Thrombozytopenie

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Thrombozytopenie (kurz Thrombopenie; von altgriechisch θρόμβος thrómbos ‚Klumpen‘, κύτος kýtos ‚Höhlung‘, ‚Gefäß‘, ‚Hülle‘, und πενία penía ‚Mangel‘) bezeichnet einen Mangel an Thrombozyten (Blutplättchen) im Blut. Der Mensch verfügt normalerweise über ca. 150.000–450.000 Thrombozyten pro µl Blut [andere Angabe: 140 bis 400 pro nl]. Wird dieser Wert unterschritten, spricht man von einer Thrombozytopenie. Eine Thrombozytopenie kann durch verminderte Bildung, gestörte Verteilung oder vermehrten Abbau auftreten. Das Gegenteil der Thrombozytopenie ist die Thrombozytose.[1]

Klinisch ist eine Thrombozytopenie bei Werten unter 80.000/µl relevant, da erst ab diesem Niveau mit erhöhter Blutungsneigung zu rechnen ist, solange keine Funktionsstörungen der Thrombozyten (Thrombozytopathien) vorhanden sind. Bei Werten unter 50.000/µl ist mit Spontanblutungen wie Nasenbluten, Hämatomen, Petechien der Haut und Schleimhäute, Hirnblutungen und Magen-Darm-Blutungen zu rechnen. Bei Bildungsstörungen müssen ab 10.000/µl Thrombozyten-Konzentrate verabreicht werden.[1] Die Partielle Thromboplastinzeit (PTT) wird von einer Thrombozytopenie nicht beeinflusst, da für diese Laboruntersuchung das u. a. von den Thrombozyten stammende Phospholipid (veraltet Plättchenfaktor 3) hinzugegeben wird.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mögliche auslösende Faktoren für eine Thrombozytopenie sind:[2]

Differentialdiagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abzugrenzen von einer echten Thrombozytopenie ist die Pseudothrombozytopenie, bei der durch das verwendete Antikoagulanz (üblicherweise EDTA) die Thrombozytenzahl in-vitro durch Aggregatbildung abfällt und im Blutbild daher die Thrombozytenzahl falsch niedrig gemessen wird. Abgeklärt wird ein entsprechender Verdacht durch eine parallele Messung mit einem alternativen Antikoagulanz (z. B. Citrat oder Magnesiumsulfat).[1][7][8]

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Thrombozytopenie stellt einen Notfall dar. Unmittelbar nach Diagnosestellung muss eine Therapie erfolgen:

  • Suche nach einer therapierbaren Grunderkrankung (Infekte!),
  • Absetzen von Medikamenten, die als Auslöser in Frage kommen.
  • Der Plasmaaustausch ist die effektivste Therapieform.

Nutzen und Stellenwert zusätzlicher Medikamente wie Glukokortikoide, Rituximab, Vincristin, Immunsuppressiva, ASS und / oder Prostaglandinpräparaten sind unklar.

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bei seinem Meeting im April 2019 Avatrombopag für die Behandlung schwerer Thrombozytopenien zur Zulassung empfohlen (Handelsname: Doptelet, Hersteller Dova Pharmaceuticals).[9] In der Regel folgt die Europäische Kommission einer solchen Empfehlung und erteilt die Zulassung. In den USA ist das Präparat bereits seit Mai 2018 zugelassen.[10]

Eine Behandlungsmöglichkeit der Immunthrombozytopenie (ITP) besteht in der Gabe von nicht-strukturanalogen Thrombopoietinpräparaten (z. B. Eltrombopag von Novartis und Romiplostim von Amgen), so genannten Thrombopoietinanaloga.[11]

Thrombosen in Kombination mit einer zusätzlich auftretenden Vakzin-induzierten Thrombozytopenie (VITT) stellen eine sehr seltene Nebenwirkung der Vektorimpfstoffe gegen SARS-CoV-2 (Ad26.COV2.S und AZD1222) dar. Dies kann gezielt mit einem Antikoagulans, etwa Bivalirudin, behandelt werden.[12][13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Wolfgang Gerok: Die Innere Medizin. Schattauer, 2007, ISBN 978-3-7945-2222-4, S. 93.
  2. Wolfgang Gerok: Die Innere Medizin. Schattauer, 2007, ISBN 978-3-7945-2222-4, S. 94 ff.
  3. Jessica A. Reese, Jennifer D. Peck, David R. Deschamps, Jennifer J. McIntosh, Eric J. Knudtson, Deirdra R. Terrell, Sara K. Vesely, James N. George: Platelet Counts during Pregnancy, in: The New England Journal of Medicine 2018, Band 379, Ausgabe 1 vom 5. Juli 2018, Seiten 32–43, DOI: 10.1056/NEJMoa1802897
  4. HCI Solutions AG: Brufen ® - compendium.ch. Abgerufen am 2. Juli 2018.
  5. 2002 British Journal of Hematology, 118, S. 584–588.
  6. R. Stasi: Effects of eradication of Helicobacter pylori infection in patients with immune thrombocytopenic purpura: a systematic review., in: Blood, 5. Februar 2009; 113(6):1231–1240. Epub 2008 Oct 22.
  7. B. Huss, V. Kretschmer, M. Schnabel, R. Weinel, B. Ulshöfer: Pseudothrombozytopenie: Fallberichte und Literaturübersicht. In: Transfusion Medicine and Hemotherapy. Band 22, Nr. 5, 1995, ISSN 1660-3796, S. 303–309, doi:10.1159/000223147 (karger.com [abgerufen am 2. Januar 2021]).
  8. S-Monovette®2.7ml ThromboExact - Sarstedt. Abgerufen am 2. Januar 2021.
  9. Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) 23-26 April 2019, PM EMA vom 26. April 2019, abgerufen am 5. Mai 2019
  10. Dova Pharmaceuticals Announces U.S. FDA Approval of DOPTELET® (avatrombopag), PM Dova vom 21. Mai 2018, abgerufen am 5. Mai 2019
  11. D. J. Kuter et al.: Efficacy of romiplostim in patients with chronic immune thrombocytopenic purpura: A double-blind randomised controlled trial., in: The Lancet, 2. Februar 2008; 371:395.
  12. Produktinformation Vaxzevria. European Medicines Agency, abgerufen am 19. Mai 2021.
  13. Elsevier: Early Outcomes of Bivalirudin Therapy for Thrombotic Thrombocytopenia and Cerebral Venous Sinus. Abgerufen am 14. Mai 2021.