Tibor Foco

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Tibor Foco (* 18. April 1956 in Linz) ist ein ehemaliger Zuhälter, der im Verdacht steht, am 13. März 1986 die Prostituierte Elfriede Hochgatterer ermordet zu haben. Er wurde am 31. März 1987 rechtskräftig zu lebenslanger Haft, ein mutmaßlicher Komplize zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Der Mord[Bearbeiten]

Elfriede Hochgatterer wurde in der Nacht vom 13. März 1986 in Linz schwer misshandelt und dann neben den Gleisen der Westbahn durch einen Schuss aus einem Revolver ins Gesicht getötet. Ihre Leiche wurde am nächsten Morgen gefunden. Die Tote war im Bereich des Unterleibes entkleidet. 200 Meter vom Fundort der Leiche entfernt hatte Hochgatterer gearbeitet, daneben befand sich auch das Rotlichtlokal "Bunny", das Tibor Foco gehörte. In diesem Bereich wurden Blutspuren gefunden.

Die Ermittlungen[Bearbeiten]

Tibor Foco wurde am nächsten Tag unter dem Verdacht verhaftet, den Mord an der "Konkurrentin" begangen zu haben. Er bestritt jedoch immer die Tat und erhielt zuerst auch von seiner Exfrau ein Alibi. Dieses widerrief sie später. Die damalige Geliebte Focos Regina Ungar, die für ihn auch als Prostituierte arbeitete, bestritt ebenfalls zuerst die Tat, erklärte aber nach verschiedenen anderen Versionen schließlich, dass sie von Foco zum Schuss auf Hochgatterer gezwungen worden war. Nach einem Monat nannte sie mit dem Lederwarenhändler Hans Peter Löffler plötzlich einen angeblichen Mittäter, der daraufhin auch verhaftet wurde.

Der Prozess[Bearbeiten]

Der Prozess gegen Foco, Ungar und Löffler begann am 23. Februar 1987 im Linzer Landesgericht. Am 31. März 1987 wurde Foco zu lebenslanger Haft, der angebliche Komplize zu 18 Jahren verurteilt. Ungar trat als Kronzeugin auf und wurde wegen „entschuldigenden Notstandes“ freigesprochen.[1]

Löffler erreicht 1992 die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Er wurde im August 1996 freigesprochen. Die Hauptbelastungszeugin Ungar hatte 1993 ihre Aussage mit der Begründung widerrufen, sie sei von der Linzer Polizei mit Mißhandlungen zu der belastenden Aussage genötigt worden. 1997 wurde auch das Strafverfahren gegen Foco wiederaufgenommen. Das Verfahren ist anhängig, da Foco im April 1995 aus der Haft fliehen konnte und seitdem untergetaucht ist.[2] Bei der Aufhebung des Urteils gegen Foco berief sich das Oberlandesgericht auf den rechtskräftigen Freispruch Löfflers. Zudem seien entlastende Tatsachen ignoriert worden. So stammten weder Blut noch Sperma an der Leiche des Opfers von Foco, auch sichergestellte Haare konnten ihm gutachterlich nicht zugeordnet werden und unmittelbar nach der Festnahme waren an Focos Händen keinerlei Schmauchspuren feststellbar gewesen.[3]

Flucht[Bearbeiten]

