Thorwald Proll

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Thorwald Proll (* 22. Juli 1941 in Kassel) ist ein deutscher Schriftsteller und war als Aktivist der Außerparlamentarischen Opposition unter anderem an den Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968 beteiligt.

Zeit bei der APO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1960er Jahren war Proll Kunststudent in Berlin und Sympathisant der Kommune 1. Seit 1967 war er mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin befreundet und an verschiedenen Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition beteiligt, mit dem Ziel „Autoritäten und die Staatsgewalt zu verunsichern“.[1] Mit Baader, Ensslin und Horst Söhnlein legte er am 2. April 1968 Brände in den Kaufhäusern M. Schneider und Kaufhof in Frankfurt am Main, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Alle Täter wurden schnell gefasst. Die vier Angeklagten wurden wegen Brandstiftung zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt[2], nach 14 Monaten jedoch bis zur Entscheidung über eine mögliche Revision auf freien Fuß gesetzt. Der Revision wurde im November 1969 nicht stattgegeben. Proll, Baader und Ensslin setzten sich darauf nach Frankreich ab, Söhnlein trat seine Haft an.

Die Flüchtigen fanden in der Pariser Wohnung von Régis Debray Unterschlupf. Nachdem Thorwald Prolls Schwester, Astrid Proll, zu dem Trio gestoßen war, wandte er sich im Dezember 1969 von der Gruppe ab und verließ Paris in Richtung England. Am 21. November 1970 stellte er sich bei der Staatsanwaltschaft Berlin-Moabit. Im Oktober 1971 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen.

Schriftsteller und Publizist[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Haftentlassung arbeitete Proll unter anderem als Hilfsarbeiter, Kellner, Verkäufer und Lektor. Er blieb linkspolitisch aktiv, hatte aber mit Baader und Ensslin keinen Kontakt mehr.[3] 1972 erschien im Luchterhand Literaturverlag das Typoskript „Sicherheit und (M)ordnung“ mit Gedichten Prolls, die dieser während seiner Haftzeit verfasst hatte.[4]

Thorwald Proll lebt seit 1978 in Hamburg und betreibt dort die Nautilus Buchhandlung. Seit über dreißig Jahren publiziert er Bücher in Verlagen oder handgemachten Klein-Auflagen. Die taz zählt die Gedichtbände „Keine Macht für Niemand" (1975) und „Einmaliges aus der alten Welt“ (1979), die 2001 in Auszügen auch als Hörbuch erschienen, zu seinen besten Produktionen.[5]

2003 erschien sein gemeinsam mit Daniel Dubbe verfasster Interviewband „Wir kamen vom anderen Stern“. Gottfreid Oy schrieb, der Band gebe zwar Einblicke in die „situationistisch motivierte Gedankenwelt von Teilen der studentischen Protestbewegung und ihrem Umgang mit der Gesellschaft des Spektakels“", schreibe jedoch auch Mythen fort und liefere bei der Darstellung Baaders die „Stilisierung eines – wenn auch mit negativen Attributen versehenen – Superstars“.[6]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thorwalds Aesthetische Reise zu den sozialistischen Gesellschaftsinseln in London Paris Rom Strassburg Neapel Nepal Mailand München West-Berlin Köln. Eigenverlag, Köln.
  • mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Horst Söhnlein: Vor einer solchen Justiz verteidigen wir uns nicht. Schlußwort im Kaufhausbrandprozeß. Mit einem Nachwort von Bernward Vesper und einer Erklärung des SDS Berlin. Edition Voltaire, Frankfurt am Main und Berlin 1968. (Reihe: Voltaire Flugschrift 27).
  • sicherheit und (m)ordnung. Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1972, (Reihe: Luchterhand Typoskript).
  • keine nacht für niemand. gedichte. Karin Kramer Verlag, Berlin 1975 ISBN 3-87956-076-5.
  • Den Taten auf der Spur. Gedichte und Prollagen; Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1977 (Reihe: Flugschrift 22) ISBN 3-921523-24-9.
  • Thorwald Proll: Einmaliges aus der Alten Welt. Gedichte und Prollagen. Zweiter Teil. Eigenverlag, Hamburg 1979.
  • mit Ursi Dietz und Sigurd Wendland: Es geht mit rechten Dingen zu… Bilder und Gedichte. Handarbeit im Selbstverlag 1980.
  • Bringt Opi um : Lyrische Konterbande. Verlag Auf Hoher See, 1993, ISBN 3-930272-00-8.
  • Thorwald Proll, Martina Blick (Hrsg.): Die schönste Jugend ist gefangen. Freiheit für Irmgard Möller in Lyrik und Prosa. 1994, ISBN 3-930272-01-6.
  • Mein 68. Aufzeichnungen, Briefe, Interviews. 1999, ISBN 3-930272-03-2.
  • mit Daniel Dubbe: Wir kamen vom anderen Stern. 2003, ISBN 3-89401-420-2.
  • A Million To One. Lyrische Knockouts. Verlag auf hoher See, 2008, ISBN 978-3-930272-06-8
  • Meteor. Neue Gedichte. Verlag auf hoher See, 2011, ISBN 978-3-930272-07-5

Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thorwald Proll, Uli Becker & Frank Witzel: Bananenrepublik (LP). Nautilus Phonographie 1978
  • Matchbox – Thorwald Proll spricht 22 Gedichte in Neufassung aus seinen Gedichtsbänden „Einmaliges aus der alten Welt“ (1979), „Bringt Opi um“ (1993) und 10 neue Gedichte (Hörbuch). Verlag auf hoher See, 2001

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sara Hakemi: Anschlag und Spektakel: Flugblätter der Kommune I, Erklärungen von Ensslin/Baader und der frühen RAF. Posth Verlag, 2008, S. 106–108
  2. Die Frankfurter Brandstifter. DIE ZEIT 1968 Nr.45
  3. Stephanie Wurster: Wir kamen vom anderen Stern. fluter, 4. Januar 2004
  4. Lyrik-Neuheiten. Spiegel 28/1972, S. 102
  5. Hier spricht der letzte Dadaist. taz, 21. Juli 2001
  6. Gottfried Oy: Andreas Baader Superstar. Frankfurter Rundschau, 27. Oktober 2003.