept der Bach-Orgel (Memento vom 3. Februar 2015 im Internet Archive) auf orgelbau-woehl.de.
  18. Felix Friedrich, Vitus Froesch: Orgeln in Sachsen – Ein Reiseführer (= 257. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde). Kamprad, Altenburg 2012, ISBN 978-3-930550-89-0, S. 15.
  19. Informationen zur Bach-Orgel
  20. Historisches Leipziger Geläut braucht eine Kur. in: Leipziger Volkszeitung, 15. März 2017.
  21. Vgl. die Geben Sie uns ein g'' ! Informationen auf der Fundraising-Site für das Projekt
  22. Informationen zum ersten Bauabschnitt
  23. https://pfarrerbuch.de/sachsen/stelle/1845, abgerufen am 10. September 2020