Dem in Haft befindlichen Foco wurde ein Studium im Institut für Rechtswissenschaft an der Linzer Universität bewilligt, das er in Folge dessen mehrfach besuchte. Am 27. April 1995 um 08.25 Uhr traf Foco mit zwei Justizwachebeamten an der Universität Linz ein. Foco konnte sich später von seinen Bewachern entfernen. Aus einer Toilette im 3. Stock des Juridikums holte er einen von einer Fluchthelferin zuvor dort versteckten Garagenschlüssel und Tränengasspray. Nach weiteren 7 Minuten und 30 Sekunden erreichte der fliehende Foco eine angemietete Garage und fuhr mit dem dort bereitgestellten schwarzen Motorrad der Marke Kawasaki ZX 750 F „Ninja“, Fahrgestellnummer ZX750F017290 über den Marienberg zur Leonfeldner Bundesstraße davon. Das Motorrad konnte bis heute nicht gefunden werden. Die Flucht war offenbar über Jahre geplant worden. So wurden bereits ab 1993 Mobiltelefone von Helfern angekauft und zu Foco in die Haftanstalt geschmuggelt, um ihm Kommunikation nach außen zu ermöglichen. Das Fluchtmotorrad wurde angekauft und bereitgestellt, die Garage in Linzer Universitätsnähe angemietet und mit einem schwarzen Tankrucksack mit Kleidung, Proviant, Kosmetika und Schlafsack ausgestattet. Die Wartung des Motorrades wurde durch einen Mechaniker aus Focos ehemaligem Motorradrennstall durchgeführt.[4]

Ungereimtheiten im Fall[Bearbeiten]

  • Die Linzer Polizei soll zahlreiche Ermittlungsfehler begangen haben und Zeugen gelenkt bzw. laut Ungar gefoltert haben.
  • Einer der ermittelnden Kriminalbeamten ist inzwischen mit der Ex-Ehefrau Focos verheiratet, die das erste Alibi zurückgezogen hatte.
  • Bei einer Sachverständigen wurde eingebrochen und Beweismaterial gestohlen, eine Anzeige erfolgte erst nach 5 Jahren.
  • Die in den USA in Florida lebende Kronzeugin Regina Ungar widerrief am 5. März 1993 ihr damaliges Geständnis.
  • Schließlich intervenierten auch die damaligen Geschworenen für die Wiederaufnahme.

Nach der Flucht[Bearbeiten]

1996 wurde der vermeintliche Komplize Hans Peter Löffler in einem dreitägigen Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen und erhielt eine Haftentschädigung von 235.949,93 Euro plus Zinsen.[5] In einem Urteil wurde Foco im Frühjahr 1997 freies Geleit bis zum 1. Oktober 1997 gewährt. Eine Kaution von ATS 100.000 wurde hinterlegt. Tibor Foco kehrte nicht zurück und ließ die Kaution verfallen. Im April 2000 wurde vom Landesgericht Linz neuerlich Anklage wegen Verdacht des Mordes eingebracht und ein internationaler Haftbefehl ausgestellt. Im Februar 2005 wurde abermals ein sicheres Geleit im Falle einer freiwilligen Rückkehr von Tibor Foco zugesichert.[6]

Der Leiter des Linzer Institut für Rechtswissenschaft, Dr. Wegscheider, vertritt heute den flüchtigen Foco als rechtsfreundlicher Anwalt.[4]

Der Aufenthaltsort Focos ist trotz verschiedener Gerüchte weiterhin unbekannt. Die Interessen Focos werden durch dessen Eltern wahrgenommen, die mehrfach in den Medien auftraten und die komplette Einstellung des Verfahrens verlangen.

In der veröffentlichten Meinung gilt Foco heutzutage zumeist als unschuldiges Opfer von Polizei- und Justizwillkür. So wird dies auch im Fernsehfilm „Die Geschworene“ (mit Christiane Hörbiger in der Titelrolle) dargestellt, der den Fall künstlerisch frei behandelt.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vor 25 Jahren: Fall Foco - Die Hinrichtung der Elfriede Hochgatter, OÖ Nachrichten am 12. März 2011
  2. Parlamentarische Anfrage 5747/J XX.GP
  3. Patrick Burow: Das Lexikon der Justizirrtümer. Bastei Lübbe, 2013, S. 52
  4. a b Tibor Foco. Chronologie der Flucht. Fahndungsunterlagen des österreichischen Bundesministeriums des Inneren
  5. Haftentschädigung im Fall Foco, Gericht und Gefangen, Marcus J. Oswald, 2008
  6. Tibor Foco. Sachverhalt. Fahndungsunterlagen des österreichischen Bundesministeriums des Inneren